Ärzte ohne Grenzen: Verschlechterung der Versorgungslage von Vertriebenen in Tigray/Äthiopien

12. Januar 2021 | Gastkommentare | 0 Kommentare

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) ist besorgt über die humanitäre Situation in der äthiopischen Region Tigray. In den Gebieten, zu denen die Organisation Zugang hat, leben zehntausende Geflüchtete in verlassenen oder unfertigen Gebäuden. Die Menschen haben kaum Zugang zu Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, Obdach oder gesundheitlicher Versorgung. An manchen Orten gibt es keinen Strom und keine Wasserversorgung mehr, die Telekommunikationsnetzwerke funktionieren nicht und die Banken haben geschlossen. Laut mehrerer Berichte gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen verstecken sich noch immer viele Bewohnerinnen und Bewohner in den Bergen und auf dem Land.
Teams von Ärzte ohne Grenzen bieten an mehreren Orten medizinische Versorgung an. So unterstützt die Hilfsorganisation im Osten Tigrays das zweitgrößte Krankenhaus der Region in Adigrat, das ursprüngliche eine Bevölkerung von einer Million Menschen versorgte. Als die Teams dort am 19. Dezember eintrafen, fanden sie die Klinik teilweise nicht mehr funktionsfähig vor.

Angesichts der Dringlichkeit der Situation schickte die Organisation Sauerstoffflaschen und Lebensmittel für Patientinnen und Patienten und deren Angehörige aus dem 120 Kilometer weiter südlich gelegenen Mekele und überwies Patientinnen und Patienten an das Krankenhaus Afder in der Hauptstadt der Region.

Seit dem 23. Dezember betreibt die Hilfsorganisation die Notaufnahme des Krankenhauses von Adigrat, die chirurgische und die pädiatrische Abteilung sowie die Entbindungsstation. Außerdem bietet sie ambulante Betreuung für Kinder unter fünf Jahren an. Insgesamt nahm Ärzte ohne Grenzen vom 24. Dezember bis zum 10. Januar 760 Patientinnen und Patienten in der Notaufnahme des Krankenhauses auf. Neben Adigrat im Osten von Tigray leisten weitere Teams der Organisation im Westen zwischen den Städten Humera und Shire, im Zentrum in Adwa und Axum sowie im Süden in Hiwane und Adi Keyih medizinische Hilfe.

„Über fünf Millionen Menschen haben in der Region Tigray gelebt. Seit die Kämpfe Anfang November begonnen haben, sind Zehntausende geflohen, aber wir wissen auch, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung in Tigray noch in Regionen aufhält, wo es bisher fast keine humanitäre Hilfe gab“ erklärt Karljine Kleiner, Leiterin des Noteinsatzes im Sudan.

Vor dem Konflikt lebten in Tigray rund 5,5 Millionen Menschen, darunter mehr als 100.000 intern Vertriebene und 96.000 Flüchtlinge, die nach UNO-Angaben bereits auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen waren.

Neben ihren Aktivitäten in Tigray haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen seit November Tausende von Vertriebenen an der Grenze zur Amhara-Region medizinisch versorgt. Außerdem unterstützen sie mehrere Gesundheitseinrichtungen mit medizinischen Hilfsgütern und führen Schulungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in den Bereichen Ernährung und Massenanfall von Verletzten durch. Ärzte ohne Grenzen kümmert sich auch um die humanitären Bedürfnisse der äthiopischen Flüchtlinge auf der anderen Seite der Grenze im Sudan.

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)