AT: Inkontinenz: Darüber reden statt darunter leiden!

Weltweite Aktionswoche bietet Rat für Blase & Darm

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Wien, 12. Juni 2019 – Inkontinenz ist eine der häufigsten Volkskrankheiten. Doch nur wenige Menschen mit Blasen- oder Darmschwäche suchen ärztliche Hilfe – vielfach wissen sie aber auch gar nicht, dass es sie gibt. Deshalb wird die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) anlässlich der „Welt-Kontinenz-Woche“ vom 17.-23. Juni 2019 Betroffene informieren und ihnen konkrete Unterstützung anbieten. So wurden Videos produziert und ein YouTube-Kanal eröffnet, Informationen für die muslimische Bevölkerungsgruppe erstellt und Info-Tage organisiert. Details unter www.kontinenzgesellschaft.at/wcw

Etwa 15 Prozent der Österreicher leiden unter einer Form von Inkontinenz. Das sind mindestens eine Million Menschen in Österreich oder anders gesagt: Rund jede/r Sechste hat in Österreich ein Problem mit seiner Blase oder seinem Darm. Diese Häufigkeit wird von kaum einer anderen Krankheit erreicht. Dennoch ist Inkontinenz eine Volkskrankheit, von der kaum jemand spricht. „Die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft, die auch zentrale Anlaufstelle für Menschen ist, die Rat für ihre Blase oder ihren Darm suchen“, sagt MKÖ-Präsidentin und Fachärztin für Chirurgie mit Spezialgebiet Proktologie OÄ Dr. Michaela Lechner. Im Rahmen der „Welt-Kontinenz-Woche“ werden die Informations- und Beratungsangebote der MKÖ verstärkt. So werden beispielsweise Info-Tage in den Bundesländern Wien, Tirol und Vorarlberg veranstaltet, bei denen Experten Vorträge halten und Beratung anbieten. Weiters wird ein kostenloses Info-Paket verschickt und es wurden Informationen für muslimische Patienten entwickelt.

Inkontinenz-Therapie braucht auch kultursensible Betreuung

In Österreich leben immer mehr Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund. „Sprachbarrieren sowie religiöse oder kulturelle Gepflogenheiten können Einfluss auf die erfolgreiche Behandlung und Versorgung haben. Dies betrifft insbesondere Erkrankungen des Intimbereichs – wie etwa die Inkontinenz“, erklärt der Urologe Dr. Kadir Tosun, der stellvertretender Referent des „Referat für Interkulturelle Zusammenarbeit und Integration“ der Ärztekammer für Wien ist. Viele Betroffene sind unsicher, da sie zum Beispiel für die Ausübung ihrer Religion „rein“ sein müssen und ihr Schamgefühl besonders ausgeprägt ist. Dazu kommen sprachliche Einschränkungen. Tosun: „Diese Patienten brauchen gezielte Informationen sowie ihren Lebensgewohnheiten angepasste Hilfs- und Lösungsmöglichkeiten.“ Daher hat die MKÖ in Abstimmung mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) einen Patienten-Folder erarbeitet, der ein ganz klares Statement enthält, unter welchen Voraussetzungen Muslime trotz Inkontinenz ihre religiösen Pflichten ausüben dürfen. Der Folder wurde in die Sprachen Türkisch und Arabisch übersetzt.

Für medizinisches Fachpersonal wiederum ist es wichtig, Kenntnisse über die spezifischen Bedürfnisse dieser Patienten zu haben, um sie optimal versorgen zu können. Für Ärzte und Pflegefachkräfte hat die MKÖ – ebenfalls in Abstimmung mit der IGGÖ – einen Überblick über die wichtigsten Aspekte im Umgang mit muslimischen Menschen mit Harn- und/oder Stuhlinkontinenz erstellt. Das Merkblatt umfasst Themen wie die Kommunikation, Ausübung religiöser Pflichten, Intimsphäre und Scham etc. „Auch Pflegefachkräfte stoßen manchmal an ihre Grenzen, wenn sie Patienten aus anderen Kulturkreisen versorgen“, berichtet Kontinenz- und Stomaberaterin Karin Müller, DGKP aus ihrer täglichen Praxis. „Oft sind aber auch die Rahmenbedingungen in einem Krankenhaus nicht optimal. So ist etwa in einem Mehrbettzimmer die Wahrung der Intimsphäre im Rahmen von Pflegehandlungen schwierig. Maßnahmen wie Türe schließen und gleichgeschlechtliche Pflegepersonen sind jedoch fast immer machbar.“

Neue Info-Videos im neuen YouTube-Kanal

Viele Betroffene suchen ersten Rat bevorzugt anonym und in geschützter Atmosphäre. „Videos entsprechen diesem Informationsbedürfnis“, sagt Lechner. In den neuen Videos der MKÖ werden Themen wie Stuhl- und Harninkontinenz sowie das Training für den Beckenboden verständlich von Experten erklärt und mit dem entsprechenden Einfühlungsvermögen angesprochen. Die MKÖ startet damit auch einen eigenen YouTube-Kanal, der laufend mit weiteren Beiträgen gefüllt wird: Experten-Statements zu den unterschiedlichsten Fragen rund um Blasen- und Darmschwäche, richtiges Trainieren und Entlasten des Beckenbodens, Fachvorträge etc. werden auf YouTube zu sehen sein (vorerst am besten erreichbar über www.kontinenzgesellschaft.at).

Im Beitrag über Stuhl-Inkontinenz, den ungewollten Verlust von Darminhalt am falschen Ort zur falschen Zeit, geht es Aufklärung über die Häufigkeit, Ursachen und die vielfältigen Behandlungsoptionen. „Mehr als zwei Drittel der Fälle können ohne chirurgischen Eingriff geheilt werden. Durch Beckenbodentraining unter Anleitung spezialisierter Physiotherapeuten, medikamentöse Strategien, wie Stuhl eindickende Mittel, gefolgt von Maßnahmen zur gezielten Enddarm-Entleerung oder eine Ernährungsumstellung kann die Behandlung je nach Ursache ganz individuell gestaltet werden“, informiert Lechner.

Die unterschiedlichen Formen und Behandlungsmöglichkeiten bei weiblicher und männlicher Harn-Inkontinenz werden in zwei weiteren Infovideos beschrieben. Sie sollen Betroffenen Mut machen, den Arzt um Hilfe zu bitten. „Frauen sind deutlich öfter von unwillkürlichem Harnverlust betroffen, doch auch Männer können ein Problem mit ihrer Kontinenz haben“, sagt OA Dr. Michael Rutkowski, Urologe und Vizepräsident der MKÖ. Die Ausprägungen einer Harn-Inkontinenz sind vielfältig: „Manche verlieren Urin beim Husten, Lachen oder Stiegen steigen, manche müssen ständig zur Toilette – auch nachts, was zusätzlich belastet. Effektive Behandlung ist für jede Form der Harn-Inkontinenz möglich. Auch dauerhafte Heilung kann durchaus erreicht werden.“ Dazu stehen für die Betreuung von Menschen mit Inkontinenz eine Reihe wertvoller Hilfsmittel zur Verfügung. „Aufsaugende Einlagen oder ableitende Hilfsmittel helfen Betroffenen wieder ein weitgehend normales Leben führen zu können“, weiß Kontinenz- und Stomaberaterin Müller.

Inkontinenz bringt einen nicht um, aber sie nimmt das Leben – eine sehr treffende Aussage einer amerikanischen Frauenärztin. Deshalb der Appell der MKÖ: Darüber reden statt darunter leiden!

Eine Übersicht über die Aktivitäten der MKÖ im Rahmen der Welt-Kontinenz-Woche 2019 finden Sie auf der Website der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich unter www.kontinenzgesellschaft.at/wcw

Markus Golla
Über Markus Golla 4529 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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