AT: Alkoholsucht und psychische Erkrankungen: Wege aus der Abwärtsspirale

(C) Jacqueline Godany

Wien (OTS) – Zwei von drei Alkoholsüchtigen leiden an Depressionen, Angststörungen oder Burnout. Oft wird aber nur das eine oder andere Problem behandelt, das senkt die Chancen auf Heilung und steigert zudem das Risiko für eine Medikamentensucht. Das Anton Proksch Institut unterstützt Menschen dabei, ihren Weg (zurück) in ein gelungenes Leben zu finden.

Menschen, die an Depressionen, Angstzuständen oder Burnout leiden, greifen häufig zu Alkohol. Gleichzeitig löst Alkohol in größeren Mengen Depressionen erst aus. Eine Abwärtsspirale beginnt. Wie diese durchbrochen werden kann, darüber informierte Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts, am Donnerstag bei einem Pressegespräch. Es fand anlässlich der „Dialogwoche Alkohol“ statt, einer Initiative der Arge Suchtvorbeugung, die die Frage stellt: Wie viel ist zu viel?

Alkohol sei das „am häufigsten eingesetzte Psychopharmakon“, sagte Prof. Musalek, der Österreichs größte stationäre Einrichtung für Suchtkranke seit 2004 leitet. Etwa 70 Prozent jener Patientinnen und Patienten, die wegen Alkoholsucht behandelt werden, leiden auch an Depressionen oder Angststörungen.

Vermeintlicher Helfer Alkohol
Für depressive Menschen fungiert Alkohol oft als Spannungs- und Angstlöser, er kann sogar als euphorisierend empfunden werden. Alkohol wirkt aber höchstens kurzfristig, mittel- und langfristig verschlimmert er das der Sucht zu Grunde liegende Problem. Aufgrund seiner depressiogenen Eigenschaften verstärkt er depressive Zustände. Auch Patientinnen und Patienten, die am Beginn eines Burnouts stehen, nehmen Alkohol zuerst als vermeintlichen Helfer wahr, letztlich verstärkt er aber das Überlastungssyndrom.

Hinzu kommt die soziale Komponente, so Prof. Musalek: „Viele Menschen trinken, um dazuzugehören. Bei uns in Österreich ist Alkoholkonsum Teil des Alltags, das Problembewusstsein ist sehr gering. Der Sprung von einer hohen Alkohol-Dosis zur Sucht wird vor allem von Menschen vollzogen, die besonders sensibel sind, eben weil sie an Depressionen und Angststörungen leiden.“

Wechselwirkungen mit Antidepressiva
Führt die psychische Erkrankung zur Sucht oder die Sucht zur psychischen Erkrankung? Diese Frage lässt sich oft nicht ganz eindeutig beantworten. „Sie ist aber letztlich unerheblich“, betonte Prof. Musalek, „denn beides muss behandelt werden. Sonst sinkt einerseits die Chance auf Heilung, während gleichzeitig die Gefahr steigt, dass die Patientinnen und Patienten zu anderen potenziellen Suchtmitteln fliehen, nämlich zu Medikamenten.“ Insbesondere Schmerzmittel, Tranquilizer oder Schlafmittel weisen ein hohes Suchtpotenzial auf.

Dass Menschen, die an Depressionen leiden, im Rahmen der Diagnose oder Therapie auf ihren Alkoholkonsum angesprochen werden, sei aber leider nicht die Regel, sagte Prof. Musalek: „Alkohol wird bei der Diagnose oft nur thematisiert, wenn das Problem ganz offensichtlich ist. Er kann allerdings eine Reihe von Wechselwirkungen hervorrufen, etwa indem er Antidepressiva wirkungslos macht. Da wird dann oft eher ein anderes Medikament verschrieben, als herauszufinden, warum ein Mittel wirkungslos geblieben ist.“ Eine Alkoholabstinenz ist also für die Betroffenen unabdingbar.

Fokus auf die Ressourcen der Menschen
Das Anton Proksch Institut richtet bei der Therapie den Fokus auf die gesunden Anteile, die jedem Menschen innewohnen – sei er auch noch so (psychisch) krank. Prof. Musalek: „Jeder Mensch hat Schwächen, aber auch Stärken. Ich sehe es als unsere therapeutische Aufgabe, die individuellen Ressourcen jedes Menschen freizulegen und zu schauen: Worin findet dieser Mensch, der vor mir sitzt, Kraft und Lebensfreude? Denn wenn Suchtkranke neue Perspektiven für ein gelungenes, erfülltes Leben finden, dann können Suchtmittel dauerhaft ihren Reiz verlieren.“

Service: Informationen zum Thema (Alkohol-)sucht
Auf der Website der „Dialogwoche Alkohol“ gibt es umfassende Informationen zu Prävention und Suchtbehandlung sowie einen Online-Test zum eigenen Konsumverhalten: www.dialogwoche-alkohol.at
Das Anton Proksch Institut informiert auf seiner Website sowie auf Facebook laufend zum Thema: www.facebook.com/antonprokschinstitut

Über das Anton Proksch Institut
Das Anton Proksch Institut in Wien-Liesing wurde 1956 eröffnet. Heute umfasst es etwa 270 Betten, behandelt werden alle gängigen Form der Sucht – Alkoholsucht, Abhängigkeit von illegalen Substanzen und Medikamenten, pathologisches Glücksspiel sowie Online-, Kauf- und Arbeitssucht. Eigentümer sind die VAMED und die Stiftung Anton Proksch-Institut Wien. Zusätzlich zur stationären Einrichtung in Liesing gibt es Ambulanzen und ambulante Suchtberatungsstellen in Wien-Wieden, Wien-Landstraße sowie in Baden, Mödling, Wr. Neustadt und Neunkirchen.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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