„Akustische Atmosphäre“

(C) Tomasz Zajda

Vor wenigen Tagen habe ich mal wieder eine ganz eigene Erfahrung gemacht. Als psychiatrisch Pflegender hatte ich die Aufgabe, eine fixierte Frau über Stunden hinweg bei einer Intensivbetreuung zu begleiten. Keine leichte Aufgabe, schließlich ist der Akt einer Freiheitsentziehung eine Herausforderung für alle Beteiligten. Die Betroffene war abgeschirmt in einem peripheren Raum der Station. Es herrschte oft Stille – zumindest in dem Raum, in dem die 1:1-Betreuung stattfand. Umso mehr fiel die Lautstärke auf, die vom Stationsflur wahrzunehmen war.

Es waren häufig ganz alltägliche Geräusche, die vom Flur durch die geschlossene Tür zu hören waren. Menschen unterhielten sich miteinander. Betten wurden über den Flur geschoben, eckten an Türrahmen an. Besteck fiel auf den Boden, als jemand seine Essensutensilien in den Essenswagen stellen wollte.

„Dies ist doch nichts Besonderes“, höre ich Sie sagen. So sehe der Alltag auf einer psychiatrischen Station halt aus. Doch bekommt die Alltäglichkeit des einen oder anderen Phänomens einen anderen Geschmack, wenn man die Perspektive verändert. Es war ein aufmerksameres Zuhören, das ich als begleitender Mensch aus der Stille heraus einübte. Nicht nur dies. Geräusche schienen hier oder dort eine andere Bedeutung zu bekommen. Dabei befand ich mich nicht in einer Ausnahmesituation.

Während ich an der Bettseite der fixierten Frau saß, überlegte ich, welche Wirkung die Geräusche für die Betroffene haben könnte. Mit der Symptomatik im Hinterkopf machte ich mir Gedanken, inwieweit sich ihre Wahrnehmung von meiner unterscheidet. Und inwieweit die Wahrnehmung die emotionale Situation der Betroffenen beeinflusst.

Meine Gedanken blieben Hypothesen. Denn in der krisenhaften Zustimmung war es nicht möglich, darüber ins Gespräch zu kommen. Für mich war es eine Erfahrung, die einer intensiven Reflexion bedarf. Menschen in leidvollen Situationen nehmen den Alltag anders wahr als gesunde Menschen. Deshalb macht es im pflegerischen Alltag sicher Sinn, in die Schuhe der Betroffenen zu schlüpfen. Denn die geschilderte Erfahrung machen sicher nicht nur Menschen, denen die Freiheit entzogen wird.

Pflegebedürftige in der Langzeitversorgung haben im Kontext der Bettlägerigkeit sicher auch ganz eigene Erfahrungen. Kranke auf Intensivstationen können wahrscheinlich auch ihre Geschichten erzählen. Wenn der Alltag wenig Reize kennt, wenig Ansprache stattfindet, wird das Fallen eines Porzellantellers sicher beeindruckender erlebt. Vielleicht ist es sogar eine Bedrohung, schließlich schaut ein bettlägeriger Mensch viele Stunden an eine Decke, die eintönig gestaltet ist.

Als ich am Wochenende in einem Buch des Phänomenologen Gernot Böhme blätterte, entdeckte ich den Begriff der „akustischen Atmosphäre“. Dabei geht es unter anderem darum, Atmosphären in einer sozialen Umgebung mitgestalten zu können. Böhme schreibt unter anderem: „Inzwischen hat man entdeckt, dass das Gefühl für Heimat wesentlich durch den Sound einer Gegend vermittelt wird und dass das charakteristische Gefühl eines Lebensstils, einer städtischen oder ländlichen Atmosphäre ganz wesentlich durch den jeweiligen akustischen Raum bestimmt ist“ (Böhme, 2019, S. 160).  Der zeitgenössische Mensch sei aufgefordert, sich um den Charakter der akustischen Atmosphäre von Plätzen, Fußgängerzonen und ganzen Städten zu kümmern.

Ich kann es nicht leugnen. In der Tragik der Situation ist bei mir die Sensibilität für akustische Atmosphären im Krankenhaus geschärft worden. Lassen auch Sie sich anregen.

Das Buch, um das es geht

Gernot Böhme: Leib – Die Natur, die wir selbst sind, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-518-29870-1, 196 Seiten, 18 Euro.

Markus Golla
Über Markus Golla 7413 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Lehrer für Gesundheit- und Krankenpflege (Studium Umit/Wien)

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