Achtsames Schreiben – Wie Sie Klarheit und Gelassenheit gewinnen

„Ungeahnter Brückenschlag“

Können Sie sich vorstellen, dass Achtsamkeit und Schreiben zueinander gehören? Wie ist die aufmerksame Sorge für sich mit dem lebhaften Aufzeichnen von Gedanken, Ideen und Vorstellungen vereinbar? Wenn Sie das Buch „Achtsames Schreiben“ in die Hand nehmen, werden Sie einen Eindruck gewinnen, wie dies gelingen kann. Es nimmt dem Thema Achtsamkeit eher das Angstbesetzte, reduziert Berührungsängste.

Sandra Miriam Schneider holt den zeitgenössischen Menschen ab – dort wo sie, wo er steht. Das Schreiben versteht sie als einen kreativen Prozess, auf den sich der oder die Einzelne einlässt, um im Alltag Klarheit und Gewissheiten zu erleben. Sie geht feinsinnig darauf ein, welchen Wert an sich das Schreiben für einen Menschen im Leben haben kann. Dabei nimmt sie die Unsicherheit, das Schreiben als Moment der Vergegenwärtigung zu nutzen.

Viele Menschen schreiben, weil eines ihrer Ziele eine Veröffentlichung ist. Schneider hingegen legt dem zeitgenössischen Menschen das Schreiben als Kulturfertigkeit ans Herz, das den Alltag begleitet. Mehr noch: Aus ihrer Sicht soll es Vergangenheit reflektieren, Gegenwart beobachten und Perspektiven für die Zukunft eröffnen. Es geht nicht um literarische Qualität.Wer diese Haltung verinnerlicht hat, wird Schneiders Buch als Inspiration, als Quelle der Kreativität und Freude entdecken. Schließlich entdecken die interessierten Leser_innen das Schreiben als einen Moment des konstruktiven Mit-sich-Seins und Bei-sich-Seins.

In der Gegenwart hat die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit Konjunktur. Schneider bewegt dies dazu, von der lebendigen Schreibpersönlichkeit zu schreiben. Sie formuliert es so: „Ich bin allerdings davon überzeugt, dass jeder schreibende Mensch naturgemäß Schreibpersönlichkeit hat und entsprechend auch eine Schreibpersönlichkeit ist“ (S. 26). Schreibpersönlichkeit zeichne sich durch reflektierte Klarheit darüber aus, „wie wir schreiben (Schreibprozess), was wir schreiben (Textproduktion) und wie wir über uns als schreibenden Menschen denken (Selbstbild)“ (S. 26).

Das Buch kann nicht nur als Anleitung zu einem bewussten Schreiben gelesen werden. Es ist vor allem ein Arbeitsbuch, das immer wieder aus dem Bücherregal herausgenommen werden kann, um sich mit ihm zu entwickeln. Schneider entwickelt Ideen, wie eine Schreibpersönlichkeit lebendig wird. Es geht ihr auch um die Voraussetzungen für ein gutes Schreiben. Tipps, wie das Schreiben im Fluss bleiben kann, gibt die erfahrene Schreibtrainerin. Das Ganze rundet sie ab, wenn sie die eigenen Gedanken zur „Stille zwischen den Worten“ fließen lässt.

Schneider sensibilisiert unter anderem auch dafür, wie, wann und wo jemand schreibt. Dabei ist sie überzeugt: „Der Platz, an dem wir schreiben, hat mehr Bedeutung als uns manchmal bewusst ist. Die konkreten Sinneseindrücke, die wir beim Schreiben haben, und die Atmosphäre, die wir wahrnehmen, beeinflussen ganz konkret unsere Gefühle, Gedanken und auch unsere körperliche Befindlichkeit“ (S. 63). So ermutigt Schneider auch, den Mythos der Kaffeehausliteratur für sich selbst zu erproben. Oder auch die besondere Atmosphäre von Transit-Orten zu nutzen. Die spezifische Qualität von Orten, an denen sich Menschen aufhielten, ohne zu bleiben, könnten auf besondere Weise inspirierend sein.

Schneiders Buch „Achtsames Schreiben“ wirft einen besonderen Blick auf die Achtsamkeit und das Schreiben. Vor allem schafft sie einen ungeahnten Brückenschlag. Dabei wird von einer zur nächsten Seite immer bewusster, dass es sich lohnt, über die Brücke zu gehen.

 

Sandra Miriam Schneider: Achtsames Schreiben – Wie Sie Klarheit und Gelassenheit gewinnen, Duden Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-411-70557-3, 156 Seiten, 15 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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