AT: Experten warnen: Psychische Erkrankungen in Österreich unzureichend versorgt

(C) Ermolaev Alexandr

pro mente Austria präsentiert Lösungspapier und fordert grundsätzliches Umdenken bei der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Wien  – Um die psychische Gesundheit der ÖsterreicherInnen ist es nicht gut bestellt: Jeder dritte Erwachsene und jede/r vierte Jugendliche leidet an einer psychischen Erkrankung. Ungenügende Präventions- und Frühmaßnahmen, erhebliche Zeitverzögerungen und Versorgungslücken hinsichtlich der Therapie sowie das Fehlen österreichweit einheitlicher Standards in der Sozialpsychiatrie führen dazu, dass hierzulande „Erkrankungen der Seele“ nicht oder nur unzureichend versorgt werden. Dies führt neben dem persönlichen Leid häufig auch zu eingeschränkter Arbeitsfähigkeit, Jobverlust und existenziellen Problemen.

Um die Situation von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern, hat pro mente Austria, der österreichische Dachverband der Vereine und Gesellschaften für psychische und soziale Gesundheit, basierend auf der Expertise seiner 24 Mitgliedsorganisationen ein Lösungspapier entwickelt, das im Rahmen einer Pressekonferenz präsentiert wurde. Darin werden konkrete Maßnahmen benannt, die der zukünftigen Bundesregierung dazu dienen sollen, diesen Entwicklungen entgegenzusteuern.

Individuelle und rasche Hilfe muss im Mittelpunkt stehen

„Jeder Mensch ist anders, hat eine andere Problematik und lebt in einem anderen Umfeld. Deshalb braucht jeder Mensch Unterstützungsangebote, die zu ihm und seinen Bedürfnissen passen“, betonte Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria, eingangs. Wenn zum Beispiel jemand keine Wohnung hat, wird ihm die beste Psychotherapie nicht helfen. Klug: „Nur das richtige Angebot zur richtigen Zeit bringt Erfolg. Diese Erkenntnis muss endlich auch in der Praxis umgesetzt werden.“ Auch die derzeit leider üblichen mehrmonatigen Wartezeiten auf einen Facharzttermin seien inakzeptabel, so Klug, da dadurch psychische Beeinträchtigungen oder Krankheiten chronisch werden können.

24 Stunden-Krisendienst schaffen und Versorgungseinrichtungen aufbauen

Dringend erforderlich sei daher auch die Schaffung eines 24/7-Krisendienstes. „Es müssen aber auch ausreichend Einrichtungen der verschiedenen Versorgungstypen – also Ambulatorien, Beratungsstellen, mobile Betreuung, Beschäftigung, Arbeit, Wohnen – aufgebaut werden“, appellierte Klug.

Auch an Fachpersonal mangelt es

„Und natürlich muss es auch genug Fachkräfte geben, um eine schnelle und effiziente Versorgung gewährleisten zu können. Besonders bei den FachärztInnen und beim psychiatrischen Pflegepersonal gebe es derzeit einen erheblichen Mangel. pro mente Austria tritt daher dafür ein, dass nicht nur die Zahl der Medizinstudierenden erhöht werden müsse, sondern mehr soziale Komponenten im Auswahlverfahren berücksichtigt werden. Erforderlich seien auch mehr Ausbildungsstellen für die psychiatrische Facharztausbildung und Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität für den Beruf der psychiatrischen Pflege.

Psychische Gesundheit muss juristisch gesehen genauso behandelt werden wie körperliche Gesundheit

MMag. Gernot Koren MAS, Vizepräsident von pro mente Austria und Geschäftsführer von pro mente Oberösterreich, wies darauf hin, dass „das Recht auf Gesundheit ein Menschenrecht ist. Und da es nur eine Gesundheit gibt, umfasst dieses Recht sowohl das Recht auf körperliche als auch auf psychische Gesundheit. Die Menschen haben daher juristisch gesehen ein ausgewiesenes Recht auf adäquate Behandlung, auch bei psychischen Erkrankungen.“

Psychotherapie auf Krankenschein: ein absolutes Muss

Von zentraler Bedeutung sei in diesem Zusammenhang die Kostenübernahme psychotherapeutischer Betreuung durch die Sozialversicherungen. Koren betonte: „Was bisher offenbar noch nicht wirklich verstanden wurde: Aus juristischer Sicht handelt es sich bei der Psychotherapie auf Krankenschein eindeutig um einen auf Gesetzen basierenden Rechtsanspruch.“

Schluss mit dem Bundesländer-Fleckerlteppich in der Sozialpsychiatrie! – Eigenes Staatssekretariat und einheitliches Gesetz zugunsten der Menschen gefordert

Die gegenwärtige Situation der Sozialpsychiatrie sei aus Sicht von pro mente Austria keineswegs zufriedenstellend. Dem Thema „psychische Gesundheit“ werde von Seiten der Politik einfach zu wenig Augenmerk geschenkt. Das große Manko, so Koren, sei, dass die Versorgung sich an den (Verwaltungs-)Strukturen und nicht am Menschen orientiere und österreichweit einheitliche Lösungen fehlen. pro mente Austria fordere daher, so Koren, „die Schaffung eines eigenen Staatssekretariats für Inklusion und Chancengleichheit, um sektorenübergreifende Strategien zur Vereinheitlichung, Deregulierung, Entbürokratisierung und Kooperationen auf allen relevanten Ebenen umzusetzen.“

Außerdem bedürfe es eines länderübergreifenden, einheitlichen Sozialpsychiatrie-Grundsatzgesetzes, um österreichweite Qualitätsstandards sicherzustellen. Koren: „Es kann und darf nicht sein, dass in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Betreuungsstandards gelten, dass der Psyche sozusagen je nach Bundesland ein unterschiedlicher Stellenwert zugemessen wird. Hilfe für die Seele muss in ganz Österreich auf einem einheitlichen hohen Level verfügbar sein.“

Psychische Erkrankungen sind große Hürde am Arbeitsmarkt

„Psychische Erkrankungen verursachen bereits ein Drittel aller Invaliditätspensionen in Österreich“, so Dr. Thomas Leoni vom WIFO (Öst. Institut für Wirtschaftsforschung). Psychisch krank und arbeitslos – dies sei ein Teufelskreis, dem nur schwer zu entkommen sei. Auch wenn das Bewusstsein für psychische Gesundheitsprobleme in der Arbeitswelt hierzulande zunehme, gebe es dringenden Aufhol- und Reformbedarf. Leoni: „Der Erhalt der psychischen Gesundheit und die Unterstützung von erkrankten Personen sind bereits heute zentrale Herausforderungen für die Arbeitswelt. Sie werden im Lichte der Alterung der Bevölkerung zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen“.

Arbeit schützt und stützt Psyche

„Arbeit und Beschäftigung gehören aber zu den wichtigsten Ankern bei der Genesung von psychischen Erkrankungen und Beeinträchtigungen. Dies trifft auf alle Menschen zu – von UnternehmerInnen über ArbeitnehmerInnen bis hin zu arbeitslosen Menschen“, wies Koren auf die Bedeutung des Faktors Arbeit hin und folgerte: „Wir brauchen einen Arbeits- und Beschäftigungsmarkt, der von einfachen Tätigkeiten über gestützte Beschäftigung bis zum vollversicherten Dienstverhältnis Abstufungen und Übergänge ermöglicht, um so viele Menschen wie möglich in Arbeit und Beschäftigung zu halten bzw. zu holen. Dies ist für den einzelnen Betroffen von großer Bedeutung, aber auch aus gesamtgesellschaftlicher Sicht sinnvoll. Alles andere kostet Unmengen Geld – und bringt niemandem etwas.“

 

Über pro mente Austria

pro mente Austria ist der Dachverband von 24 gemeinnützigen Organisationen, die in Österreich im psychosozialen und sozialpsychiatrischen Bereich tätig sind.

Ziel von pro mente Austria ist es, das Leben und die Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen nachhaltig zu verbessern und sie und ihr soziales Umfeld zu unterstützen und zu stärken.

Das Angebot der 24 Mitgliedsorganisationen von pro mente Austria ist breit gefächert. Sie betreuen österreichweit mit 4.000 MitarbeiterInnen jährlich rund 80.000 Menschen mit psychischen oder psychiatrischen Problemen bzw. Erkrankungen.

Markus Golla
Über Markus Golla 7413 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Lehrer für Gesundheit- und Krankenpflege (Studium Umit/Wien)

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