AT: Hirntumore: Cannabidiol (CBD) wirkt schmerzlindernd und hemmt möglicherweise das Tumorwachstum

26. Januar 2020 | News Österreich | 0 Kommentare

Dem Cannabinoid Cannabidiol (CBD) wird eine Vielzahl von medizinischen Wirkungen zugeschrieben. Neue Studien und Fallbeispiele zeigen, dass CBD den Schmerz bei Glioblastomen, der häufigsten bösartigen Hirntumor-Art bei Erwachsenen, lindert, die Lebensqualität verbessert und möglicherweise das Tumorwachstum hemmt.

Wien, 23. Jänner 2020 – Das körpereigene Endocannabinoid-System hat vielfältige Regulationsaufgaben im Organismus. Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC) docken im gesamten Köper an Cannabinoid-Rezeptoren an und zeigen ein großes Wirkungsspektrum. Im Unterschied zu THC ist CBD nicht psychoaktiv und erweist sich Studien zufolge als Add-on-Therapie in der Schmerzmedizin als nützlich. „Hochdosiertes CBD kann in Kombination mit Opioiden und anderen Schmerzmedikamenten auch bei sonst therapieresistenten Schmerzsymptomen eingesetzt werden“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar (Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt und LKH Wolfsberg; Lehrstuhl für Palliativmedizin an der Sigmund Freud Universität) anlässlich der 19. Schmerzwochen der ÖSG.

Der Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft verweist besonders auf die Wirksamkeit der Substanz bei der Behandlung von Patienten mit Grad IV Glioblastom Multiform, einer Hirntumorerkrankung mit einer durchschnittlichen Überlebenszeit von 14 bis 16 Monaten. Die wesentlichen Behandlungsmaßnahmen bestehen darin, den Hirntumor, sofern das durch seine Lage möglich ist, chirurgisch zu entfernen und eine unterstützende Radiochemotherapie durchzuführen.

CBD scheint Tumorwachstum zu bremsen

In einer 2019 publizierten Fallserie behandelte Prof. Likar die Glioblastom-Patienten zusätzlich mit einer täglichen Dosis von 400 mg CBD. „In der Folge gingen die Schmerzen zurück. Die depressive Verstimmung und die Schlafqualität der Patienten besserten sich eindeutig und auch ihre chronische Erschöpfung ließ nach“, berichtet er. Die Daten der Fallserie lassen aber auch darauf schließen, dass sich CBD nicht nur die Lebensqualität der Glioblastom-Patienten positiv auswirkt, sondern auch ihre Überlebenszeit verlängert. „Von den neun Patienten unserer Fallserie waren zur Zeit der Veröffentlichung bis auf einen alle noch am Leben mit einer durchschnittlichen Überlebenszeit von 22,3 Monaten. Das ist länger, als man erwarten durfte“, erklärte Prof. Likar. Als Grund dafür wird eine Tumor-hemmende Wirkung von CBD vermutet. Auch eine steigende Zahl von Daten aus in vitro und in vivo Forschungen der letzten Jahre weist auf die potenzielle Rolle von CBD als Tumor-hemmenden Wirkstoff hin. „Die zusätzliche Gabe von CBD könnte eine Option für zukünftige Glioblastom-Behandlungen sein, zumal sie auch in der Regel gut verträglich ist“, so Prof. Likar.

CBD – ein Wirkstoff mit vielen Einsatzmöglichkeiten

CBD ist ein Wirkstoff mit großem Potenzial: Studien zufolge könnte er zu einer neuen Behandlungsoption bei psychotischen Symptomen und Angstzuständen werden oder bei Suchterkrankungen eingesetzt werden. Mögliche weitere Einsatzgebiete von CBD sind unter anderem Morbus Parkinson, die Graft-versus-Host-Reaktion bei Transplantationen oder Hauterkrankungen mit starkem Juckreiz. Das bislang einzige in der EU zugelassene CBD-Fertigarzneimittel Epidiolex wird bei seltenen und schweren Formen der kindlichen Epilepsie verwendet.

Experten fordern Aufnahme von CBD ins Arzneibuch

Die medizinischen Anwendungen von hochreinem und synthetisch hergestelltem CBD müssen allerdings klar vom Gebrauch von frei erhältlichen CBD-Extrakten unterschieden werden. In zahlreichen europäischen Ländern sind CBD-Extrakte frei erhältlich, die unter anderem als Öle, Tees oder in Nahrungsmitteln verkauft werden. Ihre Verwendung zur Selbstmedikation ist jedoch bedenklich, warnt Prof. Likar: „Oft ist unklar, wie viel CBD die Produkte enthalten. Zudem können sie verunreinigt sein und enthalten immer auch einen gewissen Anteil an THC.“ In Österreich gilt CBD neuerdings als „Novel Food“ und darf ohne Aufnahme in die entsprechende EU-Liste grundsätzlich nicht in den Handel gebracht werden. Das habe jedoch nicht wesentlich zur Klärung der Lage beigetragen, kritisiert Prof. Likar. „Im Sinne des Konsumentenschutzes wäre es dringend notwendig, dass CBD in das österreichische Arzneibuch aufgenommen und der einfachen Rezeptpflicht unterworfen wird“, so der Experte. Nur dann sei eine ausreichende Qualitätskontrolle möglich.

Quellen:

Häuser W, Finn DP, Kalso E, Krcevski-Skvarc N, Kress HG, Morlion B, Perrot S, Schäfer M, Wells C, Brill S. European Pain Federation (EFIC) position paper on appropriate use of cannabis-based medicines and medical cannabis for chronic pain management.Eur J Pain. 2018 Oct;22(9):1547-1564

European Health Forum Gastein 2019:Workshop Session L2 -Thursday, October 3, 12:00-13:30: Medical use of cannabis and cannabinoids

McGuire et al. Cannabidiol (CBD) as an Adjunctive Therapy in Schizophrenia: A Multicenter Randomized Controlled Trial. Am J Psychiatry 2018;175(3)

Likar R, Koestenberger M, Stultschnig M, Nahler G:. Concomitant Treatment of Malignant Brain Tumors With CBD – A Case Series and Review of the Literature. Anticancer Research 2019,Oct;39(10):5797-5801

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)