Akademisierung des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege in Österreich

„Es passiert so allerhand, schaut man übern Tellerrand.
Und steht man mal auf einem Berg, ist der Riese nur ein Zwerg.
So kommt es auf den Standpunkt an, wie und was man sehen kann.“ (Autor unbekannt)

Dieser Artikel skizziert den Weg der Akademisierung der Gesundheits- und Krankenpflege in Österreich. Es werden unterschiedliche Ansätze, gesetzliche und strukturelle Mängel aufgezeigt, die diesen Weg langwierig, teilweise unüberschaubar und selbst für die Berufsgruppe noch immer nicht ausreichen Klarheit für die nächsten Jahre bietet. Trotz des 1999 von den EU-Bildungsminister*innen unterzeichneten Bologna-Prozesses für tertiäre Bildung, worin auch das European Credit Transfer System (ECTS) und die Angleichung der eines Stufensystems für berufliche Studienabschlüsse auf Bachelor- und Masterniveau mit 180 bzw. 120 ECTS, gibt es in Österreich insgesamt, so auch bei den Pflegeberufen noch immer keine bundesweite einheitliche Umsetzung. Einige Gründe dafür und mögliche Auswege werden in diesem Artikel ebenfalls beschrieben.

Als in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum Bestrebungen begannen, die Gesundheits- und Krankenpflege als eigenen Wissenschaftszweig zu etablieren, war der Aufschrei in den Gesundheitsberufen groß. Viele Mediziner*innen begannen zu bemerken „Muss jetzt die Pflege auch noch forschen?“ „Wofür braucht es Pflegewissenschaften?“ „Jetzt stellen Schwestern und Pfleger auch noch Diagnosen.“ Diese und viele andere Aussagen, die ich in dieser Zeit meiner Grundausbildung gehört habe, sind mir heute noch in den Ohren. Als 1997 das damals richtungsweisende Gesundheits- und Krankenpflegegesetz in Kraft trat, in dem auch erstmals der eigenverantwortliche Tätigkeitsbereich definiert wurde, in dem unter anderem die Mitwirkung an der Pflegeforschung stand und auch die Verpflichtung der Pflegenden nach dem letzten Stand der Wissenschaften zu arbeiten zu einer gesetzliche Forderung wurde, war auch in der eigenen Berufsgruppe eine klare Spaltung bemerkbar.  „Wozu brauchen wir jetzt auch noch die Wissenschaftler?“ „Theorie ist das eine, die Praxis funktioniert aber anders.“ „Die Studierten glauben auch, dass wir bisher nur Blödsinn gemacht haben.“ waren häufig zu hörende Aussagen von Kollegen*innen, die den Gedanken an die Wissenschaftlichkeit der Pflege aus unterschiedlichen Gründen negativ bewerteten. Umkehrt gab es die absoluten Befürworter*innen der Wissenschaftlichkeit. Hier war von vielen zu hören, „Diese Praktiker sind unbelehrbar.“ „Die Praxis muss sich an den Wissenschaften orientieren.“ Auch prägende Sätze von Wissenschaftler*innen wie beispielsweise Silvia Käppeli, die behauptete „Die Praxis ist nur so gut, wie ihr theoretisches Fundament.“ (Käppeli 1994) trugen eher zu einer Spaltung in Theorie und Praxis als zu einer gegenseitigen Wertschätzung bei. Da es zu dieser Zeit keine Strukturen für den Pflegeberuf im tertiären Bildungssektor gab wurde an der Universität Wien 1999 der erste Grundstein der Akademisierung durch gelegt. Es wurde zunächst ein individuelles Diplomstudium für Pflegewissenschaft an der soziologischen Fakultät installiert. 2004 richtete die Universität Wien mittels Finanzierung durch das Rote Kreuz und Caritas eine Stiftungsprofessur für Pflegewissenschaft ein. Die Professur hatte Elisabeth Seidl bis 2007 hatte inne. Seit 2010 gibt es eine ordentliche Universitätsprofessur für Pflegewissenschaft. Das Institut für Pflegewissenschaft ist seither als eigenes Forschungsinstitut und Studienort für Studierende eines Master- und Doktoratsstudiums gut etabliert. 2006 wurde das Institut für Pflegewissenschaft an der Medizinischen Universität Graz gegründet. Die ersten Jahre waren geprägt durch mannigfaltige Entwicklungsarbeit im Bereich der Lehre und Forschung sowie mit der Etablierung der neuen Disziplin Pflegewissenschaft in Österreich. Darauf aufbauend konnten neue Studiengänge, neue Lehr-und Lernmodule konzipiert, um-fangreiche Forschungen geplant und durch geführt sowie intensive Kontakte und Kooperationen mit der Praxis und verschiedenen Organisationen im In-und Ausland erfolgreich aufgebaut werden. Die Tiroler Privatuniversität UMIT TIROL versteht sich als Gesundheitsuniversität und ist in Hall in Tirol beheimatet. Sie wurde 2001 in Innsbruck unter dem Namen Private Universität für Medizinische Informatik und Technik Tirol gegründet. Im Jahr 2004 bekam sie im Rahmen des Ausbaus der Gesundheitswissenschaften den Namen UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik. Träger der Universität sind das Land Tirol (90 Prozent) und die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (10 Prozent).

Alle diese ersten Bestrebungen Pflege als Wissenschaft im universitären Bereich zu etablieren, hatten eines gemeinsam. Sie hatten keine grundständige Berufsausbildung im Pflegeberuf zum Inhalt, sondern vermittelten lediglich Kompetenzen zum wissenschaftlichen forschen. Zur Ausübung des Pflegeberufes war eine Ausbildung zur allgemeinen oder psychiatrischen oder Kinder- und Jugendlichenpflege an einer entsprechenden Schule für Gesundheits- und Krankenpflege notwendig. Zwischen 2000 – 2006 entstanden auch die neuen Curricula für die Grundausbildungen der drei Sparten (allgemeine, psychiatrische, Kinder- und Jugendliche) der Gesundheits- und Krankenpflege sowie die Curricula für Spezialisierungen in der Pflege. Im GuKG waren sowohl für die Lehre und das Management sowie für zielgruppen- bzw. settingspezifische Spezialisierungen Sonderausbildungen vorgesehen, die in der österreichweit gültigen Sonderausbildungsverordnung gesetzlich geregelt wurden.

In dieser Zeit gab es auch schon erste Bestrebungen die Grundausbildungen im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege mit einem Bachelorabschluss zu verknüpfen. Vorreiterrolle übernahm dabei das UMIT-Institut für Pflegewissenschaft im Jahr 2005 mit dem Kombistudium Pflege. Im Rahmen dieses Lehrangebotes wurde die dreijährige Diplomausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflege und die dreijährige akademische Ausbildung zum Bachelor of Science in Nursing so verknüpft das sich die Ausbildungszeit um zweieinhalb Jahre verkürzt hat. Damit konnten Studierenden gleichzeitig einen Berufsabschluss und einen akademischen Abschluss erwerben. Im Laufe der Jahre konnten alle Tiroler und Vorarlberger Gesundheits- und Krankenpflegeschulen, die Pflegeakademie der Barmherzigen Brüder Linz und viel andere als Kooperationspartner gewonnen werden (. Zum Beispiel begann 2007 der erste Jahrgang des „Kombistudiums Pflege“ an der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien (Heute: Pflegeakademie der Barmherzigen Brüder). Insgesamt 27 Studierende hatten mit dem Abschluss sowohl die Berufsberechtigung für den gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege (Diplom) als auch zusätzlich einen universitären Abschluss in der Pflegewissenschaft (Bachelor of Science in Nursing, BScN) erlangt (vgl. https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20110701_OTS0074/kombistudium-pflege). Diese Kooperation dauerte 13 Jahre an und lief 2020, mit der Novelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes (GuKG) 2016, aus.

Für Österreich bedeutete diese Novelle eine komplette Umstrukturierung der Ausbildungssituation. Die Gesundheits- und Krankenpflegeschulen mussten innerhalb kurzer Zeit ihre Ausbildungsangebote neu strukturieren, was auch der neu eingeführten generalistischen Ausrichtung der FH-Studiengänge für Gesundheits- und Krankenpflege geschuldet war. Vor allem Schulen für psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflege sowie Kinder- und Jugendlichenpflege verloren ihre Ausbildungsgrundlage. An schon bestehenden FH-Studiengängen mussten die Studienplätze teilweise verdreifacht werden, andere Fachhochschulen mussten den Studiengang neu aufbauen, um in jedem Bundesland die Möglichkeit zum Studium zu schaffen. Duale Bachelorstudiengänge, welche sich über viele Jahre vornehmlich an Privatuniversitäten etabliert hatten, mussten auslaufen, weil das GuKG kein Bachelorstudium an einer Universität vorsieht (vgl.: https://weltjahr-der-pflege.pmu.ac.at/blog/beitrag/akademisierung-der-pflege).

Im Zuge dieser Veränderungen muss sich aber der Blick auf die Pflegenden selbst richten. Die Gesundheits- und Krankenpflege ist ein traditionell gewachsener Beruf, der sich einerseits aus kirchlichen Einrichtungen mit Attributen wie Nächstenliebe und Demut sowie aus militärischen Einrichtungen mit den Attributen von Befehlen und Gehorsam herausgebildet hat. Der eigenverantwortliche Tätigkeitsbereich wurde erstmals 1997 gesetzlich festgelegt und bezog sich in erster Linie auf die Planung, Durchführung und Evaluation von Pflegemaßnahmen im Rahmen des Pflegeprozesses. Das Berufsbild wurde jedoch maßgeblich erweitert. Die pflegewissenschaftliche Ausrichtung wurde deutlich, Pflegende sollen Pflegemaßnahmen evidenz-basiert durchführen sowie Kenntnisse und Fertigkeiten zur Förderung der Gesundheitskompetenz insbesondere bei chronischen Krankheiten besitzen.

Diplompflegepersonen wurden an Krankenpflegeschulen bis 2016 nach der Niveau 5 des Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) ausgebildet und somit dazu befähigt, umfassendes spezialisiertes Theorie- und Faktenwissen zu erwerben. Die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege beruhte auf dem Erwerb von anwendungsorientiertem Wissen und dessen Anwendung im pflegerischen Alltag, um auftretende Probleme zu lösen. Pflegende mit einem Bachelorabschluss, werden nach EQR-Niveau 6 ausgebildet. Sie sollen im Rahmen des Studiums darüber hinaus ein kritisches Verständnis von Theorien und Grundsätzen erlangen. Das soll sie dazu befähigen, innovative Lösungen für komplexe, nicht vorhersehbare Probleme zu finden. (siehe Tabelle 1)

Tabelle 1: Niveau 5 und 6 EQR, Quelle: Europäischer Qualifikationsrahmen S18

Trotz dieser Niveausteigerung in der Ausbildung, sind die akademisch ausgebildeten und diplomierten Pflegenden im gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege gleichgestellt. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen, jedoch muss folgendes in der täglichen Praxis bedacht werden. Betrachtet man die Erweiterung des Berufsbildes sowie den unterschiedlichen Kompetenzerwerb in Ausbildung bzw. Studium, kann dies zu Problemen innerhalb der Berufsgruppe führen. Ein möglicher Grund dafür ist, dass die Aufgabenverteilung im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz nicht explizit an die einzelnen Akteur*innen angepasst wurde. Dies kann dazu führen, dass sich diplomierte Pflegende überfordert fühlen und Sorge vor einer steigenden Verantwortung äußern oder dass akademisch ausgebildete Pflegende ihre im Studium erworbenen Kompetenzen nicht einbringen können (vgl. von der Heide, 2020).

Weiters wurden bisher keine entsprechenden Angebote für Diplompflegepersonen zur Qualifikationserweiterung auf akademischen Niveau gerichtet. Werden diese Unklarheiten innerhalb der Berufsgruppe der Pflegenden nicht berücksichtigt und wird die Etablierung von akademisch ausgebildeten Pflegenden nicht rechtzeitig und ausführlich in Strukturänderungsprozesse einbezogen, kann es zu einer Spaltung der beiden unterschiedlich ausgebildeten Gruppen mit Kompetenzkämpfen kommen. Eine Auseinandersetzung mit den jeweiligen Kompetenzprofilen und Ausbildungsanforderungen und die Einbeziehung der Pflegenden selbst in die Diskussionen zur Umsetzung der nächsten GuKG-Novelle könnten dem entgegenwirken.

Im Zuge der Novellierung des GuKG 2016 wurden zum akademisch ausgebildeten gehobenen Dienst (DGKP) noch die im Sekundarbereich ausgebildete Pflegefachassistenz und Pflegeassistenz neu definiert. Dies führt zu einer weiteren Hierarchisierung auf der drei Ebenen von zuvor zwei Ebenen (DGKP und Pflegehilfe) und trägt damit zu einer weiteren Unübersichtlichkeit bei.

Das Vorgehen bei der Tertiärisierung der Ausbildung im gehobenen Dienst für GuKP ist in den neun Bundesländern zudem stark unterschiedlich. So begann in Wien bereits im Studienjahr 2008/2009 nach Schaffung der rechtlichen Rahmenbedingungen im GuKG und der Fachhochschul –  Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildungsverordnung (FH-GuK-AV), der erste FH-Studiengang für Gesundheits- und Krankenpflege. In der Abbildung 1 ist der zeitliche Verlauf der Angebote von FH-Studiengängen nach Bundesländern und Studienjahr dargestellt (vgl. Pleschberger & Holzweber, 2019).

Abbildung 1: FH-Lehrgäng GuKP nach Bundesländern im Zeitverlauf (Quelle: Pleschberger u. Holzweber 2019)

Für die Überführung der Ausbildung im gehobenen Dienst für GuKP in den tertiären Sektor wurde eine gesetzlich vorgegebene Frist bis Ende 2023 bestimmt. In der Umsetzung lassen sich unterschiedliche Vorgangsweisen beobachten.

Die Bundesländer Kärnten (2018), Salzburg und Wien (2016) haben die vollständige Überführung der Ausbildung des gehobenen Dienstes für GuKP in den Tertiärbereich bereits vollzogen („Cut-Modell“). Das heißt, dass in diesen Bundesländern an den GuKP-Schulen ausschließlich die Ausbildungen zur PA und PFA angeboten werden, die Ausbildung zur DGKP ausschließlich über einen FH-Standort. In Oberösterreich und Tirol werden aktuell, aufgrund regionaler Gegebenheiten vereinzelt an GuK-Schulen noch Plätze zur Ausbildung im gehobenen Dienst angeboten. In der Steiermark ist der Schritt zum Cut-Modell für das Jahr 2020 geplant (vgl. Pleschberger & Holzweber 2019).

Inwieweit die Umsetzung hier bereits erfolgt ist konnte im Rahmen dieses Artikels nicht eruiert werden. Auf der Webseite für Gesundheitsausbildungen wird die „alte“ Ausbildung zur diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege nach wie vor angeboten (vgl. https://www.gesundheitsausbildungen.steiermark.at/cms/beitrag/12812665/73431216/, 27.07.2021)

Die Bundesländer Burgenland, Niederösterreich und Vorarlberg haben ein „Parallelmodell“ gewählt und bieten in der Übergangsfrist der GuKG-Novelle 2016 neben dem wachsenden Angebot an FH-Studienplätzen weiterhin die Ausbildung zum gehobenen Dienst an Schulen für GuKP an. Das bedeutet, dass in der Übergangsfrist auf Sekundarniveau Ausbildungen für alle drei Gesundheits- und Krankenpflegeberufe angeboten werden. Als Begründung für die Anwendung des Parallelmodells werden vor Allem der bestehende Personalbedarf und das Anliegen, möglichst viele Menschen für eine Pflegeausbildung gewinnen zu können, angeführt (vgl. Pleschberger & Holzweber 2019)

Das bedeutet, dass die Anwendung des Parallelmodells in der Praxis zu schwierigen Ausgangslagen in Hinblick auf eine einheitliche und klare Kommunikation und Bewerbung der unterschiedlichen Ausbildungen führt. Es sei zudem schwieriger, die Pflege als modernen Gesundheitsberuf gleichwertig zu anderen auf Bachelorniveau ausgebildeten Gesundheitsberufen zu etablieren, wenn gleichzeitig an den bisherigen Ausbildungswegen festgehalten wird. Diese Erfahrung machten in den Fokusgruppen Berufsberaterinnen und -berater bei Informationsveranstaltungen an höheren Schulen (vgl. Pleschberger & Holzweber 2019)

Diese Vielfalt an Ausbildungsmöglichkeiten im gehobenen Dienst für GuKP, die beiden unterschiedlichen Niveaus bei den Pflegeassistenzberufen (PA und PFA), die unterschiedlichen Ausbildungsversuche bei den Pflegeassistenzberufen in berufsbildenden Schulen mit und ohne Matura und nicht zuletzt der Ruf nach einer Pflegelehre aus dem Bereich der Wirtschaft verunsichern potentiell zukünftige Pflegende offensichtlich. Die genannten Umstände tragen anscheinend nicht zu einer Attraktivierung des Pflegeberufes und einer Steigerung der Bewerberzahlen bei, von der sämtliche Politiker aller Parlamentsparteien ständig reden.

Ein Fazit zur Akademisierung der des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege ist, dass es zwölf Jahre nach Beschluss des Bolognaprozesses und fünf Jahre nach Inkrafttreten der entsprechenden Novelle des GuKG nach wie vor keine österreichweit gleiche Ausbildung in der Praxis gibt, obwohl diese klar gesetzlich definiert wäre. Das liegt scheinbar daran, dass es vor der Novelle keinen einheitlichen operativen Plan der Umsetzung gab. Ein wesentlicher Grund ist dabei scheinbar ein Kompetenzkonflikt zwischen dem Bund und den Ländern, da die Ausbildung bisher Ländersache war, akademische Bildung aber grundsätzlich Bundeskompetenz ist. Weiter Verzögerungen gab es durch verschiedenen Ansprüche großer Pflegedienstanbieter, besonders im Bereich der mobilen Pflege sowie die Mitsprache unterschiedlicher Interessensvertretungen wie Beispielsweise die Ärztekammer. Dass hier unterschiedliche Interessen im Zusammenhang mit z.B. Kostensteigerungen, Kompetenzveränderungen usw. anderer Berufsgruppen, verschiedener Trägerorganisationen und der Bundesländer die akademische Entwicklung der Pflege hemmt scheint offensichtlich.

Ein riesiger Fortschritt und wesentlicher Faktor für eine weitere, rasche und flächendeckende Umsetzung der Akademisierung des Pflegberufes und damit einer wesentlichen Attraktivierung wäre eine klare, gesetzlich anerkannte Stimme für die Pflege im Sinne einer eigenen Kammer.

Bisher wurde nur die akademische Grundausbildung zum gehobenen Dienst in der GuKP auf Bachelorniveau mit 180 ECTS beschrieben. Diese dürfte in den nächsten zwei bis drei Jahren einigermaßen abgeschlossen sein, da die Übergangsfristen enden. Bleibt zu hoffen, dass es nicht aus politischen Kalkül oder sonstigen unvorhergesehenen Vorkommnissen wie beispielsweise der Coronapandemie, zu einer Verlängerung der Fristen kommt.

Ein wesentlicher Blick im Zusammenhang mit der Akademisierung wurde bisher überhaupt nicht berücksichtigt, nämlich die Spezialisierungen. In diesem Zusammenhang sind besonders die Kinder- und Jugendlichenpflege und psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflege zu berücksichtigen. Diese beiden Spezialbereiche haben durch die Novellierung des GuKP 2016 ihre Grundausbildungen verloren. Das bedeutet, dass dadurch zum Beispiel für die psychiatrische Pflege allein in Wien jährlich ca. 70-80 Absolvente*inne fehlen. In weiterer Folge wird nur der Spezialbereich psychiatrische Pflege beschrieben, da es auf Grund der Vielzahl von zielgruppenspezifischen Spezialisierungen (z.B. OP-Bereich, Anästhesie, Nierenersatztherapie usw.) sowie Spezialisierungen zum Management und der Lehre nicht möglich ist im Rahmen dieses Artikels auf den „Wildwuchs“ unzähliger Ausbildungsmöglichkeiten im tertiären und Sekundarbereich einzugehen.

Für die Spezialisierung sind nach wie vor die Sonderausbildungsverordnung und das Curriculum für die psychiatrische Sonderausbildung gültig. Pflegende mit der generalistischen Ausbildung einer FH oder mit dem Diplom auf Sekundarbereich dürfen seit 2016 in der Psychiatrie arbeiten und müssen innerhalb von fünf Jahren eine entsprechende Sonderausbildung abschließen (Anm. die Frist ist derzeit wegen der Pandemie ausgesetzt). Da es keine Bundesweit gesetzliche Regelung gibt, werden mittlerweile in Tirol, Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark akademische Lehrgänge für psychiatrische Pflege mit 75 bis 90 ECTS angeboten. In Wien wird derzeit an der Entwicklung eines entsprechenden akademischen Lehrganges gearbeitet. Auch hier zeigt sich, dass durch die Überschneidung von Bund-Länderkompetenzen, jeder einzelne Lehrgang eine spezielle Kooperation zwischen einer FH und einem Träger auf Landesebene braucht. Dabei muss immer beachtet werden, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen die für den Fachhochschulbereich gelten und die Bestimmungen der noch gültigen Sonderausbildungsverordnung ein Einklang gebracht werden. Dies ist für die Gleichhaltung des jeweiligen akademischen Lehrganges mit der Sonderausbildung wesentlich, weil nur dann auch die Berufsberechtigung im Spezialbereich besteht. Das resultiert daraus, dass für die Bewilligung einer Sonderausbildung die jeweilige Landessanitätsdirektion zuständig ist.

Damit hier, mit dem Blick auf die Vielfalt der Spezialisierungen, möglichst rasch eine einheitliche Vorgangsweise in Österreich zu erlangen muss es eine klare politische Entscheidung geben. Aus der Sicht der Berufsgruppe Pflege wäre ein klares Bekenntnis zur Akademisierung, mit einer Bundesweit gültigen grundsätzlichen Regelung die seit ca. 20 Jahren immer wieder diskutiert wird, aber nie konsequent umgesetzt wurde.

Dazu wären folgenden Punkte notwendig:

  • Keinesfalls Verlängerung der Übergangfristen für die Grundausbildung des gehobenen Dienstes. Die Grundausbildung muss spätestens 2023 flächendecken mit 180 ECTS als BScN umgesetzt sein.
  • Noch in dieser Legislaturperiode eine klare Zuständigkeit des Bundes für Spezialisierungen nach dem GuKG (bisherige Sonderausbildungen) mit Kompetenzerweiterung im Ausmaß von 60-90 ECTS als akademische Lehrgänge oder Masterstudium mit 120 ECTS – Je nach Ausmaß der Kompetenzerweiterung.
  • Klare Regelungen auf Bundesebene für die Durchgängigkeit von der PFA zum BScN – vor allem die klaren Anrechnungsmöglichkeiten der praktischen Kompetenzen
  • Weiterbildungen bis 30 ECTS an FH auch für PFA
  • Etablierung von weiterführenden PhD-Studiengängen (wie im Bolognaprozess beschrieben) für Pflegeforschung an öffentlichen Universitäten
  • Die Ausbildungen für Pflegeassistenzberufe bleiben in der Kompetenz der Bundesländer an Krankenpflegeschulen oder berufsbildenden Schulen.
  • Keine Pflegelehre.

Klarerweise sind diese Forderungen mit Mehrkosten im Vorfeld verbunden und die Bundesländer würden einen Teil ihrer Kompetenzen aufgeben. Im Hinblick auf den drohenden Pflegepersonalmangel und die immer größeren Herausforderungen im Bereich der Hochbetagten und chronisch multimorbiden Menschen sowie mehr Betreuungs- und Pflegebedarf durch Comunity Health Nurses oder Schoolnurses ist klar an der Zeit, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass eine starke, auf akademischen Niveau ausgebildete Pflegeprofession zum Wohl der Bevölkerung tätig werden kann. Die Zeit des politischen Kleingeldes, der Dominanz einzelner Berufsgruppen und das „Machtgeplänkel“ zwischen Bund-Ländern-Trägerorganisationen muss vorbei sein.

Wenn hier rasch gehandelt wird und die Aus- und Weiterbildungssituation klar geregelt ist, dann wird es auch genügend Menschen geben, die sich für einen der schönsten Berufe entscheiden und eine für sie passende Ausbildung im Pflegebereich absolvieren. Ein klares Bekenntnis in der breiten Öffentlichkeit zur Akademisierung wäre ein wesentlicher Baustein für die Attraktivierung des Pflegeberufes.

Literaturverzeichnis:

Europäische Union (Hrsg.) (2019): Der Europäische Qualifikationsrahmen: Förderung des Lernens, der Beschäftigung und der grenzüberschreitenden Mobilität, Auf: https://www.qualifikationsregister.at/wp-content/uploads/2019/09/EQF-Interactive_Brochure_DE.pdf, Download: 05.07.2021

https://www.gesundheitsausbildungen.steiermark.at/cms/beitrag/12812665/73431216/, Download: 27.07.2021

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20110701_OTS0074/kombistudium-pflege, Download: 05.07.2021

Käppeli Silvia (1994): Pflegekonzepte : Gesundheits-, entwicklungs- und krankheitsbezogene Erfahrungen, Hans Huber Verlag, Bern ; Göttingen ; Toronto

Pleschberger Sabine; Holzweber Leonie (2019): Evaluierung der GuKG-Novelle 2016, Gesundheit Österreich GmbH, Wien

von der Heide Joachim (2020): Akademisierung der Pflege – ein Rundumblick, auf: https://weltjahr-der-pflege.pmu.ac.at/blog/beitrag/akademisierung-der-pflege, Download: 04.07.2021

 

Über Gerhard Schoßmaier 5 Artikel
Gerhard Schoßmaier, MSc: 1996-1999 Diplom der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege, 2001 Weiterbildung Pflege und Betreuung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, 2005-2007 Universitätslehrgang für Lehrerinnen und Lehrer in der Gesundheits- und Krankenpflege, 2014 Trainerausbildung für gewaltfreie Kommunikation, 2017-2018 Weiterbildung f. basales und mittleres Pflegemanagement, derzeit Masterstudium Pflegepädagogik (Uni Graz, Abschluss Februar 2020), Berufserfahrung in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie und in verschiedenen anderen Pflegebereichen psychiatrischer Einrichtungen, Lehrtätigkeit in Schulen und FH für Pflegeberufe, Vortragstätigkeit auf nationalen und internationalen Kongressen mit psychiatrischen und ausbildungsbezogenen Inhalten, Fachbuchautor

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