AT: Belastet, Hilfslos, Allein gelassen

Umfrage zur Situation von pflegenden Angehörigen armutsbetroffener Menschen mit Demenz in der Corona-Krise

(C) Volkshilfe

Zusammenfassung/key

  • Fast Dreiviertel (72 Prozent) aller befragten pflegenden Angehörigen von an Demenz erkrankten Menschen geben an, dass sich die Corona- Krise auf ihre Pflege- und Betreuungssituation ausgewirkt hatte

  • 77 Prozent der Befragten mussten den Familienalltag umstellen

  • 78 Prozent der pflegenden Angehörigen wurden zeitlich zusätzlich in Anspruch genommen und mussten mehr Stunden für die Pflege und Betreuung aufwenden

  • 44 Prozent der Befragten gaben an, dass sie während der ersten Welle der Ausgangssperren auf die Unterstützung durch andere Familienmitglieder verzichtet haben

  • 2/3 der Befragten (66 Prozent) der Befragten pflegenden Angehörigen von Demenzerkrankten gaben an, sich während der Corona-Krise oft (31 Prozent) oder zumindest hin und wieder (35 Prozent) überfordert gefühlt zu haben

  • Von jenen, die eine 24-Stunden-PersonenbetreuerIn eingestellt haben, erlebten 65 Prozent jene Situation, als die Grenzen geschlossen wurden als sehr belastend (28 von 43 Personen)

Pflege- und Betreuungssituation vor Corona
Von den 100 Befragten benötigten vor der Corona-Krise 41 Prozent rund um die Uhr – Betreuung – das ist die größte Gruppe in der Befragung. In 14 Prozent aller Fälle werden mehr als 8 Stunden Pflege und Betreuung pro Tag geleistet (aber nicht rund um die Uhr), in 16 Prozent üben die Angehörigen 4 bis 8 Stunden Betreuung pro Tag aus. Betreuungsaufwand vor der Corona-Krise pro Tag (n=100)

Schon vor der Corona-Krise waren pflegende Angehörige belastet – 54 Prozent schätzen ihre Lebensqualität vor der Corona-Krise als „mittel“ ein, 13 Prozent sagen, sie war bereits zu vor „niedrig“, ein Drittel der Befragten gab an, vor der Krise eine „hohe“ Lebensqualität gehabt zu haben (33 Prozent).

Pflege und Betreuung während der Corona-Krise
Die Corona-Krise wirkte sich stark auf das Leben von pflegenden Angehörigen und die Personen mit Pflegebedarf aus. Insgesamt gaben 77 Prozent spürbare Auswirkungen an. 50 Prozent der Befragten sagten, dass die Corona-Krise ihre Pflegesituation stark, 22 Prozent ein wenig beeinflusst hatte. Lediglich 14 Prozent gaben an, gar nicht von der Corona-Krise in der Pflegesituation betroffen gewesen zu sein, 14 Prozent konnten kaum Einfluss wahrnehmen.

43 Prozent der Befragten haben eine 24-Stunden-Personenbetreung in Anspruch genommen. Von diesen haben 65 Prozent jene Situation, als die 24-Stunden- PersonenbetreuerInnen nicht mehr nach Österreich kommen konnten, als sehr belastend erlebt (28 von 43 Personen).
Belastung durch die Grenzschließungen im Kontext der 24-Stunden-Betreuung (n=43)

Fehlende Unterstützung
Einige Pflegende Angehörige verfügen über ein soziales Netz, das in unterschiedlichem Ausmaß Unterstützung leistet. Gerade dieses Netz wurde durch die Corona-Krise löchrig. Denn: Viele Unterstützungs- und Entlastungsmöglichkeiten konnten nicht mehr in Anspruch genommen werden – darunter verschiedene Therapie- und Trainingsangebote, die den Verlauf der Demenzerkrankung positiv beeinflussen können. Konkret konnte in 32 Fällen, eine Musik, Physio-, Psycho- und/oder Ergotherapie-Stunde nicht wie gewohnt besucht werden.

15 Prozent der Befragten haben ihre Angehörigen nicht, wie üblich, in ein Tageszentrum bringen können. Besonders eklatant ist aber, dass 44 Prozent der Befragten angeben, dass die Unterstützung durch andere Familienmitglieder ausgeblieben ist und 20 Prozent keine Unterstützung aus dem sozialen Umfeld mehr erhalten haben – zumeist auf Grund der Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19.

Professionelle mobile Pflegedienste haben 16 Prozent nicht mehr in Anspruch genommen, rund jedeR fünfte hat auf die Unterstützung durch eine Heimhilfe/Pflegeassistenz verzichtet. Die 24-Stunden- Personenbetreuung wurde von 5 Prozent nicht weiter in Anspruch genommen. Ein Viertel der Befragten hat alle Unterstützungsangebote weiterhin in Anspruch genommen, das betrifft vor allem die Hilfe durch das familiäre Umfeld.

Wie geht es pflegenden Angehörigen?
Durch die fehlende Hilfe im Pflegealltag ergaben sich massive Auswirkungen und Belastungen für die pflegenden Angehörigen: 2/3 der Befragten (66 Prozent) der Befragten pflegenden Angehörigen von Demenzerkrankten gaben an, sich während der Corona-Krise oft (31 Prozent) oder zumindest hin und wieder (35 Prozent) überfordert gefühlt zu haben. Gar nicht überfordert gefühlt haben sich 22 Prozent.
55 Prozent der Teilnehmenden haben sich oft (22%) oder hin und wieder (33%) hilflos gefühlt. 41 Prozent fühlten sich isoliert, mit der Pflege und Betreuung allein gelassen fühlten sich oft oder zumindest hin und wieder 59 Prozent (30 bzw. 29 Prozent).

Belastungen
Besonders belastend war für 37 Prozent der Befragten, der Umstand, immer präsent sein zu müssen. Lediglich 27 Prozent gaben an, in der Corona-Krise keine psychischen Belastungen erlebt zu haben. Genau die Hälfte der Befragten (50 Prozent) gaben an, dass die Pflege/Betreuung in der Corona-Krise körperlich anstrengender war als zu vor. 77 Prozent der Befragten mussten den Familienalltag umstellen, sogar 78 Prozent wurden zeitlich zusätzlich in Anspruch genommen und mussten mehr Stunden für die Pflege und Betreuung aufwenden. In 40 Prozent der Pflegebeziehungen traten vermehrt emotional belastende Situationen wie Konflikte oder Streitigkeiten auf. Für 50 Prozent der Angehörigen ist die Pflege und Betreuung eine finanzielle Belastung.

Veränderungen der Demenzbetroffenen
Für Menschen mit der Erkrankung Demenz ist eine strenge Tagesroutine essentiell, Veränderungen können Ängste, Stress und Unruhe erzeugen und den Verlauf der Krankheit negativ beeinflussen. Fehlende Routinen, wie etwa der Besuch im Tageszentrum gehört hier genauso dazu wie Besuche der NachbarInnen oder Therapieangebote. 40 Prozent der pflegenden Angehörigen nahmen eine Verhaltensveränderung der Demenzerkrankten Person wahr und führten dies auf die veränderte Situation zurück

Wen haben wir befragt?
Die Zielgruppe der Umfrage waren Angehörige von armutsbetroffenen Demenzerkrankten. Die Befragten waren zu 70 Prozent weiblich, 27 Prozent von ihnen waren bereits in Pension, 51 Prozent sind entweder vollzeit- oder teilzeit erwerbstätig, 14 Prozent sind erwerbsarbeitslos oder in Kurzarbeit. Der überwiegende Teil der Befragten (53 Prozent) war zwischen 50 und 59 Jahre alt, 18 Prozent über 60 Jahre und 13 Prozent der befragten pflegenden Angehörigen sind über 70 Jahre alt. 40 Prozent der Angehörigen, die an der Umfrage teilgenommen haben, kamen aus Oberösterreich, 31 Prozent aus der Steiermark. Dies ergibt sich aus dem Datensatz der Anträge des Fonds Demenzhilfe. 16 Prozent der Angehörigen gaben an, dass sie ihre Erwerbstätigkeit verändern mussten um mehr Zeit für die Betreuung/Pflege aufwenden zu können.

Wer wird betreut?
Zwei Drittel unserer Befragten sind an der Pflege und Betreuung ihrer Eltern involviert, 48 Prozent aller Befragten betreuen die Mutter, 18 Prozent den Vater, 7 Prozent die Partnerin und 12 Prozent den Partner. 10 Prozent der Befragten betreuen die Schwiegereltern.

Die an Demenz erkrankten Angehörigen unserer Befragten sind zu 67 Prozent weiblich und zu 66 Prozent über 80 Jahre alt, 28 Prozent der Personen betreuen eine Person zwischen 70 und 79 Jahren. Die Demenz ist nach Einschätzung der befragten Angehörigen bei 41 Prozent der Angehörigen in einem schweren Stadium – diese Personen sind vollkommen unselbstständig. Bei 52 Prozent der Angehörigen der Befragten liegt eine mittelschwere Demenzerkrankung vor. Ein Viertel der Betroffenen hat die Pflegestufe 1-3, 31 Prozent die Pflegestufe 4, 44 Prozent der Personen betreuen eine Person mit der Pflegestufe 5, 6 oder 7.

Basisdaten
100 abgeschlossene Gespräche (n=100) im Zeitraum vom 25. Mai bis zum 3. August; durchgeführt von Mitarbeiterinnen der Volkshilfe Österreich; Kontakdaten aus den positiv bearbeiteten Anträgen des Fonds Demenzhilfe Österreich aus den Jahren 2019 und 2020.

Markus Golla
Über Markus Golla 7707 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Lehrer für Gesundheit- und Krankenpflege (Studium Umit/Wien)

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