An Konflikten wachsen

Die Philosophin Barbara Schellhammer leistet mit dem Buch „An Konflikten wachsen“ etwas Beachtliches. Sie zeigt auf, dass Konflikte zwischen Menschen immer auch etwas mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun hat. Die Sorge um sich selbst stellt sie deshalb bei ihrem Buch zum Konflikt-Coaching in den Fokus.

Selbstsorge ist ein Begriff, der in unzähligen Diskursen seit dem griechischen Philosophen Sokrates diskutiert wird. Es ist eine empathische Hinführung, die Schellhammer dem zeitgenössischen Leser gelingt. Es ist nicht der Zeigefinger, mit dem sie dem Menschen begegnet. Nein, Schellhammer weist auf notwendige Entwicklungsmöglichkeiten hin: „Dieses Zuhören und Sich-selbst-Kennenlernen ist jedoch alles andere als einfach, denn es gehört Mut dazu und eine große Offenheit und Sensibilität sich selbst gegenüber“ (S. 19).

Sie räumt auch mit einem Vorurteil auf. Viele verstehen die philosophische Praxis als einen rationalen Weg der Alltagsbewältigung. Schellhammer stellt fest, dass sich Menschen in der Philosophischen Praxis über ihr Erleben und ihre Handlungsmotivation klar werden – „und zwar nicht vornehmlich „rational“, sondern vor allem emotional-leibhaftig“ (S. 27). Es reiche nicht, das schuldhafte Verhalten eines Gegenübers anzuschauen.

Schellhammer findet den Zugang zum Konflikt-Coaching über die Philosophie und die Psychologie. Sie erläutert „Praxis und Methoden der Selbstsorge“. Den Horizont erweitert sie, indem sie die „kultursensible Konflikttransformation“ zum Thema macht.

Kennen Sie dies, dass Sie dunkle Flecken in Ihrem Leben haben? Schellhammer bezeichnet sie als Schatten, die gerne vergessen werden. Sie sieht die Schatten als Bedrohung für den Alltag. Eine habituell gewordene Anpassung entfremde, denn dann erstarre die Maske, Handlungen würden mechanisch, das wahre Wesen verkümmere (S. 84).

Das sogenannte P.A.C.E. Modell stellt Schellhammer als eine hilfreiche Methode vor, um ein Konflikt-Coaching gelingen zu lassen. Dabei geht es Schellhammer vor allem um das narrative Paradigma und die engagierte Gelassenheit. Sie sei keine Technik, die man anwende, „sondern lässt sich nur durch die Praxis der Selbstsorge gewinnen“ (S. 109). Wenn ein Coachee die Konfliktgeschichte erzählt und aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet hat, dann geht es lösungsorientiert eine zweite Geschichte zu entwickeln und „herauszufinden, welche möglichen action steps sich daraus in Richtung einer Veränderung ergeben“ (S. 114). Dabei gibt sich Schellhammer kreativ und schlägt die Disney-Übung vor, die an das innere Team von Friedemann Schulz von Thun erinnert. Der Träumer, der Kritiker und der Realist kämpfen um die Wirklichkeitsbewältigung des Trainees.

Schellhammers Buch „An Konflikten wachsen“ hilft nicht nur in Situationen, die ein spezielles Coaching brauchen. Es hat eine hohe Tauglichkeit, den einzelnen Menschen in seinem Alltag zu begleiten, der mit Konflikten immer wieder gefüllt ist.

Barbara Schellhammer: An Konflikten wachsen – Konflikt-Coaching und die Sorge um sich selbst, Beltz-Verlag, Weinheim 2019, ISBN 978-3-407-36683-2, 176 Seiten, 34.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 225 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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