Angehörige in der Psychiatrie

(C) DedMityay

Der Einbezug von Angehörigen in eine psychiatrische Behandlung bedeutet die Einbeziehung der sozialen Ebene (Hoff 2014). Studien und Befragungen betonen zwar die Wichtigkeit, erkrankte Menschen als Ganzes, also auch ihr Umfeld zu erfassen. In der Praxis zeigt sich jedoch teils ein anderes Bild. Angehörige bleiben aussen vor, sind selbst belastet, unsicher und haben dringende Fragen zum Umgang mit den Auswirkungen einer Erkrankung. Dieser Aufsatz setzt sich mit der Frage auseinander, was Betroffene und ihre Angehörigen von psychiatrisch Tätigen erwarten, wie der Einbezug von Angehörigen in die Behandlung gestaltet werden kann, wie in der Ausbildung psychiatrisch Tätige und angehende Pflegefachleute auf diese Erwartungen vorbereitet werden können und welche Implikationen sich für die persönliche Weiterentwicklung und Fortbildung ergeben.

Was brauchen Angehörige?

Die Datenlage zu Angehörigen von Menschen mit einer psychischen Erkrankung im deutschsprachigen Raum ist eher bescheiden. Hauptsächlich, wenn es um deren Bedürfnisse und Belastungen im Zusammenhang mit einem nahestehenden Menschen mit einer psychischen Erkrankung geht. Zudem sind die bedeutenden Untersuchungen zu Bedürfnissen oder zu Auswirkungen der Erkrankung auf Angehörige, etwa die Leipziger Angehörigenstudie (Jungbauer et.al 2001), in die Jahre gekommen. Dennoch scheinen deren Ergebnisse nichts an Aktualität eingebüsst zu haben.

Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen weisen ein höheres Ausmass an Stress auf, leiden häufiger an Depressionen, zeigen eine geringere Lebensqualität und eine schlechtere körperliche Gesundheit (Hirst 2005). Ein überwiegender Teil der Angehörigen leidet unter Angst und Sorge infolge Informationsmangel, unter Einsamkeit und sozialer Isolation, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Zukunftsängsten (Spiessl et.al 2005). 50 – 90% der schwer psychisch kranken Menschen leben unmittelbar nach einer Akutbehandlung bei ihren Angehörigen (Lauber et al. 2003), Schätzungen zufolge werden zwei Drittel der chronisch psychisch kranken Menschen von und in ihren Familien betreut (Franz et. al 2003). Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass Angehörige oft monatelang grossen Belastungen ausgesetzt und auf Unterstützung angewiesen sind, um nicht selbst zu erkranken.

Die bereits erwähnte Leipziger Angehörigenstudie (Jungbauer et.al 2001) identifiziert in drei Themenbereichen, wie Angehörige die psychiatrische Behandlung wahrnehmen und welche Bedürfnisse sie haben. Angehörige benötigen zeitnah zum Krankheitsbeginn ausführliche und verständliche Informationen und Aufklärung. Die Auseinandersetzung soll sich vorrangig individuell und konkret auf den Alltag beziehen, etwa, wie mit einzelnen Ausprägungen der Erkrankung umgegangen werden kann. Dabei reicht es nicht, ihnen eine Broschüre in die Hand zu drücken.

Im Verlaufe einer Erkrankung entstehen immer wieder neue Fragestellungen. Durch einen kontinuierlichen Austausch in gemeinsamen Gesprächen, durch Absprache mit Angehörigen in der Behandlungsplanung können feste Ansprechpartner helfen, längerfristige Kooperationen einzugehen.

Ob diese reale Einbeziehung in den Behandlungsprozess als hilfreich erlebt wird, hängt wesentlich von der Haltung der psychiatrisch Tätigen ab.  Angehörige möchten partnerschaftlich, empathisch und verständnisvoll in die Hilfen einbezogen werden. Eine freundliche, aktive Kontaktsuche unsererseits zu den Angehörigen fördert dies. Und wir tun gut daran. Während ab Ende der Vierzigerjahre bis in die Achtzigerjahre mit dem Konzept der schizophrenogenen Mutter oder später im Suchtbereich mit dem der Co-Abhängigkeit der leere Flaschen entsorgenden Ehefrau den Angehörigen zumindest indirekt eine Teilschuld an der psychischen Erkrankung angelastet wurde, sind die Stimmen heute verhaltener. Die Belastungen der Familien werden zwar inzwischen durchaus gesehen, dennoch hat jeder schon einmal die Kommentare eines Kollegen hinter vorgehaltener Hand gehört: «Kein Wunder, dass die krank ist – bei den Eltern!» Dieser historische wie auch gesellschaftliche Hintergrund der Stigmatisierung von Angehörigen hält sich hartnäckig bis in die heutige Zeit.

Diese Umstände betonen eine Strategie der Abgrenzung, die «Störung der Therapie» durch Angehörige als Aussenstehende. Die restriktive Auslegung des Begriffes «therapeutische Beziehung» bedeutet einen falschen Machtanspruch des Therapeuten: «Der Patient gehört mir!» Diese Unterbewertung der sozialen Ebene geht mit ungenutztem therapierelevanten Potential einher, was unweigerlich negative Auswirkungen auf die familiären Beziehungen nach dem Austritt zur Folge haben kann (Hoff 2014).

Negative Auswirkungen auf die familiären Beziehungen nach dem Austritt hat auch die Instrumentalisierung der Angehörigen als Folge. Durch Pseudodelegation von Verantwortung werden Angehörige zu Co-Therapeuten ernannt. Eine unkritische Überdehnung des Einbezugs der sozialen Ebene und der falsche Machtanspruch des Therapeuten erklären «alles zu Therapie», indem der Angehörige zu seinem Mitarbeiter wird (ebd.).

«Angehörige sind Angehörige». Der gezielte Einsatz eines wichtigen therapeutischen Prinzips, der Einbeziehung der sozialen Ebene, zeugt dahingehend von Respekt gegenüber den Angehörigen, indem durch die Nutzbarmachung der Ressourcen in den familiären Beziehungen keine Rollendiffusion initiiert wird. Dies fördert die positiven Auswirkungen auf die familiären Beziehungen nach dem Austritt. In einer familienorientierten Haltung geht es um die Nutzbarmachung kognitiver und emotionaler Ressourcen von intimen Beziehungssystemen für die Weiterentwicklung jedes Einzelnen (Liechti et al. 2005). Psychoedukation von Betroffenen und ihren Angehörigen etwa kann helfen, einen gemeinsamen Nenner zu finden, wie es die Ergebnisse der PIP-Studie belegen (Bäuml et al. 1996). Angehörige erleben eine emotionale Entlastung, auch wenn objektive Belastungen fortbestehen, weil Kommunikationsfähigkeiten und das Verhalten in Konflikt- und Krisensituationen verbessert werden können. Dies führt zu einer Reduktion von Stress und zu Zufriedenheit mit dem familiären Klima. Die damit verbundene Lebensqualität der gesamten Familie steigt an (Bäuml et al. 2005).

Die Interviewstudie von Spiessl et. al (2005) zeigt wie bereits beschrieben auf, dass die Belastungen von Angehörigen in Überforderung durch Informationsmangel, Hilflosigkeit und Ohnmacht gründen.  Doch nicht nur die Vermittlung von Faktenwissen hilft, sondern ebenso die Erarbeitung eines vertieften Verständnisses für die Entstehung und Zusammenhänge der Erkrankung. Psychische Erkrankungen erschweren oft die Entwicklung in Beziehungssystemen, welche unter chronischen Stress- und Überforderungsbedingungen erreichte Entwicklungen aufgeben und regredieren können. Dies führt zu einer Einengung des Copingrepertoires. Wesentliche Ressourcen dieser nahen Beziehungen wie Verantwortung und eine innere Verpflichtung zeigen, Achtung zeigen, sich kümmern und fürsorglich sein, offen bzw. selbstoffen sein, Konflikte gemeinsam regeln oder gemeinsame Aktivitäten können nicht mehr genutzt werden. Auch wenn Psychoedukation wie oben beschrieben hilft, diese Ressourcen zu (re-)aktivieren, ist es meist günstig, wenn dieser Prozess begleitet und moderiert wird. Insbesondere bei Zerrüttung in den Beziehungen.

Die Arbeit im Mehrpersonensetting

Grundsätzlich lassen sich in der Zusammenarbeit mit Angehörigen verschiedene Felder unterscheiden: Alltags- oder Basiskontakte, Psychoedukation oder anamnestische Interviews sowie systemische, interaktions- und beziehungsorientierte Gespräche (Scherer & Lampert 2017). Während bei der Psychoedukation Faktenwissen eher im Vordergrund steht, ist in den Alltagskontakten und insbesondere in den interaktionsorientierten Gesprächen die Fähigkeit, Prozesse zu gestalten, zentral. Mit der Einführung der Kybernetik 2. Ordnung ist die systemische Therapeutin oder Beraterin nicht aussenstehende Beobachterin der Familie, sie ist vielmehr ein Element des therapeutischen Systems oder Problemsystems, das alle jene Menschen umfasst, die am gemeinsamen Problem und dessen Lösung beteiligt sind (Willi 2005). Dies veränderte das Selbstverständnis des systemischen Therapeuten oder Beraters, indem der Therapeut nicht mehr Experte für die richtige Lösung für die Familie ist, sondern den Prozess begleitet und moderiert. Er muss auf der einen Seite das therapeutische Geschehen so weit im Griff behalten, dass es nicht destruktiv entgleist, auf der anderen Seite muss es der Familie möglich sein, offen miteinander zu sprechen. Beratende sind hier oft in der Funktion von Übersetzenden und Umformulierenden.

Die systemischen Ansätze richten gemäss Simon den Fokus der Aufmerksamkeit auf die Spielregeln der Interaktion und Kommunikation. Vorannahme ist, dass die psychischen Prozesse der Mitglieder des Systems an die Dynamik der Kommunikation gekoppelt sind, das heisst, wenn sich deren Spielregeln verändern, ändert sich auch die Symptomatik (Simon 2017). Es geht somit also um die Interaktion in den Rollen und Muster in diesen Beziehungen.  Dies bedeutet, dass «therapeutisches Handeln im Mehrpersonensetting ‚prozedurales‘ (= Handlungs-) Wissen aktiviert, das heisst, diese Art der Therapie hat viel mehr etwas zu tun mit Schuhebinden, Autofahren, Bügeln oder Auf-einen-Baum-Klettern als mit einer Theorie über Tatsachen (Faktenwissen). Die Dynamik (…) fordert Fachpersonen, Prozesse zu erkennen und hilfreich zu begleiten» (Liechti & Liechti 2011, S. 58). Weniger das «was» ist entscheidend als das «wie».

Anforderungen an die Beraterin und den Therapeuten

Wenn in der Zusammenarbeit mit Angehörigen weniger ein Faktenwissen im Vordergrund steht als die Fähigkeit, Prozesse zu erkennen und hilfreich zu begleiten, hat dies entscheidende Auswirkungen, wie diese Kompetenzen erlernt werden können. Erhebungen (Lampert 2018) zeigen, dass sich bei 50% der psychiatrisch Tätigen die Unsicherheit in der Zusammenarbeit mit Angehörigen dann verstärkt, wenn die Beziehung zu den Angehörigen noch nicht hergestellt ist oder in herausfordernden Situationen wie Konflikten oder Konfrontationen. Sie korreliert mit einer geringen Berufserfahrung von weniger als 5 Jahren. Als grundlegende Herausforderungen für den Berater oder die Therapeutin in der Arbeit im Mehrpersonensetting im Unterschied zur Arbeit im Einzelsetting werden die grössere Komplexität / Herausforderung in der Steuerung im Mehrpersonensetting, die herausforderndere Beziehungsgestaltung, gefolgt von der Notwendigkeit einer klareren Strukturierung der Themen / Ziele sowie einer klareren Strukturierung der Zeit sowie die Notwendigkeit einer klareren Grenzsetzung genannt.

Für kompetentes Handeln, etwa wie mit den oben beschriebenen Herausforderungen umzugehen, ist Handlungswissen als Kombination aus prozeduralem und deklarativem Wissen notwendig. Handlungswissen wird somit sichtbar im kompetenten Handeln. Entscheidend ist nicht das Wissen, sondern das daraus resultierende Handeln. Handlungswissen bezieht sich stets auf spezifische Situationen, entsteht durch Erfahrungen und kann als Stilles Wissen bezeichnet werden, welches nicht unbedingt bewusst zugänglich ist, also intuitiv angewandt wird. Ähnlich wie bei einer Unterschrift. Wir müssen zwar die Sprache kennen und des Schreibens mächtig sein. Dennoch ist der Prozess, in welchem wir unterschreiben, intuitiv. Vermutlich können wir dem Gegenüber nur schwerlich erklären, wie diese Unterschrift zustande kommt. Und schon gar nicht, was das Gegenüber tun muss, damit er diese Unterschrift ebenso ausführen kann.

Die Herausforderungen, welche die Prozessteuerung im Mehrpersonensetting beinhalten, stellen Erfahrung und somit eine gewisse Reife voraus, wobei Reife als qualitatives Produkt der Reflexion von Lebenserfahrung gesehen werden kann. Fiegl (2016) beschreibt Reifung als Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, der die für den psychotherapeutischen Beruf erforderlichen Kompetenzen bereitstellt. Diese Sicht lässt sich ebenfalls auf den Beratungskontext beziehen. Dabei ist Reife nicht automatisch mit Lebenserfahrung gleichzusetzen. «Die Notwendigkeit einer Selbsterfahrung als wichtiger Teil der Ausbildung wird gerade dahingehend argumentiert, dass es darum geht, eigene Erfahrungen, Gefühle, Vorstellungen zu reflektieren, damit man sie eben nicht in den therapeutischen Prozess transportiert. Das bedeutet, es geht vordringlich um die Fähigkeit und Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen und über die eigene Person zu reflektieren» (Fiegl 2016, S. 147). Frank et al. (2015) schreiben in der Auswertung ihrer Untersuchungen zur Rolle der Selbsterfahrung in der Psychotherapieausbildung, «dass Selbsterfahrung über alle therapeutischen Orientierungen und Kohorten hinweg nach wie vor als unbedingt notwendiger Ausbildungsbestandteil erlebt wird. Nach den Ergebnissen der vorliegenden Untersuchung profitieren Ausbildungskandidatinnen psychotherapeutischer Ausbildungsgänge in ihrer Persönlichkeitsentfaltung, Kompetenzentwicklung und professionellen Beziehungsgestaltung in hohem Masse von selbsterfahrungsorientierten Anteilen in ihrer Ausbildung» (Frank et al. 2015, S. 126). Diese Betrachtungen scheinen ebenso relevant für die Entwicklung von Kompetenzen von Pflegefachleuten, für die Arbeit im Einzelsetting und im Besonderen für die Prozessgestaltung im Mehrpersonensetting.

Als Kennzeichen der Reife fasst Fiegl Experteninterviews mit ausreichendem Realitätsbezug, Frustrationstoleranz, geringer narzisstischer Bedürftigkeit und einem kontrollierten Umgang mit Gefühlen zusammen. «Reife hiesse psychische Belastbarkeit, Bindungsfähigkeit, Eigenverantwortung (Selbstorganisation), eine Idee der Selbstwirksamkeit und Gestaltungsfähigkeit zu haben“ (Fiegl 2016., S. 148). Kennzeichen und Persönlichkeitsvariablen, welche für die Prozessbegleitung und -gestaltung in der Arbeit im Mehrpersonensetting naturgemäss von Wichtigkeit sind.

Persönlichkeitsvariablen können als ein bedeutender Prädiktor für die Gestaltung der therapeutischen Beziehung gesehen werden (Loos 2012), Wampold (2017) beschreibt ihn als ‚vergessenen Wirkfaktor‘. Diese Prämissen wurden vorrangig in der Arbeit im Einzelsetting untersucht. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Gestaltung der therapeutischen Beziehung im Mehrpersonensetting eine ähnliche Tragweite beigemessen werden kann; darüber hinaus gestaltet sich die Beziehungsgestaltung im Mehrpersonensetting als komplexer und anspruchsvoller (Willi 2005). Dies wird durch die Interviews (Lampert2018) bestätigt und ist häufige Nennung als Faktor der Verunsicherung in der Zusammenarbeit im Angehörigen. In den Interviews mit den Hinweisen zur Parteilichkeit resp. Neutralität ist ein Spannungsfeld ersichtlich, welches die Manövrierfähigkeit des Beraters einengen kann. In der Therapie wird ein Leid beklagt, welches sich oft auf die Ebene des Zusammenlebens auswirkt. Einseitige Parteilichkeit oder distanzierte Neutralität kann die therapeutische Beziehungsgestaltung im Mehrpersonensetting hemmen, erschweren oder gar verunmöglichen und zu einer Gefährdung der therapeutischen Allianz führen. Hilfreiche Konzepte wie die ‚Allparteilichkeit‘ (Boszormegny-Nagy 1978, Stierlin 1978) oder die ‚ausgleichende Parteilichkeit‘ (Willi 1978) wirken dieser Gefahr entgegen. Diese Konzepte müssen vermittelt und geübt werden. Wesentliche Grundlage hierfür ist die Mentalisierungsfähigkeit des Beraters, sich auf die ‚inneren Zustände‘ in sich selbst und im anderen beziehen zu können. Sie kann im Mehrpersonensetting sowohl als intrapsychische Fähigkeit als auch in hohem Masse als eine interaktionelle Fähigkeit gesehen (Brockmann & Kirsch 2010). Für die Förderung des Mentalisierens gibt es keinen besseren Weg, als es selbst zu tun (Brockmann & Kirsch 2015). Dies bedeutet, auf die Affekte des Gegenübers eingehen zu können, was im Mehrpersonensetting durch ‚Allparteilichkeit‘ oder ‚ausgleichende Parteilichkeit‘ gelingen kann. Mentalisieren kann die therapeutische Beziehung verbessern und öffnet einen ‚epistemischen Super Highway‘ für soziales Lernen und Veränderungen (Fonagy & Allison 2014). Um das Spannungsfeld der Parteilichkeit kurzzeitig aushalten zu können, scheint epistemisches Vertrauen zentral. Epistemisches Vertrauen oder Misstrauen ist nicht nur lediglich Persönlichkeitsmerkmal des Empfängers. Gelingt es dem Therapeuten bei ihren Patienten epistemisches Vertrauen auszulösen, fördert dies deren Bereitschaft, von ihm zu lernen und sich auf die Therapie einzulassen (Dittrich 2017). Diese Erfahrung kann im Mehrpersonensetting geradezu multipliziert werden und fördert die Entwicklung in Beziehungen. Die Fähigkeit des Beraters, Mitgefühl zu empfinden gilt dabei als Basis und ermöglicht erst Mentalisieren und das Auslösen epistemischen Vertrauens.

Die Basis für ein bindungsbasiertes Arbeiten im Mehrpersonensetting setzt spezifisches Fachwissen voraus. Die fehlende Grundlage der Konzepte der ‚Allparteilichkeit‘ oder ‚ausgleichenden Parteilichkeit‘ birgt die Gefahr der Manövrierunfähigkeit des Therapeuten. Diese Konzepte sind als Prozess zu verstehen, weniger als festes Gebilde. Mit dieser Arbeit nimmt der Berater eine kurzzeitige Koalition in Kauf, diese Schieflage gilt es kurzzeitig aufrecht zu erhalten, was ein gewisses Mass an Flexibilität und Gelassenheit, aber auch eine innere Distanz erfordert. Sich dieser Schieflage gewahr zu sein bedeutet, inneren Zuständen achtsam zu begegnen wie auch achtsam auf die inneren Zustände des Gegenübers einzugehen. Gerade in diesen Prozessen steht weniger Fachwissen im Vordergrund: wie in den Interviews (Lampert 2018) betont wird, sind Übungsmöglichkeiten und Supervision für die Umsetzung und Etablierung eines eigenen Stils wichtig: Um Prozesse zu erkennen und diese hilfreich begleiten zu können.

Entsprechend vereinigt die Arbeit im Mehrpersonensetting Anforderungen an mehrere Dimensionen:

die Mentalisierungsfähigkeit, sich auf eigene ‚innere Zustände‘ und die des Andern zu beziehen, die Prozess- wie auch die Beziehungsgestaltung sowie die inhaltliche und zeitliche Strukturierung. Einerseits kann dem Zusammenspiel dieser Dimensionen eine ausserordentliche Komplexität attestiert werden, zumindest unter erschwerten Bedingungen, andererseits erhebt die systemische Therapie und Beratung den Anspruch, dies möglichst unauffällig zu tun. Vielleicht wird dem Mehrpersonengespräch gerade deshalb nicht die Aufmerksamkeit zuteil, welcher es bezogen auf die Herausforderungen eigentlich bedarf.

Exkurs: Schweigepflicht vs. Therapeutische Beziehung

Mitarbeitende einer psychiatrischen Institution unterstehen der Schweigepflicht. Hinter dem Begriff der Schweigepflicht stehen viele Interpretationen und auch Unsicherheiten.

Schweigepflicht bedeutet, dass vorsätzlich und unbefugt keine besonders schützenswerten Personendaten bekannt gegeben werden dürfen, von denen der Mitarbeiter bei der Ausübung seines Berufes, der die Kenntnis solcher Daten erfordert, erfahren hat. Sinngemäss bedeutet dies, dass beispielsweise psychiatrisch Tätige keine Informationen zur Krankheitsdiagnose, zum Krankheitsverlauf oder zu Inhalten von Patientengesprächen ohne die Einwilligung des Patienten an Dritte, also auch nicht an Familienmitglieder, weitergeben dürfen.

Psychiatrisch Tätige geraten mit dem Wunsch der Angehörigen nach Information oft in ein Dilemma. Insbesondere bei spontanen, überraschenden Anrufen oder Kontakten ist eine reflexartige Zurückhaltung zu beobachten. Selbst bei einer gegebenen Entbindung der Verschwiegenheitspflicht entsteht ein Gefühl der Verunsicherung, was gesagt werden kann und wo eher Zurückhaltung angesagt ist. Diese Verunsicherung entspringt dann weniger der Sorge, die Schweigepflicht zu verletzen, als vielmehr der Unsicherheit, Themen anzusprechen, die im Rahmen eines vertraulichen Gesprächs erfahren wurden. Selbst die simple Frage bei einer vorhandenen Entbindung der Schweigepflicht, ob es dem Sohn während der Entzugsbehandlung gelungen ist, abstinent zu bleiben, zielt auf diese Dilemmata.

Erfahrungen aus der Praxis zeigen jedoch, dass auch bei einer unbedachten Antwort in einer guten therapeutischen Beziehung ein Fauxpas verziehen wird. Wichtig ist, die eigene Unachtsamkeit anzusprechen und sich beim Patienten zu entschuldigen.

Sollte eine Patientin in einer psychiatrischen Klinik wünschen, dass das Behandlungsteam keinen Kontakt mit den Angehörigen aufnimmt, so besteht dennoch die Möglichkeit, dass angehörige Vertrauenspersonen mit dem Behandlungsteam sprechen. Es steht Angehörigen frei, eigene Beobachtungen mitzuteilen oder Fragen zu psychischen Krankheiten zu stellen, wenn ihnen die Diagnose des Patienten bekannt ist. So ist ist es möglich, allgemein über die Krankheit zu sprechen. Die Therapeutin ist nach dem Gespräch jedoch verpflichtet, den Patienten darüber zu informieren. Fachpersonen sind dabei, wie bereits erwähnt, gefordert, nicht lediglich die gesetzliche Schweigepflicht zu beachten, sondern auch die therapeutische Beziehung zu wahren. Entsprechend wichtig scheint die Offenheit der Patientin gegenüber, wenn Angehörige sich melden.

In der Praxis einer separierten Angehörigenberatung zeigt sich diese Ausgrenzung leider häufig. Unter dem Vorwand der Schweigepflicht bleiben Angehörige oft aussen vor, haben dringende Fragen zum Umgang mit den Auswirkungen einer Erkrankung, welche die Schweigepflicht nicht tangieren. Hier entsteht der Wunsch, dass sich das Selbstverständnis der Offenheit gegenüber den Angehörigen in der somatischen Versorgung etwas in der psychiatrischen Praxis etablieren könnte. Nicht wider die Autonomie und Selbstbestimmung von Betroffenen, sondern im Verständnis eines gemeinsamen Dialogs zur Klärung von Berührungspunkten und Schnittstellen, welche sich nach einer stationären Versorgung automatisch ergeben.

Ableitungen für die Ausbildung, Weiterbildung und Praxis

Auch wenn die vorausgehende Argumentation ein Plädoyer für Massnahmen ist, welche Erfahrung und Sicherheit in der Zusammenarbeit mit Angehörigen, also Handlungswissen fördern, ist Wissensvermittlung grundlegend. Basiswissen wie bereits erwähnte Konzepte der Allparteilichkeit, das Wissen um die Phasen in den Bewältigungsstrategien von Angehörigen, ein gesetzeskonformer und bedürfnisgerechter Umgang mit der Schweigepflicht sind beispielsweise Wissensbereiche, welche es Einsteigern in Pflege- oder Gesundheitsberufe zu vermitteln gilt. Leitlinien für die Durchführung von Mehrpersonengesprächen können ebenfalls einfach und plausibel vermittelt werden. Weitaus entscheidender ist es jedoch, jungen Berufsleuten die Bedeutungsdimension der Angehörigkeit näher zu bringen. Etwa, durch einen Perspektivenwechsel. Jede und jeder von uns war wohl bereits einmal angehörig. Sich gewahr zu werden, welche Strategien in solchen Momenten als hilfreich erlebt wurden und was einem gefehlt hat, um mit einer herausfordernden Situation einen guten Umgang zu finden, ermöglicht, Angehörigen empathisch eine wertschätzende Haltung entgegenzubringen. Dieser Perspektivenwechsel kann als Initial zur Selbsterfahrung gesehen werden

Die interviewten psychiatrisch Tätigen messen therapeutenspezifischen Persönlichkeitsaspekten

eine hohe Bedeutung für die Beziehungsgestaltung bei der Durchführung von Mehrpersonengesprächen zu (Lampert 2018). Dies ist erkennbar als implizites Handlungswissen mit klaren Bezügen zur zitierten Literatur. Dieses meist unbewusste, prozedurale Wissen ist für eine wirksame therapeutische Beziehungsgestaltung zentral und fusst auf den Persönlichkeitsmerkmalen der Beraterin. Es zeigt sich jedoch oft auch eine Verunsicherung in komplexen Beratungssituationen: dort wo Ablehnung, Konflikte, ein unklarer Auftrag oder unklare Beziehungsaspekte zu Angehörigen wirken, sinkt die Selbstsicherheit. Wie in den Interviews betont und in der Literatur kongruent beschrieben, fussen Beziehungsaspekte im Einzel- wie im Mehrpersonensetting auf derselben Basis. Bei der Arbeit im Mehrpersonensetting erhöht sich jedoch die Komplexität de Beziehungsgestaltung. Hier sollen psychiatrisch Tätigen konsequent, ungeachtet deren Profession, die hilfreichen Konzepte zur Beziehungsgestaltung im Mehrpersonensetting sowie die Grundlagen der Arbeit im Mehrpersonenkontext vermittelt werden. Auf dieser Grundlage fördern Intervision, Supervision und Übungsmöglichkeiten das explizite Erfahrungswissen, was prozedurales Handlungswissen aktiviert. Dies kann weiter durch Selbsterfahrung verbessert werden, indem die Persönlichkeitsentfaltung das eigene Kohärenzerleben stärkt und hilft, eigene Erfahrungen, Gefühle, Vorstellungen zu reflektieren, damit sie nicht in den therapeutischen Prozess transportiert werden. Auch von einer Vertiefung von Fachwissen und praktischen Übungen in der Gesprächsführung im Mehrpersonensetting könnten psychiatrisch Tätige in ihrer Grundausbildung mit der Entwicklung spezifischer Kompetenzen profitieren. Getragen wird diese Arbeit von einer positiven Grundhaltung gegenüber Angehörigen. Hier können die Institutionen mit verbindlichen Konzepten eine Grundlage schaffen und Standards formulieren, auf welchen die Zusammenarbeit mit Angehörigen fusst.

Die Begrenzung der Angehörigenarbeit sollte sich in einer modernen psychiatrischen Versorgung weniger an den Fragen nach Profession oder Provenienz, sondern als multiprofessionelle Angelegenheit am Auftrag, den Kompetenzen (Skills) und zeitlichen Ressourcen psychiatrisch Tätiger orientieren, damit Bedürfnisse der Familien und Lebensgemeinschaften berücksichtigt werden können. Der Einbezug wichtiger Bezugspersonen eröffnet entwicklungsfördernde Formen der Transaktion für alle Beteiligten. Dieser Einbezug bedeutet, dass Entwicklung in intimen Beziehungen stets die Entwicklung der Individuen fördert (Liechti et. al 2005). Jede Anstrengung, Angehörige respektvoll in die Hilfe einzubeziehen, ist begrüssenswert. Mit dem Einbezug von Angehörigen kann eine psychiatrische Behandlung als eine Dienstleistung am ‘System’ verstanden werden.

Literatur

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Über Thomas Lampert 1 Artikel
Thomas Lampert ist Pflegefachmann Psychiatrie HF und Vizepräsident des Netzwerkes Angehörigenarbeit Psychiatrie. Er arbeitet als Koordinator Prävention und Angehörigenarbeit bei den St. Gallischen Psychiatrie-Diensten Süd und war langjährig freiberuflich in einer ambulanten, psychiatrischen Praxisgemeinschaft tätig

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