AT: Humanitäre Hilfe in der Ukraine: Wettlauf gegen die Zeit

Ärzte ohne Grenzen geht von einem Wettlauf gegen die Zeit aus, um die richtigen medizinischen Hilfsgüter an die richtigen Orte zu bringen, bevor die Hilfe die militärisch eingeschlossenen Städte nicht mehr erreichen kann.
„Da die Krankenhäuser im Osten mit der steigenden Zahl von Kriegstraumapatient:innen überfordert sind, geht ihnen langsam das medizinische Material aus“, sagt Anja Wolz, Notfallkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine. „Und wir wissen nicht, wie lange es dauern wird, bis Kiew von der Versorgung abgeschnitten sein wird.“

„Zerstörung, Bombardierung aus der Luft, schwerer Artilleriebeschuss, Panzergefechte, eingekesselte Städte, der Beginn eines Kriegs im Stadtgebiet, Menschen, die in Bunkern und Kellern Zuflucht suchen, denen Nahrung, Wasser und Strom ausgehen – das passiert gerade – und es wird immer schlimmer“, so Wolz weiter. „Die Brutalität, die Intensität und die Geschwindigkeit dieses Krieges sind mit nichts zu vergleichen, was wir seit langem gesehen haben. Und die humanitäre medizinische Hilfe muss in großem Umfang und schnell erfolgen.“

Am Samstag, den 5. März, wurden die ersten drei Lastwagen mit medizinischen Hilfsgütern von Ärzte ohne Grenzen – 120 m3 – in die Ukraine geliefert. Ein Drittel davon, vor allem chirurgisches Material und Medikamente, wurde sofort mit dem Zug nach Kiew weitergeschickt. Die Hilfsgüter wurden vom Gesundheitsministerium in Kiew entgegengenommen und an die Krankenhäuser verteilt, die Kriegsverletzte behandeln – in der Hauptstadt und in den weiter östlich gelegenen Kriegsgebieten.

In den vergangenen Tagen sind weitere medizinische Hilfsgüter im Lager von Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine eingetroffen, weitere Lieferungen werden in den kommenden Tagen und Wochen noch folgen.

Ärzte ohne Grenzen hat sich bisher vor allem auf chirurgisches, traumatologisches, notfallmedizinisches und intensivmedizinisches Material und Medikamente konzentriert. Doch allmählich zeichnet sich ein breiterer Bedarf an anderen wichtigen medizinischen Gütern ab: Insulin für Diabetespatient:innen und Medikamente für Patient:innen mit anderen chronischen Krankheiten wie Asthma, Bluthochdruck oder HIV. Einige dieser Medikamente müssen mit der zusätzlichen Komplexität einer Kühlkette transportiert werden.

Es ist eine Herausforderung, die Hilfsgüter dorthin zu bringen, wo sie in der Ukraine benötigt werden. Die Züge fahren größtenteils noch, was aufgrund des Volumens, das sie transportieren können, eine gute Option ist. Aber die Teams von Ärzte ohne Grenzen suchen nach weiteren Möglichkeiten, medizinische Hilfsgüter sicher durch das Land zu transportieren. „Wir befürchten, dass es immer schwieriger wird, medizinische Hilfsgüter und medizinisches Personal dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden, und deshalb ist es dringend notwendig, jetzt schnell zu handeln“, sagt Wolz.

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben außerdem damit begonnen, Krankenhäuser in Lemberg und Odessa zu schulen, damit diese die große Zahl der gleichzeitig eintreffenden Verwundeten bewältigen und Kriegsverletzungen behandeln können.

Neben der medizinischen Versorgung müssen auch die Menschen, die aus ihren Häusern geflohen sind, vor den bitterkalten Temperaturen – bis zu minus sieben Grad Celsius – geschützt werden. Hunderttausende von Menschen sind nach Lemberg geflohen oder machen sich auf den Weg zur ungarischen, polnischen oder slowakischen Grenze. Solche Temperaturen können tödlich sein. Ärzte ohne Grenzen stellt 160 m3 Material zur Verfügung: mehr als 2.000 Schlafsäcke, mehr als 3.500 Fleece-Wärmedecken, Tausende Sets Thermo-Unterwäsche, Fleece-Pullover, Mützen, Regenjacken und andere Kleidungsstücke, mehr als 500 Zelte sowie Hygieneartikel wie Zahnpasta, Zahnbürsten, Seife und Handtücher. Diese werden an lokale zivilgesellschaftliche Organisationen weitergegeben, die sie an die Menschen verteilen werden, die nach Lemberg geflohen sind oder an den ukrainischen Grenzen Schlange stehen.

Das erste chirurgische Team von Ärzte ohne Grenzen ist in Lemberg eingetroffen. „Die Entscheidung, in Gebiete zu gehen, die näher bei den Kampfhandlungen sind, um dort direkte medizinische Hilfe zu leisten, können wir nicht leichtfertig treffen“, sagt Wolz. „Wir wägen mehrere Standorte und Optionen ab und werden in den kommenden Tagen entsprechende Entscheidungen treffen.“

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)