AT: 5. Fachtagung Delir

Jagsch, Iglseder, Frühwald (v.l.n.r.) Fachtagung Delir im Haus der Ingenieure

Im Haus der Ingenieure fand am 14.2.2020 die Fachtagung Delir mit dem Schwerpunkt “best practice” statt – eine Zusammenfassung einiger der vorgestellten Projekte.

Ein Delir ist die häufigste psychische Störung bei älteren Menschen, vor allem bei der Gruppe der sehr alten Menschen mit Multimorbidität, Polypharmazie, Frailty und vorbestehender kognitiver Beeinträchtigung laut wissenschaftlicher Leitung der Veranstaltung. Thomas Frühwald, Christian Jagsch und Bernhard Iglseder befinden die kooperative Interdisziplinarität, das Erkennen des Delir-Risikos bzw. die richtige Diagnose und ein adäquates Delirmanagement für die weitere Gesundheit und Selbstständigkeit von Patient*innen für entscheidend. Im Rahmen der 5. Fachtagung Delir wurden best-practice Beispiele vorgestellt.

Thomas Frühwald betonte in seiner Begrüßung, dass das Thema Delir an Aktualität nicht verloren habe. Ein multidisziplinärer Ansatz und interdisziplinäre Zusammenarbeit im Delirmanagement sei ausschlaggebend für den Erfolg der Diagnostik und Therapie, daher freue es ihn, dass verschiedene Berufsgruppen anwesend seien. Überwiegende Anwesende waren aus der Pflege, mehrere Vertreter*innen der Ärzteschaft, einige Psychiater*innen, sowie ein paar Pharmazeut*innen und Jurist*innen. Dies spiegelte den multiprofessionellen Ansatz wieder.

Demenzfreundliches und delirsensibles Krankenhaus

Christian Jagsch, Vorstand der Abteilung der Alterspsychiartrie und Alterspsychotherapie, stellte das Projekt der KAGES „Demenzfreundliches und delirsensibles Krankenhaus“ vor. Jagsch betonte, es wäre der Wunsch der Pflegepersonen gewesen, ein Projekt dazu zu initiieren. Um Menschen mit akuter Verwirrtheit und kognitiven Beeinträchtigungen möglichst frühzeitig zu Erkennen und deren Patient*innensicherheit zu erhöhen und dadurch diese besser im Krankenhaus betreuen zu können. Die Wirkungsziele 3 und 5 der Demenzstrategie sollten erfüllt werden. Im Rahmen des Projektes sollten gezielte Maßnahmen und Interventionen gesetzt werden, sowie eine Sensibilisierung der Mitarbeiter*innen und deren Sicherheit erhöht. Eine Anpassung der Krankenanstalten zur strukturellen Adaptierung war ebenfalls angedacht. Das Projektteam umfasst 44 Mitarbeiter*innen aus 7 Berufsgruppen und zusätzlich 15 Fachexpertinnen. Für die Dauer wurden 2000 Personentage angesetzt. Jagsch betonte, dass die Bedürfnisse von Demenzpatient*innen im Krankenhaus derzeit nicht erfüllt werden könnten, denn die Strukturen würden extrem binden, was wiederum kontraproduktiv sei und oftmals fehle auch das Wissen im Umgang mit dieser Patient*innen-Gruppe. Im Rahmen des Projektes wurden Interviews mit Angehörigen durchgeführt, welche zu den Ergebnissen kamen, dass Krankenhäuser derzeit nicht auf Menschen mit Demenz eingestellt seien. Ebenso seien die Mitarbeiter*innen nicht auf Demenz sensibilisiert. Der Ablauf einer Visite sei viel zu schnell, sodass ein Arzt nicht merken würde, was wirklich mit dem Menschen mit Demenz los sei. Aus diesen Analysen wurde eine Modulmappe entwickelt, ein Infofolder und ein Pocketguide, sowie eine Weiterbildung für Pflegepersonen. Eine APP zur Begleitung für die Ärzt*innen sei ebenso in Entwicklung. Ein e-Learning sowie ein Präsenzlernen wurde für alle Berufsgruppen entwickelt. Ziel wäre ein multiprofessionelles Expertenteam, so Jagsch, ebenso wie die räumliche Adaptierung und Einbindung von Ehrenamtlichen und die Angehörigenintegration, wie auch ein Soundingboard. Ein paralleles Projekt zur Früherkennung von Menschen mit Risiken zur Delirentwicklung war auch Resultat des Projektes. Erkenntnisse aus dem Projekt waren laut Jagsch, dass es eine Milieugestaltung hinsichtlich Farben, Grenzen, Erkennen und Orientierungsförderung im Krankenhaus benötigte. Ebenso müssten die rechtlichen  Rahmenbedingungen immer wieder adaptiert und neu geschult werden. Es wurde ein Pocket-Guide mit Medikamenten mit delirogenem Potential und dem Verweis mit Ampelsystem, was am Besten zu verwenden wäre, entwickelt. Dies soll auch in einer APP zur Verfügung stehen und dort auch weiterentwickelt werden.

Das Folgeprojekt, ein Prognosetool zur Einschätzung des Delir-Risikos, würde helfen bis zu einer Rate von 84%iger Sicherheit das Risiko einer Delir-Entstehung vorherzusagen. Dazu würden Daten aus der Aufnahme und von vorherigen Dokumentationen (sofern vorhandenen) der Patient*innen-Daten gesammelt und in ein digitales Instrument eingegeben. Dies werde im Rahmen der Aufnahme bei allen Patient*innen durchgeführt.

Das Projekt wurde im Buch „Das demenzsensible Krankenhaus“ veröffentlicht. Link zum Buch: Das demenzsensible Krankenhaus: Grundlagen und Praxis einer patientenorientierten Betreuung und Versorgung https://www.amazon.de/dp/3170334352/ref=cm_sw_r_cp_api_i_vNLrEbJZE77HY

Ebenso bestehe ein Werknutzungsvertrag mit anderen Krankenanstalten, so Jagsch, zur Nutzung der Modulmappe, welche für die Schulung erstellt wurde, zur Nutzung ohne weiterer Kosten.

Demenz-Delir-Projekt und dessen Umsetzung im KH Schwaz, Tirol und an der Universitätsklinik Innsbruck

Elisabeth Höpperger und Renate Groß berichteten über die Entwicklungen im Delirmanagement auf Normalstationen an 2 Tiroler Krankenhäusern. Die Entwicklung, die Hindernisse und Ergebnisse des Demenz-Delir-Projektes. Groß ist Psychiaterin für Tageskonsiliar im Uniklinik Innsbruck, Höpperger diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer internen Station in Schwaz. Problematik aus beider Sicht war, dass die Delir Symptomatik bekannt aber nicht erkannt wurde aufgrund des fehlenden Delirmanagements. Die vorliegenden Daten zur Delir-Rate waren oftmals zweifelhaft und Leidensdruck merkbar groß, so Höpperger. So wurde das Projekt „Der alte Mensch im Krankenhaus“ in Innsbruck und in Schwaz in Zusammenarbeit mit Care Solutions im Sinne der digitalen Entwicklungsarbeit mit Schwerpunkt Sensibilisierung gestartet. Ziel der Projekte war ein strukturierter Umgang mit Delir. Sie stellten einen hohen Bias in Feststellung/Erkennung/Diagnostik fest. Eine Orientierung an Strategien und Leitlinien, sowie die interprofessionelle  Kooperationsbereitschaft müss auf allen Ebenen stattfinden, so die Referentinnen. Das Delir als wesentlicher Teil der Demenzstrategie war fördernd und so wurde eine routinemäßige Risikoerfassung für Delir eingeführt, so Groß. Hoch vulnerable Menschen seinen jene mit kognitiver Einschränkung, aber zuhause selbstständig, diese Gruppe sei im Projekt besonders aufgefallen. Daher wurde ein sogenanntes Schwellenmodell entwickelt. Dieses Modell umfasse drei Schritte bei der Aufnahme und Betreuung von Patient*nnen: Erstens das Erstellen eines Risikoprofils mittels IRCD, (interprofessionelle Risiko-Checkliste für Delir). Als zweiten Schritt das Screening zur Früherkennung mittels DOS, (Delir Observation Scale) durch die Pflegepersonen und drittens die Diagnose mit CAM (Confusion Assessment Method) durch die Ärzt*innen. Diese drei Schritte wären zwingend vorgeschrieben worden, so Höpperger. Care Solutions sei im Rahmen der Digitailisierung begleitend. Zum Aufwand der Durchführung der DOS sagte Höpperger: „Wir reden sonst auch und so red ma besser“ – würde eine gute fachliche Vorbereitung dem Gespräch voran gehen, so könnten aus dem Gespräch ausreichend Informationen zur DOS gewonnen werden und ein zwei Minuten Patient*innen-Gespräch wäre ausreichend. So entstand im Projekt die Entwicklung eines Workflows Delir mit Fokus konstanter Durchführung, auch durchgehender Schulung zur interprofessionellen Weiterentwicklung. Große Stolpersteine im Projekt seien die Interdisziplinarität, Interprfessionalität und Multiprofessionaltät, sowie die Entwicklung eines gemeinsamen Problembewusstseins mit gemeinsamer Zieldefinition. Eine Hürde wären auch die fixen Stationsabläufe und die Organisationsstruktur, so die Referentinnen. Im Rahmen des Projekts wurden auch eine Angehörigenbroschüre und das Formular „Gut ins Krankenhaus“ generiert, welche gut Verwendung fänden, sowie eine Pocketcard Delir und ein Workflow-Delir-Plakat für das Pflegepersonal. Wichtig sei es, die Sensilbilisierung weiter zu führen und die Netzwerke und den Austausch weiter zu optimieren.

„Einmal geschult ist schon lange nicht mehr geschult“, so Groß. Es brauche fortlaufende Schulungen. „Wir wünschen uns ein interdisziplinäres Konsiliarteam für die Zukunft. Delirmanagement muss Standard werden wie Thromboseprophylaxe und Dekubitusmanagement“, so Höpperger. Sie verweist auch darauf, dass eine Kostenrechnung eines Gesundheitsökonomen hinsichtlich Delirmanagement förderlich wäre um aufzuzeigen, welche Kosten ein Delir verursache. „Delirsensibel heißt Menschsensibel und davon profitieren wir alle“ sagt sie.

Delirprojekt im Rahmen der Alterstraumatologie am Klinikum Klagenfurt am Wörtersee

Ernst Müller stellte das Delir als Faktor der co-Morbidität in der Alterstraumatologie bei Hüftfrakturen vor. Ein Projekt zum Patientenpfad bei hüftnaher Fraktur und Delirerkennung mit seinen Vorteilen und Maßnahmen wurde von ihm vorgestellt. Eine Hüftfraktur zeige sich als hoch-komplexe Erkrankung bei einem fragilen Patienten. Der Knochenbruch sei das sichtbare Element der Eisberg-Erscheinung. Man sehe die Vorproblematik nicht, so Müller. 82% der über 65-Jährigen hätten eine oder mehrere Erkrankungen. Ab dem 50. Lebensjahr verdopple sich die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung alle 5-7 Jahre laut Studien. Die schon hohe Komplikationsproblematik im Krankenhaus bei einer Hüftfraktur erhöhe sich außerdem bei Pflegeheimbewohner*innen vor allem im Bereich der Sterblichkeitsrate. Diese werde bei kognitiver Einschränkung noch erhöht. Das Delirrisiko sei hoch und bei Auftreten eines Delirs wäre die Mortalität doppelt so hoch, „Delir kann tödlich sein“, so Müller. Mental stark beeinträchtigte Personen hätten bei einer Hüftfraktur eine sehr schlechte Prognose, das Risiko zu sterben sei sehr hoch. Daher müsse eine Selektion stattfinden auf Hochrisikopatient*innen um diese bestmöglich zu versorgen. Ebenso sei bei längerer die Liegedauer die Komplikationsrate umso höher. Maßnahmen und Untersuchungen müssten daher selektiv entschieden werden und nur nach wirklicher Indikation stattfinden. Hinsichtlich Malnutrition erwähnt Müller, dass mehr als 2/3 der Patient*innen einen Vit. D Mangel hätte, es aber derzeit keine Korrelation zu Komplikationen gäbe, allerdings sei der Barthelindex besser bei Vit. D Gabe.

Das Problem der interdisziplinären Zusammenarbeit sei sehr prägnant, so Müller. Aber es würde sich immer besser entwickeln. Er beschrieb den Ablauf von der Aufnahme bis zur Entlassung folgend:

Aufnahme: Wenn Frailty vorhanden bei Patient*innen, so werde ISAR, MiniCog, MUST, Infektscreening, Flüssigkeits-/Elektrolythaushalterfassung, Vit.D Spiegel und Geriatrischer Status erhoben. Dieser Ablauf sei Standardisiert. Resultierende Maßnahmen seien eine gute Schmerztherapie (weil Schmerz ein Delir-Auslöser sei), eine Diagnosensicherung und Indikationsstellung, sowie Risikostratefizierung in der anästhetsiologischen Evaluierung. Ebenso die Thromboseprophylaxe, Nasen-/Rachen-/Hautdekontamination und Carboloading nach ESPEN Guidelines für die Optimierung des OP-Outcomes bei einer Hüftoperation. Perioperativ erfolge eine Antibiotika-Prophylaxe. Die Frühmobilisierung sollte so schnell wie möglich erfolgen und Drainagen würden nicht gelegt, da sie nach Evidenzlage (EnM) obsolet seien. Der Dauerkatheter würde so früh wie möglich entfernt.

PostOP Procedere: Durchführung der CAM, achten auf die Ernärung, Erhebung der Lebensumstände und Betreuungsbedarf, Sturzanamnese und Pflegebedarfserhebung. Ein Arbeiten nach standardisierten Arbeitsabläufen zum Delir (SOP: Identifikation Risikogruppe, Delirprophylaxe, intensive Betreuung der Hochrisikogruppe) sei unumgänglich und wichtig. Ebenso eine Ursachentherapie bei entstandenem Delir dann erst medikamentöse Therapie wenn nötig. Ein wichtiger Faktor um ein Delir im Anfang zu unterbinden sei, Hörgerät und Brille schon im Aufwachzimmer bereit zu stellen um eine gute Prophylaxe durchführen zu können. Müller stellte das Delir-Prophylaxe-Zimmer vor, es soll Reorientierung fördern aufgrund der Ausstattung.

Fazit des Projektes war, dass alle Mitarbeiter*innen, die mit Patient*innen zu tun haben geschult werden müssten, aber nicht nur die Medizin und die Pflege, sondern auch der Transportdienst oder der Reinigungsdienst. Ebenso wäre ein Projekt entstanden, wo pensionierte Pflegemitarbeiter*innen zur Patient*innenbegleitung als Begleitdienst zur Verfügung ständen.

Eine tägliche geriatrische Visite auf der Unfallchirurgie, wöchentliche unfallchirurgische Visite und wöchentliche Teamgespräche wären auch aus dem Projekt entstanden, sowie folgende Zusatzprojekte:

  • Verschränkung der geriatrischen und unfallchirurgischen Pflege
  • Abstimmung mit poststationären Kontrollen mit GEKO
  • Pilotprojekt zur Evaluierung des REhab-Potentials (wer profitiert von der Rehab wirklich?)

Die Studie PROFinD2 wurde von Müller kurz präsentiert, hier dazu der Link: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/98125/Proximale-Femurfraktur-Teamarbeit-sorgt-fuer-geringere-Sterblichkeit-nach-Operation

Das Basler Demenz – Delir – Programm – HELP in Basel

Wolfgang Hasemann berichtete über HELP in Basel von der Entstehung bis Umsetzung. Zu Beginn des Projektes fand eine Literatursichtung und Erfassung der Evidenzlage statt, anschließend erfolgte die Projektorganisation mit Entscheidungsträgern und Klinikern, sowie Experten wie Geriater und der Pflegewissenschaft. Nach der Schwachstellenanalyse erfolgte eine Konzeptentwicklung mit dem Fokus systematisch vorzugehen. Im Projekt beinhaltet seien ein Screening, die Delir-Prävention sowie Frühbehandlung und die Einbindung der Ressoucenpflegenden (Anm. der Autorin: Die Mitglieder der Ressourcengruppen setzen sich mit all ihrem Wissen und Können für eine gute Pflegepraxis ein). Leider wären nur Kurzschulungen finanziert worden. Ein systematisches Delirscreening wurde entwickelt, welches zu Beginn nur auf Beobachtungsebene stattfand und heute mit Fragen ergänzt sei. Wichtig wäre die gezielte Anwendung von nichtpharmakologischen Maßnahmen, wobei Hasemann darauf verwies, dass oftmals eminenzbasierte statt evidenzbasierten Verordnungen stattfanden. Wichtig war vor allem die hohe Aktzeptanz und Identifikation der Pflege mit dem Konzept und die somit proaktive Herangehensweise. Leider sei die Einbindung der Ressourcenpflegenden in die Abklärungsaufgaben (zum Beispiel vertieftes Assessment) nicht gelungen, eine kollegiale Beratung fände nicht statt. Die medikamentöse Therapie und Arztentscheidungen seien oftmals suboptimal. Während des Projektes erfolgte durch die Awareness eine Vervielfachung des geriatrischen Konsils und in Folge lehnten oftmals die Geriater das Konsil ab. Als Resultat daraus wurde aber später eine 50% Geriaterstelle und eine ANP Gerontologie/Geriatrie implementiert. Aufgrund der unterschiedlichen Evidenzlage die sich zwischen den Bereichen Interne und Chirurgie darstellten fand man im Projekt heraus, dass auf internistischen Stationen das Delir seltenst von Ärzt*innen diagnostiziert wurde, aber die Delirprophylaxe proaktiv durch die Pflege stattfand. Auch bei den Verordnungen von Schlafmedikamenten hatte die Pflege darauf geachtet, dass möglichst keine Medikamente mit delirogener Wirkung verordnet wurden. Hasemann verwies auf das Sterblichkeitsrisiko bei adversed Hospital exposure, welches immer hoch sei und wo Pflege einen hohen Einfluss habe. „Pflege kann hier viel eingreifen“, so der Referent.

Fazit: Die Implementierung von Maßnahmen reiche nicht aus, es brauche einen sogenannten  Dauer-Input von Richtlinien, Instrumenten und Maßnahmen. Denn sonst erfolge außer Wissenszuwachs keine sichtbare Verbesserung! Es reiche nicht aus, Richtlinien zu schreiben, es brauche Unterstützung und Nachhaltigkeit. Würde dies nicht gemacht, so wären Performance-Schwankungen die Folge. Ebenso müssten die Angebote niederschwellig sein, wie zum Beispiel der Delir-Konsiliardienst. Pflegepersonen könnten diesen selbst anfordern, ohne ärztliche Bestätigung. Die Aufgabe des Konsiliars, der Advanced Practice Nurse sei es mittels kognitivem Assessment, Fremdanamnese und Diagnosestellung die Problemstellung zu erfassen und Empfehlungen für Laboranalytik, Medikamente sowie Pflegemaßnahmen abzugeben.

Hinsichtlich Gesundheitsökonomie wäre eine Kostenaufstellung und ein Vergleich in einer Studie erfolgt. Bei 135 Teilnehmer*innen wurde errechnet, dass das Gesundheitssystem durchschnittlich etwa 5000 Franken verlieren würde, wenn der Patient sich im Delir befände. Wobei das spät erkannte und spät konsolidierte Delir teuer im System auffallen würde. („Early consultation“ ca. 1900 Franken, „Late consultation“ ca. 4800 Franken und „no consultation“ ca. 6200 Franken) „Man darf nicht an der falschen Stelle sparen!“, so Hasemann.

Am Ende des Vortrages wurden Videos gezeigt, wie Angehörige das Delir erleben würden. Das Delir würde nicht nur Patient*innen betreffen, sondern auch Angehörige würden mehr oder weniger traumatisiert. Angehörige wollen informiert sein, Klarheit haben und wollen, dass man auf ihre Sorgen eingeht und sie abholt. Eine große Problematik der generalistischen Pflegeausbildung sei die fehlende Vertrautheit mit neuropsychologischen Konstrukten. Dies hätte eine direkte Konsequenz auf das Verständnis von Screenings und der Interpretation von Skalen. Daher gäbe es hier Nachholbedarf, sowie bei der Unkenntnis hinsichtlich medizinischer Therapie und auch ein gewisses Haltungsproblem wurde vom Referenten geortet. Ageism (Altersdiskriminierung) sei hier schlagend, denn jungen Menschen gäbe man oft keine Medikamente aber alten Menschen schon. Die Wirkungsweise von nicht-pharmakologischen Maßnahmen seien oft nicht bekannt und diese daher nicht ausreichend etabliert. Ebenso müsse bei Entlassung oder Nachbetreuung von Patient*innen nach einem Delir mit den Betroffenen darüber gesprochen werden, um diese Erlebnisse auch gut verarbeiten zu können.

Take home Message von Hasemann: „ANP-Implementierung helfe Leid zu verringern, Kosten zu sparen, und Outcome zu optimieren“.

Delir-Info-Seite von Hasemann: http://www.delir.info/

Online Schulungstool

Bernhard Iglseder stellte das Delir – Demenz: eLearning Tool vor. Er hielt fest, dass die Demenz eine Begleiterkrankung von Patient*innen sei, selten eine Indexerkrankung. Das Risiko für eine Krankenhaus-Aufnahme bei Demenz läge 1,4-3,6 Mal höher also ohne kognitiver Einschränkung. Die Wahrscheinlichkeit eines Delirs bis zu 30% höher bei hochbetagten Krankenhaus-Patient*innen mit akuter Erkrankung. Identifizierte Problematiken in der Delirerkennung war der Auslöser dieses Projektes. Schon 2018 fanden interprofessionelle Präsenzschulungen und Konsiliardienste statt. Als weitere Projektziele 2019 identifizierte man blendend Learning und eLearning zu Themen Demenz und Delir verpflichtend für alle Berufsgruppen zu absolvieren. Man konzipierte 5 Module und ein Vertiefungsmodul als Präsenzschulung. Fertigstellung der Implementierung und Umsetzung sei bis 03/2020 im Rahmen eines Pilotprojektes angedacht. Fokus des Projektes sei die Durchschulung aller Mitarbeiter*innen wobei jedes Modul ca. 30 Minuten Zeitaufwand darstelle und der Bewusstseinsbildung und Qualifikation diene.

Klinisches Netzwerk – beeinträchtigte kognitive Kompetenz

Eval Schneeweiß stellte das Schulungsprojekt Demenz-Delir des Allgemeinen Krankenhauses Wien und die damit verbundenen Herausforderungen vor. Kosten steigen und freiheitsbeschränkende Maßnahmen würden vermehrt eingesetzt werden. Aufgrund von Personalmangel könnten adäquate Maßnahmen nicht ausreichend umgesetzt werden und damit kam es auch zu einem Anstieg von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen. Im Rahmen des Schulungsprojektes wurde der Lehrfilm „Sand im Getriebe“, in ein eLearning-Programm überführt und zusätzlich würden alle Mitarbeiter*innen eine Kurz-Schulung mit vier UE absolvieren. Stationen, in denen das Delir hoch relevant sei, würden jeweils eine Pflegeperson identifizieren, die eine Schulung mit 40 UE absolvieren und damit Delir-Beauftragte der Station werde. Ebenso gäben 15 Pflegeberater*innen des AKH Unterstützung, sie könnten von den Stationen angefordert werden.

Die Implementierung von Projekten und Maßnahmen sowie die Unterstützungsmöglichkeiten für die Stationen beschreibt Schneeweiß im Detail in ihrem Vortrag.

Ebenso wurden parallel-Praxisseminare zu den Themen Grundlagen zum Thema Delir für „Neueinsteiger“, durchgeführt von Thomas Frühwald und DEL FINE – Umgang mit delirogenen Medikamenten, durchgeführt von Birgit Böhmdorfer-McNair angeboten.

Im Anschluss referierte Christine Ottinger zum Thema Deeskalation – Nichtpharmakologische Maßnahmen bei Verhaltensstörungen bei Delir. Claudia Lehninger stellte „Die blaue Box“ Multiprofessionelles Delirmanagement an anästhesiologischen Intensivstationen in der Praxis im KHR vor. Maria Trigler sprach über das Help-Delir Präventionsprojekt in einem Schwerpunktkrankenhaus.

Es war eine gelunge, lehrreiche Fachtagung mit anregenden Diskussionen und erfolgreichem interprofessionellem Fachaustausch. Das Thema Delir und Delirmanagement ist eine Herausforderung für alle Institutionen und Organisationsstrukturen. Durch die Interdisziplinarität und den nachweislichen Erfolg von Praxisprojekten scheint die Optimierung der Patient*innenbetreuung gerade bei hochbetagten und multimorbiden Menschen sowie bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen nachweislich zu greifen.

 

Autor:in

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    Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Advanced Practice Nurse, akademische Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege, Demenzberaterin, Direktorin im Haus Hetzendorf, Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser

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