Alt sein ist keine Sünde

Können wir Alter und Sexualität akzeptieren?

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Scham:
Alte Menschen schämen sich oft. Das beginnt schleichend und wird mit der Zeit stärker. So lange jemand selbständig lebt und im Stande ist, nützlich zu sein ist diese Person davon meistens überzeugt eine Lebensberechtigung zu haben. Unselbständig zu sein, ist aber ein Horrorgedanke für viele ältere Menschen. Sehr viele alte Menschen verlieren spätestens dann die Achtung vor sich selbst, wenn sie Hilfe annehmen müssen. Vieles am Alt sein ist ihnen peinlich. Anscheinend ist der Umstand jetzt alt geworden zu sein schon ein Grund sich zu genieren. Die Verherrlichung der Jugend ist Normalität in unseren Breitegraden. Die Selbstakzeptanz in späteren Jahren ist oft gering; das negative Gefühl beginnt schleichend, wenn man das mittlere Alter überschritten hat und die ersten körperlichen Veränderungen deutlich sichtbar werden.

Ein undefinierbarer Mix:
Aber alt sein alleine ist nicht das Schlimmste. Im Alter stehen schambehaftete Tabuthemen wie die eigene Sexualität oft unbewusst an erster Stelle. Obwohl es viele unterschiedliche Formen, Bedürfnisse und Wünsche in Verbindungen mit dem Thema Sexualität gibt, geht es im Alter sehr oft um das Thema Scham und Sünde in einer diffusen Vermischung mit dem Begriff Lust. Alles was mit dem altmodischen Begriff „fleischlich“ verknüpft werden kann, ist irgendwie negativ besetzt. Das ist nicht überall so, aber es ist bezeichnend für ältere Menschen in den Ländern Mitteleuropas. Hier wird das Thema Alter und Sexualität oft zu einer Belastung. Bei einem alten Menschen ist es häufig so: es mischen sich frühere, positive wie auch negative Erfahrungen mit den aktuellen, neueren Erfahrungen und Sehnsüchte. Das Ganze wird zu einem undefinierbaren Mix von Erlebtem und von Wünschen aus früher und jetzt.
Bei einer beginnenden Demenz können sich individuelle Erlebnisformen im Zusammenhang mit Sexualität jederzeit in eine neue Richtung entwickeln. Wir sehen das oft in den Einrichtungen und Heimen. Es gibt viele Beispiele wo eher unauffällige, zurückhaltende alte Menschen plötzlich sexuell freizügig und fordernd auftreten. Das kann so weit gehen, dass ihre Verwandte sie kaum mehr wiedererkennen. Hier braucht es gut geschulte Betreuer. Alte Menschen ändern ihr Verhalten bei einer Demenzerkrankung, weil frühere einprägsame Erlebnisse eine immer größere Rolle spielen. Sie möchten jetzt endlich frei sein.

Die Haltung in der Gesellschaft:
Wie wir alle wissen, teilen viele Menschen die übliche Haltung der Mehrheit in der Gesellschaft, wo sowohl das Thema Sexualität wie auch das Thema Alter entweder ignoriert, weggeschoben oder ins Lächerliche gezogen wird. Solche Themen werden als peinlich empfunden und es werden darüber viele Witze gemacht. Diese negative Einstellung ist oft prägend für das ganze Leben. Bis ins hohe Alter schleppt der alte Mensch diese Haltung mit sich herum. Das macht ihn kaputt und ist deprimierend. Aber bei einer beginnenden Demenzerkrankung; spätestens dann, wenn der „Kontrollstöpsel“ weg ist, gibt es manchmal auch positive, befreiende Erlebnisse für den Betroffenen. Verwirrtheit kann auch positive Seiten haben. Alte Menschen zeigen ihre Bedürfnisse und schämen sich nicht und vielleicht kommen alte einschlägige Erlebnisse und versteckte Wünsche endlich zum Vorschein und können bearbeitet werden. Das setzt natürlich voraus, dass die privaten und die professionellen Betreuer respektvoll handeln und gut geschult sind.

Die größte Peinlichkeit
Für viele Menschen ist es so, als ob das Thema „Sexualität im Alter“ die denkbar größte Peinlichkeit in einem Alterungsprozess ausmacht. Diese Kombination ist anscheinend die Spitze eines Eisberges. Darunter verbergen sich unendlich viele verdrängte und unausgesprochene Angelegenheiten. Ältere Menschen wollen nicht zur Last fallen. Und was passt gefühlsmäßig besser zum „sich über sein Alter schämen“ als das Tabuthema „Sexualität im Alter“? Beides fühlt sich peinlich an.
Erst bei einer zunehmenden Demenzerkrankung, wo sich alles Zeitliche und Räumliche in Auflösung befindet verlieren die Menschen ihre Hemmungen. Sie haben jetzt keine Ahnung wie alt sie sind und sie fühlen sich nicht mehr an unseren üblichen Verhaltensnormen gebunden.

Verknüpfungen bei einem Abbauprozess:
Am Ende eines langen Lebens und am Beginn eines Demenzprozesses werden die Dinge nicht mehr über die Logik und die Vernunft betrachtet und kategorisiert – der alte Mensch orientiert sich jetzt mehr und mehr über eine emotionelle, gefühlsgesteuerte Ebene. Sie suchen nach Orientierung und verwenden Sinneseindrücke. Es geht mehr und mehr darum wie sich Dinge anfühlen. Wenn Alt sein und Sexualität ebenfalls als peinlich empfunden wird, dann werden diese beiden Dinge nach und nach miteinander vermischt. Wenn ein Demenzprozess fortschreitet, kann der alte Mensch diese Dinge nicht mehr auseinanderhalten.
Dieser Zustand wo sich unterschiedliche Dinge Vermischen und Gefühlsmäßig verknüpft werden, macht die betreffende Person aber gleichzeitig ängstlich. Der alte Mensch, der sich über mehrere Dinge gleichzeitig schämt, verspürt dabei eine diffuse Angst. Er spürt: „hier stimmt etwas nicht“ und er schämt sich, weil er sich nicht mehr richtig auskennt und die Dinge nicht mehr auf die Reihe kriegt.

Scham führt unweigerlich zu Angst. Am Anfang einer solchen Verhaltensänderung handelt es sich meistens auch um die Angst vor dem totalen Kontrollverlust. Wenn man die Kontrolle verliert, verhält man sich wo möglich in einer Art und Weise, die man sich nicht wünscht. Man macht sich lächerlich. Diese Vorstellung ist kaum zu ertragen.

Ganz am Ende eines langen Lebens bleibt oft die diffuse Angst vor sehr frühen, dramatischen Erfahrungen aus der Kindheit. Das sind einschneidende negative Erlebnisse, die man nie vergessen kann. Der alte Mensch darf hier nicht alleine gelassen werden.

Wo das Leid am Größten ist:
Warum ist es wichtig für uns zu versuchen sich diesem Thema aus der Sicht eines alten Menschen zu nähern? Keiner von uns kann wissen, wie es sich anfühlt in einem sehr alten Körper zu stecken; wir können es nur ahnen. Und wenn wir wirklich versuchen wollen das Thema Sexualität im Alter zu enttabuisieren, müssen wir zuerst dort hinzuschauen, wo das Leid am Größten ist. Und das ist immer dort wo Angst und Scham vorherrscht. Wir müssen unterschiedliche, alte Menschen wirklich gut kennenlernen und sie besser verstehen lernen bevor wir in ihrem Sinne handeln können.

Normalität ist das Ziel:
Um eine Verbesserung der Haltung in der Gesellschaft zum Thema Alter und zum Thema Sexualität im Alter zu erzielen, brauchen wir einen sehr langen Atem. Es braucht unendlich viele kleine Bausteine um hier eine Veränderung in der Gesellschaft zu erreichen. Wir sind aber schon am richtigen Weg; es hat sich wirklich Vieles getan in den letzten Jahren. Aber erst dann, wenn wir erreicht haben, dass Menschen in unterschiedlichen Altersstufen sowohl das Altwerden wie auch das Recht auf Sexualität im Alter als etwas ganz Normales empfinden, haben wir wirklich das Ziel erreicht.

Es gibt viele Zugänge zu diesem Thema: medizinische, soziale, politische, intellektuelle, und auch Beobachtungen und Erfahrungen aus der Praxis, generationenübergreifende, historische Erkenntnisse… . Alle Betrachtungsweisen sind wichtig und können helfen Lösungen für einen entspannteren, natürlicheren und wertschätzenden Umgang mit diesem wichtigen Thema zu erlangen.

Lesetipps:

Petra Fercher und Gunvor Sramek. Titel: „Brücken in die Welt der Demenz. Validation im Alltag.“  Dritte Auflage: ISBN 978-3-497-02841-2 Reinhardt Verlag

Abschnitt 2.6 – Symbole und Symbolische Aussagen in Bezug auf Sexualität

Abschnitt 2.7 – Exkurs: Wissen und Erfahrungen zum Thema Sexualität bei Menschen mit Demenz

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Marina Kojer und Martina Schmidl. Titel: „Demenz und Palliative Geriatrie in der Praxis“
ISBN 978-3-7091-0200-8  SPRINGER Verlag

Abschnitt 10.7 „Recht auf Sexualität. Die Sehnsucht bleibt.“ Von Gunvor Sramek

Gunvor Sramek
Über Gunvor Sramek 1 Artikel
Gunvor Sramek arbeitet seit den Neunzigerjahren als autorisierte Validationstrainerin und Master nach Naomi Feil. Sie arbeitet als Prüferin bei autorisierten Validations-Ausbildungen vom Roten Kreuz und der Caritas. Mitglied des internationalen Ausbildungskommitees für Validation. Unterrichtet Basiskurse, schreibt Fachartikel, ist Vortragende bei Symposien und macht Beratungen für Angehörige und Besuchtsdienste.

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