AT: 5. Mai, internationaler Hebammentag: Hebammengremium fordert Sofortmaßnahmen gegen den Hebammenmangel

(C) Ramona Heim

Rund 85.000 Kinder kommen jedes Jahr in Österreich zur Welt. Für die Betreuung der Frauen in der Schwangerschaft und bei der Geburt sowie die Betreuung von Mutter und Kind nach der Geburt sind Hebammen essenziell wichtig. Sie sind eigenverantwortlich zuständig für die leitliniengerechte Versorgung des physiologischen Verlaufs von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Leider ist die aktuelle Situation in Österreich von einem deutlich spürbaren Hebammenmangel geprägt.

Hebammen fehlen in den Kreißzimmern in den Krankenhäusern, wo Stellen, die durch Karenz oder Pensionierung frei werden, nicht nachbesetzt werden können. Hebammen fehlen in der freien Praxis, die durch einen veralteten Gesamtvertrag mit den Sozialversicherungsträgern und zu wenig Kassenstellen gekennzeichnet ist.

Gerlinde Feichtlbauer, Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums: „Der Hebammenmangel zieht sich aktuell durch das ganze Gesundheitssystem. Die Frauen spüren ihn, wenn sie während der Geburt im Krankenhaus keine Eins-zu-eins-Betreuung durch die Hebamme bekommen oder keine Hebamme für die Wochenbettbetreuung zu Hause finden können. Und wir Hebammen spüren die Auswirkungen des Hebammenmangels, wenn wir bis zu fünf Frauen gleichzeitig während der Geburt betreuen müssen oder keine Wochenbettbetreuung mehr annehmen können, weil unsere Kapazitäten erschöpft sind.“

Drei wichtige Sofortmaßnahmen gegen den Hebammenmangel

„Mehr Hebammen ausbilden, mehr Hebammen in den geburtshilflichen Abteilungen anstellen und den Gesamtvertrag so überarbeiten, dass es bessere Kassentarife und mehr Kassenstellen für Hebammen in der freien Praxis gibt. Das sind die wichtigsten drei Maßnahmen, mit denen wir den Hebammenmangel beseitigen können – im Interesse der Frauen, der Kinder und auch der Hebammen“, bringt Feichtlbauer die Forderungen der Hebammengremiums auf den Punkt.

Dem ersten Punkt, der langjährigen Forderung nach mehr Studienplätzen für Hebammen, sind die dafür zuständigen Landesregierungen in jüngster Zeit nun nachgekommen.

„Es wird in Zukunft mehr Absolvent*innen der FH Studiengänge Hebamme geben. Das ist eine gute Nachricht, als einzige Maßnahme gegen den Hebammenmangel wird das aber nicht reichen. Zusätzlich müssen die Entscheidungsträger im Gesundheitssystem sehr rasch die Stellenpläne für die Hebammenarbeit in den Krankenhäusern verbessern und die Kassenverträge für frei praktizierende Hebammen auf ein zeitgemäßes Niveau bringen, dann können wir wieder allen Frauen und ihren Kindern eine gute Hebammenversorgung garantieren“, hält Gerlinde Feichtlbauer fest.

Studienplätze
Hebammen Bachelor 2019/20 2020/21 2021/22 2022/23 2023/24

FH Burgenland 0 0 0 15 30
FH Campus Wien 92 109 117 115 132
FH Joanneum Steiermark 40 38 38 57 60
FH Krems 67 68 65 64 66
FH Kärnten 24 46 69 74 69
FH Gesundheitsberufe OÖ 63 68 76 79 81
FH Salzburg 25 25 25 51 51
FH Gesundheit Tirol 26 52 26 66 40

Summe Studienplätze 337 406 416 521 529

Eins-zu-eins-Betreuung im Kreißzimmer endlich umsetzen

Bei der Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt ist eine Hebamme für eine Gebärende da und zwar ab der aktiven Eröffnungsphase. Die Frau hat zu diesem Zeitpunkt bereits regelmäßige, intensive Wehen und der Muttermund ist schon 4 bis 6 cm offen. Die Geburt kann jetzt rasch gehen, aber auch noch bis zu 12 Stunden dauern. Die Hebamme betreut die Frau bei der Atmung während der Wehen, bei der Erleichterung der Schmerzen und sie leitet Positionen an bzw. hilft der Frau, Positionen zu finden, die den Wehenschmerz erleichtern und das Kind optimal in den Geburtskanal leiten. Sie kontrolliert laufend, dass es der Gebärenden und dem Kind gut geht und dass die Geburt komplikationsfrei verläuft.

„Wir brauchen neue Hebammen-Stellenpläne in den Kreißzimmern, die eine verlässliche Eins-zu-eins-Betreuung umsetzen. Die wissenschaftliche Studienlage empfiehlt nachdrücklich die Eins-zu-eins-Betreuung durch die Hebamme während der Geburt, weil sie erwiesenermaßen mit weniger Komplikationen und Interventionen einhergeht und zu einer größeren Zufriedenheit der Frauen führt. Allerdings sind wir von einer verlässlichen Eins-zu-eins-Betreuung in den Kreißzimmern leider weit entfernt. Ganz im Gegenteil kämpfen Hebammen mit chronischer Überlastung und personellen Engpässen, viele halten den Druck nicht aus und weichen auf Teilzeitarbeit aus. Hebammen, die ausschließlich im Krankenhaus angestellt arbeiten, werden immer weniger – dabei werden nach wie vor rund 98 Prozent aller Kinder im Krankenhaus geboren “, stellt Gerlinde Feichtlbauer fest.

Diese Situation müsse dringend in Angriff genommen werden, so lautet die Forderung des Hebammengremiums. Die Stellenpläne bzw. die dahinter stehenden Berechnungsmethoden stammten zum Teil aus den 80er Jahren. Aktuelle Empfehlungen schwanken zwischen 35 bis 50 Geburten pro Jahr, die eine Vollzeit im Kreißzimmer arbeitende Hebamme pro Jahr betreuen kann.

Hebammen nach Art der Berufsausübung und Bundesland (Stand April 2022): 
             Hebammen,     Hebammen        Hebammen,          Alle  
             nur im KH     nur frei 	   angestellt und     Hebammen
             angestellt    praktizierend   frei prakt.        

Burgenland       19              20	        32	          71
Kärnten          13              50	       114	         177
NÖ               64	         82	       302	         448
OÖ              119	         86	       258	         463
Salzburg         32	         36	       111 179
Steiermark       72	         89	       161	         322
Tirol            82	         67	       120	         269
Vorarlberg       42              38	        60	         140
Wien            144	        103	       292	         539

Österreich      587	        571	     1.450	       2.608

Neue Kassentarife und mehr Kassenstellen für Hebammen dringend notwendig

Damit alle Frauen, die das möchten, eine Hebamme für die Betreuung im Wochenbett finden können, braucht es mehr Kassenstellen, in einigen Bundesländern sogar deutlich mehr Kassenstellen. Manchmal können aber auch offene Hebammen-Kassenstellen nicht besetzt werden, weil die Kassentarife zu wenig attraktiv sind.

Feichtlbauer: „Hebammen-Betreuung im Wochenbett ist eine Leistung der Krankenkassen in Österreich, auf die die Frauen Anspruch haben. Es ist nicht einzusehen, dass es vom Wohnbezirk oder vom Bundesland abhängt, ob eine Frau eine Kassenhebamme für die Wochenbett-Betreuung finden kann oder nicht.“

Hebammen mit Kassenvertrag nach Bundesländern und Geburtenanzahl:

	                     Geborene im Jahr 2021     Hebammen mit Kassenvertrag
                             (Statistik Austria)       (ÖHG, Stand April 2022) 

Burgenland                   2.230                               6
Kärnten                      4.611                              21
NÖ                          15.218                              63
OÖ                          15.185                              50
Salzburg                     5.731                              16
Steiermark                  11.303                              31
Tirol                        7.876                              48
Vorarlberg                   4.268                               5
Wien                        19.185                              33

Österreich                  85.607                             273

Aktuelle Kassentarife:

Hausbesuch: 40 Euro + 10 Euro Strukturpauschale
Ordination: 28,50 Euro + 10 Euro Strukturpauschale
Hebammen-Beratung in der 18. – 22. SSW lt. Mutter-Kind-Pass: 50 Euro

Erbringt eine Wahlhebamme eine Hebammenleistung, für die es einen Kassentarif gibt, dann kann die Frau die Honorarnote der Wahlhebamme bei der Kasse einreichen und diese erstattet 80 Prozent des jeweiligen Kassentarifs.

Verhandlungen mit dem Dachverband der Sozialversicherungsträger laufen

Wochenbett-Betreuung durch die Hebamme wird immer wichtiger. Frauen und ihre Neugeborenen verlassen das Krankenhaus heutzutage sehr früh nach der Geburt, im Durchschnitt am zweiten Tag. Hebammen setzen mit Hausbesuchen im Wochenbett genau da an. Sie kommen in den ersten Wochen bzw. Monaten regelmäßig zur Visite. Hebammen untersuchen sowohl die Frau als auch das Neugeborene, sie kontrollieren zB die Rückbildungsprozesse, helfen beim Umgang mit dem Milcheinschuss und schauen darauf, dass sich das Neugeborene gut entwickelt, dass das Stillen bzw. Füttern gut klappt, und sie verabreichen Prophylaxen. Außerdem stehen Hebammen den Frauen für alle ihre Fragen und auch Sorgen zur Verfügung.

„Wir haben vor kurzem die Verhandlungen zum neuen Hebammen-Gesamtvertrag mit dem Dachverband der Sozialversicherungsträger wieder aufgenommen. Ich bin zuversichtlich, dass wir bis Ende des Jahres neue, zeitgemäße Kassentarife für Hebammen haben und eine neue Planstellenberechnung, die der Tatsache Rechnung trägt, dass sich Hebammenarbeit in den letzten 20 Jahren stark verändert hat. Hebammen-Visiten im Wochenbett werden immer wichtiger und sie machen Sinn – nicht nur aus medizinischer Sicht, sondern auch im Sinne der Kosteneffizienz im Gesundheitssystem.“

Seit 1991 findet jedes Jahr am 5. Mai der Internationale Hebammentag statt. Weltweit machen Hebammen an diesem Tag auf ihren Berufsstand und seine Leistungen sowie auf aktuelle Probleme aufmerksam.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)