„Anstoß zu mehr Vertrauen“

11. Dezember 2022 | Christophs Pflege-Café

Es wird viel über Genesung, Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit gesprochen. Dabei bleiben viele Diskurse wenig konkret. Nicole Amrein, Manuela Grieser und Maja Lo Faso haben mit dem Buch „Genesungsprozesse ganzheitlich begleiten“ nun den Versuch gestartet, das Ganze mit Leben zu füllen. Christoph Müller hat mit Maja Lo Faso gesprochen.

Christoph Müller im Gespräch mit Maja Lo Faso

Christoph Müller Mit dem Buch setzen Sie den Maßstab, dass Genesungsprozesse ganzheitlich begleitet werden. Was ist die Motivation? Legen Sie die Hürde damit nicht zu hoch?

Maja Lo Faso Unsere Motivation, einen ganzheitlichen Ansatz zu vermitteln, liegt darin, dass dieser die Prozessbegleitung und Genesung erleichtert. Fühlen wir uns beispielsweise körperlich wohler, finden wir eher Entspannung. Entspannung öffnet für soziale Kontakte, unterbewusste Inhalte und kreative Lösungsansätze, die alle unter Stress weniger zugänglich sind. Körperwahrnehmung verbindet Menschen auch mit ihrem Emotionalbereich. Emotionsdysregulation – als verbindender Faktor zahlreicher psychischer Erkrankungen – zu verändern bedingt, dass Emotionen und belastende Verhaltensmuster als solche wahrgenommen werden können. Öffnen Pflegefachpersonen den Raum für Körper- und Selbstwahrnehmung, ermöglichen sie es ihren Klientinnen und Klienten, in Kontakt mit sich selbst zu treten. Sie können ein subjektives Verständnis für ihre Erkrankung und intrinsische Veränderungsmotivation entwickeln.

Weiter sind geistige Prozesse wie Reflexion und Entscheidungsfindung durch Selbstwahrnehmung mit der persönlichen Realität verbunden und im Körper verankert. Nicht zuletzt vergrößern wir als Begleitende durch den ganzheitlichen Ansatz unser Repertoire. Wir können auf der Ebene Interventionen anbieten, für die eine Klientin momentan empfänglich ist, insbesondere dann, wenn Genesungsprozesse ins Stocken geraten.

Insofern hoffen wir, nicht die Hürde im bereits herausfordernden pflegerischen Alltag zu erhöhen, sondern erleichternde Maßnahmen, verbunden mit dem entsprechenden Grundlagenwissen anzubieten. Ein Fenster zu öffnen und die Aufmerksamkeit kurz auf die Atmung zu lenken, eine selbstanwendbare Handmassage oder andere sinnesbasierte Kurzintervention erzeugen bereits einen gemeinsamen Raum der Entspannung und Präsenz. Bezugspflegegespräche lassen sich angenehm gestalten, indem körperliche Bedürfnisse miteinbezogen werden. Bei Bewegungsdrang kann ein gemeinsamer Spaziergang förderlich wirken, bei emotionaler Erregung eine einfache Intervention des Stressabbaus. Erweitern Begleitende Kognition und Fachwissen mit der Wahrnehmung der körperlichen und emotionalen Ebene, können sie diese situativ und prozesserleichternd einbeziehen.

Christoph Müller Als Basis des ganzheitlichen Arbeitens stellen Sie Körper, Emotionen und Geist als Ebenen der Lebensregulation vor. Stehen diese Ebenen gleichberechtigt nebeneinander? Wie kommt es dazu, dass wir als Helfende, aber auch als Unterstützungsbedürftige, immer auch eine Ebene vernachlässigen?

Maja Lo Faso Aus biologischer Sicht sind der Körper, Emotionen und Geist als Team zu verstehen, die zusammenarbeiten und aufeinander einwirken; fehlt eine Ebene, erfahren wir gravierende Einschränkungen oder sind nicht lebensfähig. Während wir durch unsere Kognition unsere Handlungen bewusst zu steuern vermögen, bietet der Körper die materielle Struktur unseres Lebens. Emotionen dienen der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung und Überlebenssicherung, während Gefühle längerfristig Auskunft über unsere Entwicklung und Einbettung im sozialen Umfeld geben. Ist nur eine Ebene der Lebensregulation genetisch verändert oder durch Krankheit beeinträchtigt, so hat dies gravierende Auswirkungen auf die Lebensrealität und gesamte Persönlichkeit. Daraus können wir folgern, dass jede Ebene notwendig und damit auf ihre Weise gleichwertig ist.

Unter philosophischer Betrachtung hingegen können wir uns fragen, ob nicht unser Geist am wichtigsten ist, da erst dieser uns zum Menschen macht und uns von den übrigen Säugetieren unterscheidet. Dieser Ansatz würde wiederum ein anderes Diskussionsfeld eröffnen und möglicherweise zu anderen Antworten führen.

Dass wir im Allgemeinen das Zusammenwirken aller Ebenen der Lebensregulation wenig verstehen und nutzen, hat gesellschaftliche Ursachen. Wir haben seit der Industrialisierung und technologischen Revolution mehrheitlich unseren Geist geschult, um unsere Lebensbedingungen zu verbessern. Dabei ist die Verbundenheit mit Körper, Emotionen und Gefühlen – die Verbundenheit mit unserer Natur, in innerer wie äußerer Hinsicht – in den Hintergrund geraten. Wir sind hochgebildet in abstraktem Denken, konzentriert auf Leistung und Materielles, haben jedoch als Gesellschaft wenig Wissen darin kultiviert, wie wir Wohlgefühl finden, innere Ressourcen erschließen und seelischen Erschütterungen heilsam begegnen können. Daher ist es für uns als Gemeinschaft herausfordernd,  sinnbildlich „weniger zu tun und mehr zu sein“, um körperliche und emotionale Informationen als Bereicherung unserer Lebensgestaltung erfahren zu können.

Christoph Müller Wenn es um die Beziehung zwischen helfenden und unterstützungsbedürftigen Menschen geht, unterstreichen Sie die Bedeutung des Maßes, wie sehr sich die Betroffenen verstanden fühlen. Wie können Sie dies begründen?

Maja Lo Faso Die Forschung belegt, dass unser biologisches Motivationssystem im Grunde auf soziale Beziehungen ausgerichtet ist. Erst die Aussicht auf gelingende Beziehung, Zuwendung, Anerkennung und Liebe aktiviert im Körper Hormone wie Dopamin (aktivierend auf ein Ziel hin), Oxytocin (ermöglicht Bindung, erotisierend) und körpereigene Opiate (schmerzlindernd, euphorisierend, entspannend). Fehlt gelingende Beziehung, so schalten unsere Motivationssysteme ab, mit gravierenden körperlichen und psychischen Folgen. Die zentrale Bedeutung sozialer Beziehung für unsere körperliche und psychische Gesundheit zeigt, dass verletzende Beziehungserfahrungen Krankheiten befeuern, wenn nicht gar erzeugen können, und dies in viel größerem Umfang, als uns gemeinhin bewusst ist. In diesem Zusammenhang belegen Forschungsergebnisse, dass es weniger die therapeutische Richtung, sondern vielmehr Mitgefühl, die Validierung der Lebensrealität und Akzeptanz sind, die Menschen auf Genesungswegen nachhaltig positiv berühren. Positive Beziehung wirkt nachweislich heilsam.

Christoph Müller An vielen Stellen laden Sie die Leserinnen und Leser zur Selbsterfahrung ein. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Maja Lo Faso Durch unsere neuronalen Systeme der Spiegelneuronen stehen wir – bewusst oder unbewusst – in steter Resonanz miteinander. Habe ich, als Begleitende von Genesungsprozessen, körperliche, emotionale oder transrationale geistige Ressourcen wie Imagination und Intuition nicht erschlossen, so kann ich diese Fähigkeiten bei meinem Gegenüber nicht fördern. Klientinnen und Klienten spüren intuitiv, ob wir ihnen mit gelebter Erfahrung, Menschlichkeit und Authentizität gegenübertreten oder ob wir ein standardisiertes Verfahren ohne Empathie durchführen. Wir können uns fragen, wie wir als Begleitende Hoffnung auf Genesung vermitteln wollen, wenn wir nicht in der Lage sind, unsere persönlichen Herausforderungen anzugehen.

Christoph Müller Im Zusammenhang mit der Beziehungsgestaltung zwischen helfenden und unterstützungsbedürftigen Menschen betonen Sie die Notwendigkeit einer bedingungslosen Akzeptanz. Schließt dies die Möglichkeit einer individuellen Abgrenzung aus?

Maja Lo Faso Nein, ganz bestimmt nicht. Für uns als Begleitende ist es jedoch von Bedeutung, weshalb und wie wir uns abgrenzen. Sind persönliche Belastungen aktiviert, durch Themen und Verhalten, die ein Betroffener mitbringt, geschieht Abgrenzung unter Stress und damit meist weniger ruhig und freundlich. Die Bearbeitung eigener Stressoren unterstützt folglich die klare, empathische (und damit professionelle) Regulierung von Nähe und Distanz. Nimmt das Beziehungsgeschehen – nach subjektivem Empfinden und objektiven Kriterien – eine ungünstige Richtung an, und sind Begleitende in der Lage, dies offen zu kommunizieren und Grenzen zu setzen, ohne die Beziehung abzubrechen, ist dies für Betroffene ein hilfreiches Korrektiv im Genesungsprozess.

Christoph Müller Sie bauen darauf, dass sich aus diesem ganzheitlichen Blick auch ein nutzbringender Trialog zwischen Betroffenen, Angehörigen und psychiatrisch Tätigen entwickelt. Konkretisieren Sie einmal die Vorteile.

Maja Lo Faso Wir bilden in sozialen Systemen sogenannt intersubjektive Bedeutungsräume, in denen wir die „Stimmung“ anderer, einschließlich deren Spannungszustand, bewusst oder unbewusst wahrnehmen. Stress und Entspannung breiten sich aus in Gruppen. Während Stress Verhalten in den Bereichen Aggression, Distanzierung, Blockade und Emotionslosigkeit hervorruft, wird konstruktive soziale Interaktion erst durch Beruhigung unseres Nervensystems möglich. Folglich kann es Angehörigen in belastenden Situationen enorm dienen, Methoden der Entspannung und Stressreduktion zu erlernen. Entspannt können sie ihre erkrankten Familienmitglieder besser unterstützen. Betroffenen dient Stressabbau, Körperarbeit und Selbstwahrnehmung aus den bereits erwähnten Gründen. Auch professionell Begleitende können erst in entspanntem Zustand, mit hinreichender Körper- und Selbstwahrnehmung in Beziehung treten und dabei empathisch und situativ handeln.

Christoph Müller Zum Abschluss will ich nochmals in die Zukunft blicken. Was wünschen Sie sich für Ihr Buch?

Maja Lo Faso Wir als Autorinnen wünschen uns, mit unserem Buch das Naheliegende ins Bewusstsein der Gesundheitsversorgung und bestenfalls der Allgemeinheit zu holen. Unserer Ansicht nach sind es heute weniger weitere Intellektualisierung, Effizienzsteigerung und Maximierung, die uns als Gesellschaft und Individuen weiterbringen. Vielmehr gehen wir davon aus, dass uns die Wahrnehmung und das Verständnis für komplexe lebende Systemen dienen, also für unseren persönlichen Mikrokosmos, unser soziales Umfeld und unsere natürliche Umgebung. Können wir – mit vielen andern wertvollen Beiträgen der Gegenwart – einen Anstoß zu mehr Vertrauen in Genesungsprozesse, Selbstheilung und Wohlgefühl geben, so freuen wir uns.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank für das Interview.

Das Buch, um das es geht

Maja Lo Faso, Manuela Grieser & Nicole Amrein: Genesungsprozesse ganzheitlich begleiten – Professionelle Unterstützung zur Selbsthilfe, Psychiatrie-Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-96605-096-8, 35 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at