AT: Experten drängen auf einen nationalen Schulterschluss gegen erhöhtes Cholesterin

im Bild von links nach rechts:Helmut Schulter, Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi, Univ.-Prof. Dr. Peter Siostrzonek

Studie belegt: 8,2 % der Todesfälle vermeidbar und 1 Mrd. EUR Einsparungspotenzial durch besseres Cholesterin-Management

  • Experten kritisieren mangelndes Engagement zur Bekämpfung der Todesursache Nr. 1 in Österreich
  • Appell der gesundheitspolitischen Priorisierung, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Griff zu bekommen und vorzubeugen

Führende Experten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen appellieren an Entscheidungsträger, konkrete Lösungen für die Reduktion der alarmierend hohen Todeszahlen durch erhöhtes Cholesterin zu erarbeiten. Der Appell fußt auf einer kürzlich vorgestellten IHS-Studie(1), die belegt, dass 8,2 % aller (!) Todesfälle in Österreich durch die Erreichung der LDL-C-Zielwerte vermieden werden könnten. Erhöhtes „Low Density Lipoprotein“ (kurz: LDL)-Cholesterin ist ein bedeutender Risikofaktor für die Entwicklung von atherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankungen wie beispielsweise Herzinfarkt und Schlaganfall. Zudem ortet die Studie eine Milliarde Euro an jährlichem Einsparungspotenzial bei den volkswirtschaftlichen Kosten der Erkrankung. Durch die Senkung von Krankenstand, Invalidität und Mortalität wäre ein jährlicher Produktionsgewinn von 300 Mio. EUR für die Volkswirtschaft absolut realistisch.

„Bei diesen Zahlen müssen alle Alarmglocken läuten. Noch dazu verbirgt sich hinter jedem Einzelschicksal ein menschliches Drama“, verdeutlicht Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz und Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG). Prof. Clodi spricht von einem nationalen Problem, das teilweise vermeidbar wäre: „Hätten alle Personen der Risikogruppe im Jahr 2019 ihren LDL-C-Zielwert erreicht, so wären damit 6.800 Todesfälle verhindert worden. Diese Situation ist nicht akzeptabel. Wir müssen handeln!“

Es sei ein weit verbreiteter Irrglaube, dass allein eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten und des Lebensstils das Problem lösen könnte. Bei erhöhtem LDL-Cholesterin können Lebensstilveränderungen in der Regel nur 5-10 % Reduktion bewirken. „Es hilft also wenig, nur die Menschen selbst in die Pflicht zu nehmen“, so Prof. Clodi weiter. „Vielmehr muss unser Gesundheitssystem das Problem weitaus aktiver angehen.“ Er appelliert einerseits an die Verantwortlichen, den niedergelassenen Bereich wesentlich stärker einzubinden, um die Risikopatientinnen und -patienten besser identifizieren zu können. Dazu brauche es einen Anschub durch die Politik. Andererseits rät der Experte zu Maßnahmen, die die Therapietreue und die Nutzung sämtlicher therapeutischer Optionen steigern. „Wir müssen durch Aufklärung und Schulung das Bewusstsein bzw. auch den Informationsstand in der Bevölkerung steigern. Der Aufwand für solche Maßnahmen käme uns wesentlich günstiger als die volkswirtschaftlichen Kosten, wenn wir keine Schritte setzen.“

Univ.-Prof. Dr. Peter Siostrzonek, Past-Präsident und Pressereferent der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), pocht darauf, die dramatische Situation anzuerkennen. Obwohl es hochwirksame Therapieoptionen gibt, die den Patientinnen und Patienten zur Verfügung stehen, sei die Therapiesituation unbefriedigend. „Viel zu wenig Betroffene erhalten eine adäquate Therapie. Fast 80 % der Österreicherinnen und Österreicher, die bereits ein kardiovaskuläres Ereignis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, erreichen ihr Therapieziel nicht. Oft ist die nicht ordnungsgemäße Einnahme der Medikamente der Grund“(2), berichtet Prof. Siostrzonek und liefert gleichzeitig einen Lösungsvorschlag: „Eine Zusammenführung der oft bereits verfügbaren Daten wäre wichtig, um die Situation zu verbessern. Auch die Ärztinnen und Ärzte im niedergelassenen Bereich müssten deutlich besser eingebunden werden. Neue Technologien könnten sogar kurzfristig helfen. Zum Beispiel ein Software-Tool, das die Ärzte bei der Identifikation von Risikopatientinnen und -patienten unterstützt. Dieses könnte dem Arzt ermöglichen, aufgrund von Risikoparametern jene Patientinnen und Patienten zu erheben, die genauer beobachtet werden müssen. Bindet man Betroffene in die Applikation ein, stärkt das die aktive Beteiligung und damit die Adhärenz. Es gibt also Möglichkeiten. Wir müssen sie nur umsetzen.“

Auch Helmut Schulter, Bundesgeschäftsführer des Österreichischen Herzverbands, unterstützt als Vertreter der Patientinnen und Patienten den Appell der Experten. Er weist darauf hin, dass in Österreich noch immer das Prinzip der Reparaturmedizin vorherrscht, und sagt: „Es wäre besser, die Bedrohung früher zu erkennen und zu wissen, wer besonders gefährdet ist. Es schmerzt, tagtäglich das menschliche Leid hautnah mitzuerleben, das ein Herzinfarkt oder Schlaganfall verursacht, und zu wissen, dass dieses Leid eventuell vermeidbar gewesen wäre. Daher wünschen wir uns als Herzverband, dass das engmaschige Screening ausgebaut wird, damit die existierenden Behandlungen auch bei der Patientin und beim Patienten ankommen.“

Nationaler Schulterschluss gefordert

Damit dringend benötigte Lösungen auch realisiert werden, sehen die Experten die Politik gefordert. Prof. Clodi präzisiert: „Es ist seit langem bekannt, dass die Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen derzeit keine gesundheitspolitische Priorität mehr genießt, obwohl diese die Todesursache Nr. 1 in Österreich sind. Das Problem ist im Moment kaum mehr am Radar der Entscheidungsträger im Gesundheitssystem – somit fehlt bislang ein konkreter Plan für dessen Lösung.“(3)

Prof. Siostrzonek betont die Notwendigkeit zu handeln: „Nur ein nationaler Schulterschluss kann die ungeheuren gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Schäden dieser Krankheiten reduzieren. Alle Entscheidungsträger müssen gemeinsam Maßnahmen zur Früherkennung und zur Verbesserung der Therapiesituation in Angriff nehmen. Die

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)