AT: COVID-19: Stärkere Berücksichtigung der Österreichischen Gesundheitsziele rückt Kinder und Jugendliche besonders in den Fokus

(C) Crocothery

Forderungen der Österreichischen Gesellschaft für Kinderschutz Medizin (ÖGKiM) und des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin (IERM) der Universität Wien

Wien (OTS) – „Jeder Tag in der Schule ist ein gewonnener Tag! Lieber mit Maske als allein daheim!“

Die COVID-19-Pandemie ist eine komplexe Herausforderung für uns alle. Die Akutbehandlung schwer Erkrankter sowie Auswirkungen auf Gesundheitswesen, Wirtschaft, Kultur und den Alltag wurden seit Beginn des ersten Lockdowns in den Medien und der Gesellschaft stark thematisiert. Die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit und die Entwicklung unserer Kinder und Jugendlichen haben hingegen bisher wenig Beachtung gefunden. Wir fordern daher einen stärkeren Fokus auf die junge Generation und ein Offenhalten der Schulen während des zweiten Lockdowns.

Eine Fokussierung auf die Gesundheitsziele sollte in den Vordergrund gestellt werden, um konsequent Maßnahmen zu ergreifen, die diese Ziele auch in Zeiten von COVID-19 berücksichtigen. Österreich hat sich 2012 zehn nationale Gesundheitsziele verordnet. Oberste Priorität ist dabei die Verbesserung der Gesundheit aller in Österreich lebenden Menschen, unabhängig von Bildungsstatus, Einkommenssituation oder Lebensumständen. Als Konsequenz davon soll vor allem die Zahl der gesund erlebten Lebensjahre erhöht werden. Die akut notwendigen Reaktionen auf COVID-19 müssen gleichzeitig auch diese Ziele berücksichtigen, um langfristig positiv zu wirken.

Die Maßnahmen im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie sollten auf ihre Auswirkungen hinsichtlich Erreichung der nationalen Gesundheitsziele untersucht werden. Vor allem die nachfolgend genannten Gesundheitsziele dürfen – auch im Hinblick auf unsere Kinder und Jugendlichen – nicht aus den Augen verloren gehen:

  • Gesundheitsziel 2: Sicherstellung einer gesundheitlichen Chancengerechtigkeit für alle Menschen in Österreich
  • Gesundheitsziel 5: Durch sozialen Zusammenhalt die Gesundheit stärken
  • Gesundheitsziel 6: Gesundes Aufwachsen für Kinder und Jugendliche bestmöglich gestalten
  • Gesundheitsziel 9: Psychosoziale Gesundheit fördern

Gesundheitsziel 2 fordert die Sicherstellung einer gesundheitlichen Chancengerechtigkeit für alle Menschen in Österreich. Wer in Österreich lebt, soll gerechte Chancen haben, gesund zu bleiben oder gesund zu werden – unabhängig von Herkunft, Wohnumgebung oder Geschlecht. Damit dies gelingt, sollen insbesondere auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen gestärkt werden.

Bildung hat neben Sozialstatus und Einkommen großen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen: Deshalb gilt es auch hier anzusetzen und für faire Ausgangsbedingungen zu sorgen. Das Gesundheits- und Sozialsystem ist so zu gestalten, dass alle Menschen gleichermaßen Zugang dazu haben und die besonderen Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen berücksichtigt werden.

Ein international anerkannter Abschluss einer höheren Schule oder einer Fachausbildung ist eines der wichtigsten Ziele für die sichere Zukunft eines Landes und für unsere Kinder und Jugendlichen. Dies wurde von Seiten der Politik klar erkannt und es galt somit die Schulen auch in der aktuellen COVID-19-Krise offen zu halten.

Die Schule bietet einen strukturierten Tagesablauf, man tauscht sich fachlich aus und erarbeitet gemeinsam Probleme, Fragen, Themen. Die Schule verhindert, dass man die Kontrolle über den eigenen Tag verliert, in Isolation gerät und dem Schulstoff nicht mehr folgen kann.

Jeder Tag in der Schule ist ein gewonnener Tag! Lieber mit Maske in der Schule als allein daheim!

Es braucht auch während der COVID-19-Pandemie keine Schulschließungen, wenn die Schutzmaßnahmen streng eingehalten werden, insbesondere von den Jugendlichen kann man verlangen dies zu berücksichtigen. Dies betrifft konkret ein durchgehendes Tragen von MNS Masken, auch in der Klasse. Zudem gelingt es sicher in vielen Klassen auch die Schultische möglichst weit auseinanderzustellen und bei Reihen darauf zu achten, dass zwischen den Schülerinnen und Schülern der >1 m Abstand besteht. Der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer sind die Kinder und Jugendlichen vertraut, sie können auch entscheiden, welche Kinder sowieso eng befreundet sind und darauf achten, dass diese 2 oder 3 möglichst zusammensitzen und andere getrennt sind. In den Klassen sollte es die Möglichkeit zum Händewaschen oder Händedesinfizieren geben, dies sollte mehrmals täglich erfolgen. Zwischen den Unterrichtsstunden ist zu lüften. Kontaktsport und Sport in der Halle sind verboten, ebenso im Musikunterricht das Singen. Alles Maßnahmen, die uns bereits geläufig und gut umsetzbar sind. So kann der Unterricht gelingen.

Selbstverständlich ist, dass kranke Kinder und Jugendliche daheimbleiben müssen. Infekte treten jetzt wie jeden Herbst / Winter vermehrt auf. Husten, Fieber, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Heiserkeit, Atemproblemen, Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall etc. und auch Geruchs- und Geschmacksproblemen sind grippale Symptome, weshalb man daheim zu bleiben hat. Wenn man 48 Stunden fieberfrei (ohne Medikamenteneinnahme) ist bzw. für 24 Stunden keine Symptome mehr hat, dann ist man gesund und kann wieder in die Schule gehen.

Voranzustellen ist, dass die Auswirkungen des COVID-19 bedingten Lockdowns zum heutigen Zeitpunkt noch nicht fundiert und mit den, für unsere Gesellschaft wichtigen, statistischen Zahlen abgesichert werden können. Jedoch lässt sich aus der täglichen Arbeit im klinischen Kinder- und Jugendbereich bereits einiges ableiten, auch ohne statistisch vorzuweisender Signifikanz.

Blitzlichter daraus sind:

  • Belastung der Kinder und Jugendlichen ob der schulischen oftmals nicht klar kommunizierten Situation bzgl. Mund-Nasen-Schutz, Abstand halten, Stattfinden des Schulunterrichts etc.
  • Übermäßige Sorgen und Ängste, die sowohl in Form von Aggression und Verweigerung als auch gedrückter, depressiver Verstimmung ausgedrückt werden
  • Sorge um den Verlust von sozialen Kontakten und dem Dazugehören zu einer Gruppe etc.
  • Unsicherheit, Ärger über eingeschränkte Ausbildungsmöglichkeiten, erschwerten Zugang zu Fachschulen und Universitäten, reduzierte Erreichbarkeit von Lehrenden
  • Zukunftsängste bis hin zur Verzweiflung und Perspektivlosigkeit
  • Zunahme häuslicher Gewalt

Die Liste ist lang und deckt sich oftmals mit den Sorgen der Eltern, was psychologisch gesehen zu erwarten ist. Daher der Appell an die Entscheidungsträger, die Sicht der Kinder und Jugendlichen nicht zu vergessen, da sie diejenige Bevölkerungsgruppe sind, die auf soziale Kontakte angewiesen ist, um für ihr weiteres Leben von uns Erwachsenen zu lernen. Auch sind sie diejenigen, die ökonomisch gesehen, in der Zukunft vermutlich am längsten von den derzeit gesetzten Maßnahmen betroffen sein werden.

Jugendliche, die sich erproben, die ihre Grenzen ausloten und in vielen Bereichen Erfahrungen sammeln müssen, benötigen auch in dieser Krise ein Gehör für ihre entwicklungsbedingten Bedürfnisse und das Aufzeigen von wirtschaftlichen und sozialen Perspektiven.

Als Erwachsene ist es unsere Aufgabe, ihnen Selbstverantwortung zu ermöglichen und entsprechend zu vermitteln. Dazu müssen wir diese aber selbst gut beherrschen – da darf sich jeder selbst an der Nase und sein Verhalten unter die Lupe nehmen.

Um die COVID-19-Krise erfolgreich zu meistern, braucht es eine sorgfältige Interessensabwägung und eine Risikoanalyse. Für das Gewährleisten des Wohls aller Bürgerinnen und Bürger wird es notwendig sein, unter Einbeziehung aller Gesundheitsaspekte – nicht nur von COVID-19 – einen ganzheitlichen Ansatz zu finden. Auch gilt es dabei ein soziales Ungleichgewicht durch Distance Learning bei Kindern aus prekären familiären Situationen nicht zu fördern.

Es soll keine politische Triage zulasten der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stattfinden.

Wir appellieren daher an die politischen Entscheidungsträger, die psychische und physische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen nicht zu vergessen und daher die Kindergärten, Schulen und sonstige Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche offen zu halten.

Wien, am 10.11.2020

Das Präsidium der Österreichischen Gesellschaft für Kinderschutz Medizin (ÖGKiM)
Der Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin (IERM) der Universität Wien

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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