AT: Caritas: Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen ist nicht verhandelbar

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Generalsekretärin Parr: Es braucht bundeseinheitliches Modell der Persönlichen Assistenz

Wien (OTS) – Es gäbe nach wie vor Bereiche, in welchen Menschen mit Behinderungen diskriminiert werden, sagt Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich anlässlich des europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen: „Leider ist es für viele Menschen mit Behinderungen noch immer nicht selbstverständlich, jedem Berufswunsch nachgehen zu können und zu wählen wie, wo und mit wem man wohnen möchte. Auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung wird schlichtweg nicht ausreichend geschaut: Das wurde im Rahmen der Pandemiebedingungen umso sichtbarer. Menschen mit Behinderungen waren verstärkt von Isolation bedroht. Und ihre Anliegen und die ihrer Angehörigen wurden oftmals übersehen.“

Persönliche Assistenz: Eine Vorreiterrolle Österreichs ist möglich

Die Persönliche Assistenz spielt eine Schlüsselrolle bei der Inklusion und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung, doch in der Praxis weist sie erhebliche Probleme auf. Ob und unter welchen Bedingungen ein Mensch mit Behinderung Persönliche Assistenz jenseits der strikten Arbeit in Anspruch nehmen kann, hängt noch immer vom Wohnort ab und führt zu einer massiven Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderungen in Österreich. Die Caritas setzt sich daher für ein bundeseinheitliches Modell der Persönlichen Assistenz ein, so Parr: „Persönliche Assistenz ist eine wichtige Ergänzung zum Pflegegeld, die Menschen mit Behinderungen ermöglicht, ihr Leben selbstbestimmter und unabhängiger zu gestalten. Der Anspruch darauf kann nicht vom Wohnsitz abhängig sein. Alle Menschen mit Behinderung sollen einen Rechtsanspruch auf einkommensunabhängige, niederschwellige und gleichwertige Leistungen in ganz Österreich haben, unabhängig vom Wohnort.“

Die Festlegung bundeseinheitlicher Rahmenbedingungen zur Persönlichen Assistenz findet sich auch im aktuellen Regierungsprogramm wieder, und auch die LandessozialreferentInnen haben dies kürzlich erneut bekräftigt. Ebenso gibt es deutliche Vorschläge von der Interessensvertretung von Menschen mit Behinderungen, wie ein bundeseinheitliches Assistenzmodell Eingang in den Nationalen Aktionsplan Behinderung 2022-2030 finden kann. Parr: „Was es jetzt für Menschen mit Behinderungen braucht sind konkrete, mutige Schritte und auch nicht mehr länger damit zuzuwarten, gemeinsam mit Bund, Ländern und allen Stakeholdern an einem neuen, umfassenden Assistenz-Modell zu arbeiten.“

Aus der Praxiserfahrung heraus muss bei der Neugestaltung berücksichtigt werden, dass die Persönliche Assistenz künftig Menschen mit allen Behinderungsformen zur Verfügung stehen muss. Denn viele Zielgruppen sind derzeit gar nicht berücksichtigt, wie beispielsweise Menschen mit psychischen Behinderungen, alleinerziehende Eltern mit Behinderungen, Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen, Personen mit chronisch wiederkehrenden Beeinträchtigungen sowie Menschen mit Lernschwierigkeiten. Zudem sollte in einem neuen System auch die derzeit willkürliche Aufteilung der Persönlichen Assistenz in Bundes- bzw. Länderkompetenzen für die Bereiche Arbeit und Freizeit beendet werden.

Abschließend sagt die Generalsekretärin: „Menschen mit Behinderungen begegnen im täglichen Leben vielen Hindernissen. Wir sollten uns alle dafür einsetzen, nicht zusätzliche Barrieren aufzubauen, sondern diese möglichst schnell abzubauen um Menschen mit Behinderung ein Leben mitten in der Gesellschaft zu ermöglichen. Die österreichweit einheitliche und an klaren Kriterien orientierte Verfügbarkeit von Persönlicher Assistenz für Menschen unterschiedlicher Behinderungen ist ein Schritt in diese Richtung. Eine inklusive Haltung in unserer Gesellschaft ist aber erst dann gelungen, wenn es keinen europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen mehr braucht. Es liegt an uns allen, alle Menschen als Teil unserer Gesellschaft anzunehmen – unabhängig von Herkunft, Behinderung, sexueller Orientierung oder Alter. Als Gesellschaft profitieren wir von der Vielfalt jedes Einzelnen.“

Markus Golla
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Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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