AT: Herausforderung Pflege: „Belastungsgrenze erreicht“

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ZWETTL. Der Bereich Pflege zählt zu einer der größten gesellschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahre: Wir werden zusehends älter, die Gruppe der Hochbetagten steigt. Die Zahl von österreichweit mindestens 115.000 Demenzerkrankten wird sich bis 2050 verdoppeln. Mit dem steigenden Bedarf an Pflegekräften droht gleichzeitig ein akuter Personalmangel. All das ist hinlänglich bekannt, doch fehlt es an langfristigen Lösungen. Was braucht es, um diesen Herausforderungen zu begegnen? Tips hat sich mit Reinhard Waldhör, Vorsitzender der GÖD-Gesundheitsgewerkschaft und Franz Oels, Direktor des Seniorenzentrums St. Martin, an einen Tisch gesetzt.

„Den Charakter einer Gesellschaft erkennst du daran, was sie für ihre Kleinen und Ältesten tut“, zitiert Reinhard Waldhör ein altes Sprichwort. „Was sind uns jene, die den Wohlstand aufgebaut haben, den wir jetzt genießen, wert?“, gibt er zu bedenken. Derzeit sei man sehr darauf bedacht, möglichst billig über die Runden zu kommen. Doch das Thema Pflege muss „in Wert gesetzt werden“. Das erfordere gleichzeitig ein Umdenken, weg von der Gewinnorientierung hin zur Pflege als gesellschaftlicher Auftrag.

Oft werden skandinavische Länder als Vorbilder herangezogen, diese geben aber bis zu 3,5 Prozent des BIP für die Langzeitpflege aus, der österreichische Staat hingegen nur 1,5 Prozent, gibt Waldhör zu bedenken. „Ich sage, wenn wir dasselbe Geld in die Hand nehmen, können wir das auch!“

„Weg vom Pflegegeld?“

Auch solle man darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre, anstatt des Pflegegeldes eine Fachleistung anzubieten. „Zudem ist es unverständlich wie manche Sachverständige hier einstufen, das stimmt oft hinten und vorne nicht“, äußert Waldhör Kritik. „Es muss einfach viel zielgerichteter ankommen“, stimmt Franz Oels, Direktor des Seniorenzentrums St. Martin zu. Mit einer Leistung statt Geld würde man auch die boomende 24-Stunden-Betreuung und damit auch jenes Personal, das einen Stundenlohn von unter drei Euro hat, auf eine andere Stufe heben, so Waldhör.

Vom Wunsch, zuhause alt zu werden

Denn der Wunsch, zuhause, in den eigenen vier Wänden alt zu werden, steigt rasant. Niederösterreichweit haben auch die mobilen Dienste einen Anstieg erfahren. „Die leichten Pflegestufen sind hier gut aufgehoben, bei uns im Haus ist der Pflegegrad in den letzten Jahren nach oben gerutscht, wir haben viel schwere Pflege zu bewerkstelligen“, informiert Direktor Oels. Dennoch sei man weit weg von einem klassischen Pflegeheim als Anstalt – die teilstationäre Betreuung, das Betreute Wohnen oder die Tagespflege sorgen für eine gute Auflockerung.

„Der Trend geht mehr und mehr in Richtung Wohnen, die Lebensqualität ist unheimlich wichtig geworden. Alle genannten Institutionen haben ihre Berechtigung – die größtmögliche Wahlfreiheit ist wichtig. Gleichzeitig werden es Familien aber zukünftig nicht mehr schaffen, einen derart großen Teil an Betreuung zu übernehmen“, gibt Oels einen Ausblick in die Zukunft. Auch dafür müsse Vorsorge getroffen werden und das münde letztendlich in der Personalfrage.

„Bald Mangelberuf“

„Zurzeit würde ich noch nicht von Mangelberufen sprechen, aber wir steuern definitiv darauf zu“, spricht Waldhör Klartext.

Gerade im Waldviertel, wo das Jobangebot nicht so groß ist, bieten Pflegeberufe ein attraktives System. Beide Experten betonen die dringend notwendige Attraktivierung des Berufes, dazu zähle auch die Ausbildung. Im Zuge der beschlossenen Reform des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes werden die gehobenen („diplomierten“) Pflegefachkräfte zukünftig ausnahmslos eine akademische Ausbildung, etwa in St. Pölten, Krems und Wiener Neustadt absolvieren. „Daher werden die Absolventen solcher FHs auch Top-Angebote von jener Region bekommen, in der sie sich gerade befinden“, meint Waldhör. Seiner Ansicht nach sei es wichtig, dass man Ausbildungen auch dort belasse, wo man die Fachkräfte braucht, zumindest aber hoffe man auf eine enge Kooperation.

„Mehr Zeit für Patienten“

„Das Angebot an Fachkräften ist leider sehr spärlich, heute stellt sich das interessierte Personal nicht mehr in einer Schlange an. Und es ist schließlich eine fordernde Tätigkeit“, so Oels. „Wenn man diesen Beruf nicht mit Herz und Empathie ausübt, wird man ihn auch nicht lange machen“, ergänzt Waldhör.

Aus einer Umfrage heraus weiß der Allentsteiger um den größten Wunsch für Pflegebedienstete: Mehr Zeit für den Patienten. „Interessanterweise war es nicht das Geld.“ „Wir dürfen die Leute nicht so auspowern, die Belastungsgrenze ist vielfach erreicht“, meint Oels.

Forderung nach einer bundesweit einheitlichen Personalbedarfsberechnung 

Nicht zuletzt deswegen sei eine gesetzliche Verankerung einer bundesweit einheitlichen Personalbedarfsberechnung von Nöten. „Allen Betreibern von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen soll die Mindestanzahl und die Qualifikation der Mitarbeiter vorgeschrieben werden, nur so können Mindeststandards in der Pflege sichergestellt werden“, ist Waldhör überzeugt.

„Thema löst Unbehagen aus“

„Am Ende des Tages löst das Thema in der Politik Unbehagen aus. Die Herausforderungen sind bekannt, aber es ist kein Thema, das in einer Legislaturperiode von fünf Jahren bemessen werden kann. Es müsste jemand den Mut haben, Dinge langfristig am Schopf zu packen, auch auf die Gefahr hin, dass es in der ersten Periode nicht greift“, redet Reinhard Waldhör Tacheles.

 

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Interview geführt von Redakteurin Kathi Vogl (Tips Zwettl)

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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