AT: Gesellschaft der Ärzte: geschichtsträchtig und immer up-to-date

(C) Andrey Popov
Univ.-Prof. Dr. Beatrix Volc-Platzer
Präsidentin der Gesellschaft der Ärzte in Wien

Die Gesellschaft der Ärzte ist die traditionsreichste medizinische Gesellschaft Österreichs. Ihre historische Bibliothek im „Billrothhaus“, dem Sitz der Gesellschaft, beherbergt einen unermesslichen Schatz an medizinischer Literatur im Herzen von Wien. Aber auch die Moderne kommt nicht zu kurz: Die Gesellschaft ist Vorreiter der Digitalisierung im medizinischen Bereich. Die Türen des „Billrothhauses“ stehen aber nicht allein ihren Mitgliedern offen. Auch die interessierte Bevölkerung kann in die Geschichte der „Zweiten Wiener Medizin“ eintauchen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts Weltruhm erlangte, oder die imposante Location mieten.

Die „Gesellschaft der Ärzte in Wien“ (GDÄ) ist die älteste fächerübergreifende medizinische Gesellschaft Österreichs. Der interdisziplinäre Informationsaustausch, medizinische Fortbildung auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Erhaltung sowie der Ausbau der umfassenden Bibliothek sind die Hauptaufgaben des Vereins. Die Werke der imposanten Bibliothek reichen bis ins 16. Jahrhundert. Die Bibliothek zählt aber nicht nur zu den ältesten medizinischen Fachbibliotheken im deutschsprachigen Raum, sondern gilt mit rund 70.000 Schriften bis heute als die größte private Sammlung medizinischer Literatur in Europa. Die Schriftstücke sind zum Teil mit persönlicher Widmung unter anderem von Vertretern der Zweiten Medizinischen Schule versehen.

Von der Quecksilberkur bis zum „heiligen Holz“

Die Bibliothek ist also eine schier unerschöpfliche Quelle an historischem Medizinwissen. So besitzt die Gesellschaft auch Schriften von Paracelsus. Eine ist „De morbo Gallico“ aus dem Jahr 1578. Unter dem etwas sperrigen Titel „Warhaffte Cur der Frantzosen, sampt eyner trewen warnung, wie man sich vor den erbärmlichen Schänden der falschen Cur hüten soll“ beschrieb der Arzt, Naturphilosoph, Alchemist und Sozialethiker die Behandlung der „Lustseuche“ oder „Franzosenkrankheit“ Syphilis, die mit (wirkungslosem) Tee, Sirup, oder Extrakt aus südamerikanischem „heiligem Holz“ oder Quecksilber-Kuren behandelt wurde. Paracelsus erkannte, dass Quecksilber zwar gegen die Geschlechtskrankheit half, die Patienten in der verabreichten hohen Dosierung aber an einer Vergiftung sterben ließ. Seine Erkenntnis: „Allein die Dosis macht das Gift“.

Diese spannenden medizinhistorischen Überlieferungen, die aktuelle Relevanz von Infektionskrankheiten in epidemischem bis pandemischem Ausmaß und der 480. Todestag von Paracelsus waren für die GDÄ Anlass für die Organisation des Symposiums „Lust & Seuche. Von Paracelsus bis Anthony Fauci“. Im Rahmen wissenschaftlicher Vorträge wird der Bogen von teils abenteuerlichen Therapien der Vergangenheit bis zu modernen Behandlungsoptionen und Impfungen gespannt. Im Frühjahr 2022 folgt im Billrothhaus eine Bücherausstellung zu diesem Thema, die auch für die breite Bevölkerung zugänglich sein wird.

Historische Führung …

Schon heute kann jede/r Interessierte in die Geschichte der Behandlung von Geschlechtskrankheiten als Power-Point-Präsentation im Wiener Billrothhaus eintauchen – am besten verbunden mit einer von einem Medizinhistoriker geführten „Medical History Tour“ durch die Zweite Wiener Medizinische Schule (ca. 1850 bis zum 1. Weltkrieg), die damals Weltgeltung erlangte. Vier Nobelpreisträger waren Mitglieder der GDÄ und präsentierten im Billrothhaus erstmals ihre bahnbrechenden Erkenntnisse.

… und modernste Veranstaltungstechnik

Die geschichtsträchtigen Räumlichkeiten des Billrothhauses sind auch technisch bestens ausgestattet. So ist der Festsaal eine beliebte Location nicht nur für eigene Fortbildungsveranstaltungen, sondern auch für Tagungen anderer medizinischer Institutionen – ob als Präsenz-, Hybrid- oder reine Online-Veranstaltung. Sämtliche Räumlichkeiten bieten zudem Kulisse für Filmproduktionen (zum Beispiel die österreichisch-britische Krimiserie „Vienna Blood“!) und können für Veranstaltungen aller Art gemietet werden. Der Festsaal ist aufgrund der einmaligen Akustik bestens geeignet für Konzerte.

Die Gesellschaft war Vorreiter der Digitalisierung im medizinischen Bereich und bis heute immer up-to-date. Bereits seit den 90er Jahren gibt es Zugang zu elektronischen Journalen. Heute haben Mitglieder direkten Zugriff auf mehr als 750 elektronische Fachzeitschriften. Als eine der ersten wissenschaftlichen Institutionen wurden in der GDÄ Vorträge aufgezeichnet und Online-Präsentationen erstellt, die auf der Videoplattform „Billrothhaus-TV“ abrufbar sind. Die Videothek bietet mit aktuell über 1.800 wissenschaftlichen Vorträgen die österreichweit größte Sammlung an Videos zur medizinischen Fortbildung – neu seit dem Wintersemester 20/21: im Rahmen der Initiative „COVID-19 Update aus dem Billrothhaus“ stehen Videovorträge zu Themen rund um die Pandemie zur Verfügung.

Mehr Information & Anmeldung zu einer historischen Führung:

T: 01/405 47 77

E: info@billrothhaus.at

www.billrothhaus.at

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)