Assistierter Suizid für psychisch Erkrankte

„Heißes Eisen“

Es ist ein heißes Eisen, das André Böhning mit seinem Buch „Assistierter Suizid für psychisch Erkrankte“ angefasst hat. Fragen nach dem assistierten Suizid haben ein großes Potential, Diskurse zu polarisieren. Wenn es dabei konkret um den assistierten Suizid bei seelisch erkrankten Menschen geht, dann schlagen die Diskussionen auf jeden Fall Wellen. Mit dem Buch, das Böhning herausgegeben hat, wird es hoffentlich so sein. Es legt Finger in Wunden, die im psychiatrischen und psychotherapeutischen Alltag gerne vernachlässigt werden. Dabei darf genau diese ethische Diskussion nicht aus dem Blick verloren werden. Sonst ist natürlich zu befürchten, dass sich eine offene Wunde entzündet, vereitert und vielleicht viel schlimmere Konsequenzen nach sich zieht.

Es sind zum Teil streitbare Beiträge, die auf eine Tagung im schweizerischen Sankt Gallen zurückgehen. Beispielsweise sticht der Aufsatz des Soziologen und gelernten Krankenpflegers Dirk Richter hervor. Er zeigt sich als Befürworter eines assistierten Suizids für psychisch erkrankte Menschen. Eine ablehnende Sichtweise ist für Richter „nicht mehr angemessen“ (S. 41) in der Gegenwartsgesellschaft. Das Leidenskonstrukt und das Autonomiekonzept der Menschen habe sich gewandelt. Konkret schreibt Richter: „Leidensvermeidung und ein würdevoller Umgang mit der eigenen Krankheit werden mittlerweile auch juristisch abgesichert. Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten haben das Ziel, die möglichen Konflikte zwischen Fachpersonen und Patientinnen bzw. Patienten vorab zu regeln, und zwar im Sinne eines autonomen Entscheids der zu behandelnden Person“ (S. 45).

Richters Vorstellungen zeigen, wie richtungsweisend auch gesellschaftliche Diskurse zu Fragen von Autonomie und Würde, Leben und Tod, Leiden und Gesundheit geführt werden müssen. Denn allzu sehr vermitteln Beiträge auch in Böhnings Buch, dass über wichtige Fragen von Gesundheit und Krankheit mechanistisch-funktionalistisch nachgedacht wird. Einen vergleichbaren Eindruck macht „U-Doc-Formular zur Evaluation und Dokumentation der Urteilsfähigkeit“, das Christiane Thomas-Hund im Aufsatz „Die Bestimmung der Urteilsfähigkeit bei psychischer Erkrankung“ vorstellt. Auf zwei Seiten wird mit diesem Dokument die Erkenntnisfähigkeit, die Wertungsfähigkeit sowie die Willensbildung-und umsetzung eines Menschen aus ärztlicher Sicht bewertet. Ob mit dem Abhaken von Fragestellungen der Frage nach Leben und Tod angemessene Antworten gefunden werden können, sei dahingestellt.

Auch wenn das Buch „Assistierter Suizid für psychisch Erkrankte“ kritisch zu lesen ist, so ist es ein wichtiger Beitrag zum Anstoßen einer meist ausbleibenden Diskussion. Christian Kind beschreibt ethische Herausforderungen in seinem Aufsatz „Der Wunsch nach assistiertem Tod“. Bernadette Ruhwinkel fragt „Alt und lebensmüde?“ und schaut auf Suizidalität im Alter. Es wird auch den rechtlichen Bestimmungen in der Schweiz und in Deutschland Aufmerksamkeit geschenkt.

Böhning selbst wünscht sich größere Sensibilität für die zentralen Begriffe von Würde und Autonomie, „für ihre vielfältigen Dimensionen und ihre pluralen Verwendungsformen“ (S. 165). Er widmet sich in seinem Beitrag den „Ambivalenzen beim Wunsch nach einem assistierten Suizid“. So wie er sich um einen Ausgleich der Ambivalenzen müht, so versucht er selbst dem assistierten Suizid die Polaritäten zu nehmen. Die Frage nach Würde und Autonomie ist für ihn „Türöffner zum Sinnerleben von Patienten“ (S. 164).

Was dem Buch fehlt, sind unter anderem ein kulturgeschichtliches Nachdenken über Leiden, Sterben und Tod. Es fehlen auch die Impulse über das Umgehen mit der Problematik in Einrichtungen des Gesundheitssystems (Stichwort: multiprofessionelle ethische Teambesprechungen).

André Böhning: Assistierter Suizid für psychisch Erkrankte – Herausforderung für die Psychiatrie und Psychotherapie, Hogrefe-Verlag, Bern 2021, ISBN 978-3-456-86002-2, 231 Seiten, 34.95 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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