Alltäglichkeit beschädigter Humanität

Team Wallraff sorgt für Aufschrei nach Reportage in psychiatrischen Einrichtungen

(C) Marco2811

Es ist wieder einmal so weit. Undercover ist das Team Wallraff in psychiatrische Kliniken sowie ein Wohnheim für psychisch erkrankte Menschen gegangen. Schreckliche Bilder haben sie vom Alltag in den Einrichtungen aufgenommen. Sie zeigen Aufnahmen von Menschen, die in einem fensterlosen Kellerraum eingesperrt werden oder Aufnahmestationen verdreckt sind. Es sei ein Skandal und unerträglich, so sind die Klagen zu hören. Es scheint wieder einmal die Stunde zu sein, um mit dem Finger auf diejenigen Einrichtungen zu zeigen, die nun als schwarze Schafe identifiziert worden sind.

Was ist denn mit den vielen anderen psychiatrischen Einrichtungen? Verantwortliche  in Wohnheimen und Krankenhäusern vergewissern sich, dass es diese Missstände in der eigenen Einrichtung nicht gibt. Gegenseitig wird sich auf die Schultern geschlagen, dass die untergebrachten Menschen doch professionell und zeitgemäß versorgt werden. Als Qualitätsmerkmale gelten u.a. die Umsetzung des Safewards-Konzepts, das milieutherapeutische Impulse gegen Zwang und Gewalt setzen will, die Durchführung von Deeskalationstrainings, mit dem Mitarbeitende Aggressionen bewältigen sollen, und die Umsetzung pflegezentrierter Gruppen.

Hürden höher gelegt

Dem Team Wallraff kann natürlich vorgeworfen werden, seine Kritik zu plakativ formuliert zu haben. Dem Psychiater Jann E. Schlimme, der die Filmbeiträge kommentiert, kann man nun sicher auch als Nestbeschmutzer beschimpfen. Eine Frage, die trotz allem im Raume steht: Wie viel Wahrheit steckt in den Film-Aufnahmen des Team Wallraffs? Wie alltäglich sind die Vorgänge, die dort gezeigt wurden?

Beispiel Fixierungen. Viele Statistiken und Qualitätsberichten können belegen, dass freiheitsentziehende Maßnahmen in psychiatrischen Kliniken und Wohneinrichtungen deutlich reduziert werden konnten.. Dafür gibt es Gründe in und außerhalb der Psychiatrie. So sind in den neuen Landesgesetzen zum Umgang mit psychisch erkrankten Menschen (PsychKHGs) die Anwendung von Fixiergurten und Bettgittern, die Isolierung und die Zwangsmedikation deutlich erschwert worden. Auch auch fachlich sind z.B. in der Pflege die Hürden für freiheitsentziehende Maßnahmen deutlich höher gelegt worden, an ihrer Stelle sind vielerorts Intensivbetreuungen getreten.

An den Intensivbetreuungen wird deutlich, wie die Integrität und Humanität im psychiatrischen Alltag gewahrt werden können. Glaubt man den Vordenkern der Soteria-Bewegung, Loren Mosher und Luc Ciompi, so geht es bei den 1:1-Begleitungen vor allem um ein Dabei-Sein und ein Mit-Sein mit Menschen, die in psychischen Krisen herausforderndes Verhalten zeigen.

Jegliche Sensibilität fehlt

Die Berichterstattung von Team Wallraff zeigt eines. Psychiatrisches Handeln, insbesondere psychiatrisch-pflegerisches Handeln muss immer auch mit einer ethischen Grundhaltung verbunden sein. Der Medizinethiker Giovanni Maio betont in seinem Buch „Mittelpunkt Mensch“, dass Missbrauch der Psychiatrie vorliege, „wenn das Handeln am psychisch kranken Menschen nicht im Sinne des Kranken, sondern im Sinne des sozial Wünschenswerten und im Sinne einer Vernünftigkeitskontrolle erfolgt“ (Maio, 2017, S. 259). Beispielsweise werde die Zwangsbehandlung dann zu einem Problem, „wenn mit ihr eine moralische Bewertung des Denkens, Fühlens und Handelns des Kranken verknüpft ist“ (Maio, 2017, S. 259). Schaut man sich die Aufnahmen des Teams Wallraffs an, so lassen diese Bilder sicher an der Bereitschaft zweifeln, als psychiatrisch Pflegende in die Schuhe der Betroffenen zu schlüpfen.

Fragen der Menschlichkeit und der Ausstattung einer Wohneinrichtung stellen sich, wenn ein Mensch hält sich Stunden, vielleicht Tage in einem Kellerraum auf, der keine Fenster, keinen Abort und keine Rufanlage hat. Dass möglicherweise das Licht dieses Raumes nur von außen ein-und ausgeschaltet werden kann, dies spitzt die Situation nur zu. Diese Räume sind natürlich indiskutabel. Es sind Örtlichkeiten, die erkennen lassen, dass professionell Pflegenden jegliche Sensibilität für das Gegenüber fehlt.

Mit einer gelebten Sensibilität geht auch die Auseinandersetzung mit einer persönlichen Ethik einher. Eine ethische Grundhaltung zu entwickeln, heißt für einen psychiatrisch Pflegenden unter anderem, dass er oder sie die seelische Erkrankung eines betroffenen Menschen nur als einen Teil seines Gegenübers wahrnimmt. Das psychotische Erleben oder die affektive Störung, dies macht nicht den ganzen Menschen aus. Genauso wenig macht der Darmkrebs oder der gebrochene Knochen den Menschen aus, dem ich begegne.

„Es bedeutet eben einen Unterschied, ob der behandelnde Arzt den psychisch erkrankten Menschen als eine bedauernswürdige Person betrachtet oder ob er fähig ist, in ihm eine besondere und einzigartige Persönlichkeit zu erkennen. Wenn wir danach fragen, worin ein ethisch vertretbares dem psychisch kranken Menschen gegenüber bestehen kann, ist es anzuerkennen, dass man dem Patienten nicht gerecht wird, wenn man ihn auf die einschränkenden Merkmale reduziert, die ihm die Krankheit auferlegt hat. Viele psychisch kranke Menschen sind zwar in vielerlei Hinsicht durch ihre Krankheit geprägt, aber sie sind eben nicht ihre Krankheit“ (Maio, 2017, S. 262).

Hier die Bösen, hier die Guten?

Die Berichterstatterinnen und Berichterstatter des Team Wallraff haben den schlimmen Zuständen in Frankfurt-Höchst, in Stuttgart und in Baar-Wanderath unter anderem das Sankt-Marien-Hospital in Herne gegenübergestellt. Dort wird seit vielen Jahren eine sozialpsychiatrisch orientierte und gewaltfreie Arbeit gemacht. Damit haben die Journalistinnen und Journalisten Schwarz-Weiß-Malerei betrieben. Hier sind die Bösen, hier sind die Guten. Dies führt zu einer Spaltung, die der Entwicklung einer am Bedarf und den Bedürfnissen orientierte Handlungsweise sicher im Wege steht.

Psychiatrisch Pflegende tragen eine große Verantwortung. Psychiatrisch Pflegende begegnen Menschen, die den Alltag mit den Extremen kennen. Die Berichterstattung des Team Wallraffs stellt die Fragen unter anderem an psychiatrisch Pflegende, wie die verletzte Humanität wiederhergestellt werden kann. Jede Einzelne und jeder Einzelne kann die Bilder zum Anlass nehmen, sich selbst Fragen zu stellen, die eigentlich öfter von außen gestellt werden müssten.

Was hätte ich bei der letzten Aufnahme eines Menschen mit extrem herausforderndem Verhalten tun können, um eine freiheitsentziehende Maßnahme zu vermeiden? Ist es notwendig, möglicherweise mehr Medikation zu verabreichen als ärztlich angeordnet ist? Ist es sinnvoll, die eine oder andere Regel auf der Station durchzusetzen – auch wenn es nur um das Ausgeben eines frischen Kaffees geht?

„Gewisse Grundprinzipien bilden die Grundlage der Behandlung psychischer Erkrankungen und sind wesentlich für das Erreichen der gemeinsamen Behandlungsziele: Die Beziehung zwischen Therapeut und Patient sollte bewusst gestaltet werden. Der Therapeut sollte unter anderem Verständnis, Echtheit, Einfühlungsvermögen und Geduld mitbringen, der Patient Vertrauen Motivation und positive Erwartungen. Die Haltung des Therapeuten gegenüber dem Patienten sollte von Respekt, Einfachheit, Klarheit und Beständigkeit geprägt sein“ (Haußleiter, 2016, S. 31).

Das Team Wallraff zeigt auch, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas nicht geändert hat. Die zeitgenössische Gesellschaft ist froh, dass die Verrückten in vermeintlichen Schutzräumen begleitet und versorgt werden. Wenn gelegentlich mit dem Zeigefinger mitleidvoll und erschrocken darauf geschaut werden kann, dann ist alles gut. Die Aufsichtsinstanzen – ob Heimaufsicht oder Besuchskommissionen – scheinen viele Missstände zu dulden.

Psychiatrisch Pflegende sollten sich der ethischen und moralischen Dimensionen des eigenen täglichen Arbeitens bewusst sein und die Betroffenen wirklich nicht aus den Augen verlieren. Vielmehr sollten sie einen Gedanken besonders vor Augen haben: „Besteht das Ziel der Pflege darin, das individuelle Wohl besonders verletzlicher Menschen zu gewährleisten, sollten Pflegende die innere Bereitschaft aufweisen, den Vertrauen der Patient(inn)en gerecht zu werden. Denn für besonders verletzliche Menschen ist es äußerst bedeutsam, dass Pflegende vertrauenswürdig sind“ (Sellman, 2017, S. 93).

Literatur

Haußleiter, I. S. (2016). Ziel und Sinn psychiatrischer Behandlungen: Überlegungen zu Motivation und Ziel (S. 28-34). In Juckel, G. & Hoffmann, K. (Hrsg.). Ethische Entscheidungssituationen in Psychiatrie und Psychotherapie. Lengerich: Pabst Science Publishers.

Maio, G. (2017). Mittelpunkt Mensch – Lehrbuch der Ethik in der Medizin (2. Auflage). Stuttgart: Schattauer.

Sellman, D. (2017). Werteorientierte Pflege – Was macht eine gute Pflegende aus? Grundlagen ethischer Bildung für Pflegende. Bern: Hogrefe.

Welzer, H. (2007). Täter – Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 100 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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