Arbeitsbelastung im Gesundheitswesen – Erkenntnisse aus der nationalen STRAIN Studie

Arbeitsbelastung
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Die aktuelle SARS-CoV-2-Pandemie führt deutlich vor Augen, wie wichtig genügend Fachpersonen für eine gut funktionierende Gesundheitsversorgung ist. Der Mangel an gut ausgebildetem Pflegepersonal ist nicht nur für die Gesundheitsorganisationen selbst eine Herausforderung, sondern wirft auch Fragen zur künftigen Versorgungsqualität im Gesundheitswesen auf (World Health Organisation, 2016). Stress am Arbeitsplatz sowie schlechte Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass viele Pflegende den Beruf frühzeitig verlassen (Hämmig, 2018; Lobsiger & Liechti, 2021).

Das STRAIN Projekt

Das nationale STRAIN Projekt «Work-related Stress Among Health Professionals in Switzerland» setzt genau dort an (K.A. Peter, Hahn, Schols, & Halfens, 2020; K.A. Peter, Halfens, Hahn, & Schols, 2021). Das STRAIN Projekt wurde von Januar 2017 bis Ende Juni 2021 in allen Sprachregionen der Schweiz durchgeführt. Ziel ist es, Stressquellen, Stressreaktion und daraus entstehende Langzeitfolgen im Arbeitsalltag von Gesundheitsfachpersonen in der Schweiz zu erfassen und mittels Intervention langfristig zu reduzieren. Das 15-köpfige Projektteam setzt sich interprofessionell aus Mitarbeitenden der Berner Fachhochschule BFH, der HES-SO Fachhochschule Westschweiz sowie der Fachhochschule Südschweiz SUPSI zusammen und wird von Dr. Karin Peter geleitet (BFH). Die STRAIN-Studie zählt zu den grössten Schweizer Interventionsstudie in den Gesundheitsberufen, umfasst drei Messzeitpunkte und über 160 teilnehmende Akutspitäler, Rehabilitationskliniken, Psychiatrien, Alters- und Pflegeheime sowie Spitex-Organisationen. Über 19’000 Gesundheitsfachpersonen haben sich an dieser Studie beteiligt. Eingeschlossen waren dabei Pflegende, Hebammen, Ärztinnen und Ärzte, Medizinisch-technische sowie Medizinisch-therapeutische Berufe aus allen Hierarchien und Qualifikationsstufen.

Zentrale Resultate für die Pflege

Erste Resultate aus der STRAIN Studie zeigen, dass Pflegende und Hebammen deutlich höheren emotionalen und körperlichen Anforderungen bei der Arbeit ausgesetzt sind als alle anderen Gesundheitsberufe (siehe Abbildung 1). Zudem bieten sich ihnen weniger Entwicklungsmöglichkeiten. Darüber hinaus weisen sie im Vergleich die tiefste Arbeitszufriedenheit auf und denken am häufigsten über einen Berufsaufstieg nach.

Abb. 1: Stressoren und Auswirkungen in verschiedenen Berufsgruppen (K.A. Peter et al., 2020)                                                

Weitere Resultate für die Pflegberufe zeigen, dass…

  • 27% der Pflegenden ihre gesetzlich festgelegten Pausenzeiten im Arbeitsalltag ‘teilweise bis nie’ einhalten können.
  • 51% der Pflegenden Teilzeit arbeiten, aufgrund der schwierigen Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben.
  • 13% der Pflegenden unter einer mässigen bis starken Beeinträchtigung im Alltag aufgrund von Wirbelsäulenbeschwerden betroffen sind.
  • 15% der Pflegenden mehrmals im Monat oder sogar jeden Tag daran denken, den Beruf zu verlassen.

Interventionsprogramm für Führungspersonen

Führungspersonen spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht ein gesundes Arbeitsumfeld für Mitarbeitende zu schaffen. Sie haben einen relevante Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitskultur innerhalb der Organisation und tragen mit ihrem Engagement für eine erfolgreiche Umsetzung effektiver Massnahmen zur Prävention und Reduktion von Stress sowie für die Optimierung der Rahmenbedingungen bei der Arbeit bei (K.A Peter, Schols, Halfens, & Hahn, 2020). Die Intervention des STRAIN Projekts zielt daher auf die Schulung von Führungspersonen in allen Hierarchiestufen der teilnehmenden Organisationen ab. Basierend auf den Ergebnissen der Mitarbeitenden Befragung, Resultaten einer systematischen Literaturrecherche (1 400 Studien/Guidelines) sowie 24 Fokusgruppeninterviews mit Gesundheitsfachpersonen wurde eine Schulungsintervention für Führungspersonen im Gesundheitswesen entwickelt. Für die Intervention wurden dabei folgende relevanten Handlungsfelder identifiziert und für das Schulungsprogramm mit Führungspersonen ausgearbeitet (siehe Abbildung 2).

Abb. 2: Identifizierte Handlungsfelder der STRAIN Intervention

Das 2-tägige Schulungsprogramm sowie das anschliessende Coaching fanden organisationsübergreifend sowie in multiprofessionell zusammengesetzten Gruppen von Führungspersonen statt. Wie einer erste Evaluation mit 216 teilnehmenden Führungspersonen zeigt, wurde vor allem der Austausch in den Gruppenarbeiten mit Führungspersonen aus anderen Gesundheitsorganisationen und Berufsgruppen als gewinnbringend erachtet. Eine statistische Auswertung zeigte keinen signifikanten Unterschied zwischen der STRAIN Interventions- und der Kontrollgruppe. Die SARS-COV-2 Pandemie hat die letzte Datenerhebung (nach der Intervention) stark getroffen und bei ca. einem Drittel der Organisationen konnte trotz Teilnahme am STRAIN Interventionsprogramm keine dritte Messung durchgeführt werden. Wie eine erste Auswertung innerhalb der Organisationen der Interventionsgruppe zeigt jedoch: Haben mehr als 70 Prozent der Führungspersonen einer Organisation am Interventionsprogramm teilgenommen, hat sich dies ausschliesslich positiv auf Stressoren und Langzeitkonsequenzen ausgewirkt.

Empfehlungen für Führungspersonen im Gesundheitswesen

Wie die Ergebnisse dieser Studie verdeutlichen, sind einerseits effektive Massnahmen für eine gute Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben, eine Optimierung der Arbeitslast und Führungsstrukturen zentrale Themen im Schweizer Gesundheitswesen. Andererseits sind auch klar definierte Rollen und Verantwortlichkeiten, bessere Entwicklungsmöglichkeiten sowie ein stärkerer Fokus auf eine positive Feedback- und Fehlerkultur wichtig, um Gesundheitsfachpersonen länger motiviert und gesund im Beruf zu halten. Aus den Resultaten des STRAIN Projekts sowie dem entwickelten Schulungsprogramm wurden zudem evidenzbasierte Empfehlungen für Führungspersonen im Gesundheitswesen entwickelt. Das Dokument ist für alle Interessierte frei zugänglich und kann auf der Website www.gesundheit.bfh.ch/strain in Deutsch, Französisch und Italienisch heruntergeladen werden.

Wie geht es weiter?

Die SARS-CoV-2 Pandemie birgt die Gefahr, dass sich die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen verschlechtern, bspw. die fehlende Vereinbarkeit zwischen Arbeits- und Privatleben für Gesundheitsfachpersonen zunimmt und auch die Zahl der frühzeitigen Berufsausstiege weiter ansteigt. Umso wichtiger ist es jetzt, Optimierungsmöglichkeiten im Gesundheitswesen aufzudecken und insgesamt effektive Massnahmen für bessere Arbeitsbedingungen stärker voranzutreiben.

Literatur

Hämmig, O. (2018). Explaining burnout and the intention to leave the profession among health professionals – a cross-sectional study in a hospital setting in Switzerland. BMC Health Service Research, 18(1), 785. doi:10.1186/s12913-018-3556-1

Lobsiger, M., & Liechti, D. (2021). Berufsaustritte und Bestand von Gesundheitspersonal in der Schweiz – Eine Analyse auf Basis der Strukturerhebungen 2016-2018. Neuchatel: Swiss Health Observatory (OBSAN).

Peter, K. A., Hahn, S., Schols, J. M. G. A., & Halfens, R. J. G. (2020). Work-related stress among health professionals in Swiss acute care and rehabilitation hospitals-A cross-sectional study. Journal of clinical nursing, 29(15-16), 3064-3081. doi:10.1111/jocn.15340

Peter, K. A., Halfens, R. J. G., Hahn, S., & Schols, J. M. G. A. (2021). Factors associated with work-private life conflict and leadership qualities among line managers of health professionals in Swiss acute and rehabilitation hospitals – a cross-sectional study. BMC Health Services Research, 21(1), 81. doi:10.1186/s12913-021-06092-1

Peter, K. A., Schols, J. M. G. A., Halfens, R. J. G., & Hahn, S. (2020). Investigating work-related stress among health professionals at different hierarchical levels: A cross-sectional study. Nursing Open, 7(4), 969-979. doi:10.1002/nop2.469

World Health Organisation. (2016). Global strategy on human resources for health: workforce 2030. Geneva: World Health Organization.

Autor:in

  • Karin A. Peter PhD: Dozentin und Co-Leiterin des Innovationsfeld Gesundheitsversorgung, Personalkompetenz und -Entwicklung an der Berner Fachhochschule Gesundheit.