Multiprofessionelle Behandlung bei Suchterkrankungen

Sucht Depression Aufgeben
(C) Kwest
Melanie Wolff
Melanie Wolff

Christoph Müller Abhängigkeitserkrankungen sind in der Versorgung, aber auch in der Fachliteratur Dauerbrenner. Was ist das Besondere an dem Buch, das Sie, Frau Wolff, mit Gabriela Cvetanovska und Winfried Looser herausgegeben haben?

Melanie Wolff Hoffentlich der Grundgedanke, den wir transportieren möchten: eine für alle Seiten zufriedenstellende und passende Arbeit mit den Betroffenen. Um darzustellen, wie die aktuelle Versorgungssituation aussieht und was aus unserer Sicht – und der Sicht der vielen Experten, die wir gewinnen konnten – verbessert werden muss, greifen wir in dem Buch auf ein geballtes Potential an Praxiswissen zurück. In den einzelnen Themenbereichen schildern die jeweiligen Experten die Realität im Suchthilfesystem. Herausgekommen ist eine interessante Mischung aus verschiedenen Perspektiven und Einblicken in die Versorgungspraxis gepaart mit dem neusten Stand der Wissenschaft. Gerade den Praxisteil habe ich bisher so in der Fachliteratur noch nicht wiedergefunden.

Christoph Müller Schon beim Blick in das Inhaltsverzeichnis, vielmehr bei der Lektüre des Buchs wird deutlich, wie wichtig die multiprofessionelle Zusammenarbeit in der Versorgung suchterkrankter Menschen ist. Was heißt dies konkret?

Melanie Wolff Gelebte multiprofessionelle Zusammenarbeit bedeutet, dass die Betroffenen im Fokus der Interventionen stehen und diese Interventionen so aufeinander abgestimmt werden, dass sie eine bestmögliche Versorgung und Begleitung ermöglichen. Das mag auf den ersten Blick banal und selbstverständlich klingen, das ist es in der Praxis jedoch nicht immer. Unteranderem daher war uns die Betonung der Multiprofessionalität ein großes Anliegen. Sowohl Betroffene als auch Mitarbeitende können von einer gelungen multiprofessionellen Zusammenarbeit vielfältig profitieren.

Lassen Sie uns doch alle nur mal an unsere eigene Tätigkeit denken: sobald ein Mensch in eine Behandlung/Beratung etc. kommt, wissen wir doch in den meisten Fällen genau, wie wir im Groben vorgehen werden – natürlich ist jede Behandlung individuell, aber jeder von uns hat doch seinen Handwerkskasten. So, den machen wir also auf und suchen uns die passenden Werkzeuge aus. Und so macht das jede Berufsgruppe. So normal, so klar. Um jetzt eine ganzheitliche und an den Wünschen (soweit im jeweiligen Setting möglich) des Betroffenen orientierte Behandlung oder Begleitung zu beschreiten, nützt es wenig, wenn jeder seine Werkzeuge parallel zueinander nutzt ohne zur Seite zu schauen. Es benötigt gemeinsamer Absprachen und Verständigung darüber, welche Perspektive gemeinsam verfolgt werden soll – dazu gehört neben allen vertretenen Berufsgruppen auch die Sichtweise des Betroffenen. Hier fängt es ja schon an: natürlich nimmt z.B. in der stationären Versorgung fast jede Berufsgruppe eigene anamnestische Daten auf. Aber erst als Gesamtes ergibt sich ein möglichst vollständiges Bild über die Situation des Menschen vor uns. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht so, als würde jeder sein eigenes Süppchen kochen – das ist Gott sei Dank bei weitem nicht so. Jedoch liegt es in der Natur der Sache, dass wir zunächst eine Situation aus unserem gewohnten Blickwinkel betrachten und beurteilen. In der gelebten multiprofessionellen Zusammenarbeit nehmen alle Beteiligten möglichst vor Beginn von Interventionen auch die anderen Perspektiven der unterschiedlichen Teammitglieder ein und gucken gemeinsam über den Tellerrand. Und gemeinschaftlich wird auch entschieden, welche Behandlungsschritte sich daraus ableiten. Selbstverständlich können immer mehrere Möglichkeiten von Nutze sein und manchmal kann man diese auch parallel durchführen. Wenn es aber angezeigt sich zunächst für einen Fokus zu entscheiden, so sollte dies gemeinsam besprochen und entschieden werden. Dann kann es sein, dass ich als Sozialarbeiterin ganz viele Ideen habe, was einem Betroffenen nutzen kann, aber die Gesamtsituation legt nahe, dass sich erst auf ergotherapeutische Interventionen fokussiert werden sollte. Dann sind meine Ideen immer noch gut, aber (noch) nicht an der Reihe. Das kann aus vielfältigen Grünen so sein. In der gut funktionierenden multiprofessionellen Zusammenarbeit arbeiten dann alle erstmal daran, dass der Betroffene hier z.B. die Ziele verfolgt, die er augenblicklich durch die Ergo am besten erreichen kann – und die anderen stehen quasi in der Warteschlage. Durch regelmäßige Gespräche und Überprüfungen kann sich das natürlich schnell ändern, aber zunächst sind sich alle einig, was Vorrang hat. Das alles hat ganz viel mit Haltungsfragen und der Einstellung des Einzelnen zu tun. Es wird nicht segmentiert, sondern integrativ behandelt, die Eigenverantwortlichkeit und Partnerschaftlichkeit der Betroffenen anerkannt und die getroffenen Entscheidungen werden gemeinschaftlich getragen.

Christoph Müller Abhängigkeitserkrankungen haben viele Konsequenzen für die soziale Situation der Betroffenen. Haben sich die Folgen in den letzten Jahren verändert? Wenn ja, wie hat sich die entsprechende Begleitung verändert?

Melanie Wolff Zunächst einmal ist der erste Frage eindeutig mit ja zu beantworten. Einen interessanten und umfassenden Überblick über die Entwicklung der Suchtbehandlung und Perspektiven der Suchtmedizin hat Hr. Dr. Kuhlmann im Buch beigesteuert. Ohne dem zu viel vorweg nehmen zu wollen, ist die Situation von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen schon immer stark mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen verknüpft gewesen. Denken wir doch nur daran, dass die Alkoholabhängigkeit erst seit 1968 als behandlungsbedürftige Erkrankung anerkannt worden ist. Erst seit der 70er Jahre gab es in Deutschland verschiedene Versuche planvoller Substitutionsbehandlungen von Menschen mit Opiatabhängigkeit.

Weiterhin sind auch die Themen Stigmatisierung oder in neuerer Zeit Digitalisierung als Beispiele zu nennen, welche die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen beeinflussen. Alle diese Veränderungen setzen auch Ansprüche an alle, die die Betroffenen begleiten und behandeln. Um bei den zuvor genannten Beispielen zu bleiben wurden und werden z.B. Apps und Plattformen entwickelt um digital mit den Betroffenen in Verbindung zu treten, Hemmschwellen zu senken und Aufklärung zu leisten. Alle Neuerungen erfordern damit auch Anpassungsleistungen von den Begleitenden. Schaut man auf das Schlagwort Stigmatisierung, so dürften Stigmatisierungserfahrungen den meisten Betroffenen leidlich bekannt sein. Stigmatisierung ist ein Prozess und geschieht zeitgleich auf mehreren Ebenen. Auf der Seite der Betroffenen sorgt dies für Scham- und Schuldgefühle – welche sich unter anderem ungünstig auf das Hilfesuchverhalten auswirken. Dem gilt es durch eine stetige Aufklärung der Gesellschaft und einer empathischen und komplementären Beziehungsgestaltung beharrlich entgegenzutreten. Stigmatisierung und Kriminalisierung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen sind trotz der positiven Entwickelung der vergangenen Jahre immer noch Thema. In vielen Köpfen ist z.B. das lange vorherrschende Abstinenzparadigma bereits gewichen, aber das längst nicht bei allen und mit Sicherheit noch nicht in der breiten Gesellschaft.

Auch wurde durch Änderungen in der Sozialgesetzgebung (aktuell mit dem BTHG – Bundesteilhabegesetz) Versuche unternommen, Menschen mit Erkrankungen mehr in die Mitte der Gesellschaft zu holen – der Einfluss auf die tatsächliche Lebenswelt der Betroffenen bleibt jedoch abzuwarten. Eine Abhängigkeitserkrankung wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus und daher sind Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen auch in vielen Versorgungsbereichen zu finden. Also ist Wissen über Suchtentstehung und die vorhandenen Hilfesysteme etwas, was auch nicht-spezialisierte Einrichtungen wie Hausärzte, Psychotherapeuten, Pflegedienste, Jugendämter, gesetzliche Betreuer und so viele mehr vorhalten sollten.

Ebenso wird die professionelle Begleitung von den gesellschaftlichen und sozialrechtlichen Entwicklungen beeinflusst. So erfordert beispielweise die Dokumentation einer stationären Behandlung einen wesentlich größeren Umfang als noch vor einigen Jahren. Und auch wenn dies in einigen Teilen seine Berechtigung haben mag, bedeutet es doch für die Praxis der Helfenden: weniger Zeit für die Betreuung und Begleitung der Betroffenen. Das kann nicht selten zu Frust führen, weil fast alle Helfenden hier einen Kraftakt hinlegen müssen, um den Spagat zwischen guter Versorgung und erforderter Dokumentation zu bewerkstelligen.

Christoph Müller Bei einer Suchterkrankung sind immer auch die An-und Zugehörigen betroffen. Im Buch wird auch die sogenannte Co-Abhängigkeit thematisiert. Inwieweit unterscheiden sich die Konsequenzen bei stoffgebundenen Süchten oder bei Verhaltenssüchten? Passen sich die Versorgungsstrukturen auch an?

Melanie Wolff Ich muss zugeben, ich bin keine Expertin für Verhaltenssüchte und habe in meiner beruflichen Praxis mehr Berührungspunkte zu stoffgebundenen Süchten. Nichts desto trotz dürfte ebenso wenig wie an mir, an vielen Menschen nicht vorbeigegangen sein, dass es in den vergangenen Jahren erhebliche Entwicklungen in Bezug auf stoffungebundene Süchte gegeben hat. So soll 2022 die Spielstörung im ICD-11 erstmalig als eigenständige Erkrankung aufgenommen werden.

Viele Jahre hat sich die Suchtbehandlung und – forschung größtenteils auf die stoffgebundene Abhängigkeit konzentriert. Erst in den letzten Jahren wurde den sogenannten Verhaltenssüchten mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Da mittlerweile schon ab frühster Kindheit soziale Medien, Computerspiele und Co. ebenso gängig sind wie der Gebrauch von Medien an sich, ist hier eine gute Prävention und auch Behandlung unerlässlich. Auch die moderne Kommunikation hat sich maßgeblich verändert. Verhaltenssüchte müssen noch mehr in den Fokus gerückt werden. Das gilt dabei auch weiterhin für andere Verhaltenssüchte, jedoch erfährt die Gesellschaft hier einen Wandel. Daher müssen Forschung, Prävention und Behandlung weiter ausgebaut werden. Dazu bedarf es sicherlich öffentlicher Förderung um eine flächendeckende Versorgung zu ermöglichen.

Christoph Müller Sie arbeiten selbst seit vielen Jahren als Sozialarbeiterin in der Suchttherapie. Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Beitrag der psychiatrisch Pflegenden bei der Begleitung der Betroffenen?

Melanie Wolff Ich bin der Überzeugung, dass die wichtigste Ressource in der Behandlung und Begleitung von Menschen im Allgemeinen die Beziehungsebene ist. Und da die Pflegenden die Berufsgruppe mit der höchsten und zeitlich längsten Personalpräsenz darstellt, sehe ich die Beziehungsgestaltung auch hier als entscheidenden Beitrag – und das für alle Seiten. Für die Patienten sind die pflegerischen Kollegen DIE wichtige stete Konstante, an die sie sich Tag und Nacht wenden können. Oft wird mit der Bezugspflege gearbeitet und es gibt die Möglichkeit der engen Begleitung. Dadurch erfahren viele Pflegende oft auch mehr über die Betroffenen, als es die Bezugsgruppen tun, die nur partiell im Kontakt mit den Patienten sind/sein können. Auf kollegialer Seite können diese Effekte wunderbar für Behandlung und Begleitung genutzt werden. Ich erinnere mich immer gerne an meine erste Zeit auf der Akutaufnahme Sucht zurück, in denen ich so viel durch meine pflegerischen Kollegen lernen konnte. Vorher hatte im Betreuten Wohnen zwar auch mit Suchterkrankungen zu tun, jedoch bringt das stationäre Setting ganz andere Arbeitsaufträge mit sich. Durch die multiprofessionelle Zusammenarbeit konnte ich Situationen in neue Zusammenhänge setzen, habe viel über psychiatrische Krankheitsbilder abseits von Lehrbüchern gelernt und auch ich hatte zu jeder Zeit, in den Pflegenden, verlässliche Ansprechpartner, wenn ich weiterführende Informationen brauchte oder z.B. die Perspektivplanung diskutieren wollte.

Christoph Müller Im Buch thematisieren Autor_innen unter anderem die Digitalisierung der Hilfen, aber auch die Ambulantisierung der Hilfen auch in Krisen. Wie verändern sich die Hilfestrukturen? Wie können die Betroffenen aus Ihrer Sicht davon profitieren?

Melanie Wolff Wir befinden uns in einer schnelllebigen Zeit, was aus meiner Sicht nicht nur Vorteile mit sich bringt. Dennoch gilt es sich an neue Gegebenheiten anzupassen bzw. neue Errungenschaften zu nutzen. Wie zuvor bereits erwähnt können Apps und Onlineplattformen auch Menschen ansprechen, die vielleicht sonst nie im Suchthilfesystem aufgetaucht wären. Vielleicht kommen diese Menschen dadurch auch irgendwann in den persönlichen Kontakt – und selbst wenn nicht, es ist hinlänglich erwiesen, dass auch Kurzinterventionen zu Verhaltensveränderungen führen können. Es gibt mehr Chancen und Wege die Hilfestrukturen in Anspruch zu nehmen. Ebenso verhält es sich mit ambulanten Hilfen. Menschen haben doch zahlreiche Gründe, wieso eine (teil)stationäre Behandlung (noch) nicht in Frage kommt: Schamgefühle, Versorgung von Angehörigen oder Tieren, berufliche Gründe oder Ängste, um nur einen Bruchteil der Möglichkeiten zu nennen.

Christoph Müller Was ist Ihre Vision von Suchthilfe? Wie sieht sie aus im Jahre 2035?

Melanie Wolff Idealerweise gibt es eine gute Balance in Bezug auf den Aufwand zur notwendigen Finanzierung – also eine Vereinheitlichung und Verschlankung des Dokumentationsaufwands und ausreichender Personalkapazitäten zur Versorgung der Betroffenen, unabhängig vom Arbeitsbereich. Eine sichere Finanzierung für alle Arbeitsbereiche ist auch sehr wünschenswert. Weiterhin ist ein Termin in der Suchtberatung zu vereinbaren so natürlich geworden, wie bei jedem anderen Termin auch und man spricht darüber so selbstverständlich, wie über den Gang zum Zahnarzt. Die helfenden Menschen werden ihrer Arbeit entsprechend honoriert und Menschen mit einer Opiatabhängigkeit finden auch auf dem Land einen Substituierenden ohne eine Stunde mit dem Zug fahren zu müssen. „Sucht“ steht nicht mehr in der „Schmuddelecke“, sondern wird als das gesehen was es immer schon war: eine Erkrankung. Eine behandlungsbedürftige Erkrankung. Und niemand redet mehr von „den Süchtigen“. Wir sprechen von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen. Weil es ein Merkmal einer Person ist, neben so vielen anderen. Ein Mensch ist so viel mehr als seine Erkrankung. Immer. Und wer weiß, wenn all diese Faktoren stimmen: wie vielen Menschen kann frühzeitiger geholfen werden, bevor sich Folgeerkrankungen bilden, sozialer Abstieg droht oder Menschen gar ihr Leben verlieren?

Das Buch, um das es geht

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Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at