Agenda

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(C) patpitchaya

Der Bereich Gesundheit hat sich enormen Herausforderungen zu stellen. Das Management der Coronapandemie und der eklatante Pflegepersonalmangel sind wohl die größten Herausforderungen für Gesundheitsminister Rauch. Hinsichtlich Coronapandemie werden möglicherweise saisonale Effekte, wie etwa das wärmere Wetter, in den kommenden Wochen für etwas Entspannung hinsichtlich der Neuinfektionen sorgen. Offensichtlich wurde es bis dato dem Gesundheitsminister überlassen, Probleme auszulöffeln, die ihm andere Regierungsmitglieder und Entscheidungsträger eingebrockt haben, so etwa das überstürzte Abschaffen der FFP2 Maskenpflicht in Innenräumen – und Johannes Rauch ist nicht der Erste Gesundheitsminister, mit dem so verfahren wird.

Da wäre dann noch die Pflegereform zu bearbeiten, oftmals angekündigt und immer wieder vertagt. Das Reformpapier der Taskforce Pflege liegt seit einiger Zeit vor – und wird hoffentlich nicht in einem Aktenordner vergessen. Dieser letzte Eindruck könnte jedenfalls entstehen, denn hinsichtlich des Projektes Community Nurse ist beispielsweise die Empfehlung der Taskforce Pflege 600 Community Nurses zu etablieren, auf aktuell 190 Community Nurses geschrumpft, deren Tätigkeit im Rahmen eines EU-geförderten Projektes lediglich bis 2024 finanziert ist. Ein weiterer Ausbau dieses Handlungsfeldes scheint nicht in Sicht. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass der große und ständig wachsende Bereich chronisch Kranker und Pflegebedürftiger, den Einsatz von Pflegefachkompetenz dringend braucht.

In einem kürzlich veröffentlichten Interview schlägt der Gesundheitsminister vor, die Personallücken auch mit Migrantinnen und Migranten zu füllen. Es mag schon sein, dass tatsächlich so manch geeignete Person für den Pflegeberuf in diesem Bereich zu finden ist, ein echter und vor allem nachhaltiger Lösungsansatz ist das jedoch nicht. Denn abgesehen davon, dass es einige Zeit dauert die erforderliche sprachliche Kompetenz zu erwerben, wird offensichtlich noch immer die Notwendigkeit einer entsprechenden Pflegefachausbildung ignoriert. Dabei zeigt aktuell insbesondere die Versorgung von Menschen, die an Corona erkrankt waren und sind, wie unverzichtbar fachkompetentes Pflegepersonal ist.

Welche Schritte sind nun notwendig, um Pflegepersonal für den Beruf zu gewinnen und auch im Berufsfeld zu halten?

Finanzierung der Ausbildung

Grundsätzlich sind die Ausbildungskosten in allen Qualifikationslevels durch den Auszubildenden zu tragen. Das System der Stipendien in die Jahre gekommen und nur allzu oft nicht anwendbar. Zudem sind für Quereinsteiger sämtliche bis dato angewandten Finanzierungsmodelle der Pflegeausbildung, keineswegs dazu angetan auch nur annähernd die Lebenserhaltungskosten während der Ausbildung zu decken. Vielmehr werden Auszubildende zu Bittstellern, die sich beim Arbeitsamt als arbeitslos zu melden haben, um auch nur eine geringe finanzielle Unterstützung zu bekommen. Zudem gelten diese „Förderprogramme“ nur für den niedrigsten, also kürzesten Ausbildungslevel.

Hingegen erhalten in Ausbildung befindliche Polizistinnen und Polizisten eine angemessene Bezahlung, übrigens auch während der Ausbildung für höhere Qualifikationslevels.

Die Bereiche Pflege und Polizei sind gleichermaßen systemrelevant – bis dato jedoch nicht bei der Finanzierung ihrer Ausbildung.

Perspektiven für Weiterentwicklung

Das Handlungsfeld der Fachpflegepersonen ist sehr umfangreich und hat viele Facetten. Menschen aus allen Gesellschaftsbereichen, in jeder Lebensphase brauchen fachkompetente Pflegepersonen, wenn sie akut oder chronisch erkrankt, oder wenn sie pflegebedürftig sind. Momentan sind Pflegepersonen überwiegend entweder im Akutkrankenhaus oder in der Langzeitpflege beschäftigt. Doch diese Strukturen stoßen zunehmend, wie übrigens auch in andere Gesundheitsberufen, an ihre Kapazitätsgrenzen. Nur schleppend kommen Reformansätze wie etwa im Rahmen Primärversorgung in Ordinationen voran. Schulgesundheitspflege scheint überhaupt ein Tabu zu sein und auch die Community Nurse kommt nicht so richtig in die Gänge. Dabei sind es genau jene Handlungsfelder und Versorgungsformen, die für Fachpflegepersonen eine berufliche Perspektive wären und sicher den Pflegeberuf durch zusätzliche Berufsausübungsmöglichkeiten, wie etwa Pflegeordinationen, attraktiver machen würden.

Augenhöhe

Fachpflegepersonen haben eine zentrale Rolle in allen Gesundheitsversorgungsangeboten – nur ist diese nicht wirklich sichtbar. Ein wichtiger Grund dafür ist die mangelnde Bewertung von Pflegeleistungen. Diese Leistungen werden von den medizinischen Leistungen im Krankenhaus vereinnahmt und im extramuralen Bereich bis dato von den Krankenkassen einfach nicht bewertet. Wohl gemerkt: das Pflegegeld bewertet den Pflegeaufwand für Pflegebedürftige, die damit verbundene medizinische Leistung, erbracht durch das Pflegepersonal, wie etwa der Verbandwechsel bei einer chronischen Wunde, findet sich bis dato in keinem Pflegeleistungshonorarkatalog. Mangels dieser Leistungsbewertung gibt es auch keine Orientierung hinsichtlich der Kosten.

Wenn Bundesminister Rauch von angemessener Bezahlung spricht, ist ihm hoffentlich auch dieser Umstand nicht nur klar, sondern er wird ihn auch in Angriff nehmen. Die drei genannten Punkte befassen sich im Wesentlichen mit jenen Bereichen, die mittlerweile seit Jahrzehnten definiert sind, jedoch noch nie tatsächlich im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung der Pflegeberufe in Österreich, reformiert wurden. Diese sind jedoch die Basis, um einen Pflegereform auf den Weg zu bringen, die den Namen auch verdient.

Autor:in

  • 1977 bis 2007 Pflegepraxis und Projektarbeit im stationären Bereich wie etwa Unfall- und Allgemeine Chirurgie, Kardiologie und Nephrologie, sowie von 1993 bis 2007 Tätigkeitsbereich im Operationssaal. 2007 bis 2020 Präsidentin des ÖGKV sowie Vorsitzende der Österreichischen Pflegekonferenz. Aktuell Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Karl Landsteinerinstitutes für Human Factors & Resources im Gesundheitswesen, Lektorin der Weiterbildungsakademie für Pflegeberufe an der Sigmund Freud Universität Wien