AT: Geschlechtskrankheiten: eine stille Epidemie auf dem Vormarsch

(C) anaumenko
Univ.-Prof. Dr. Georg Stingl
Emeritierter Vorstand der Klinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien
Im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für STD und dermatologische Mikrobiologie (ÖGSTD)

Sexuell übertragbare Erkrankungen wie Tripper, Syphilis oder Clamydien-Infektionen nehmen seit einigen Jahren wieder zu. Die WHO spricht von einer „stillen Epidemie“. Aufgrund der fortschreitenden Antibiotika-Resistenzen besteht dringender Bedarf an der Entwicklung neuer Behandlungen und Impfstoffe. Ein Meilenstein war die Entwicklung eines Impfstoffes gegen HPV.

Weltweit stecken sich jeden Tag mehr als 1 Million Menschen zwischen 15 und 49 Jahren mit einer sexuell übertragbaren Erkrankung (STD, Sexually Transmitted Diseases) an. Betroffen sind alle sozialen Schichten, vermehrt 20- bis 30-Jährige mit höherer Mobilität, einer freieren Sexualität, Männer, die mit Männern Geschlechtsverkehr haben und auch Frauen mit Migrationshintergrund.1,2

Es gibt über 30 verschiedene sexuell übertragbare Bakterien, Viren und Parasiten, wobei die vier häufigsten Erkrankungen Chlamydien-Infektionen, Tripper (Gonorrhoe), Syphilis und eine Ansteckung durch Trichomonaden-Parasiten sind.3,4 In Europa werden jährlich mehr als 500.000 sexuell übertragene Infektionen verzeichnet – Tendenz stark steigend. Zwischen 2012 und 2018 nahmen die Fälle von Tripper um dramatische 93 Prozent und die von Syphilis um 58 Prozent zu.2 In letzter Zeit hört man immer wieder von Fällen von Donovanosis, einer vor allem in tropischen und subtropischen Ländern vorkommenden ansteckenden bakteriellen Geschlechtskrankheit, die Geschwüre an den Genitalen verursacht und ohne Behandlung allmählich das Gewebe zerstört. Nach Europa wird diese Erkrankung aber äußerst selten eingeschleppt.5

Geschlechtskrankheiten zählen global zu den fünf häufigsten Erkrankungen, weswegen Erwachsene eine ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen.6 Wenn man bedenkt, dass sexuell übertragbare Erkrankungen mit Scham behaftet sind und viele Betroffene daher nicht zum Arzt gehen sowie ein großer Anteil an STDs ohne Symptome verläuft, wird die Dimension noch größer.

Zunahme der STDs auch in Österreich

Acht von zehn aller Frauen und Männer stecken sich im Laufe ihres Lebens mit genitalen humanen Papillomaviren (HPV) an, die für über 70 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind. In Österreich werden jährlich etwa 400 neue Fälle dieses bösartigen Tumors und 130-180 Todesfälle verzeichnet.7,8 Auch ein deutlicher Anstieg an klassischen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper wird in Österreich registriert. Allein in Wien wurden im Jahr 2019 knapp 1.500 Fälle von Gonorrhoe gemeldet – die Dunkelziffer nicht mit eingerechnet.9 In Österreich infizieren sich rund 30.000 Menschen pro Jahr mit Chlamydien-Bakterien.10 Bis zu 10 Prozent der Jugendlichen infizieren sich pro Jahr mit Chlamydien und ca. 1-2 Menschen pro Tag mit HIV.11  

Mit Beginn der Corona-Pandemie gab es zwar einen Rückgang an STDs – vermutlich aufgrund der verringerten Sozialkontakte und durch die reduzierten Arztbesuche. Es ist aber davon auszugehen, dass sich der Aufwärtstrend weiter fortsetzt.

Einige weitere wichtige Krankheiten werden zwar nicht ausschließlich, aber doch sehr häufig durch den Geschlechtsverkehr übertragen: Hepatitis B, Skabies (Krätze), Filzläuse und HIV. Diese Erkrankungen zählen also auch zu den sexuell übertragbaren Erkrankungen (STIs).

Antibiotika-Resistenz als große Gefahr

Der weltweite Anstieg aller STDs ist neben einem erhöhten sexuellen Risikoverhalten (ungeschützter Geschlechtsverkehr, häufigerer Partnerwechsel, geringere Angst, sich mit HIV zu infizieren) auf die zunehmende Antibiotika-Resistenz zurückzuführen.12 So galten Gonorrhoe-Infektionen über viele Jahre als relativ einfach zu behandeln. Sukzessiv sind jedoch Resistenzen gegen alle zur Behandlung eingesetzten Therapeutika, wie Penicillin, Ciprofloxacin oder Azithromycin entstanden.13 Antimikrobielle Resistenzen generell und auch bei sexuell übertragbaren Erkrankungen haben sich zu einer globalen Krise entwickelt.

Meilenstein HPV-Impfung

Eine der ganz großen Errungenschaften war die Entwicklung eines Impfstoffes gegen HPV. Der deutsche Virologe Prof. Dr. Harald zur Hausen entdeckte die Papillomviren und somit auch jene Hochrisikoviren, die letztlich Auslöser für die Entwicklung eines Zervix-Karzinoms (Gebärmutterhalskrebs) sind – die weltweit zweithäufigste Ursache für die Krebssterblichkeit bei Frauen.14 Dafür erhielt er 2008 den Nobelpreis. Die Entwicklung des schützenden Impfstoffs erfolgte durch die Arbeitsgruppe von Dr. Douglas Lowy an den amerikanischen National Institutes of Health in Bethesda. Lowy wurde dafür mit dem Lasker-Award ausgezeichnet, der allgemein als pre-Nobel gilt. Auch der österreichischer Forscher Prof. Reinhard Kirnbauer war Teil dieses Teams.

Die HPV-Impfung schützt gegen die wichtigsten 9 HPV-Typen und senkt damit das Risiko für Genitalwarzen und Gebärmutterhalskrebs um bis zu 90 Prozent. Eine eben im wissenschaftlichen Journal „Lancet“ erschienene Studie bestätigt die hohe Wirksamkeit und weist erstmals eindrucksvoll direkt eine Schutzrate von 87 Prozent gegen die zwei gefährlichsten Varianten der Viren (HPV 16 und HPV 18) nach.15 Eine umfassende Metaanalyse zeigte, dass seit der Einführung der Impfung die Häufigkeit der Infektionen, Vorstufen des Zervixkarzinoms sowie Anogenitalwarzen deutlich zurückgegangen sind.16 Auch das Risiko für Krebs an Rachen, Kehlkopf, Scheide, Anus und Penis wird gesenkt.17

In einer schwedischen Studie wurden die gesundheitlichen Auswirkungen und die Kosteneffizienz eines geschlechtsneutralen HPV-Impfprogramms im Vergleich zur reinen Impfung von Mädchen bewertet.18 Das Ergebnis: Ein Impfprogramm für Mädchen und Jungen reduziert HPV-bedingten Krebs und dessen Vorstufe sowohl aufgrund direkter Effekte bei Geimpften als auch durch die Herdenimmunität. Die Kosten pro gewonnenes gesundes Lebensjahr wurden auf 40.000 Euro geschätzt. Ein geschlechtsneutrales HPV-Impfprogramm hat also ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis. Österreich hat hier eine Vorreiterrolle inne, da beide Geschlechter Zugang zum kostenlosen Kinderimpfprogramm haben.

Neue Strategien nötig

Aufgrund der fortschreitenden Antibiotika-Resistenz besteht dringender Bedarf an der Entwicklung neuer, erschwinglicher Behandlungen und Impfstoffe für sexuell übertragbare Infektionen. Zur Erkennung und Verhinderung der Übertragung sind ausgeweitete und verbesserte Testungen der Erkrankten und ihrer Sexualpartner wichtig.2,19 Den sichersten Schutz zur Vorbeugung bietet die konsequente Verwendung von Kondomen.4

 

 

1 Öffentliches Gesundheitsportal Österreich in: https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/immunsystem/geschlechtskrankheiten/info

2 ECDC, 2021. Technical Report. Technologies, strategies and approaches for testing populations at risk of sexually transmitted infections in the EU/EEA.

3 Rowley J, Vander Hoorn S, Korenromp E, Low N, Unemo M, Abu-Raddad LJ, et al.: Global and Regional Estimates of the Prevalence and Incidence of Four Curable Sexually Transmitted Infections in 2016. WHO Bulletin. June 2019. https://www.who.int/bulletin/volumes/97/8/18-228486.pdf

4 Report on global sexually transmitted infection surveillance, 2018. Geneva: World Health Organization; 2018. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO] https://www.who.int/reproductivehealth/publications/stis-surveillance-2018/en/

5 Robert Koch-Institut, 2021 Steckbriefe seltener und importierter Infektionskrankheiten. 71 In: https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/3724/steckbriefe.pdf?sequence=1&isAllowed=y

6 Unemo M et al., Lancet Infect Dis 2017; 17(8):e235–e279

7 Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Humane Papillomaviren (HPV.) In: https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Uebertragbare-Krankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/Humane-Papillomaviren-(HPV).html

8 Statistik Austria, http://statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/krebserkrankungen/gebaermutterhals/index.html

9 AGES. Gonokokken. https://www.ages.at/themen/krankheitserreger/gonokokken/

10 Informationsblatt – Frühzeitige Erkennung von Chlamydien-Infektion der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

11 Leitlinien zur Therapie der klassischen Geschlechtskrankheiten und Sexually Transmitted Infection. Österreichische Gesellschaft für STD und dermatologische Mikrobiologie (ÖGSTD), 2018

12 Buder et al.: Bacterial sexually transmitted infections. Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft 17:287-315, 2019

13 Mlynarczyk-Bonikowska B et al.: Multiresistant Neisseria gonorrhoeae: a new threat in second decade of the 21st century.Med Microbiol Immunol 209:95-108, 2020

14 WHO-Regionalbüro für Europa, https://www.euro.who.int/en/health-topics/communicable-diseases/sexually-transmitted-infections/sexually-transmitted-infections

15 Falcaro M et al. The effects of the national HPV vaccination programme in England, UK, on cervical cancer and grade 3 cervical intraepithelial neoplasia incidence: a register-based observational study. The Lancet. November 03, 2021DOI:https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)02178-4

16 Drolet M et al.: Population-level impact and herd effects following the introduction of human papillomavirus vaccination programmes: updated systematic review and meta-analysis. Lancet 2019;394(10197):497-509 in: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2019/daz-37-2019/erfolge-der-hpv-impfung

17 Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Uebertragbare-Krankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/Humane-Papillomaviren-(HPV).html

18 Wolff et al.: Cost-effectiveness of sex-neutral HPV vaccination in Sweden, accounting for herd-immunity and sexual behavior. Vaccine 36:5160-5165, 2018

19 Sena et al.: Optimising treatments for sexually transmitted infections: surveillance, pharmacokinetics and pharmacodynamics, therapeutic strategies, and molecular resistance prediction.Lancet Infect Dis 20:e181-191, 2020.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)