AT: Frischer Wind in der Behandlung von Lungenkrebs

Zielgerichtete und Immuntherapie kommen immer früher zum Einsatz

Lunge COPD Asthma
(C) Pic4u

Die Erfolge in der Behandlung von Lungenkrebs schreiten weiter rasant voran. Immer mehr Patienten* erhalten Immuntherapie und zielgerichtete Therapien, und das immer früher. Die Chemotherapie wird zunehmend zur „Add-on-Therapie“. Möglich macht diese Entwicklung vor allem die Identifizierung immer weiterer biologischer Merkmale am Tumor, die neue Angriffspunkte (Targets) bieten, an denen die modernen Therapeutika ansetzen können. „Für die Patienten bedeutet dies: höhere Ansprechrate, längeres Überleben, deutlich weniger Nebenwirkungen und eine bessere Lebensqualität“, betonte OA Dr. Maximilian Hochmair von der Klinik Floridsdorf/Krankenhaus Nord gestern bei einer Pressekonferenz anlässlich der 43. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie von 10.-12. Oktober in Wien.

„Wir sind zwar noch nicht dort, wo wir hin wollen, aber wir werden immer besser“, so der onkologische Pneumologe Hochmair. „Wir werden vor allem im ‚Profiling‘ des Tumorgewebes immer besser. Denn Krebs variiert von Tumor zu Tumor und von Patient zu Patient. Daher wird es auch nie EIN Allheilmittel geben. Was wir finden und entwickeln müssen, sind individuelle Maßnahmen, die auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten sind. Und darin werden wir immer besser.“ Die Gruppe der Patienten, die zielgerichtete Therapien erhalten, wird immer größer, da immer mehr genetische Veränderungen identifiziert werden können.

„Profiling“ wird dank Next-Generation-Sequencing immer besser

Während eine Chemotherapie (Zytostatika) alle sich schnell teilenden Zellen im Körper angreift, richten sich zielgerichtete Krebstherapien ganz gezielt an spezifische Tumormerkmale. Dadurch wird das Tumorwachstum gebremst, die vielfältigen Nebenwirkungen einer Chemotherapie bleiben aber aus. Ähnlich die Entwicklungen in der Immunonkologie – nur greifen die Therapien hier nicht den Tumor selbst an, sondern aktivieren und befähigen das körpereigene Immunsystem, die Krebszellen anzugreifen. In beiden Fällen müssen aber zuerst die richtigen Angriffspunkte identifiziert werden.

Beim Next Generation DNA-Sequencing (kurz: NGS), auch „Hochdurchsatz-Sequenzierung“ genannt, handelt es sich um ein extrem schnelles, hoch effektives und relativ kostengünstiges molekularbiologisches Analyseverfahren, mit dem die genetische „Zusammensetzung“ des Tumors analysiert werden kann. Dabei werden jene Mutationen oder Genfusionen[1] entdeckt, die als Targets (Ziele) für die Therapie dienen können. „Bis vor kurzem wurde der Patient nur auf einen oder einige wenige Tumormarker getestet. Heute wird dank NGS eine komplette DNA-Analyse, in speziellen Fällen auch eine RNA-Analyse vorgenommen, dank derer man viele verschiedene ‚Orte‘ am Tumor finden kann, die dann spezielle therapeutische Konsequenzen haben“, erläuterte Hochmair. Einerseits können durch das NGS Tumormarker identifiziert werden, also ob z.B. EGFR-, BRAF-, NTRK- oder RET-Mutationen vorliegen, die das Tumorwachstum fördern und Angriffspunkte verschiedener zielgerichteter Therapien darstellen. Andererseits können Biomarker identifiziert werden, die eine verbesserte Prognoseabschätzung und Therapievorhersage auch für Immuntherapien ermöglichen.

Hochmair: „Ein weiterer wichtiger Punkt: Mittels RNA-Sequenzierung können sogenannte Genfusionen genau analysiert werden. Das sind Veränderungen an Genen oder Genteilen, die ebenfalls dazu geeignet sind, das Tumorwachstum vorantreiben. Und laufend werden neue Erkenntnisse gewonnen und neue Ziele identifiziert[2].“

Das Ziel all dieser Bemühungen: Die Patienten sollen genau jene Medikamente bekommen, die für „ihren“ Tumor am besten „passen“.

Resümee
Abschließend fasst Hochmair zusammen: „Aufgrund der vorliegenden Daten und Untersuchungen, haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass jeder Krebs einzigartig ist – und dass wir daher auch in der Therapie dementsprechend vorgehen müssen. Aufgrund der Vielzahl an Daten zur Genetik des Tumors, die wir heute unter anderem dank New Generation Sequencing generieren können, können wir die Therapie auch tatsächlich immer mehr und mehr personalisieren. Mit dem Ergebnis, dass immer Patienten in immer früheren Krebs-Stadien eine zielgerichtete und/oder Immuntherapie erhalten können. Die Chemotherapie mit all ihren Schrecken verliert dadurch zunehmend an Bedeutung und wird zur reinen Zusatz-Therapie. Für die Patienten bedeutet dies, dass sie deutlich weniger Nebenwirkungen erdulden müssen, deutlich bessere Behandlungsergebnisse und somit einen Überlebensvorteil erfahren, und dies alles bei einer höheren Lebensqualität!“

[1] Zwei hintereinander liegende Gene oder Genteile werden im Rahmen der Proteinsynthese so „abgelesen“, als ob sie ein Gen wären. Dadurch kann es zu Fehlfunktionen und somit Entstehung von Tumoren kommen.
2 Z.B. RET-Fusion oder NTRK-Fusionsgen

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text auf eine gendergerechte Schreibweise verzichtet. Sofern nicht anders vermerkt, gelten alle Bezeichnungen sowohl für Frauen als auch für Männer.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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