Achtsamkeit und Mitgefühl in der Pflege

„Achtsamkeit und innere Stabilität“

Gehören Sie auch zu den Menschen im Autopilot-Modus? Haben Sie es auch schon erlebt, auf ein Arbeitsergebnis fokussiert zu sein, ohne die eigentliche Arbeitsaufgabe im Sinn zu haben? Pflegenden liegt diese Haltung sehr nahe. Deshalb sind sie im beruflichen Alltag schnell dort, was die Psychotherapeutin Carmel Sheridan knapp auf den Punkt bringt: „Wer ständig im Autopilot-Modus gefangen ist, fühlt sich nicht wirklich lebendig, vielmehr erschöpft und generell unzufrieden“ (S. 38).

Sheridan hat das Buch „Achtsamkeit und Mitgefühl in der Pflege“ geschrieben. Mit den 260 Seiten setzt sie ein deutliches Zeichen, erinnert Pflegende daran, dass sie auch etwas für sich tun müssen. Dabei nutzt sie eine Terminologie, die Pflegenden fremd erscheinen wird. Das Tun und das Sein müssten im Gleichgewicht sein. Stehe das Handeln im Vordergrund, halte es den Pflegenden davon ab, „ganz präsent zu sein, weil Ihre Gedanken ganz woanders sind“ (S. 39).

So erfordert die Lektüre des Buchs gleichfalls eine große Konzentration. Denn endlich werden Pflegende einmal auf sich selbst zurückgeworfen. Sie werden mit Begriffen wie Selbstfürsorge, achtsamer Bewältigung und Mitgefühl konfrontiert. Sie bekommen quasi Nachhilfe zu den Möglichkeiten von Konzentration und Vermeidung von Müdigkeit.

Was Sheridans Buch auszeichnet, ist die umfassende Herangehensweise der Psychotherapeutin, die im Kontext von Therapien, Beratungen und Supervisionen viel mit Pflegenden gearbeitet hat. Bei dieser Arbeit ist sie auf die Fallen aufmerksam geworden, die bei der pflegerischen Arbeit in den unterschiedlichen Settings auf die Praktiker warten.

Gleichzeitig gibt Sheridan viele Tipps, wie Teamarbeit oder auch Dienstübergaben achtsam gestaltet werden können. Den achtsamen Umgang mit Gedanken und der eigenen Kommunikation nimmt sie auch in den Blick. Ganz eindrucksvoll sind Sheridans Überlegungen zum Vermeiden von Ablenkungen und Fehlern. Am Beispiel der Medikamentenvorbereitung und Medikamentengabe zeigt Sheridan, wie wichtig Achtsamkeit auch bei scheinbar alltäglichen Tätigkeiten ist. Im Gedächtnis bleibt die „STOP-Übung“.

Nach Sheridan steht das „Stop“ für das Innehalten und das Unterbrechen von Tätigkeiten. Das „Take the breath“ ermuntert zum Durchatmen und Nachspüren, wie die Luft in den Körper strömt. Das „Observe“ weist auf die Notwendigkeit eines sensiblen Beobachtens körperlicher Empfindungen hin, während das „Proceed“ das Gefühl der Ruhe und Zentriertheit im Blick hat.

Das Mühen um Abwechslung bei den Strukturelementen holt die Leserin und den Leser immer wieder zurück zu den Botschaften des Buches. Die vielen Fotografien von Jürgen Georg ermuntern, nach ähnlichen Motiven bei Spaziergängen oder Wanderungen zu suchen, um die eigene Ruhe und Konzentration zu finden.

Sheridan unterstreicht immer wieder in den lebhaften Beschreibungen achtsamer Praxis, worauf es ankommt: „Wer Achtsamkeit im Alltag nicht nur gelegentlich, sondern beharrlich übt, bleibt in medizinischen oder anderen Notfallsituationen eher zentriert. Die innere Stabilität nimmt zu und der Wechsel in den Achtsamkeitsmodus fällt leichter; man wird auch unter schwierigen Umständen ruhig bleiben und planvoll vorgehen können“ (S. 196).

Ihrer Botschaft sollten sich viele Pflegende annehmen.

Carmel Sheridan: Achtsamkeit und Mitgefühl in der Pflege – Praxisbuch für achtsame und selbstmitfühlende Pflegende, Hogrefe-Verlag, Bern 2019, ISBN 978-3-456-85982-8, 260 Seiten, 34.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 257 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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