5000 Jahre Kastration

„Kulturhistorischer Blick auf die Kastration“

Es ist selten, dass die Entmannung zur Sprache kommt. Mit dem Buch „5000 Jahre Kastration“ rücken die Musikerin Rosina Sonnenschmidt und der Psychotherapeut Michael Titze das oft verschwiegene Thema in das Bühnenlicht. Dabei werfen sie den Blick aus der ihnen je eigenen Sicht auf das Phänomen. Die Musikerin Sonnenschmidt blickt auf die Kastration, die genutzt wurde, um Jungen und Männern die Fähigkeit zu bewahren, in hohen Tönen zu singen. Sie schaut mit größerer Aufmerksamkeit die Kastration in den unterschiedlichen Kulturen und Zeitaltern an. Beim psychotherapeutischen Blick geht es darum, die Männlichkeit und die Macht von Männern unter die Lupe zu nehmen.

Titze schreibt über die „Macht des potenten Mannes“. Ohne Nachkommen habe sich der Mann in früheren Zeiten schwach und impotent gefühlt. Genau deshalb habe die Entmannung „als eine der schwersten Strafen“ (S. 147) gegolten, „weil sie die Betroffenen in jeder Hinsicht machtlos machte“ (S. 147). Kastrierte Männer hätten in historischen Zeiten eine vergleichbare Position wie unfreie Sklaven erlebt.

So viel zur gesellschaftlichen Bedeutung von Eunuchen, mag man im ersten Moment reagieren. Dabei richtet jegliche Form der Kastration in den Seelen der Menschen, ganz egal ob sie Frauen oder Männer sind, eine Menge an. Titze bringt dies dazu, die Bedeutung der Kastration in der Psychoanalyse zu beleuchten. In diesem Zusammenhang beschreibt er die Freudsche Interpretation der „Hysterie als weiblichen Widerstand“ gegen unerträgliche soziale Machtverhältnisse (S. 153). Titze berichtet von einer „hysterischen Starrsucht“ (S. 154). Wenn diese auftrat und folglich auch der eheliche Verkehr verweigert wurde, so musste beispielsweise ein Ehemann vor der hysterischen Symptomatik der Ehegattin kapitulieren. Titze schreibt: „Denn die damaligen Ausdrucksformen einer Hysterie waren einfach so überwältigend, dass der Ehefrau sowohl Krankenschonung als auch eine gewisse Narrenfreiheit eingeräumt werden musste“ (S. 155).

Sonnenschmidt und Titze schauen bei der Studie „5000 Jahre Kastration“ häufig in die Vergangenheit. Damit machen sie verständlich, was bis in die Gegenwart häufig Spuren hinterlässt. Gleichzeitig werden gesellschaftliche und individuelle (Miss-)Verständnisse nachvollziehbar. Titze geht im Grunde in einem Schnelldurchgang durch die Freudschen Theorien vom Menschen und der Seele der Menschen. Er stellt viele Verbindungen zu Kastration und Kastrationsängsten her. Diskurse zum sexuellen Missbrauch und Verführungstheorien werden benannt. Und auch die Ödipustheorie findet ihren Platz.

Sonnenschmidt zeigt in den eigenen kulturhistorischen Analysen, dass Kastration auch emotional stattfindet. An Punkten, an denen es notwendig erscheint, setzt sie deutliche Zeichen. So berichtet sie aus der eigenen Arbeit als Heilpraktikerin. Menschen mit Hoden-und Prostatakrebs hätten oft die Angst, kastrierte Männer zu sein. Männern empfiehlt sie, bei der täglichen Pflege der Genitalien ein feines Öl zu nutzen, damit sie dufteten. Und auch das Liebesspiel solle kreativ gestaltet werden. Es entwickele sich immer, „was sich entwickeln kann“ (S. 125).

Es ist gut, dass das Buch „5000 Jahre Kastration“ über kulturhistorische und psychoanalytische Betrachtungen das Scheinwerferlicht auf ein wichtiges Thema bei Männern und Frauen schaut. Es kann ein Anstoß sein, weiter und vor allem noch praktischer darauf zu schauen.

Rosina Sonnenschmidt & Michael Titze: 5000 Jahre Kastration – Kulturhistorische Betrachtung und Irrweg der Freudschen Psychoanalyse, Edition Elfenohr, Pforzheim 2020, ISBN 978-3-947374-29-8, 228 Seiten, 35.31 Euro.

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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