Erste Impfung im Pflegeheim „An der Traisen“ (St. Pölten)

(C) Markus Golla

Am Sonntag war es soweit: Die ersten österreichischen Impfungen gegen Covid19. Wir waren im Pflegeheim „An der Traisen“ (St. Pölten) live dabei und haben im Vorfeld mit Pflegepersonen gesprochen, die sich impfen lassen, mit einigen die noch abwarten wollen und mit der ersten Bewohnerin, die eine Impfung erhielt. In allen Gesprächen ging es um Erwartungen, Ängste, Haltung und über die Zukunft. Doch zuerst wollten wir von DGKP Jörg Ney, Führungskraft im Haus, wissen, wie denn alles im Vorfeld abgegangen ist.

Herr Ney, wie wurden denn die Personen im Haus informiert, dass es die Impfung heute geben wird?

Heute ist ja nur der Impfstart. Die BewohnerInnen und MitarbeiterInnen werden ab morgen geimpft. Die Impfstoffe haben wir bereits heute erhalten. Zuerst wurde abgefragt, wer denn bereit ist, sich impfen zu lassen.

Gab es viele SkeptikerInnen im Haus?

Diskutiert wird die Impfung seitdem das Thema aufgekommen ist, also eigentlich schon das ganze Jahr. Ich würde mal sagen die Verteilung ist 50:50. Absolute ImpfgegnerInnen haben wir nicht. Die Personen wünschen sich einfach mehr Informationen und Aufklärung. Da kann man also noch einiges machen. Dies wollen die SkeptikerInnen natürlich abwarten.

Im Moment werden ja nur die Leute geimpft, die diese Krankheit noch nicht durchlaufen haben. Wird es irgendwann auch Impfstoffe für die anderen geben?

Dazu haben wir noch nicht alle Informationen. Es wird aber ein eigenes Bestellwesen in Bezug auf die Impfstoffe geben.

Wenn die Leute geimpft sind, braucht es dann überhaupt noch Masken und Schnelltests?

Wir stehen total am Anfang und da werden sicher noch viele Informationen kommen. Die Masken und die Schutzausrüstung werden, denke ich, noch einige Zeit bleiben.

Wurden die MitarbeiterInnen zu heute motiviert oder gezwungen, wie ist es bei Ihnen abgelaufen?

Zwingen geht sowieso nicht und das wollen wir auch nicht. Ich sehe das klar im Bereich der Eigenverantwortung der MitarbeiterInnen. Ich werde mich selbst auch heute impfen lassen, erstens für mich und zweitens da ich meine Position klar als Vorbildrolle sehe, aber grundsätzlich soll es jeder für sich selbst entscheiden.

Gab es von der Landesgesundheitsagentur klare Anweisung zur Impfung?

Hier gab es nur Empfehlungen und die wurden auf Augenhöge kommuniziert „Wir mögen die MitarbeiterInnen bitte informieren.“ Von Impfzwang war nie die Rede.

Wenn sie nun keine Vorbildfunktion hätten, würden Sie sich dennoch impfen lassen?

Ja.

Weil?
Aufgrund meiner Verantwortung in meinem Beruf gegenüber den BewohnerInnen, MitarbeiterInnen und natürlich meiner Familie. Ich bin in meinem Beruf dauerexponiert, vielleicht nicht so viel wie die MitarbeiterInnen die dauernd direkt mit den BewohnerInnen arbeiten, aber ich denke, wir alle sind in einem Arbeitsfeld, wo es einfach wichtig ist.

Wenn wir schon beisammensitzen, wie war das Jahr für euch?

Das Jahr was sehr fordernd. Seit dem ersten Lockdown hatten wir verhärtete Maßnahmen, wobei wir es eigentlich geschafft haben bis November coronafrei zu bleiben. Wir hatten weder Verdachtsfälle noch Erkrankte und das bei laufender Aufnahme. Dann kam es zur Clusterbildung und es ging Schlag auf Schlag. Wir waren schnell an unseren Grenzen.

Ihr habt diese Wochen live erlebt, was macht das mit einem, wenn man hört „Corona gibt es nicht?

Ich verstehe, dass es manche nicht wahrhaben wollen, vor allem bei Personen die absolut nichts mit dem Gesundheitswesen zu tun haben. Wir sind oft nach dem Dienst raus aus dem Haus und es war so, als ob man in eine andere und fremde Welt kommt. Mich macht es ein wenig traurig.

Und wenn das Leute aus der Pflege sagen?

Das ist für mich einfach nicht nachvollziehbar.

Danke fürs Gespräch!

Also machten wir uns auf und sprachen mit einer Bewohnerin, die an diesem Tag geimpft werden soll.

(C) Markus Golla

Sie lassen sich ja heute impfen, oder?

Ja 

Warum?

Weil ich einfach nicht krank werden will. Ich sehe was es mit den Leute um mich herum gemacht hat, da will ich sicher nicht dazugehören. Bis jetzt bin ich verschont geblieben, habe das Zimmer seit Anbeginn nicht verlassen. Ich will es auch nicht weitergeben.

Hat ihnen das „nicht aus dem Zimmer gehen“ nicht wehgetan?

Viele im Stockwerk waren dadurch belastet, aber mich nicht. Ich habe in meinem Leben schon so viel erlebt, da machte es mir nichts aus, mich ein wenig zurückzuziehen, damit alle gesund bleiben.

Haben Sie bei der Impfung irgendwelche bedenken?

Ich hoffe, dass die Impfung hilft, also für die anderen. Wenn ich noch ein wenig gesund bleibe, wäre das toll. Es geht aber vielmehr um die Anderen da draußen. Das muss irgendwann ein Ende haben.

Und sie vertrauen da der Medizin und der Pharmaindustrie?

Na sicher. Ich habe in meinem Leben schon soviel mitgemacht und bin meiner Meinung nach damit gut beraten. Wenn sich alle sträuben und schreien, wird es ewig so weitergehen. Mich nervt auch dieses ewige „alle anderen sind schuld“. Dauernd braucht es einen Schuldigen. Geimpft sind wir früher auch schon geworden. Bei einigen Sachen stellte sich heraus, es war nicht optimal, bei den meisten Begebenheiten war es aber eine gute Idee. Als Kinder haben wir alle Diptherie, Masern und andere Impfungen bekommen. Ich hatte aber nie Angst.

Sie wurden also von niemanden gezwungen heute impfen zu gehen?

Nein überhaupt nicht. Es wurde nur gefragt „Wollen Sie impfen gehen?“ und mehr war es nicht. Ich bin absolut normal gefragt worden und hier wurden es alle. Meine Kinder haben mich nur gefragt „Und wie hast du dich entschieden?“

Nun war es an der Zeit mit Pflegekräfte zu sprechen, die für eine Impfung waren oder der Sache skeptisch gegenüberstanden.

Interview Pflegefachkraft 1

Sie haben bereits Covid19 gehabt?

Genau, ich hatte die Erkrankung im Dezember.

Wie war die Erkrankung damals?

Im Vergleich zu anderen hatte ich einen sehr milden Verlauf. Man ist einige Tage wirklich krank. Ich glaube ich habe mich mein ganzes Leben noch nie so krank und müde gefühlt. Zum Glück bin ich gesundet und bin nun auch wieder einsatzfähig.

Irgendwelche Nachwirkungen?

Ich bin immer wieder müde und nicht mehr so belastbar wie vorher, aber sonst alles in Ordnung.

Das heißt, es gibt heute keine Impfung für Sie?

Nein, ich hätte mich gerne sobald als möglich impfen lassen, aber jetzt ist es vorrangig, dass es die Personen erhalten, die noch keine Erkrankung durchgemacht haben, vor allem die Hochrisikopatienten. Sobald es für mich möglich ist, möchte ich die Impfung nachholen.

Warum?

Vom wissenschaftlichen Standpunkt her ist es logisch und für mich die einzige Möglichkeit gegen die Pandemie anzukämpfen.

Keine Bedenken wegen Nebenwirkungen, Langzeitschäden?

Ich habe keinerlei Bedenken und auch keine Angst. Es ist bereits durch die Wissenschaft bewiesen, dass die Impfungen funktionieren. Auch von der Logik her muss ich sagen, wir sind in einem Zeitalter der Information. Es wurden bereits tausende geimpft, wenn da wirklich was Grobes schiefgegangen wäre, wäre das schon längst überall. Das kann man heutzutage durch die sozialen Medien nicht mehr verheimlichen

Das heißt, Sie sind fix in der nächsten Impfrunde dabei?

Auf jeden Fall.

Interview Pflegefachkraft 2

Ich habe gehört Sie sind in Bezug auf die Impfung noch skeptisch. Darf ich fragen warum?

Derzeit gibt es noch zu wenig Informationen. Man hört auch so wenig von denen die bereits geimpft worden sind. Wie ist es ihnen nach der Impfung ergangen? Man hört einfach nichts. Es ist allen klar, dass die Impfung existiert und das nur eine begrenzte Anzahl an Dosen erhältlich sind, aber das war es auch schon.

Was sind nun die Ängste?

Ich will auf jeden Fall noch Kinder haben und will keine Genfehler weitertragen. Über die Impfung ist noch sehr wenig bekannt. Die Impfung ist so schnell herausgekommen und es gibt so viele Krankheiten bei denen es keine Impfstoffe gibt. Na klar, es haben sich so viele Personen damit beschäftigt und Geld spielte keine Rolle, es macht aber trotzdem ein komisches Gefühl. Es sind einfach Bedenken da.

Was bräuchten Sie für sich, um hier zu agieren? Geht’s Ihnen rein um wissenschaftliche Erkenntnisse oder um Erfahrungswerte?

Es ist ein Sars Virus und der verändert sich jedes Mal. Wir wissen nicht einmal, wie lange der Impfstoff wirkt. Ich würde es von beidem gleich abhängig machen. Ich möchte auf die Erfahrungswerte der KollegInnen warten, aber auch von weiteren Forschungsergebnissen. Eines alleine reicht mir nicht aus, denn es könnte sich um Ausnahmen handeln. Da braucht es meiner Meinung nach einen guten Mix. Den Medien kann man mittlerweile nicht mehr vertrauen, da bringt jeder was er will, ohne fundierte Berichte zu zeigen oder wissenschaftliche Erkenntnisse darzustellen.

Interview Pflegefachkraft 3

Impfung ja oder nein?

Für mich ein sehr emotionales Thema (hat Tränen in den Augen). Wenn es mir einen Freibrief für die Familie geben würde, würde ich sofort impfen gehen und auf die Nebenwirkungen pfeifen, aber das wird es nicht geben. Das ist der Grund warum ich abwarten möchte.

Auf was warten Sie ab?

Auf die Berichte über Nebenwirkungen und ob es Schäden gibt. Mein Sohn meinte zu mir: “Mama, du kannst nicht impfen gehen, ich habe Angst, dass du zum Schluss einen Schock bekommst.“ Ich bin aber nicht Allergikerin. Man hört einfach nicht genug über die Impfung.

Wenn sich heute einige impfen lassen und Sie merken in einigen Wochen, dass bei den KollegInnen alles ok ist…

Dann beiße ich mir in den Hintern, dass ich mich nicht getraut habe.

Es würde dann eine weitere Impfrunde geben, soweit ich informiert bin, wäre das dann zu einem späteren Zeitpunkt eine Option?

Ja

Also geht es rein um die Nebenwirkungen?

Ja, absolut. Ich bin kein Impfgegner, aber ich stimme nicht jeder Impfung zu. Bei dieser will ich einfach noch abwarten, würde mich aber freuen, wenn die Impfung klappt.

Ihr seht jeden Tag, was die Krankheit anrichten kann und trotzdem gibt es Leute, die diese Krankheit negieren. Wie ist das für Sie?

Unvorstellbar. Diese Krankheit ist nicht nur eine körperliche Gefahr, sondern ist auch eine riesige psychische Belastung, die uns jeden Tag umgibt. Es ist ein täglicher Ausnahmezustand und wir haben es durchgehend um uns. Die psychische Belastung ist nicht nur für uns, sondern auch für die BewohnerInnen, die in ihren Zimmern sitze

Während der Impfung entdeckten wir den Koch der Einrichtung, der sich ebenfalls impfen ließ. Auch hier hatten wir die eine oder andere Frage, für die er gerne zur Verfügung stand.

(C) Markus Golla

Sie sind nicht direkt bei den BewohnerInnen, also auch weniger gefährdet. Warum lassen Sie sich trotzdem impfen?

Da gibt es für mich mehrere Gründe. Einerseits habe ich KollegInnen mit denen ich auf engem Raum arbeite, für mich ein Risiko obwohl wir alle Masken tragen und Abstand halten. Ich habe Enkelkinder und die will ich nicht gefährden. Ich bin verpflichtet, diese zu schützen. Außerdem will ich als Küchenleiter ein Vorbild sein.

Jetzt sagen aber viele, die Impfung taugt nichts oder ist gefährlich.

Es gibt meiner Meinung nach nicht den einen Beweis oder den anderen. Wenn sich keiner Impfen lässt, werden wir es nie erfahren. Da haben sich viele Menschen bemüht einen Impfstoff auf die Beine zu stellen. Mittlerweile sind in England und Amerika tausende geimpft, warum nicht bei uns. Beim russischen Impfstoff bin ich skeptisch. Der Putin kann dort einfach so befehlen und die Leute müssen es tun. Wir in Österreich haben Meinungsfreiheit und Forschung, die unter keiner Befehlsangst steht.

Dann war es Zeit für die Impfungen und wir durften mitfotografieren. Danke an die Leitung des Pflegeheimes „An der Traisen“ für diese Möglichkeit. Anmerkung der Redaktion: Die interviewten Personen wussten im Vorfeld nichts von uns und wir konnten alle Personen am Gang frei ansprechen und waren bei den Interviews alleine.

Markus Golla
Über Markus Golla 8491 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Lehrer für Gesundheit- und Krankenpflege (Studium Umit/Wien)

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