Abhängigkeit

15. Januar 2023 | Rezensionen

„Geht unter die Haut“

Was ist das Besondere dieses Buchs, das den Alltag einer jungen Frau im Dänemark der 1940erJahre beschreibt? Es ist die schonungslose Offenheit, mit dem Tove Ditlevsen sicher den Leser_innen im Gedächtnis bleibt. Es ist nicht nur so, dass sie als junge Frau die Orientierung sucht. Sie müht sich nicht nur, ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin zu verdienen. Der Roman „Abhängigkeit“ zeigt vor allem die emotionale Haltlosigkeit, die Ditlevsen in eine schwere Suchterkrankung treibt.

Die Geschichte „Abhängigkeit“ zeigt die Protagonistin in einer ständigen Abwärtsspirale. Sie erlebt sich oft auch in Abhängigkeit zu Menschen in ihrem Umfeld. So wird die Beziehung zu Viggo, der ihr erster Ehemann gewesen ist, in einer Weise geschildert, dass das Bauchgefühl der Leser_innen zu einem Unwohlsein führt. Der Terminus der Abhängigkeit kennzeichnet immer auch, wie sich die Protagonistin erlebt.

Ganz unterschiedliche Männer tauchen im Leben der Protagonistin immer wieder auf. Sie zeigt promiskuitives Verhalten, das unter anderem auch zu einem Schwangerschaftsabbruch führt. So wie sich die Protagonistin abhängig von Menschen in ihrer Umgebung fühlt, so wenig Leitplanken erlebt sie in ihrem Alltag. Das Leben ist für sie mit vielen Verletzungen verbunden, die Mühen scheinen die Freuden deutlich zu überragen. „Wenn Ebbe und ich miteinander ins Bett gehen, passt er nie auf“ (S. 44), sagt die Protagonistin beispielsweise. Sie lässt sich von Menschen im Umfeld vor sich hin treiben. Motive dieser Art tauchen immer wieder auf.

Beeindruckend ist, wie die Protagonistin in der Ich-Form die Geschichte der Entgiftung und Entwöhnung von Medikamenten schildert. Sie erlebt sich an den Grenzen der körperlichen und seelischen Grenzen. Die Pflegerinnen und Pfleger, die Ärztinnen und Ärzte der Entzugsklinik erlebt sie als einen Segen für das eigene Leben. Das Leiden wird beeindruckend geschildert: „Ganz allmählich wurden meine Qualen gelindert. Jetzt konnte ich den Kopf auf das Kissen legen, ohne dass die Wände auf mich zukamen“ (S. 153).

Wenn jemand seelisch oder an einer Sucht erkrankt, stellt sich immer auch die Frage nach den An-und Zugehörigen. Ihre Rolle wird immer mit Skepsis angeschaut. Carl, einer ihrer Ehemänner, spielt die Rolle des co-abhängigen Menschen. Er besorgt Medikamente, spritzt ihr diese. Dies ist auch die Weise, in der sie den Weggefährten zu schätzen weiß. Da spielt es keine Rolle, dass Wegbegleitung immer auch emotional tragend erlebt werden sollte. Selbst den gemeinsamen Geschlechtsverkehr erlebt sie als mechanistisch.

Das Buch „Abhängigkeit“ geht unter die Haut. Es zeigt die Abgründe des Lebens, stellt den Alltag und die Konsequenzen eines süchtigen Lebens eindrucksvoll dar. Es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Schließlich ist es eine Herausforderung, die eigene Empathie zu erleben. Gleichzeitig ist es eine Warnung, die Abwärts-Spirale eines selbstzerstörerischen Lebens selbst erleben zu müssen.

 

Tove Ditlevsen: Abhängigkeit, Aufbau Taschenbuch-Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-7466-3994-9, 176 Seiten, 12 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at