AT: Diabetes und Psyche – großes Interesse für Kongress im Lebens.Resort Ottenschlag

Foto v.l.n.r.: DGKP Erika Königsberger, Dr. Christian-Armin Rosenberg, DGKP Manuela Preiser, Pflegedienstleiter DGKP Jürgen Friedl, MSc, Lisa Schwingenschlögl, BSc, MSc, Prim. Doz. Dr. Harald Stingl, Prim. Dr. Heidemarie Abrahamian, a. o. Prof. Dr. Barbara Mangweth-Matzek, Mag. Caroline Culen, Prokuristin Dr. Christina Lohninger, DGKP Gabriele Schrammel (C) Fotocredits "Xundheitswelt".

Beim Kongress „Pflege im Dialog“ am 22. September 2017 im Lebens.Resort Ottenschlag wurden aktuelle Erkenntnisse zum Thema „Diabetes und Psyche“ beleuchtet. Die Fortbildungsveranstaltung für Pflegekräfte war bis auf den letzten Platz ausgebucht.

„Mehr als 600.000 Menschen sind in Österreich von Diabetes mellitus betroffen. Diese chronische Erkrankung wirkt sich nicht nur auf den Körper aus, sondern stellt häufig auch eine erhebliche psychische Belastung dar. Als Gesundheitszentrum mit Schwerpunkt auf Stoffwechsel und psychische Krankheiten ist es uns besonders wichtig, Dipl. Gesundheits- und Krankenpfleger für dieses Thema zu sensibilisieren.“, so der Vorsitzende der Veranstaltung, Pflegedienstleiter DGKP Jürgen Friedl, MSc. Renommierte Referenten präsentierten wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungsberichte zu den verschiedensten psychischen Belastungen im Zusammenhang mit Diabetes.

Beim Mittagessen und während der Pausen wurden die Teilnehmer mit xunden Köstlichkeiten, zubereitet aus regionalen und vorwiegend biologischen Produkten des „Ökologischen Kreislaufs Moorbad Harbach“, verwöhnt.

Das waren die Vorträge beim Kongress „Pflege im Dialog“:

Diabetes und Essstörungen

Prof. Dr. Barbara Mangweth-Matzek (Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin, Medizinische Universität Innsbruck) referierte über den Zusammenhang von Diabetes und Essstörungen (Magersucht, Ess-Brech-Sucht, Essanfälle). Diese entstehen oftmals nach der Diagnose Diabetes mellitus Typ 1. Durch die Umstellung auf Insulin nehmen Betroffene häufig an Gewicht zu. Ein bereits gestörtes Körperbild oder negatives Selbstwertgefühl kann dadurch noch verschlimmert werden. Zudem fördert Insulin den Hunger und Appetit, was besonders für „gewichtsbewusste“ Personen ein Problem darstellt. Um der Gewichtszunahme entgegenzuwirken entwickelt sich bei einigen Betroffenen eine Essstörung. Der Zusammenhang eines gestörten Essverhaltens mit Diabetes mellitus Typ 2 ist noch kaum erforscht. Mehr als 80% der Menschen mit Typ 2 sind übergewichtig. Aufgrund der Erfolglosigkeit bei der Gewichtsreduktion, besteht häufig bereits vor der Diagnose Diabetes eine Essstörung. Beide Formen der Zuckerkrankheit erfordern lebenslang eine genaue Anpassung sowie Kontrolle der Essgewohnheiten und können dadurch bahnend für ein gestörtes Essverhalten sein. Oftmals ist die Störung auch auf den Stress zurückzuführen, den die chronische Krankheit auslöst.

Ein bekanntes Phänomen ist auch das sogenannte „Insulin-Purging“, das vorwiegend Frauen betrifft. Dabei verabreichen sich Diabetiker bewusst eine zu geringe Dosis an Insulin um ihr

Gewicht zu kontrollieren und riskieren aufgrund des schwankenden Zuckerspiegels schwerwiegende diabetische Spätfolgen.

Charakteristisch ist, dass die Essstörung oft verheimlicht wird. Die behandelnden Personen sind daher angehalten bei zuckerkranken Menschen sorgsam nach Essstörungen und manipulativem Verhalten (wie Insulin-Purging) nachzufragen. Eine Behandlung erfolgt ambulant oder stationär.

Diabetes erhöht das Risiko für Demenz

Prim. Doz. Dr. Harald Stingl (Vorstand der Abteilung Innere Medizin im Landesklinikum Melk und Ärztlicher Leiter der Abteilung Stoffwechsel-Rehabilitation im Lebens.Med Zentrum St. Pölten) berichtete, dass Demenz bei zuckerkranken Menschen wesentlich häufiger vorkommt. Ursachen dafür sind verminderte Durchblutung (Mikroangiopathie), Hyperinsulinämie sowie häufige Hypoglykämien (Unterzucker). Eine konsequente Optimierung aller Risikofaktoren und eine möglichst hypoglykämiefreie Diabetestherapie können helfen, die Entwicklung einer Demenz zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Bereits demenzkranke Diabetiker stellen eine enorme Herausforderung dar und erfordern eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen und auch die Einbindung der Angehörigen.

Stress begünstigt Diabetes

Psychosozialer Stress begünstigt in vielen Fällen die Entwicklung von Übergewicht, Adipositas und Insulinresistenz (auch Prä-Diabetes genannt, Vorstufe zu Diabetes II) und erhöht somit das Risiko an Diabetes mellitus zu erkranken. Ein Grund dafür ist laut Prim. Dr. Heidemarie Abrahamian (Leitung des Internistischen Zentrums im Otto Wagner Spital), dass Stress den Appetit steigert und die Nahrungszufuhr oft ein Mittel zum Abbau von emotionalen Spannungszuständen ist. Dies führt zu einer stetigen Gewichtszunahme mit dementsprechenden Risiken. Auch bei einer bereits bestehenden Diabeteserkrankung spielt psychosozialer Stress eine wichtige Rolle. Biofeedback, Entspannungsübungen und Methoden zur Bewältigung von Stress können die Kontrolle der Krankheit verbessern.

Sexualfunktionsstörungen – ein Thema für Patienten mit Diabetes mellitus

Auch Sexualfunktionsstörungen stehen in Verbindung zu Diabetes. Gründe dafür sind unter anderem hormonelle Störungen, Gefäßverkalkung aber auch psychische Faktoren. Ebenfalls können sich manche Medikamente auf die Sexualfunktion negativ auswirken. Betroffene berichten von einem allgemein unbefriedigenden Sexualleben sowie auch von direkten sexuellen Problemen. Die Behandlung umfasst neben Medikamenten vor allem auch eine Änderung des Lebensstils mit mehr Bewegung, gesunder Ernährung, Gewichtskontrolle und Verzicht auf das Rauchen. Prim Dr. Heidemarie Abrahamian betonte in ihrem Referat die Wichtigkeit der Abklärung von Sexualfunktionsstörungen bei der Betreuung von zuckerkranken Patienten.

Wie Diabetes und Depressionen zusammenhängen

Dr. Christian-Armin Rosenberg (Stv. Leiter der Stoffwechsel-Rehabilitation im Lebens.Resort Ottenschlag) ging in seinem Vortrag auf das Thema Depression ein. Er berichtete, dass im Gesundheitszentrum bereits seit längerem ein auffälliger Zusammenhang von Diabetes und Depressionen beobachtet wird.

Dies geht auch aus Studien hervor: Laut der DAWN-Studie erkranken Diabetiker in etwa doppelt so häufig an Depressionen wie Nicht-Diabetiker, wobei mehr Frauen als Männer davon betroffen sind. Umgekehrt ist auch das Risiko bei depressiven Menschen erhöht, an Diabetes zu erkranken. Die Behandlung der Depression erfolgt mit Psychotherapie, Medikamenten aber auch mit Gruppen-, Aroma-, Bewegungstherapien, Entspannungstechniken, u.v.m.

Psychosoziale Unterstützung für Kinder mit Diabetes

Die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 wird von betroffenen Kindern bzw. Jugendlichen und deren Familien als einschneidendes Lebensereignis und nicht selten als Schock erlebt – denn die chronische Erkrankung erfordert täglich und ein Leben lang Aufmerksamkeit. Mag. Caroline Culen (Gründerin Verein cuko, Klinische und Gesundheitspsychologin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien) ging in ihrem Referat auf die unterschiedlichen Herausforderungen bei Typ 1-Diabetes ein und betonte die Wichtigkeit von psychologischer Unterstützung. Als Beispiel stellte sie den Verein cuko vor, der Familien mit chronisch kranken Kindern unterstützt.

Diabetes erleben – Praxisanleitung im Lebens.Resort Ottenschlag

Das Lebens.Resort Ottenschlag bietet Praktikumsplätze für Schüler und Studenten an. Um zu erleben wie es ist tagtäglich mit einer chronischen Krankheit umzugehen, nehmen die Praktikanten an einem ganz besonderen Projekt teil. Für einige Tage schlüpfen sie in die Rolle eines Diabetikers. Blutzucker-Selbstkontrolle, Insulin spritzen, vorausschauendes Denken in Bezug auf die Nahrungsaufnahme und vieles mehr sind dabei die wesentlichen Inhalte. Ziel dieses Projekts ist, die Krankheit aktiv erleben zu können, sich dabei Wissen anzueignen und Verständnis für Diabetiker und ihre Herausforderungen im täglichen Leben zu schaffen.

Über das Lebens.Resort Ottenschlag

Die Kernkompetenzen des Lebens.Resort Ottenschlag liegen im Bereich Stoffwechsel-Rehabilitation (Diabetes mellitus, Adipositas, Metabolisches Syndrom), Rehabilitation bei psychischen Erkrankungen (Depressionen, Angststörungen, Burnout oder Anpassungsstörungen) sowie Kur bei Beschwerden im Stütz- und Bewegungsapparat. Wesentlich dafür ist die Verbesserung des Lebensstils in den Bereichen mentale Gesundheit, Ernährung und Bewegung.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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