AT: Digitalisierung im Gesundheitswesen – Österreichs Weg zum Digital Health Space

Fotocredit:Karl Michalski

Von der WHO empfohlen und in Estland bereits Realität: Ein Digital Health Space, im Sinne einer übergreifenden Gesundheitsplattform, dient als Basis eines digitalen Gesundheitssystems und unterstützt die bestmögliche Behandlung sowie selbstbestimmte Patient:innen.

Eine Vielzahl an medizinischen Studien weist nach, dass sich gerade bei chronischen Erkrankungen der Behandlungsprozess und der Gesundheitszustand durch aktive Einbeziehung der Patient:innen verbessern und damit auch die Gesundheitskompetenz steigern lässt. Ein wichtiges Element auf dem Weg zu gesteigerter Gesundheitskompetenz ist eine Gesundheitsplattform, die alle patient:innenrelevanten Daten bündelt und sowohl für behandelnde Mediziner:innen als auch für die Betroffenen selbst abrufbar ist. So können Patient:innen ihren Gesundheitszustand mit überwachen und eine aktivere Rolle in der Kommunikation mit Ärzt:innen einnehmen.

Als „Musterschüler“ des digitalen Gesundheitswesens gilt Estland, wo eine digitale Gesundheitsplattform bereits 2008 umgesetzt wurde. Die Funktionen der Plattform orientieren sich umfassend an den zentralen Prozessen des Gesundheitssystems: Patient:innenakten, Notfallreports, Verschreibung von Medikamenten, Labordiagnosen, Krankschreibung, Überweisungen, Beratung und Forschung. Es ist z.B. möglich, dass behandelnde Allgemeinmediziner:innen die Daten zu Krankenhausaufenthalten einsehen. Umgekehrt hat das Krankenhaus im Notfall Zugang zu allen relevanten Daten und kann optimal behandeln. Verschreibungen von Medikamenten können bereichsübergreifend abgerufen werden und ein Warnsystem weist automatisch auf mögliche Kontraindikationen hin. Grundsätzlich können Patient:innen bei Bedarf ihre Daten unzugänglich machen und jederzeit nachvollziehen, von welchen Stellen auf ihre Daten zugegriffen wurde.

Genau definierte öffentliche Stellen haben die Möglichkeit, aus den Datenbanken aggregierte und anonymisierte Statistiken zu erstellen und erhalten so einen schnellen Überblick über die Gesundheit der Bevölkerung – was in Pandemiezeiten von unschätzbarem Wert ist. Bereits bei der Entwicklung wurde großer Wert auf den Schutz der Daten und die Sicherheit des Systems gelegt.

Potenzial in Österreich

Bislang gibt es keine bundesländerübergreifende E-Health-Strategie. Mit ELGA wurde eine wesentliche technische Grundlage für ein digitales Gesundheitssystem und einen Digital Health Space gelegt und durch die Anwendung in der Pandemie in der öffentlichen Wahrnehmung verankert. ELGA fokussiert sich jedoch auf Daten aus dem stationären Bereich und Einrichtungen der mobilen wie stationären Pflege. Wertvolle Daten liegen unverknüpft bei verschiedensten Institutionen und können so nicht für die Forschung genutzt werden, Patient:innen haben nur eingeschränkt Zugriff. Es gibt zwar zahlreiche funktionierende Einzelanwendungen (z.B. den Grünen Pass), die es allerdings gleichzeitig erschweren, den Überblick über Daten und Qualität der Angebote zu behalten. Aktuell ist es aber nicht möglich, die hochgeladenen Informationen strukturiert abzurufen oder automatisiert zu verarbeiten und so für Forschung und Versorgungssteuerung zu nutzen.

Der Schlüssel zum Erfolg bleibt die Bündelung der Gesundheitsdaten in einer Struktur, die alle beteiligenden Stellen gleichwertig einbindet, wobei bei der Integration von Daten aus dem nicht-ärztlichen Bereich, z.B. Diätologie und Physiotherapie, großes Potenzial besteht. Unumgänglich sind natürlich die Einbindung der Betroffenen, die Berücksichtigung der Datenhoheit sowie umfassender Datenschutz – letztlich das Empowerment der Patient:innen.

In einer idealen Datenplattform wäre der Weg der Patient:innen durch das gesamte Gesundheitssystem abgebildet. Bürger:innen hätten somit nicht nur Überblick und Verfügungsgewalt über ihre Gesundheitsdaten, sondern könnten auch über alle Stellen des Gesundheitssystem hinweg optimal betreut werden.

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Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)