AT: 13. Pflegeforum Alpbach – Bericht einer Teilnehmerin

(C) Pflegeforum Alpbach

Das 13. Alpbacher Pflegeforum stand unter dem Thema „Der Untergang der Alleskönner“.  Herr Gerald Stock begrüßte die Besucher und Besucherinnen und übergab das Mikrofon an Dr. Christoph Zulehner.

Dr. Christoph Zulehner begann mit einer Metapher „Das Nashorn auf dem Nordpol“ und versuchte darzustellen, dass es den Tieren oftmals gelingt sehr rasch selbstständig zu agieren, während der Mensch verhältnismäßig lange Zeit nicht in der Lange dazu ist. Er ist auf die Hilfe der anderen angewiesen.

Doch den Menschen zeichnet seine Entwicklungsmöglichkeit gegenüber den Tieren aus. In der Tierwelt werden Tiere in den Bereichen rasch selbstständig, in denen sie immer schon ausgezeichnete Fähigkeiten hatten (z.B. Delphine schwimmen). Den Menschen zeichnet es hingegen aus, dass er sich weiterentwickeln kann und dass er in der Lage ist, sich zu spezialisieren.

Daraus ergeben sich auch für das Gesundheitswesen wichtige Fragen: Wie soll es weitergehen? Brauchen wir Allrounder oder ist es auch für die Pflege notwendig sich zu spezialisieren? Diesen Fragen wird in den kommenden Vorträgen und Diskussionen nachgegangen.


Der erste Vortrag wurde im gesamten Plenum von Dr. Markus Hengstschläger unter dem Thema „ Wie bereiten wir uns  auf die Zukunft vor?“  gehalten.

Die Fragestellung  „Ist die Zukunft aufgrund der jetzigen Entwicklung vorhersehbar oder nicht?“ war das Grundthema des sehr spannenden und informativen Vortrags.

Da derzeit massiv viele Daten gesammelt werden, müsste man meinen, die Zukunft ist vorhersehbar, dem

gegenüber steht aber ganz eindeutig die Wahl von Donald Trump als Präsident, Brexit oder der große Migrantenstrom – dies war eindeutig nicht vorhersehbar.  Daraus lässt sich zwangsläufig ableiten, dass es sowohl eine vorhersehbare als auch unvorhersehbare Zukunft gibt. Die Frage, die es zu beantworten gilt, wie kann man sich für die vorhersehbare und die unvorhersehbare Zukunft rüsten? Die Menschheit hat  in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie bereit ist auf sich auf Neues, Unvorhersehbares einzustellen und damit umgehen zu können – wir waren nicht auf Facebook und Co vorbereitet und können diese Medien bestens bedienen!

Wie gelingt es uns, die nächste Generation zukunftsfit zu machen?  Zuerst muss uns bewusst werden, dass die sog. nächste Generation 100 % das Produkt UNSERER Erziehung ist.

In unserer heutigen  leistungsorientierten Gesellschaft ist es oftmals irrelevant, was jemand einzelner leistet, es wird oftmals nur im Zusammenhang mit den anderen gesehen (vgl. Schulnote – die Schulnote des eigenen Kindes wird immer im Zusammenhang mit den Noten der Klassenkameraden betrachtet und auch gewertet).

Die vorhersehbare Zukunft ist mit Wissen zu bewältigen, für die unvorhersehbare Zukunft braucht es genügend Kompetenz, die durch Tools erworben wird um entsprechend gerüstet zu sein, damit  in der unvohersehbaren Situation individuell und flexibell reagierer werden kann.

Wie ist es aber mit der GENETISCHEN Individualität? Reicht diese aus für Talent? Welche Talente brauchen wir für Pflege?

Die Tiere haben bessere Vorausetzungen für Einzelleistungen (vgl. ein Delphin ist ein excellenter Schwimmer). Allerdings können Tiere ihr Talent nur einsetzen, in dem Bereich, den sie schon beherrschen.

Der Mensch kann mit seinen Kompetenzen Dinge tun, die es noch nicht gegeben hat – Die Geschichte schreibt jeder selbst!

Üben ist dennoch nicht unverzichtbar.  – Üben führt aber nicht bei jedem zum Gleichen! Deshalb sollen wir dort üben wo wir genetische Leistungsvoraussetzungen haben! Dazu ist es wiederum notwendig, dass wir uns mit Themen beschäftigen, die uns auch interessieren  (Anm: wir beschäftigen uns zu 90 % mit Büchern, die uns nicht interessieren).

Deshalb wäre es an unseren Schulen wünschenswert, dass LehrerInnen (Basis)Wissen vermitteln und Talentescout die Talente der Kinder und Jugendlichen herausfiltern. (Eltern sind oftmals damit überfordert)

Wir müssen unsere Stärken stärken  – in Fächern / Talenten, wo jemand nicht talentiert ist kann sich jemand maximal auf ein Miniumun verbessern .

2 Eigenschaften gilt es zu fördern

  • Intrapersonelle Intelligenz – jeder Mensch hat ein Recht auf seine Stärken und Schwächen
  • Interpersonelle Intelligenz – Team bilden können mit Personen ,die das können, was die Einzelperson nicht kann.
  • die interpersonelle Kompetenz kann mit einem dicken Seil verglichen werden. Reißt von diesem eine dünne Schnur, trägt es das dicke Seil weiter mit.

Talent der Pflege: das Talent der Pflege muss ebenso „COOL“ sein, wie das Talent eines Fußballers, eines Musikers, etc. Dann werden wir es schaffen, die Pflege für die nächste Generation interessant &cool zu machen.

In Österreich ist die Zukunft derzeit angstbesetzt. Die Fragen der Zukunft sind nicht schwieriger zu beantworten als die Fragen der Gegenwart, sie treffen uns nur zu einem anderen Zeitpunkt.

MIT MUT in die ZUKUNFT!

Abschließend kann gesagt werden, dass der Vortrag von Prof. Dr. Hengstschläger sehr informativ, kurzweilig und vor allem sehr praxisbezogen war!

Näheres kann man dem Buch von Dr. Hengstschläger „Die Durchschnittsfalle“ entnehmen.


Im Anschluss ging es in die Ringvorlesungen.


Erste Ringvorlesung – Dr. Christoph Zulehner „DAS LEBEN AUF DER WISSENSSCHOLLE“

(C) Eva Hoffmann

Das Wissen vermehrt sich derzeit in rasanter Zeit, als Individueen können wir nicht mit.

Wie gehen wir mit diesem Wissen um?

Die Pflege wird nachdenken müssen, wie   sie sich für die Zukunft aufstellen wird.

Das Bild der Wissensscholle

Ist die Unterlage breit – wird sie aber dünner (denn das Wissen wird immer mehr) – „Allrounder stehen somit auf dünnem Eis.“

Wie können wir unseren Beruf attraktiver gestalten?

Es wird eine gute Basis benötigt – dann ist eine Spezialisierung erforderlich (vgl. Wissensscholle).

Wie kann ich nun meine Wissenscholle gestalten?

Mit    Wissen     Know how    Vernetzung

Der Spezialist hat den Vorteil, dass er sich mit anderen vernetzen und sein Wissen austauschen kann. Beim  Allrounder  wird die Zusammenarbeit mit anderen schwieriger. Die Zukunft wird den Experten(schollen) gehören, sie besitzen zwar kleinere Durchmesser, sind aber in der Basis besser verankert. Dieser kleine Durchmesser erlaubt es mir, dass ich jemand anderen an mich heranlasse um zusammenzuarbeiten!

Ein großes Problem in der Pflege liegt u.a.darin: Die Pflege(personen) nimmt / nehmen sich um alles / vielen an – das Argument dafür liegt oft wie folgt begründet: „Der arme Patient“ – auch wenn die Aufgaben nicht der Pflege / den Pflegenden zugeordnet sind. Die kleine Scholle stellt intrapersonelles Wissen dar, es sind Herausforderungen, die wir alleine nicht bewältigen können

Wie kann ich nun die Scholle gestalten?

Will ich erfolgereich sein, muss ich großzügig mit Wissen umgehen, das Wissen verbreiten und mit anderen in Kontakt kommen! Am besten mit Wissen um uns werfen!

Es werden auch für die Pflege in Zukunft komplexe Themen kommen – dann braucht es NETZWERK und Kompetenzen.

Eine Frage wird sich weiters stellen, wie gestalten wir in Zukunft unsere Netzwerke; Die verfügbaren Medien gestalten unseren Alltag, Medien stehen uns heute zur Verfügung, und ermöglichen uns, uns  zu vernetzen. Wie findet man nun aber meine Expertise?  Die Antwort ist einfach: DIGITALISIERUNG! Die digitale Vernetzung ermöglicht das Sichtbarwerden der Expertise. Auch andere Experten finde ich in Netzwerken.

Der Vorteil von Netzwerken ist, dass man mich kennt!

Wichtig dabei ist, dass Spielregeln eingehalten werden (Quellenangaben, Zitierregeln etc.)

Vom Allrounder zum Experten  – auch für die Pflege ein gangbarer Weg!


2.Ringvorlesung Mag. Regina Aistleithner

Die zweite Ringvorlesung stand von Frau Mag.Regina Aistleithner stand unter dem Aspekt

„ Sollen Spezialisierungen gesetzlich geregelt werden?“

In diesem Vortrag wurde das Thema Spezialisierung in der Pflege aus rechtlicher Sicht (vor allem durch die GUKG Novelle 2016) betrachtet.

In ihrem Eingangsstatement ging Frau Mag. Aistleithner der Frage nach, worauf sich der Personaleinsatz grundsätzlich begründet. Wie kann ich die Qualifikation und Kompetenz  eines Mitarbeiters/einer Mitarbeiterin überprüfen?

Wonach entscheidet sich über welche Qualifikationen und Kompetenzen die TeammitarbeiterInnen verfügen müssen?                  Folgende Fragen ergeben sich:

WELCHE AUFGABEN  und  WELCHE ANFORDUNGEN sind in WELCHEM SETTING zu erfüllen?

Welche Kompetenzen kann von Berufsanfängern/anfängerinnen erwartert werden?

Können  Absolventen/Absolventinnen der Grundausbildung alle Aufgaben der GUK beherrschen?

Das GUKG hat sich immer weiter entwickelt – es kommen neue Aufgaben und Verantwortungbereiche dazu, die Ausbildungszeit ist über die Jahre immer gleich geblieben!

Beispiele die hierzu genannt wurden:

  • Anerkennung der Pflegewissenschaft
  • Freiheitsbeschränkende Maßnahmen – sehr expliz. Abwägungsmechanismus erforderlich (kann dies von einem Berufsanfänger vorausgesetzt werden?)
  • Patientenverfügungen,
  • Stärkung der Kinderrechte,
  • Medikamentenproduktegesetze etc.

Nicht alle müssen über diese gesetzlichen Regelungen Bescheid wissen, ein Ansatz könnte sein,  dass eine Person in einem Bereich tiefergehend geschult wurde und diese gibt das Wissen bei Bedarf ihren Kollegen/ Kolleginnen weiter.

In den letzten 10 Jahren hat es einen 16 % Zuwachs an Ärzten gegeben, während es bei der Pflege eine Zuwachs um 7% gegeben hat. Die Aufgaben der Pflege werden aber immer mehr und auch die übertragene Verantwortung wurde höher.

Spezialisierungen gemäß GUKG

laut § 17, Spezialisierungen, die über die Grundausbildungen hinausgehen.

Grundausbildung                                             Spezialisierung
generalistisch Spezifisch
Allgemeine Zielgruppe Spezifische Zielgruppe
Allgemeines Setting Spezifisches Setting
Allgemeines Versorgungsstufe Spezifische Versorgungsstufe
Allgemeine Aufgabe Spezifische Aufgabe

Tabelle nachgestellt, nach dem Votrag von Fr. Mag. Aistleithner

Eine wesentliche Aufgabe bzw. Herausforderung für die Praxis wird  der Skill and Gradmix  darstellen:

Wann wird der Spezialist zum Experten?

Laut Patricia Benner braucht es 7-10 Jahre (!) um in einem Setting zum Experten zu werden.

Abbildung nach einer Abbildung von Mag. Aistleithner dargestellt.

Am Beispiel Kinder und Jugendliche:

1/3 der Kinder und Jugendlichen wird derzeit in Österreich nicht auf Kinder und Jugendstationen behandelt.

Jetzt stellt sich die Frage: wie kommt die Kompetenz der MA zur Pflege und Betreuung in/an diese Stationen?

In der anschließenden Diskussion stellte sich die Frage, wie, welche Weiterbildungen gelten als  Spezialisierungen, (z.B im Bereich der Demenz), wo sind es vertiefende Fortbildungen?

Es wurde auch auf den Einspruch des Berufsverbandes der Kinderkrankenpflege während der Gesetzgebung hingewiesen, dass es künftig eine generalistische Ausbildung geben wird, in der alle drei  Berufssparten erfasst sein werden und die Ausbildung im selben Zeitraum absolviert sein muss. Ebenfalls ist die PFA-Ausbildung mit einer Dichte an Unterrichtsinhalten gefüllt, in einem kurzen Zeitraum (2 Jahre) zu absolvieren.


Die dritte Ringvorlesung hielt Herr Dr. Klaus Ofner von der SALK ab.

Dr. Ofner ist seit 2010 Wirtschaftsdirektor an der Uniklinik Salzburg.

Hier stand die Sichtweise der Wirtschaft und Spezialisierung im Mittelpunkt des Vortrags. Folgende Faktoren wirken sich auf

aus.

(C) Eva Hoffmann
  • Arbeitszeitregelung (z.B Arbeitszeitgesetz der Ärzte – 48 Std Woche)
  • Erlöse
  • Rekutierung neuer MitarbeiterInnen
  • zu wenig Zusammenarbeit mit extramuralen Bereichen
  • vom Patienten zum Kunden (Autonomie steigt) (Definition Kunde – der Kunde hat eine Wahlmöglichkeit im Gegensatz zum Patient)
  • Work-Life Balance der Mitarbeiterinnen  (Anteil der Teilzeitkräfte)
  • Mitarbeiter-Führung

2 Besipiel für Spezialisierungen an der SALK :

Vor einem Jahr wurde die sog. pharmazeutische Abklärung vor einer OP eingeführt. Es hat sich gezeigt, dass 60 % der eingenommenen Medikamente falsch sind in Bezug auf die Wechselwirkungen.

Im Bereich des Schmerzmanagements sind 2 Anästhesie-Pflegepresonen für das ganze Haus zuständig.

Spezialisierung bedeutet aber auch Herausforderung. Die Allgemeinmedizin muss attraktiver werden, der Allgemeinmediziner muss den Überblick haben, das Wissen darf nicht verloren gehen. Der Allgemeinmediziner gehört in Zukunft aufgewertet, denn auch dieser ist in der Allgemeinmedizin ein Spezialist.

Spezialisten benötigen Interdisziplinarität, es ist weniger Improvisation möglich, mehr Verschriftlichung ist nötig.


Als letzter Vortrag wurde Dr. Erwin Böhm erwartet. Leider war es ihm – krankheitsbedingt – nicht möglich  zu kommen. So übernahm kurzerhand Dr. Christoph Zulehner spontan einen Vortrag.

Wie wird Digitalisierung unsere Welt verändern? Dr. Christoph Zulehner

Was schafft Digitalisierung alles? Das war die Hauptfrage dieses spontanen Vortrags  von Christoph Zulehner. Sein Vortrag war wie immer informativ und sehr kurzweilig zum Zuhören.

Und er konnte uns alle beruhigen, denn es gibt nur wenige Jobs, die durch die Digitalisierung verloren gehen werden, dazu gehört u.a. der Videoverleiher. Auf der anderen Seite, gibt es eine Unmenge an Fachkräften, die durch die Digitalisierung gewonnen werden. Auch die Frage warum wir uns mit Digitalisierung beschäftigen sollen bzw. müssen, ist sehr leicht beantwortet: Digitalisierung ist EINFACH DA! Wir müssen sie nur nutzen!

Auch ging Christoph Zulehner der Frage nach, wir werden wir zu Experten? Dies stellte er sehr plakativ anhand einer Folie dar, die ich mir erlaube nachzuzeichnen (mit ein paar meiner Notizen versehen):

Abschließend stellt Dr. Zulehner fest, dass es uns nur gelingen wird, Experte/Expertin zu werden, wenn wir in Vorleistung gehen. Beschränken wir unser TUN immer nur auf das was wir zu 100 % können, dann werden wir unseren Horizont nicht erweitern!

Um Experten/Expertinnen zu werden, brauchen wir Personen, die etwas wollen, als Motivation dazu, gab Dr. Zulehner einen „ganz einfachen Tipp“ J:

SCHREIBEN SIE ein BUCH oder einen FACHARTIKEL dazu!

Nach wie vor gilt:

10 % merken wir uns über Hören und Lesen

20 % über konstruktives Feed Back und

70 % über TUN!

die FOLGE:

WIR MÜSSEN HANDELN, WIR MÜSSEN INS FELD GEHEN.

(C) Wochenkarte Dr. Christoph Zulehner

(C) Eva Hoffmann

Abschließend fassten alle Referenten und Referentinnen die Ringvorlesungen und die anschließend stattgefundenen Diskussionen nochmals kurz im Plenum zusammen. Es war wieder eine sehr gelungene Veranstaltung, für die sich der weite Anreiseweg auf alle Fälle sehr gelohnt hat.

Eva Hoffmann, MSc, Teilnehmerin am 13. Pflegeforum Alpbach

Eva Hoffmann
Über Eva Hoffmann 2 Artikel
Eva Hoffmann, MSc. Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin (Kinder- und Jugendlichenpflege), Lehrerin f. Gesundheitsberufe am Med. Campus V. des Kepler Universitätklinikums in Linz, Studium der Pflegepädagogik in Linz/ Masterupgrade in Graz.

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