Anerkennung psychischer Traumafolgen

19. Dezember 2022 | Rezensionen

„Es gibt noch viel zu tun“

Die Anerkennung psychischer Traumafolgen ist ein Thema von hoher Aktualität. Der Psychiater Jörg M. Fegert nimmt sie mit dem Buch „Anerkennung psychischer Traumafolgen“ näher unter die Lupe. Dabei lässt er sich inspirieren von der Michaelsfigur im Ulmer Münster, um die es viel Dispute gegeben hat. Schließlich ist sie als Teil eines Kriegerdenkmals aufgestellt worden.

Wie kann denn eigentlich der Bogen von Kriegsgeschädigten zu Opfern sexualisierter Gewalt geschlagen werden? Fegert gelingt der Brückenschlag und auch die Spurensuche, die dorthin führt. So blickt Fegert beispielsweise auf den „Umgang mit Kriegsopfern nach dem Ersten Weltkrieg“. Das massenhafte Leid nach dem ersten Weltkrieg hat nach Fegert in der frühen Weimarer Republik zur Schaffung moderner Regelungen im sozialen Entschädigungsrecht geführt, „deren Grundzüge und Webfehler teilweise bis heute in unserem Sozialrecht zu erkennen sind“ (S. 47). Das Grundprinzip sei gewesen, „die behinderungsbedingte Minderung der Erwerbsfähigkeit auszugleichen und die Teilhabe der Versehrten an Arbeit und gesellschaftlichem Leben, ihre Reintegration, zu ermöglichen“ (S. 47).

Die Terminologie klingt nach Gegenwart. Umso spannender erscheint, dass am Beispiel der psychischen Traumafolgen eine Verwobenheit von Sozialgeschichte und Bewältigung seelischen Leidens abgearbeitet wird. Gleichzeitig werden die Leser_innen neugierig, wie sich in der jüngeren Geschichte individuelle Diagnosen dargestellt haben. Aufmerksamkeit schenkt Fegert unter anderem die „Abwertung und Stigmatisierung der Kriegszitterer und Schüttelneurotiker“. Vielen der Betroffenen sei durch das ärztliche und militärische Establishment mit Misstrauen begegnet worden. Sie seien als Simulanten missachtet worden. Dass im Zweifel für die Täter und nicht die Opfer gehandelt wurde, zeigt Fegert am Beispiel von KZ-Insassen.

„Mir geht es bei meinen Überlegungen hier um die artikulierte Scham in der Medizin, in der Psychiatrie, angesichts der Leiderfahrungen von Betroffenen“, schreibt Fegert. Vielleicht lassen sich durch die historische Reflexion die Wurzeln und Strukturen eines Denkens erkennen, mutmaßt Fegert, „welches dazu führt, dass es der staatlichen Gemeinschaft und den Institutionen … derzeit kaum gelingen mag, durch Verfahren einzelnen Betroffenen gerecht zu werden“ (S. 80).

Mit der Lektüre des Fegert-Buchs gelingt es den Leser_innen, mit einem anderen Blick auf die Auseinandersetzungen um die sexualisierte Gewalt und deren Bewältigung zu schauen. Das ist gut so, schließlich werden gesellschaftliche Grenzen, aber auch nicht genutzte Freiräume klar. Wo Fegert selbst Gestaltung auf offener Strecke liegen lässt, ist bei der Michael-Figur. Gerade mit dem Blick auf die katholische Frömmigkeitsgeschichte würden sich viele andere Ideen entwickeln, um einen klareren Blick auf die Anerkennung psychischer Traumafolgen zu bekommen.

Dass es bis in die Gegenwart systematische Zweifel an Aussagen Betroffener gibt, stellt Fegert in aller Ausführlichkeit dar. Da sind an vielen Orten Hausaufgaben zu machen. Fegert unterstreicht zurecht: „Es ist eine Frage der Haltung, ob wir primär den Ruf der Institution schützen wollen oder die Personen, die den Institutionen anvertraut haben“ (S. 159). Teilhabe zu fördern, rechtliches Gehör zu gewähren, in zeitlich angemessenen Abläufen transparente Verfahren zu führen, dies seien wichtige Konsequenzen aus den Missbrauchsskandalen in den Institutionen. Es gibt noch viel zu tun, dies macht das Buch mehr als deutlich.

 

Jörg M. Fegert: Anerkennung psychischer Traumafolgen – Eine Spurensuche, inspiriert von der St Michaelsfigur im Ulmer Münster, Psychiatrie-Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-96605-185-9, 176 Seiten, 25 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at