AT: COVID-19: Studien widerlegen falsche Annahmen bezüglich Vorerkrankungen und Todesursache

Eine Reihe von Studien räumt mit Fehlannahmen rund um COVID-19 auf: Patientinnen und Patienten sterben nicht an Vorerkrankungen, sondern an den Infektionsfolgen. Und: Schwere Verläufe und Todesfälle gibt es nicht nur bei Alten und Kranken.

Zum Thema COVID-19 und Vorerkrankungen gibt es falsche Vermutungen und Annahmen, die vor allem über Sozialen Medien, aber auch über verschiedene Diskussionsrunden im Fernsehen und Aussagen von Politikerinnen und Politikern, die Runde machen: Die meisten Corona-Opfer seien bereits vor der Infektion schwer krank gewesen und hätten ohnehin nicht mehr lange gelebt. Auch hätten nur Patientinnen und Patienten mit Vorerkrankungen das Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19.

Diesen Vermutungen widerspricht ÖGARI-president elect Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder entschieden: „Bestimmte Vorerkrankungen und vor allem das Alter erhöhen zwar das Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung. Wenn aber COVID-19-Patientinnen und -Patienten sterben, dann zumeist an den Folgen von COVID-19 und nicht an ihren Vorerkrankungen.“

Prof. Hasibeder warnt zudem: „Auch bei jüngeren Personen und bei Menschen ohne Vorerkrankung kann die Krankheit einen schweren Verlauf nehmen und tödlich enden.“

Eine Rolle für die Prognose bei „Vorerkrankung plus COVID-19“ spielt die Funktionalität, das heißt die Fähigkeit körperlich und psychisch die Anforderungen des täglichen Lebens selbstständig zu meistern. „Ist die Funktionalität stark eingeschränkt, verschlechtert sich die die Prognose einer schweren COVID-19-Erkrankung “, sagt Prof. Hasibeder. Das Vorhandensein von Vorerkrankungen bedeutet aber nicht automatisch Einschränkungen der Leistungsfähigkeit. Viele unserer Patientinnen und Patienten leiden an typischen Zivilisationserkrankungen wie z.B. Diabetes, Bluthochdruck oder einer Herzkranzgefäßerkrankung. Sie sind medikamentös gut eingestellt und meistern ihr tägliches Leben hervorragend. Die meisten betreiben Sport und verrichten körperlich fordernde Arbeiten im eigenen Haus und Garten.  „Der Großteil der Patientinnen und Patienten, die während der ersten Pandemiephase an unserer Intensivstation aufgenommen wurden, litt an typischen Zivilisationskrankheiten. Die Meisten waren, trotz ihres Alters (Median: 72 Jahre) und ihrer Vorerkrankungen, vor Ausbruch ihrer COVID-19 Erkrankung körperlich und geistig fit. Besonders erwähnenswert erscheint mir die Tatsache, dass ausgerechnet die beiden jüngsten Patienten, 30 Jahre und 40 Jahre alt, die schwersten Formen eines Lungenversagens entwickelten und an eine künstliche Lunge angeschlossen werden mussten.“

„Persönlich ärgern mich Aussagen in den Medien, die ältere vorerkrankte Personen mit COVID-19, als Menschen darstellen, die ohnehin nur mehr eine sehr begrenzte Lebenserwartung hätten! Ich finde derartige Aussagen, auch wenn sie meistens sehr subtil kommuniziert werden, menschenverachtend und einer Solidargemeinschaft unwürdig!“

Auswertung in Italien, Deutschland und USA belegen: Für die meisten Patienten ist COVID-19 die Todesursache

Eine Auswertung von 154 klinischen Obduktionen an 68 deutschen pathologischen Instituten belegt, dass bei 86 Prozent der verstorbenen COVID-19-Patientinnen und Patienten in Deutschland COVID-19 die wesentliche oder alleinige Todesursache war.

Eine Analyse der obersten italienischen Gesundheitsbehörde ISS und dem Nationalen Institut für Statistik Istat, kam zum Schluss, dass 89 Prozent der offiziellen COVID-19-Opfer in Italien direkt an den Auswirkungen des SARS-CoV-2-Virus gestorben sind. Nur die übrigen elf Prozent waren zwar infiziert, sind aber an anderen Erkrankungen gestorben, beispielsweise an Herzerkrankungen, Krebs, Diabetes oder Demenz. Zwar hätten zahlreiche COVID-19-Patientinnen und Patienten Vorerkrankungen gehabt, ein nicht unerheblicher Teil war jedoch vor der Infektion gesund.

Ein Bericht des US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) zeigt, dass 94 Prozent der COVID-19-Toten in den USA mindestens eine Vorerkrankung hatten. Nur bei sechs Prozent wurden keinerlei Vorerkrankungen berichtet. „Das bedeutet aber nicht, dass nur diese sechs Prozent an der Infektion selbst gestorben sind“, stellt Prof. Hasibeder klar. „Man kann daraus nicht rückschließen, wie viele Patientinnen und Patienten an und nicht nur mit COVID-19 verstorben sind. Tatsächlich liegt in den USA der Anteil der Todesfälle die ausschließlich an den Folgen der COVID-19-Erkrankung verstorben sind, bei durchschnittlich 92 Prozent.“

Deutsche Beobachtungsstudie zu Vorerkrankungen und Sterberisiko

Eine deutsche Beobachtungsstudie mit über 10.000 COVID-19-Patientinnen und -Patienten untersuchte auch die Bedeutung von Vorerkrankungen für den Verlauf und das Sterberisiko. Sie kam zum Ergebnis, dass bei einem Großteil der im Krankenhaus behandelten COVID-19-Patienten Vorerkrankungen vorlagen. Und zwar: Bluthochdruck (56 Prozent), Herz-Rhythmus-Störungen (27 Prozent), Nierenversagen (23 Prozent), Herzschwäche (20 Prozent), Lungenkrankheit COPD (14 Prozent) oder Fettleibigkeit (sechs Prozent). COVID-19-Patienten, die beatmet werden mussten, hatten mehr Vorerkrankungen als diejenigen, bei denen keine Beatmung nötig war.

Zwar lag das durchschnittliche Alter der untersuchten Patientinnen und -Patienten bei 72 Jahren. Aber immerhin waren 24 Prozent der Erkrankten nur zwischen 18 und 59 Jahre alt. Der Anteil der über 80 Jährigen betrug 23 Prozent.

„Auch diese Untersuchung belegt, dass Vorerkrankungen und ein höheres Alter zwar das Sterberisiko erhöhen, dass aber keineswegs nur Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen an COVID-19 sterben“, resümiert Prof. Hasibeder.

Quellen:
Klinische Obduktion bei COVID-19-Erkrankung: Erkenntnisse für Therapie und zur Todesursache durch eine unverzichtbare Methode und Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage
https://www.pathologie.de/fileadmin/user_upload/Aktuelles/corona/Pressemappe_PK_20.08.2020.pdf
Rizzo M, Foresti L, Montano N: Comparison of Reported Deaths From COVID-19 and Increase in Total Mortality in Italy. JAMA Intern Med. 2020;180(9):1250-1252
https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2768649
CDC Centers for Disease Control and Prevention
https://archive.is/htVIu#Comorbidities
Karagiannidis C, Mostert C, Hentschker C et al: Case characteristics, resource use, and outcomes of 10021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study. Lancet 8 (9) September 01 2020: 853-862
https://www.thelancet.com/journals/lanres/article/PIIS2213-2600(20)30316-7/fulltext#%20

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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