Alles, was wir nicht erinnern

7. September 2022 | Rezensionen | 0 Kommentare

„Sich von den Erzählungen berühren lassen“

Es verwundert nicht, dass Menschen sich ihrer Wurzeln bewusst werden wollen. Die Journalistin Christiane Hoffmann, die derzeit als stellvertretende Regierungssprecherin in Berlin tätig ist, hat deshalb die Wanderschuhe geschnürt und sich nach Polen aufgemacht. Von dort sind ihre Eltern durch die Wirren des zweiten Weltkriegs geflüchtet, haben eine neue Heimat im Westen Deutschlands gefunden.

Diese Erfahrungen der Eltern-und Großeltern-Generation haben Hoffmann bis heute nicht losgelassen. Zu sehr haben sich die Erzählungen und Erfahrung der Mutter und des Vaters, der Tante und der Onkel eingeprägt. Nachdenklich stimmt schon, dass sie Slawistik und osteuropäische Geschichte studiert hat. Es ist genauso ein Mühen, den Nebel um die Fluchterfahrungen der älteren Generationen zu lichten. Und auch ihr Versuch, die polnische Sprache zu lernen, spricht dafür, der Geschichte der Familie auf den Grund zu gehen.

Hoffmann hat viel Zeit im schlesischen Dorf Rozyna verbracht, hat dort die Menschen kennengelernt, die noch heute dort leben. Sie hat die Atmosphäre aufgesogen, Stimmungen wahrgenommen, quasi durchdrungen, was die älteren Generationen erlebt haben könnten. Dabei ist ihr bewusst, dass ihr Tasten immer einen fragmentarischen Charakter hat. Es ist im besten Sinne Erinnerungsarbeit, die Hoffmann leistet. Über das Dorf Rozyna schreibt sie beispielsweise: „Rosenthal erscheint mit nun wie eine in die Jahre gekommene Schönheit, die sich mit sorgfältiger Pflege dem Verfall entgegenstemmt“ (S.49).

Hoffmann geht es nicht nur um das Nachzeichnen, um das Beobachten und Beschreiben des Alltags in Rozyna. Geradezu liebevoll sucht sie immer wieder nach dem Brückenschlag von der Vergangenheit zur Gegenwart. Sie macht kein Geheimnis daraus, was sie bei den Spaziergängen und Wanderungen emotional bewegt. Menschen haben dadurch die Gelegenheit, sich von den Erzählungen Hoffmanns berühren zu lassen, sich auf eine Reise mitnehmen zu lassen, der man eher aus dem Wege gehen will.

Auf der einen Seite geht es Hoffmann um die individuelle Bewältigung von Fluchterfahrungen in Familien. Auf der anderen Seite betont sie die politischen Dimensionen der Fluchterfahrungen. Hoffmann schreibt: „Schuld und Vertreibung sind untrennbar verbunden … Die Vertriebenen werden bestraft für das, was die Deutschen getan haben, sie bezahlen den Preis, sie nehmen die kollektive Schuld der Deutschen auf sich, sie sind mehr als alle anderen die Leidtragenden des Krieges“ (S. 260).

Geduldig müssen sich die Leser_innen dem Buch nähern. Sie können es nicht wie einen unterhaltsamen Roman lesen. Nein, die Annäherung an die eigenen Familienerfahrungen (ob mit oder ohne Flucht) sind eine unvermeidbare Konsequenz. Hoffmanns Buch macht deutlich, dass es sich lohnt, die Wurzeln des eigenen Stammbaums zu ergründen. Schließlich sind Menschen nicht nur zu verstehen, wenn man ihnen persönlich begegnet. Sie sind auch zu verstehen, indem man ihre Kontexte zu erahnen versucht.

Über das Zentrum zu Flucht und Vertreibung in Berlin schreibt Hoffmann, dass es als eine Flucht in die Rationalität wahrgenommen werden kann. Das Buch „Alles, was wir nicht erinnern“ ist hingegen eine Auseinandersetzung mit der Emotionalität bei offenem Visier.

 

Christiane Hoffmann: Alles, was wir nicht erinnern – Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters, Verlag C.H. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-78493-4, 275 Seiten, 22 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at