AT: 1. Symposium Advance Care Planning – Teilnehmerbericht

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Am 15. Juni 2018 fand in den Veranstaltungsräumen des Eagle HomeOne in 1010 Wien das erste internationale Symposium zum Thema Advance Care Planning (ACP) unter der wissenschaftlichen Leitung von em. Prim. Univ.-Doz. Dr. Günther Weber statt. Dieser eröffnete gemeinsam mit Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc die Veranstaltung vor etwa 60 Interessierten. Die Begrifflichkeiten von ACP, die ins Deutsche übersetzt mit den Worten „gesundheitliche Versorgungsplanung“, „vorausschauende Versorgungsplanung“, Vorausplanung der gesundheitlichen Versorgung“ oder auch als „Vorsorgedialog“ in der Literatur zu finden sind, wurden besprochen. Eindrücklich waren die Zahlen zur Patientenverfügung (PV). In Österreich hat ungefähr 5% der Bevölkerung eine PV, im Vergleich dazu liegt in Deutschland dieser Anteil bereits bei rund 43%.

Anschließend sprach Dr. Othmar Karas, Mitglied des Europäischen Parlaments, zum Thema „ACP in Europa aus politischer Sicht“. Dabei gewährte Dr. Karas durchaus private Einblicke und erläuterte seine Sichtweise zur Thematik und der Wichtigkeit von ACP. Dr. Karas forderte eine gleichwertige Gesundheitsversorgung in der EU. Zum Thema ACP meinte Karas, dass es Offenheit und Mut benötige, um über ein tabuisiertes Thema zu sprechen, er aber die Notwendigkeit sehe, dies zu tun um die Zusammenarbeit zwischen Familien, den ambulanten Diensten und dem stationären Sektor zu verbessern. Drei Forderungen wurden formuliert; erstens soll ein umfassendes Beratungsangebot für die Bevölkerung geschaffen werden, zweitens soll es zum Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung in allen Pflegesettings kommen und drittens sollen Forschungsmittel zum Thema ACP zur Verfügung gestellt werden.

Den ersten Fachvortrag hielt Univ.-Prof. Dr. Jürgen in der Schmitten, MPH mit dem Titel „ACP Grundlagen“. Professor in der Schmitten stellte anhand eines Fallbeispiels die derzeitige Problematik in Deutschland mit der PV vor. Er vertritt die Meinung, dass das derzeitige PV System nicht funktioniere, da Formulierungen verwendet würden, die in der praktischen Anwendung keine Aussagekraft hätten. ACP oder ins Deutsche übersetzt, Behandlung im Voraus Planen (BVP) „ist ein Konzept, die Patientenverfügung neu zu denken und ihr dadurch künftig zur Wirksamkeit zu verhelfen.“  Es gehe um einen Kulturwandel; die Patientin und der Patient werden als Expertin und Experte für deren eigenes Wohl angesehen. Ärzte und Ärztinnen sowie Pflegepersonen treten mit den Patientinnen und Patienten und deren Familien in einen Dialog. Durch umfassende Informationen werden die Patientinnen und Patienten dazu befähigt, Entscheidungen zu treffen, die ihre eigenen, ganz individuellen Interessen wiederspiegeln. Für einen positiven Gesprächsverlauf benötigt es geschulte BVP-Gesprächsbegleiter, die durch Haltung, Kompetenz und Wissen befähigt sind, diese schwierigen Themen beratend und unterstützend zu begleiten. Die Schlussfolgerung, die Prof. in der Schmitten im Abstract anführte, hier im direkten Zitat: „Die Einführung von ACP/BVP in regionale Gesundheitssysteme erfordert personelle und zeitliche Ressourcen sowie spezifische Qualifikationen für ein umfassendes Change Management und für eine kompetente professionelle Gesprächsbegleitung, die jeder Patientenverfügung vorausgehen sollte.“

Frau Dr.in Maria Kletecka-Pulker vom Institut Ethik und Recht in der Medizin (Medizinische Universität Wien) wies in ihrem Vortrag „Qualitätsstandards bei Advance Care Planning in Österreich“ auf die Wichtigkeit klarer rechtlicher Vorgaben hin, die zur Rechtssicherheit im Hinblick auf Behandlung, aber auch auf einen möglichen Behandlungsabbruch führen. Sie fordert unter anderem die Einführung von Standards in der Gesprächsführung, um eine hohe Qualität zu gewährleisten. Eine Idee aus ihrer Sicht wäre ein kostenloses Vorsorgegespräch, dass  mindestens alle fünf Jahre stattfinden sollte.  „Kommunikation muss trainiert werden“.

Isabelle Karzig-Roduner, Fachexpertin Notfallpflege und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klinischen Ethik des Universitätsspital Zürich, präsentierte das „ACP-NOPA Projekt „Vorausschauende Notfallplanung für Palliativpatienten“. Auch hier wurde wiederum auf die Notwendigkeit der Schulung von ACP-Beratenden hingewiesen, damit die Kommunikation zum Lebensende gelingen kann. Weitere Informationen finden sie im Internet unter folgendem Link: https://www.pallnetz.ch/acp-nopa.htm

Univ.- Prof. Dr. Jürgen in der Schmitten stellte in einem weiteren Vortrag vor, welchen Einfluss die Ergebnisse einer Interventionsstudie zu ACP/BVP auf die deutsche Gesetzgebung hatte. Seit Februar 2018 gibt es eine Umsetzungsvereinbarung, die es Einrichtungen der Seniorenpflege und Behindertenhilfe ermöglicht, ACP/BVP zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherungen durchzuführen. Auch hier ging es wieder um die Qualifizierung der Personen, die sich diesen kommunikativen Herausforderungen stellen. Im Abstract ist folgendes zu lesen: „Aus dem deutschen Pilotprojekt „beizeiten begleiten“ und dem Zürcher ACP-Modell des MAPS-Projekts ist das gemeinsame BVP- Modell der DiV-BVP (Deutschsprachige interprofessionelle Vereinigung Behandlung im Voraus Planen) geworden, das kontinuierlich weiterentwickelte inhaltliche Standards für Theorievermittlung, Gesprächsverlauf und -dokumentation sowie Einzel- Coaching in Schauspielpatient (SP)- gestützten Rollenspielen vorsieht.“ Tenor war auch hier, dass es zu einem Kulturwandel kommen muss; Therapiezielbesprechungen benötigen umfassend geschultes Personal und dadurch werden neue Rollen entstehen.

Prof.in Dr.in Dipl. Soz.in Tanja Krones (Leitende Ärztin Klinische Ethik/Geschäftsführerin Klinisches Ethikkomitee Universitätsspital Zürich) gab einen Einblick in die „Advance Care Planning, Strategie in der Schweiz“. Krones wies auf die Wichtigkeit hin, den Patientenwillen zu berücksichtigen und dass dazu auch ein gewisser Kulturwandel notwendig sei. Die take home message war auch in diesem Fall dass es sich lohnt, ACP zu implementieren.

Den dritten Themenblock unter dem Vorsitz von Frau Dr.in Mag.a Sigrid Beyer (Hospiz Österreich) eröffnete Dr. Martin Doppelreiter, MAS. Sein Vortrag hatte den Titel „Advance Care Planning bei urteilsfähigen Personen“. Dr. Doppelreiter erzählte von seinen Erfahrungen in der Patientenverfügungsberatung und den unterschiedlichen Möglichkeiten vorzusorgen; aus seiner Sicht macht es Sinn, eine Vorsorgevollmacht mit einer PV zu kombinieren.

Gleich im Anschluss betrat Frau Kornelia Götze das Podium mit dem Vortrag “ Advance Care Planning bei urteilsunfähigen Personen“. Aus Sicht von Frau Götze muss das Ziel von ACP sein, „Menschen so zu behandeln, wie sie es wollen“, auch wenn deren Urteilsfähigkeit fraglich bzw. eingeschränkt scheint (Kinder, an Demenz erkrankte Personen). ACP kann die Selbstbestimmung fördern, kann helfen, Entscheidungen informiert zu treffen und in Ruhe festzulegen oder zu überdenken, ACP kann eine Über- oder Unterversorgung vermeiden, dies ist die Take home message, die aus den Notizen des Autors zum Vortrag von Frau Götze hervorgeht.

Priv.-Doz. Dr. Jürgen Wallner, MBA, Leiter des Ethikprogramms der Barmherzigen Brüder Österreich, gab einen Einblick in das 2. Erwachsenenschutzgesetz (2. ErwSchG), welches er im Abstract folgendermaßen beschreibt:“ Das 2. ErwSchG ist ein hervorragendes Instrument, um den Willen von Menschen mit kognitiven Einschränkungen ernst zu nehmen und damit rechtsethische Werte zu verfolgen.“ Dieser Vortrag mit dem Titel „Assistierte Autonomie bei Menschen mit kognitiver und mehrfacher Beeinträchtigung“ passte aufgrund der Reihenfolge hervorragend ins Programm, da auch hier die Wichtigkeit der Selbstbestimmung von Patientinnen und Patienten thematisiert wurde.

Ao Univ.-Prof.in Dr.in Sonja Fruhwald von der Klinischen Abteilung für Anästhesiologie für Herz- und Gefäßchirurgie und Intensivmedizin der Medizinischen Universität Graz eröffnete den Themenblock 4 mit dem Vortrag „Advance Care Planning in der Notfall- und Intensivmedizin“.  Sie brachte die Problematik der Notfall- und Intensivmedizin auf den Punkt: die Sicherung der Vitalfunktionen steht hier zunächst im Vordergrund. Meist ist es erst nach einer Stabilisierungsphase möglich, ausreichend Informationen zur Vorgeschichte und dem mutmaßlichen Willen der Patientinnen und Patienten einzuholen. In manchen Situationen kann dies zu „einer Verlängerung der Sterbephase“ führen. Wie schon bei den Vorrednerinnen und Vorrednern war auch hier eine klare Botschaft für ACP zu erkennen. Ein weiteres Mal wird von einem notwendigen Kulturwandel gesprochen und der Forderung, dass ACP zum Standard bei chronisch kranken Menschen werden muss.

Den vorletzten Vortrag vor dem „Round Table Advance Care Planning“ hielt Prof. Dr. Friedemann Nauck von der Klinik für Palliativmedizin der Georg-August-Universität Göttingen,“Advance Care Planning in der Palliativversorgung“. Kommunikation als Schlüssel der optimalen Betreuung war in diesem Fall die take home message.

Am Ende der Vortragsreihe stand dann noch ein best practice Beispiel aus Österreich. Frau Dr.in Mag.a Sigrid Beyer, stellvertretende Geschäftsführerin HOSPIZ Österreich und Frau Gerda Schmitt DGKP, MAS stellvertretende Pflegedienstleitung bei Caritas Sozialis berichteten über das Projekt VSD Vorsorgedialog® für Altenheime. Hier ein Auszug aus dem Abstract: „Der Vorsorgedialog ist ein strukturiertes Gespräch zwischen Bewohnerin/Bewohner, den betreuenden Pflegenden, der Ärztin/dem Arzt sowie, wenn gewünscht, den Angehörigen. Inhalt sind die Wünsche der Bewohnerin/des Bewohners zu einem guten Leben im Heim sowie zu wichtigen Fragen am Lebensende. Das kann z.B. Reanimation, Einweisung in ein Krankenhaus o.ä. sein. Diese Gespräche werden regelmäßig geführt und gut dokumentiert, damit im Krisenfall Nötärzte/innen und Pflegepersonen eine gute Entscheidungsgrundlage haben und im Sinn der Bewohnerin/des Bewohners handeln können.“ Ein weiteres Mal stand auch hier wieder die Kommunikation im Vordergrund. Drei Punkte wurden von den Referentinnen genannt, die zu den Grundlagen des VSD gehören: 1.) Kommunikation, 2.) es handelt sich um einen Prozess und nicht um ein einmaliges Gespräch 3.) alle Beteiligten kommunizieren auf Augenhöhe.

Nach den hochkarätigen Vorträgen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich nahm ein Teil der Vortragenden noch am round table Platz. Unter der Moderation von em. Prim. Univ.- Doz. Dr. Günther Weber und weiteren Gästen wie Hon. Prof. Dr. Gerhard Aigner (Bundesministerium für Gesundheit und Frauen), Martin Kräftner DGKP (NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft), Ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres (Präsident der Österreichischen Ärztekammer), wurde in dieser Expertenrunde unter anderem über die Rahmenbedingungen gesprochen, die in Österreich geschaffen werden müssen, um ACP erfolgreich zu implementieren.

Der hier verfasste Artikel ist aus der persönlichen Mitschrift des Autors und dem Abstractbook der Veranstaltung entstanden, gibt die Sichtweise des Autors wieder und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

 

 

 

 

 

 

Peter Redl-Lenk
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Peter Redl-Lenk, BSc - Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Advanced Practice Nurse

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