AT: Adipositas bedroht Gesundheitssystem und Wirtschaft

Danish Health Circle: SE René Rosager Dinesen, dänischer Botschafter in Wien, im Austausch mit ExpertInnen zu Adipositas als ernsthafter Bedrohung für Gesundheitssystem und Wirtschaft. - 1.R.v.l. Prof. Dr. Kurt Widhalm, OAIE; Dr. Johanna Brix, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft; SE René Rosager Dinesen; - 2.R.v.l. Prof. Dr. Thomas Szekeres, ÖÄK; NR-Abg. Prof. Dr. Josef Smolle, ÖVP; Vorsitzender Peter Lehner, Konferenz der Sozialversicherungsträger; Dr. Bernhard Ecker, GM Novo Nordisk

Auf Einladung des dänischen Botschafters in Wien, SE René Rosager Dinesen, diskutierte eine hochkarätige Expertenrunde aus Wirtschaft, Politik und Medizin die Herausforderungen von Adipositas und die enormen, prognostizierten Auswirkungen dieser Erkrankung auf Gesundheitsausgaben und Wirtschaft.

Von Adipositas spricht man ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30, das betrifft in Österreich mindestens 1,2 Mio. Menschen und führt unbehandelt zu schweren Folgeerkrankungen. Bereits ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht. Der Körper ist belastet und die Gesundheit gefährdet, davon betroffen ist ein Drittel der in Österreich Lebenden über 15 Jahre. Besonders alarmierend: 80% der übergewichtigen Kinder werden zu übergewichtigen Erwachsenen.

Ganzheitliches Verständnis und Akzeptanz für diese Erkrankung dringend notwendig

Stigmatisierung von Fettleibigkeit ist in den Köpfen vieler Menschen immer noch tief verankert. Dabei ist keine Berufsgruppe oder Gesellschaftsschicht ausgenommen. „Wir als medizinische Fachgesellschaft fordern, dass Adipositas von Politik und Gesellschaft in Österreich endlich als chronische Stoffwechselerkrankung anerkannt wird. Adipositas ist kein ‚Life-Style-Problem‘, sondern eine eigenständige, ernstzunehmende Erkrankung“, stellt Dr. Johanna Brix, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft, klar.

Während sich die Welt seit über zwei Jahren mit Covid-19 beschäftigt, breitet sich das Problem der krankhaften Fettleibigkeit weiter aus. Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, stellt fest: „Wir befinden uns noch mitten in der Corona-Pandemie und steuern mit Adipositas gleich auf die nächste zu. Dieses Problem müssen wir daher auf allen Ebenen aufgreifen und gegensteuern, von der Allgemeinmedizin bis hin zur Gesundheitspolitik.

Dr. Bernhard Ecker, General Manager von Novo Nordisk und Präsident der forschenden Pharmaunternehmen FOPI, sieht unterdessen großes Potenzial bei der Prävention, um zukünftige Kosten im Zusammenhang mit der Erkrankung einzudämmen: „Primär- und insbesondere auch Sekundärprävention sind wirksame Instrumente, um vor allem die teuren Folgeerkrankungen hintanzuhalten und so unser Gesundheitssystem zu schonen. Langfristig also ein Gewinn nicht nur für die Lebensqualität der Betroffenen, sondern auch für die Wirtschaft.

Großer Schaden für die Gesamtwirtschaft

Die Auswirkungen der Erkrankung sind in Österreich bereits in vielen Bereichen sichtbar geworden. Deutlich zeigt sich das etwa an der Folgeerkrankung Diabetes, die bereits jeden 10. Menschen in Österreich betrifft. Hohe Kosten entstehen aber nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch durch bedingte Arbeitsfähigkeit, Krankenstände oder frühzeitige Pensionierungen, die bei chronisch kranken Menschen gehäuft auftreten.

Dr. Thomas Czypionka, Head of IHS Health Economics and Health Policy, verweist neben Auswertungen aus der Österreichischen Gesundheitsbefragung auch auf Schätzungen der OECD: „Prognosen der OECD für Europa zeigen, dass Adipositas zwischen 2020 und 2050 das österreichische BIP im Schnitt um 2,5% reduziert. Berücksichtigt man ein steigendes Pensionsantrittsalter, ist es sogar ein Minus um bis zu 6,2%. Wir präzisieren diese Berechnungen gerade in einem laufenden Projekt.

Geplant: Nationaler Aktionsplan gegen Übergewicht, Adipositas und Essstörungen

Diesen Negativtrend gilt es zu bremsen. Bei der Herangehensweise sind sich die Diskussionspartner einig. Es braucht Entschlossenheit, Zusammenarbeit und eine nachhaltige Vorgehensweise. Prof. Dr. Josef Smolle, Abgeordneter zum Nationalrat, Parlamentsklub der ÖVP, meint dazu: „Vor allem Kinder und Jugendliche sind eine besonders vulnerable Gruppe, denen wir vorrangig ein ausgewogenes und natürliches Essverhalten nahebringen und ermöglichen müssen. Erst letzte Woche haben wir deshalb im Nationalrat beschlossen, dass es einen ‚Nationalen Aktionsplan gegen Übergewicht, Adipositas und Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen‘ braucht. Diesen gilt es dann auch entsprechend umzusetzen.

Peter Lehner, Vorsitzender der Konferenz der Sozialversicherungsträger, ergänzt: „Adipositas ist ein weltweites Gesundheitsproblem, das auch kontinuierlich in Österreich zunimmt. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gilt es auf Prävention zu setzen. Wir brauchen eine starke Gesundheitskompetenz, die früh ansetzt. Der Lebensstil wird bereits in der Kindheit und Jugend maßgeblich geprägt. Der Kindergarten und die Schule müssen eine gesunde Umgebung sein und Gesundheitskompetenz gehört ins Klassenzimmer. Nur so können wir langfristig eine Trendumkehr schaffen, eine höhere Lebensqualität und mehr gesunde Lebensjahre für den Einzelnen und eine Entlastung für das Gesundheitssystem erreichen.

Nähere Informationen zu den Auswertungen der Österreichischen Gesundheitsbefragung finden Sie in der Presseaussendung des Institut für höhere Studien (IHS).

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)