AT: Bedarf stark steigend: #visible unterstützt Kinder psychisch erkrankter Eltern

(C) Tomsickova

Jedes sechste Kind in Österreich lebt mit einem psychisch erkrankten Elternteil.[1] In Zeiten der Pandemie, deren negative Auswirkungen gerade junge Menschen massiv belasten, rückt das Projekt #visible dieses Tabuthema ins Rampenlicht und spannt ein weitverzweigtes Netzwerk an Unterstützungsangeboten für Kinder psychisch erkrankter Eltern. Dazu zählen unter anderem Onlineberatung, erlebnispädagogische Aktivitäten und der Ausbau regionaler Anlaufstellen. In diesem Bereich wurde eine Steigerung des Beratungsbedarfs um 25 Prozent verzeichnet.[2] Rund 200 junge Menschen und ihre Familiensysteme haben in den vergangenen Monaten bisher von den Beratungsleistungen des Projekts #visible online oder vor Ort profitiert.

„Wir freuen uns, dass #visible so gut angelaufen ist und am Höhepunkt der Corona-Krise in zahlreichen Familien für Entlastung und Unterstützung sorgen konnte. Corona geht, die psychische Erkrankung der Eltern bleibt. Daher ist nun wichtig, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen, um möglichst vielen Betroffenen die Scheu zu nehmen, bei uns Hilfe zu suchen“, sagt Birgit Blochberger, Projektleiterin von #visible.

„In meiner Kindheit und Jugendzeit hätte ich mir ein Projekt wie #visible gewünscht. Ich dachte lange, dass ich die Einzige wäre, die sich ganz allein mit solchen Sorgen herumschlagen muss. #visible eröffnet nicht nur neue Perspektiven in Form von professioneller Beratung, sondern macht auch deutlich, dass man als Kind psychisch erkrankter Eltern nicht allein ist und nicht allein gelassen wird“, erzählt eine junge Erwachsene, die aus Rücksicht auf ihre psychisch erkrankte Mutter anonym bleiben möchte.

Covid-19-Nachwehen

Krisenhafte Situationen in psychisch belasteten Familien spitzen sich seit Beginn der Pandemie kontinuierlich zu. Trotz einer stufenweisen Lockerung der Corona-Beschränkungen bleibt die Lage nach wie vor höchst angespannt. Viele während der Lockdowns unterdrückte Probleme brechen erst jetzt auf, erklären die Berater:innen des Projekts #visible. Dementsprechend häufig sind auch die Belastungen durch Covid-19, wie etwa der Wegfall von Sozialkontakten oder die Begrenzung des Lebens auf die eigenen vier Wände, Gegenstand der Gespräche.

Betroffene berichten

Im Rahmen einer österreichweiten Sensibilisierungskampagne brechen Betroffene oft erstmals das Tabu und zeigen ganz spezielle Herausforderungen und Schwierigkeiten auf, die mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen der Eltern verbunden sind. Sie veröffentlichen ihre persönlichen Erfahrungen in Blogform auf der Website visible.co.at oder geben Interviews für das brandneue Podcast-Format des Projekts #visible (anchor.fm/visible). Mit ihren Beiträgen möchten sie jungen Menschen Mut machen, die in einer ähnlichen Situation aufwachsen. Ebenso liefern die Blogartikel und Interviews all jenen wichtige Informationen, die mit jungen Menschen arbeiten.

#visible wirkt

Mit der Webplattform visible.co.at bietet das Projekt Onlineberatung und umfassende Informationen zum Thema. Von Montag bis Freitag können sich Kinder psychisch erkrankter Eltern (sowie ihr Angehörigensystem) beraten lassen. Insbesondere betroffene Jugendliche und junge Erwachsene sollen so entlastet und unterstützt werden. Mit dem Ausbau regionaler Beratungsstellen und der Entwicklung neuer Unterstützungsformate in bislang unterversorgten Gebieten schafft #visible eine weitreichende Serviceinfrastruktur für psychisch belastete Familien. Eigens konzipierte Ferienaktionen und Freizeitaktivitäten ermöglichen Kindern oder Jugendlichen einerseits eine ressourcenstärkende Auszeit vom Alltag und fördern soziale Interaktionen unter Gleichbetroffenen. Andererseits sorgen sie für eine Entlastung des Elternsystems – speziell im Fall von Alleinerzieher:innen. Eine Reihe von Fortbildungsformaten für die Fachöffentlichkeit setzt wesentliche Impulse im Bereich der Prävention von Problemen betreuter Kinder und Jugendlicher.


[1] Hochrechnung anhand internationaler Studien

[2] Lt. Dokumentation von pro mente OÖ

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)