AT: Hilfswerk Österreich kritisiert praxisferne Vorschläge in der Pflegedebatte

Einzelmaßnahmen wie Norbert Hofers Verstaatlichung der 24-Stunden-Betreuung bringen keinerlei Vorteile für Betroffene.

(C) Hilfswerk

„Wir freuen uns, dass das wichtige Thema der Pflege wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt ist“, meint Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerk Österreich. „Aber manche Vorschläge entbehren jeglicher Praxisgrundlage.“ Freude herrsche über das Bekenntnis zur Valorisierung des Pflegegeldes in allen Stufen, schließlich habe man selbige seit Jahren gefordert. Irritiert sei man aber insbesondere über diverse Wortmeldungen rund um die 24-Stunden-Betreuung.

„Manche Diskussionsteilnehmer scheinen zu glauben, dass Pflege und Betreuung zu Hause mit der 24-Stunden-Betreuung gleichzusetzen ist. Pflege und Betreuung zu Hause wird aber vor allem durch Angehörige und durch mobile Dienste wie Hauskrankenpflege und Heimhilfe bestritten. Die 24-Stunden-Betreuung nehmen gerade einmal sechs Prozent der Pflegebedürftigen in Anspruch“, erläutert Anselm. Daher sei auch die offenbar grassierende Annahme verfehlt, dass Eingriffe bei der 24-Stunden-Betreuung das zentrale Element einer Pflegereform seien oder die einzig entscheidende Intervention zur Stärkung der Pflege und Betreuung zu Hause.

Selbstverständlich müsse man dennoch auch die 24-Stunden-Betreuung in Österreich weiterentwickeln. Da gebe es laut Hilfswerk bereits zielführende Ansätze mit entsprechender Grundierung in der Praxis. Erfahrene Qualitätsanbieter in den mobilen Diensten und in der 24-Stunden-Betreuung wie das Hilfswerk hätten seit Jahren ein Qualitätssystem mit nachweislichem Erfolg im Einsatz. Diese Expertise sei etwa auch in das noch von der seinerzeitigen Bundesministerin Beate Hartinger-Klein initiierte Qualitätszertifikat „ÖQZ 24“ eingeflossen.

„Derzeit läuft dessen Pilotphase. Etliche Träger wie auch das Hilfswerk stehen gerade in der Zertifizierung“, sagt Anselm. Die Herzstücke dieses Zertifikats seien u. a. die laufende Begleitung der 24-Stunden-Betreuung durch österreichisches diplomiertes Fachpersonal, die Transparenz der Vertragsverhältnisse und die Qualität der Verträge, geordnete Ersatzstellung und laufende Erreichbarkeit. „Das Zertifikat ist aktuell auf freiwilliger Basis angelegt. Klarerweise könnte man es auch verpflichtend vorsehen, wie das auch im Konzept, das die ÖVP am Montag präsentiert hat, angeführt ist. Das würden wir sehr begrüßen“, meint Anselm.

Eine Quasi-Verstaatlichung der 24-Stunden Betreuung durch eine Bundesgenossenschaft, wie sie FPÖ-Obmann Norbert Hofer vorschwebt, lehnt das Hilfswerk kategorisch ab. „Das bringt keinerlei Vorteile für die Betroffenen. Nur eine qualitätsgesicherte, vielfältige Angebotslandschaft garantiert Wahlfreiheit für Pflegebedürftige und deren Angehörige. Sie fördert Dienstleistungs- und Servicequalität, Kundenorientierung und Innovation, kurzum: Sie macht den Kunden und die Kundin mächtig und erzeugt Druck auf die Agenturen, sich anzustrengen“, fasst Anselm abschließend zusammen.

Markus Golla
Über Markus Golla 4630 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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