Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen – Pflegefachliche und rechtliche Grundlagen zur Fixierungsvermeidung

20. Januar 2019 | Rezensionen | 0 Kommentare

Es naht die Zeit, in der ein Buch wie das Buch „Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen“ überflüssig sein wird. Denn in Einrichtungen der Alten-und Behindertenhilfe werden freiheitsentziehende Maßnahmen immer seltener. Nicht nur dies. Der Fokus der beruflich Pflegenden und der Verantwortlichen in den pflegerischen Handlungsfeldern ist zunehmend auf die Alternativen gerichtet.

Diese Tatsache bildet auch das Buch von Fährmann und Hindrichs ab. Sie haben ein übersichtliches und abwechslungsreich gestaltetes Buch für die pflegerische Praxis geschrieben. Den beiden Pflege-Experten liegt es am Herzen, dass Entscheidungen, die gegen Grundrechte des Menschen verstoßen, durch das Zusammenwirken aller Beteiligten getroffen werden. Es könne nur eine optimale Lösung für Betroffene gefunden werden, wenn das jeweilige Fachwissen eingebracht werde und alternative Methoden ausprobiert würden (S. 11).

Eine solche Haltung professionell Pflegender und pflegerisch Verantwortlicher ist keine Selbstverständlichkeit. Schließlich ist in stationären Teams, aber auch im ambulanten Setting, ein Fürsorgeverständnis gegenüber den Betroffenen immer noch lebendig, dass die Menschen eher als Objekt, denn als Subjekt versteht. Dies führt oft eher zu paternalistischen Entscheidungen.

Hilfreich ist an dem Buch, dass Fährmann und Hindrichs das Risiko Mobilitätseinschränkung frühzeitig in den Blick nehmen. Mit der Unversehrtheit bei körperlichen Defiziten ist allzu lange argumentiert worden, um freiheitsentziehende Maßnahmen zu rechtfertigen. Sie nehmen den Begriff der Normalitätsbewegung in Anlehnung an den österreichischen Pflegepraktiker Erwin Böhm zur Hilfe und betonen: „Der Begriff Normalitätsbewegung stellt den individuellen personalen Maßstab dar, mit dem entschieden wird, ob eine Intervention notwendig ist und wenn ja, welche“ (S. 29).

Wichtig für die Bewertung der Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen ist die Unterscheidung zwischen mechanisch körpernahen und körperfernen Maßnahmen. Gerade in jüngster Zeit hat diese Differenzierung an Bedeutung gewonnen. Sie bemerken kritisch: „Was zum Schutz des Betroffenen gedacht war, hat zur Folge, dass sich der Abbauprozess häufig dramatisch beschleunigt, das Gefahrenpotential steigt und de Lebensqualität dramatisch abnimmt“ (S. 40).

Hindrichs und Fährmann greifen in dem Buch dankenswerterweise auch de Beispiele von Schutzoveralls und Pflegeschlafsäcken auf. Somit lassen sie die Fokussierung auf Fixiergurte und Festhaltebretter hinter sich, thematisieren Hilfsmittel, die sanfter erscheinen, aber letztlich auch Menschen die Freiheit nehmen.

Als sie über die pharmakologische Versorgung betroffener Menschen schreiben, unterstreichen Fährmann und Hindrichs die Fachlichkeit professionell Pflegender. Die Wirkungen und das Auftreten von Nebenwirkungen müsse pflegefachlich vollzogen und verantwortungsbewusst mit behandelnden Medizinern kommuniziert werden. Eine vergleichbare Sensibilität beruflich Pflegender ist notwendig bei der Feststellung der Notwendigkeit freiheitseinschränkender Maßnahmen. Wörtlich: „Das Abwägungsgebot gebietet, die Schwere der zu befürchtenden Verletzung sowie die damit verbundenen Nachteile für den Betroffenen gegen die Folgen, die sich aus dem Einsatz der FEM ergeben, gegeneinander abzuwägen“ (S. 78).

Viele Fotografien und viele Schaubilder machen plastisch, wie der Weg zu freiheitsentziehenden Maßnahmen und vor allem zu den Alternativen gefunden werden kann. Sie sind gut verständlich gestaltet und erleichtern den Praktikern den Umgang damit. Die materiellen Alternativen runden die ausführliche Darstellung ab.

Fährmann und Hindrichs schauen mit dem Buch auf den betreuungsrechtlichen Kontext freiheitsentziehender Maßnahmen und entsprechenden Alternativen. Damit decken sie einen großen Versorgungsbereich ab, in dem freiheitsentziehende Maßnahmen gang und gäbe waren. Auch wenn gegenwärtig Fixierungen in den Einrichtungen seltener werden, so ist das Buch auf den Stationen eigentlich unverzichtbar.

Ellen Fährmann / Sabine Hindrichs: Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen – Pflegefachliche und rechtliche Grundlagen zur Fixierungsvermeidung, Walhalla Verlag, Regensburg 2016, ISBN 978-3-8029-7536-3, 144 Seiten, 29.95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at