„Altenpflege ist wie ein Ozeanriese auf hoher See“

Professor Erwin Böhm stellt sich den Fragen von Christoph Müller

(C) Robert Kneschke

Mit einem irritierenden Titel kommt das neue Buch von Professor Erwin Böhm in die Buchläden. Der Vordenker für die Versorgung gerontopsychiatrisch veränderter Menschen setzt mit dem Buch „Zukunft Demenz“ eine neue Wegmarke. Er hat sich den Fragen von Christoph Müller gestellt. Die Antworten zeigen, dass die Versorgung dementiell veränderter Menschen von einem Perspektivwechsel der begleitenden Menschen künftig abhängen wird.

Christoph Müller Eigentlich verspricht die Zukunftsperspektive einer Demenz wenig Gutes. Was bewegt Sie trotzdem, lieber Professor Böhm, einen provokativen Titel für Ihr neues Buch zu wählen?

Erwin Böhm Für mich erscheint der Titel „Zukunft Demenz“ nicht irritierend. Denn die jungen Leute von heute sind (manchmal) die Dementen von morgen. Das bedeutet, dass auch einige der derzeit jugendlichen Pflegenden selbst in einigen Jahren betroffene sein könnten. Der zweite Grund, warum ich diesen Titel wählte, betrifft die Altenpflege in ihrer Gesamtheit. Altenpflege ist so wie ein Ozeanriese auf hoher See. Das Schiff benötigt lange Zeit, um einen Kurswechsel durchführen zu können. Damit ist es an der Zeit, sich jetzt schon um die Zukunftssituation in der Altenpflege zu kümmern.

Der griechische Staatsmann (493 bis 429 vor Christus) sagte schon: „Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern auf die Zukunft vorbereitet zu sein“. Im Übrigen glaube ich daran, dass das Cover Assoziationen an einen Filmtitel wecken könnte. Dies soll nicht bedeuten, dass die in diesem Buch beinhaltende extra-polativen Prognose ein Science Fiction oder Trailer Text ist. Es ist vielmehr eine das biographische Symptom aufzeigende Zeitreise durch die Generationen und deren biographischen Ursprung. Denn die Biographie ist der Beginn und das Ende des Lebens, also immer uns Menschen auch zeitgeistmäßig psychisch beeinflussend (Soziogenese, Psychogenese).

Christoph Müller Ihr Blick auf herausforderndes Verhalten wird pflegerische Praktikerinnen und Praktiker zum Widerspruch ermuntern. Sie setzen das herausfordernde Verhalten mit den Eigenarten des Alters gleich. Wird dies dem Phänomen des auffälligen Verhaltens gerecht?

Erwin Böhm Mit Wiedersprüchen lebe ich, seit ich das Psychobiographische Pflegemodell einführte. Dabei fällt mir immer der Spruch von Eliot ein, der da sagte: „Die Menschheit erträgt nicht allzu viel Wirklichkeit“. Vorrausschicken möchte ich meinen Standpunkt, der da lautet: Demenz oder nicht Demenz (als ärztliche Diagnose gesehen) ist nicht die Frage der Pflege. Denn man wird eines Tages ein Medikament gegen die primäre Demenz finden. Und trotzdem die Eigenarten, die Macken, die seelischen Reaktionen der Menschen medikamentös nicht in den Griff bekommen. Und um diese geht es mir bei meinen Pflegesystemen. Außerdem sehe ich es genau umgekehrt wie Sie. Ich finde, die Altenpflege, vorwiegend die Demenzpflege, wird von Jahrgang zu Jahrgang interessanter, allerdings nur, wenn sich das Personal damit beschäftigt. Dies wäre die Grundvoraussetzung.

Pflegepersonen finden immer etwas dagegen. Sie sind verbal gut. Dies entspricht auch dem derzeitigen Zeitgeist. Man muss reden, zerreden, wichtig sein, sein Ego zeigen. Sind sie es aber auch beim Arbeiten in der Praxis hinterfragen sie da ihr Tun oder verwirren sie noch immer die Verwirrten?  Ferner bin ich der Meinung, dass Pflege alle 14 Tage neue Worte und theoretische Wichtigkeiten erfindet, die dann schnell durch neue Wichtigkeiten ersetzt werden.  Dies bedeutet, dass auch der Ausdruck herausforderndes Verhalten ein rein rhetorischer neuer Terminus ist. Für mich bedeutet dieses Wort, dass man sich die Mühe machte, ein psychiatrisches Lehrbuch abzuschreiben und die wesentlichen Symptome kategorisierte.

1.Syndrom Cluster
1. Störungen der Alltagsfertigkeiten
2. Störung im Verhalten und psychologische Symptome
3. Störungen der Kognition
2. Symptom Liste
Apathie
Depression
Zielloses Herumirren
Angst
Essstörungen
Wahn
Gereiztheit
Halluzinationen
Agitation
Enthemmung

Diese Symptome stören die Betreuer. Dabei wird oft vergessen, dass ja auch die Eigenarten der Betreuer oft die Betreuten stören. Wobei die Eigenarten der Klienten mittels Therapie oder Bedarfsmedikation abgestellt werden. Dem eigentümlichen Personal wird aber nichts verabreicht. Dabei ist für mich die Frage nach der Ursache dieser und anderer aus der Psychobiographie stammenden Eigenarten von Bedeutung. Denn wenn die Pflege sagt „Na ja, das ist halt eine „Demenz“ wie sie im Buche steht“ stellt sie keine weiteren Fragen zur Ursache und Therapie.

Da das Wort Demenz alleine an sich schon negativ besetzt ist (die gefährlichste Erkrankung ist die Diagnose), plädiere ich aus Normalitätsgründen heraus die Eigenarten nicht als organisches nosologisches Geschehen, sondern als ZeitgeistVerschiebungs-Erkrankung zu sehen.

Christoph Müller Die Biographie-Arbeit ist aus Ihrer Sicht kein „unnützes Wühlen in der Vergangenheit“, sondern Therapie. Ist die therapeutische Arbeit der Ort, um psychiatrische Pflege zu verwirklichen? Wie geht dies mit einem Verständnis überein, psychiatrische Pflege als Alltagsunterstützung und Begleitung in die Normalität zu verstehen?

Erwin Böhm  Ich bin seit 1960 in der psychiatrischen Pflege tätig und kenne die sogenannte Alltagsunterstützung zur Normalität sehr gut. Da muss ein Mauerer in der Anstalt auf einmal basteln, singen, turnen. Ich habe fast keinen Maurer erlebt, der nach einem Klinikaufenthalt wieder am Bau arbeitete. Sie gingen in Frühpension, um weiter malen zu dürfen. Dieses Beispiel gilt auch für PC-Spezialisten und ähnlich moderne Berufe. Normalität ist für mich die Mischung, die Legierung der Generations-Eigenarten. Damit ist die Normalität eine induzierte (vorprogrammierte) Biographie.

Mit dieser zum Teil auch pathologischen Biographie lebt der Mensch. Die Symptome bleiben latent, da sie durch Kompensationen und Ersatzhandlungen in Griff zu bekommen sind. Erst bei einem senilen Konflikt kann es zur Dekompensation kommen und die Ursprungsbiographie manifest zu Tage kommen. Das herausfordernde Verhalten ist geboren. Aus diesem Grunde heraus habe ich 1985 in der Übergangspflege die Erst-Maßnahme „akute Dekompensations-hilfe genannt“

Christoph Müller Die transgenerationelle Weitergabe von Erfahrungen, auch von leidvollen und traumatisierenden Erlebnissen sind in Ihrem Fokus. Sie wirken bewusst und unbewusst bis in die Gegenwart hinein. Wie zeigt sich dies bei Menschen, die von einer Demenz betroffen sind?

Erwin Böhm Die Geschichte der Menschen und Menschheit erinnern mich immer an einen Staffellauf. Alle Eltern geben ihren Eigensinn, ihre Weltanschauung, ihre neurotischen Eigenarten an ihre Kinder ab. Diese identifizieren sich (oder machen das Gegenteil) mit diesen Eigenarten: Und mischen nun altes biographische Material mit den nun in ihrer Jugend vorherrschenden Eigenarten (Normalitäten) zu einer neuen Symptomatik. So dass die Symptomatik im Alter bei einer zerebralen Dekompensation immer neu aussehen kann. Dies ist meine Hypothese zur Entwicklung des dementiellen Syndroms der nächsten Generationen (1940-2000), um das es in diesem Buch gehen soll.

Ursprüngliche Eigenarten oder genetisch Mitgebrachtes werden durch Prägungen zu prämorbiden Dispositionen. Und diese mit den Eigenarten, aber auch Neurosen mit dem Hier und Jetzt vermischt. Ich glaube, dass jeder von ihnen den Satz „Ich wollte nie so werden wie meine Mutter, heute bin ich so“ in seiner Praxis gehört hat.

Mit diesem Mischbild in seiner Seele lebt der Mensch als sogenannter normaler Mensch dahin. Er ist in der Lage, seine Eigenarten mittels Ersatzhandlungen oder Copings zu überspielen.  Erst bei einem Auslöser werden die latenten Eigenarten manifest und als Demenzsymptomatik abgetan

Christoph Müller Welche Möglichkeiten haben An-und Zugehörige, diesem Phänomen zu begegnen und sich selbst nicht zu schwer im Alltag zu belasten? Welche Möglichkeiten der Selbstsorge haben professionell Pflegende, um einer sekundären Traumatisierung aus dem Weg gehen zu können?

Erwin Böhm Für Angehörige ist die ärztliche Diagnose Alzheimer oder Demenz eine große Hilfe. Da können sie immer sagen, dass derjenige oder diejenige ja „eine Demenz“ hat. Das hat nichts mit mir zu tun. Viele Pflege-Informationsdienste für Angehörige laufen ebenfalls auf dieser Schiene. Für Profi-Pflegepersonal (heute Fachexperten genannt) ist mir dies viel zu wenig. Sie sollten schön langsam von der Grundlage der Nosologie (Imitation der Ärzteschaft) auf die Biographie-Forschung übergehen. Damit ist der Buchinhalt auch als Grundsatz-Diskussion-Papier für Pflegeschüler/innen zu sehen. 

Christoph Müller Was sind denn Zeitgeist-Phänomene in der Demenzpflege? Welche Bedeutung haben diese Zeitgeist-Phänomene innerhalb der pflegerischen Sozialisation?

Erwin Böhm Das ist eine sehr interessante Frage die ich noch nicht beantworten kann. Aber wenn es mir meine Lebenszeit erlaubt, werde ich mich noch um den Inhalt ihrer Frage mit der Überschrift „Die Pflegediagnose der Pflegenden“ kümmern.

Christoph Müller Das Buch „Zukunft Demenz“ zeigt, wie wichtig es ist, Zeitgeschichte zu kennen. Erzähltes und Erlebtes von Menschen, die von einer Demenz betroffen sind, kann so gelingend kontextualisiert werden. Wie können sich Pflegende in diese Fertigkeiten einarbeiten und einüben?

Erwin Böhm Seit vielen Jahren (und zwar mit Erfolg) kümmern sich unsere zwei  Fortbildungsinstitute des ENPP um die Weiterentwicklung und Umsetzung des „Psychobiographischen Pflegemodells“. Die unterrichteten Inhalte sind die Grundlage für ein anderes Denken, um eine andere Ideologie in der Altenpflege aufbauen zu können.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank für den Austausch.

 

Das Buch, um das es geht

Erwin Böhm, Marianne Kochanski & Siegfried Sanwald: Zukunft Demenz, Eigenverlag ENPP Böhm, 2020, Seiten, 30.50 Euro.

https://enpp-boehm.com/index.htm

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 217 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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