AT: COVID-19: WHO gibt neue Behandlungsempfehlungen und betont die Wichtigkeit der Nachsorge

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Die neue „Living Guidance“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bringt fünf neue Empfehlungen zur Behandlung von COVID-19. Sie sind ein Update der von der WHO beständig aktualisierten Guideline „Clinical management of COVID-19“. Ein neues Kapitel der Guideline betont die Wichtigkeit der Nachsorge nach akuter COVID-19 Erkrankung.

Neue Empfehlungen für die Behandlung von COVID-19

Das Expertenpanel der WHO gibt, unter dem Vorbehalt, dass sie nur auf geringer oder sehr geringer Evidenz beruhen, folgende neuen Empfehlungen für die Behandlung von COVID-19:

  1. Grundlage für Behandlungsentscheidung
    Die WHO empfiehlt, dass die lokalen und nationalen Richtlinien sowie die Beachtung des Patientenwillens die Grundlage für die Behandlungsentscheidungen bei COVID-19 bilden sollten. Das betrifft auch die Entscheidung, ob die Patientinnen und Patienten in ein Krankenhaus oder in eine Intensivstation gebracht werden sollen. Aktuell vorhandene Krankheitsprognosemodelle sollten hingegen nicht als Entscheidungsbasis dienen.
  2. Pulsoximetrie zuhause
    Für COVID-19 Patientinnen und Patienten, die nicht hospitalisiert sind, Symptome zeigen und Risiken für einen schweren Verlauf der Erkrankung haben, wird eine Pulsoximetrie-Überwachung zuhause empfohlen. Sie sollte Teil eines Maßnahmenpaketes sein, das auch Patientenschulung und angemessene Nachsorge enthält.
  3. Bauchlage bei schwerer COVID-19-Erkrankung
    Eine neue bedingte Empfehlung für die Behandlung von hospitalisierten Patientinnen und Patienten mit schwerer COVID-19 Erkrankung ist, sie im Wachzustand in Bauchlage zu bringen, wenn sie zusätzlichen Sauerstoff oder nicht-invasive Beatmung benötigen. Die Expertinnen und Experten des WHO-Panels betonen, dass für diese Maßnahme nur geringe Evidenzsicherheit bezüglich der Senkung der Mortalität besteht. Die Empfehlung beruht daher darauf, dass es bei mechanisch beatmeten kritisch kranken Patientinnen und Patienten bei Acute Respiratory Distress Syndrome (ARDS) höhere Evidenz für diese Maßnahme gibt und erfahrungsgemäß die Bauchlage kaum schädlich ist.
  4. Antikoagulanzien in Thrombose-prophylaktischer Dosierung
    Hospitalisierten COVID-19 Patientinnen und Patienten, die keine Indikation für eine höhere Dosierung von Antikoagulanzien haben, sollten Mittel zur Hemmung der Blutgerinnung nur in Thrombose-prophylaktischer Dosierung und nicht in einer dazwischenliegenden oder therapeutischen Dosierung gegeben werden. Es gibt nur sehr geringe Evidenz, dass höhere Dosierungen antikoagulanter Medikamente die Mortalität senken oder Lungenembolie verhindern, sie erhöhen aber das Risiko für starke Blutungen. Die mögliche schädliche Wirkung zeigen Studien zu therapeutischen bzw. zwischen Prophylaxe und Therapie liegenden Dosierungen.
  5. Bestehende Care Bundles einsetzen
    Eine weitere bedingte Empfehlung gibt die WHO für den Gebrauch von bestehenden Care Bundles. Definiert werden diese als drei oder mehr Evidenz-informierte Praktiken zur Verbesserung der Behandlung, die zusammen und durchgängig angewandt werden.
    Die Care Bundles werden für die Behandlung vom jeweiligen Spital oder der ICU ausgewählt und den lokalen Gegebenheiten angepasst. Es gibt zwar nur geringe Evidenz, dass bestehende Care Bundles die Mortalität senken können, administrative Hürden können zudem ihre Implementierung behindern. Ihr Vorteil liegt jedoch darin, dass sie die vorhandenen Ressourcen berücksichtigen und die Durchführbarkeit der Behandlungen verbessern.

Neues Kapitel zur Nachsorge nach akuter COVID-19 Erkrankung

In einem neuen Kapitel ihrer COVID-19 Guideline empfiehlt die WHO, dass Patientinnen und Patienten nach akuter (bestätigter oder vermuteter) COVID-19-Erkrankung, die fortdauernd neue oder veränderte Symptome haben, eine Nachsorge in Anspruch nehmen können.

Die in diesem Kapitel angeführten Zahlen und Beobachtungen zum Fortbestehen von Symptomen nach einer akuten COVID-19 Erkrankung zeigen die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer strukturierten Nachsorge:

Hospitalisierte COVID-19 Patientinnen und Patienten klagen über das Auftreten von neuen erkrankungsbedingten Symptomen wie Fatigue, Atemnot, postraumatische Belastungsstörung (PTSD), Schmerz, Stimmveränderung, Husten, Schluckstörung, Angst/innerer Unruhe, Depression sowie Problemen mit der Konzentration, dem Gedächtnis und der Kontinenz. Mehr als die Hälfte aller hospitalisierten COVID-19 Patientinnen und Patienten berichteten vom Fortbestehen von Fatigue 60 Tage nach dem ersten Auftreten der Symptome, unabhängig von der Art der klinischen Behandlung. Frühe Beobachtungen zeigten, dass Fatigue, Muskelschmerz, Kurzatmigkeit und Kopfschmerz die häufigsten fortbestehenden Symptome nach vier Monaten sind.

Patientinnen und Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt werden mussten, hatten diese Symptome häufiger. Patientinnen und Patienten mit schwerer und kritischer COVID-19-Erkrankung könnten zudem „post-intensive care Syndrome“ entwickeln. Das bedeutete eine Reihe von Beschwerden wie physikalische Dekonditionierung sowie kognitive und mentale Beeinträchtigungen.

Rund ein Drittel der ambulant betreuten Patientinnen und Patienten berichteten, dass sie zwei bis drei Wochen nach der Testung noch nicht wieder in ihrem üblichen Gesundheitszustand waren. Eine Studie zeigte, dass nichthospitalsierte Patientinnen und Patieten drei Monate nach Symptombeginn bis zu einem gewissen Grad weiter auf Pflege angewiesen waren.

Nachsorge Behandlung nach akuter COVID-19 Erkrankung

Die WHO rät allen COVID-19 Patientinnen und Patienten sowie den Personen, die sie behandeln und pflegen, die Symptome aufmerksam zu beobachten. Wenn eines oder mehrere bestehen bleiben, neue auftreten oder sich die Symptome verändern, sollten die Patientinnen und Patienten medizinische Hilfe entsprechend der jeweiligen Bedürfnisse und der nationalen Behandlungspfade in Anspruch nehmen.

Bei den in Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung möglichen lebensbedrohlichen Komplikationen wie Lungenembolie, Myokardinfarkt, Herzrhytmusstörungen, Herzmuskelentzündung, Herzversagen, Schlaganfall und Enzephalitis ist unverzüglich notfallmedizinische Versorgung notwendig.

COVID-19 Patientinnen und Patienten sollten bezüglich der Risiken für diese lebensbedrohlichen Komplikationen aufgeklärt werden. Bei nicht-lebensbedrohlichen Komplikationen sollte die Nachsorge Patientenschulung, Beratung zu Selbstmanagementstrategien (beispielsweise für Atemtechniken), Unterstützung und Schulung der pflegenden Angehörigen, Beratung zur Anpassung des eigenen Zuhauses, Verschreibung von Reha-Programmen oder spezieller Behandlungen beeinhalten. (Redaktionsteam/Dr. Stefan Wolfinger)

Links zur WHO-COVID-19 Guideline:

https://www.who.int/publications/i/item/clinical-management-of-covid-19

https://apps.who.int/iris/handle/10665/338882

Michael Urschitz
Über Michael Urschitz 31 Artikel
Intensivpfleger LKH Innsbruck, Student IMC FH Krems

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