Mit den richtigen didaktischen Konzepten geht da mehr

Zur Digitalisierung in der Pflegebildung

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In der Uniklinik Köln ist Ludwig Thiry als Leiter des Bildungszentrums für mehr als 250 Veranstaltungen der innerbetrieblichen Fortbildung verantwortlich. Das Bildungszentrum bietet ein umfangreiches Programm zur Qualifizierung und Weiterentwicklung aller Berufsgruppen an. In Zeiten der Corona – Pandemie hat die Digitalisierung eine ungeahnte Geschwindigkeit bekommen, wie der Bildungsmanager Thiry im Gespräch mit Christoph Müller berichtet.

Christoph Müller Über viele Jahre haben Pflegende und Digitalisierung in Bildungsfragen ein Verhältnis wie Feuer und Wasser erlebt. Wie sieht dies nun in Zeiten der Corona – Pandemie aus, als Sie die Bildungsangebote online gestalten mussten?

Ludwig Thiry Ich würde das grundsätzlich differenzierter beschreiben. Als wir 2006 an der Uniklinik Köln mit dem ersten E-Learning Angebot starteten, mussten wir den Leuten zum Teil noch zeigen, wie man einen Anhang an eine E-Mail hochlädt. Inzwischen ist der Umgang mit EDV wesentlich selbstverständlicher geworden, einfach schon, weil es zahlreiche klinische Anwendungen gibt, die alle beherrschen müssen. Dennoch hat die Pandemie alle Bildungseinrichtungen unerwartet vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Innerhalb kürzester Zeit mussten sie Ersatzangebote für nicht mehr durchführbare Präsenzveranstaltungen entwickeln. Insbesondere der Ausbildungsbereich und die formalisierten Weiterbildungen standen unter dem Druck die Anzahl der erforderlichen theoretischen Stunden anzubieten.

Christoph Müller Was verlangt die zunehmende Digitalisierung in der Pflegebildung den Bildungseinrichtungen ab? Was müssen die Dozent_innen leisten, was ihnen bislang fremd gewesen ist?

Ludwig Thiry Schon vor der Pandemie gab es Anstrengungen bei der Aus- und Weiterbildung in den Pflegeberufen vermehrt auf E-Learning zu setzen, vor allem im Bereich von standardisierbaren Pflichtschulungen. Diese werden vor allem als Web Based Trainings auf einer Lernplattform im Internet angeboten. Die Teilnehmenden bearbeiten sie selbständig zu einem frei wählbaren Zeitpunkt oder in einer vorgegebenen Frist. Diese Entwicklung hat durch die Pandemie einen starken Schub erhalten.

Parallel mussten die Bildungsträger sowie die freiberuflich tätigen Dozentinnen und Dozenten sehr schnell Online-Formate entwickeln. Manche Freiberufliche verloren von jetzt auf gleich einen Großteil ihres Einkommens. Sie waren quasi gezwungen, sich technisch auf Online-Veranstaltungen umzustellen oder haben begonnen E-Learning Angebote zu entwickeln. Dabei waren diejenigen im Vorteil, die in größeren Institutionen arbeiten oder zumindest in einem Verbund, der ihnen die entsprechenden Investitionen ermöglicht.

Videosysteme müssen didaktische Anforderungen erfüllen

Die meisten Bildungsanbieter im Gesundheitsbereich, wie Aus- und Fortbildungsinstitute für Gesundheitsberufe waren weder technisch noch didaktisch auf diese Entwicklung gut vorbereitet. Die Auswahl von Konferenzsoftware erfolgt oft zentral durch IT-Abteilungen, die die Anforderungen von Online-Bildungsveranstaltungen bei der Auswahl nicht unbedingt im Blick haben. Gebraucht werden Produkte, die neben der Übertragung des Bildschirms der Lehrperson, sowohl Gruppenarbeiten, kooperatives Lernen oder interaktive Elemente zulassen. Die Möglichkeit die Moderation an die Teilnehmenden zu übergeben ist ebenfalls wichtig, damit diese zum Beispiel Arbeitsergebnisse aus ihren Gruppen präsentieren können.

Zum Teil stehen sogar Optionen zur Verfügung, die im Präsenzunterricht nur mit interaktiven Whiteboards umzusetzen sind, wie spontane Befragungen oder Lernstandsüberprüfungen, die mit guten Tools auch anonym durchgeführt werden können. Auch die gemeinsame Bearbeitung von Dateien bietet erweiterte Möglichkeiten der Seminargestaltung.

Ein Problem stellen technische Gegebenheiten dar, wie die Zuverlässigkeit der Internetverbindung, das individuelle Datenvolumen oder die vorhandenen Endgeräte. Nicht nur in ländlichen Gebieten konnten wir alle in den letzten Monaten erleben, dass der Netzausbau nicht überall ausreichend fortgeschritten ist. Während der Ausbau der Netzinfrastruktur von politischen Entscheidungen abhängt, ist die Frage, wer für die persönliche Ausstattung der Lehr- und der Lernpersonen verantwortlich ist, nicht leicht zu beantworten. Man kann insbesondere bei jüngeren Teilnehmenden oder Auszubildenden nicht davon ausgehen, dass sie zuhause einen stationären PC haben und man muss darauf achten, dass die Konferenzsoftware auch auf Tablets oder sogar Smartphones zuverlässig läuft.

Arbeitgeber müssen eine Infrastruktur für dezentrales Lernen einrichten 

Der Mangel an Ausstattung mit Hardware muss in Zukunft von den Arbeitgebern zum Teil durch Bereitstellung dezentraler Lernmöglichkeiten ausgeglichen werden. Das entspricht auch einem der Megatrends in der beruflichen Bildung, nämlich dem Lernen im Arbeitsvollzug. Dazu gehört eine entsprechende Infrastruktur mit einer arbeitsplatznahen Lerninsel, die über einen Rechner mit schnellem Internet verfügt. Die Lerninsel ermöglicht die Teilnahme an einem Online-Seminar ebenso, wie die evidenzbasierte Recherche eines Sachverhalts, eine Aufgabe von zukünftigen akademisch ausgebildeten Pflegefachleuten. Die Sorge vieler Arbeitgeber, die Beschäftigten würden ihre Arbeit vernachlässigen, um im Internet zu surfen, halte ich für eine Haltung aus der Mottenkiste einer veralteten Führungskultur.

Christoph Müller Bildung lebt immer auch von den Begegnungen der Menschen. Im unmittelbaren Kontakt flammen Diskurse auf, von denen Pflegende in der Praxis auch profitieren. Wie sieht der digitalisierte Austausch aus?

Ludwig Thiry Mit den richtigen didaktischen Konzepten geht da mehr als selbst ich anfangs für möglich gehalten habe. Meine eigenen Veranstaltungen sind stark auf reflexives Lernen ausgerichtet. Dazu braucht es eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen Trainingsleitung und Teilnehmenden und innerhalb der Gruppe. In einem Online-Seminar ist auch das mit der richtigen Methodik herzustellen. So arbeite ich dann eher mit kontinuierlichen Kleingruppen als im „analogen“ Seminar.

Ein kompletter Seminartag am Bildschirm kann für die Seminarleitung wie für die Teilnehmenden allerdings anstrengend werden. Bei Seminaren, die reflexives Lernen auslösen sollen, ebenso wie bei Seminaren, in denen es um Vermittlung von Wissensinhalten geht. Für beides ist der Einbau von interaktiven Elementen und von Phasen des Einzellernens angebracht. „Stillarbeit“ ist ein zurecht verpönter Begriff aus der Pädagogik des letzten Jahrhunderts, weil die Betonung eher auf Stille liegt und Lernen in dem Wort nicht einmal vorkommt. Man sollte die Effekte aber nicht unterschätzen, wenn die Teilnehmenden während einer Online-Veranstaltung die Möglichkeit erhalten, einen Text in Ruhe durchzuarbeiten oder ein Erlebnis zu reflektieren.

Ich vertraue bei Online-Seminaren immer auf die Bereitschaft der Teilnehmenden, dass sie lernen wollen. Vertrauen ist sozusagen der Anfang von allem. So habe ich mehrfach die Erfahrung gemacht, dass ich mich auch bei abgeschalteten Kameras auf die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden verlassen kann. Immer, wenn ich sie zu einer Reaktion aufgefordert habe, ob mündlich oder schriftlich, waren sie sofort da. Wenn die Teilnehmenden sich anonym äußern können, steigt sogar die Chance, dass Personen einen Beitrag leisten, die in einem Präsenzseminar den Mund nicht aufbekommen.

Christoph Müller Im privaten wie beruflichen Alltag hat man immer den Eindruck, dass die Digitalisierung auch eine Generationenfrage ist. Jüngere Menschen scheinen sich leichter mit der Digitalisierung zu tun. Deckt sich dies mit den Erfahrungen bei der zunehmenden Digitalisierung in der Pflegebildung?

Ludwig Thiry Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Digital Natives leichter tun. Ich glaube aber inzwischen, dass der Erfolg beim digitalen Lernen weniger eine Generationenfrage ist. Für mich wäre es eher eine Forschungsfrage, inwiefern digitale Lernangebote die Spreizung zwischen bildungsaffinen und bildungsfernen Gruppen erhöhen. Wir müssen schon aufpassen, dass bildungsferne Gruppen nicht noch weiter abgehängt werden. Wir haben seit einigen Jahren ein Einsteigerseminar für Personen im Angebot, die noch nie oder lange nicht mehr am Computer gearbeitet haben. Schon in der Ausschreibung verzichten wir auf für die IT typischen Begriffe, deren Bedeutung zwar niemand kennt, aber bei denen auch niemand wagt nachzufragen. Und wir arbeiten stetig daran, den Zugang zu den Online-Angebote so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten.

Christoph Müller Welche Unterschiede gibt es zwischen den unterschiedlichen Feldern der Pflegebildung? Sieht die Digitalisierung in der Ausbildung anders aus als in der Fort- und Weiterbildung?

Ludwig Thiry Technisch gesehen, gibt es keine Unterschiede. Bei einer längeren Ausbildung oder in Weiterbildungen wird man jedoch die Möglichkeiten der Lernplattformen nutzen, Bereiche für Lerngruppen einzurichten, die sie selbst gestalten und organisieren können. Sie können zum Beispiel ein eigenes Forum erhalten, ein eigenes Wiki oder differenzierte Rechte, mit denen sie eigene Lerneinheiten gestalten oder Dateien für ihre Gruppe oder den Kurs hochladen können.

Christoph Müller Was wird sich an der digitalisierten Pflegebildung verändern, wenn wir eine weitgehende Rückkehr zur Normalität erleben werden? Was wird an Digitalisierung in der Pflegebildung bleiben?

Ludwig Thiry Wir werden eine wesentliche Flexibilisierung, eine Erweiterung der Möglichkeiten haben. Neben den klassischen Präsenzseminaren mit Anwesenheit von Lehrenden und Lernenden werden die Online-Seminare treten, im Bereich längerfristiger Kurse wird es auch Mischungen von beidem geben.

Digitalisierung ermöglicht eine flexiblere Gestaltung von Bildungsangeboten <

Als Bildungsanbieter können wir Dozentinnen und Dozenten engagieren, auf die wir manchmal allein schon aufgrund der zusätzlich zum Honorar auftretenden Reisekosten verzichtet haben. Umgekehrt gilt auch für Teilnehmende, dass sie Veranstaltungen besuchen werden, auf die sie aufgrund der erforderlichen Reise verzichtet hätten, wenn sie ausschließlich als Anwesenheitsseminar angeboten würden. Ich bin sehr gespannt, was diese Entwicklung für den Konferenzbetrieb bedeuten wird. Was auf jeden bleiben und zunehmen wird sind Web Based Trainings.

Christoph Müller Wofür eigenen sich die Web Based Trainings besonders, welche Vorteile bieten sie?

Ludwig Thiry Der größte Vorteil ist, dass WBT asynchron eingesetzt werden. Asynchron lehren und lernen heißt, Lehrperson und Teilnehmende sind nicht gleichzeitig am Rechner. Es kann sich um Videotutorials handeln, wie man sie in großer Zahl frei zugänglich auf Youtube finden kann oder mehr oder weniger ausgefeilt bearbeitete Web Based Trainings auf einer Lernplattform. Natürlich sind auch Mischformen aus WBT, Präsenzseminar oder Online-Seminar, sogenanntes Blended Learning, möglich.

Reine WBT eignen sich besonders gut, wenn große Gruppen zu einem Thema informiert, geschult oder unterrichtet werden sollen. Erst vor kurzem rief mich eine Kollegin aus einer Klinik an, in der sich neue Beschäftigte in sehr spezifische pflegerische und medizinische Verfahren einarbeiten müssen. Dort besteht das Problem, die Pflegefachperson mit Spezialkenntnissen, die spezifische Oberärztin und die neuen Kolleginnen und Kollegen zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenzubringen. Da können dann Videoaufzeichnungen der jeweiligen Vorträge, die als WBT bereitgestellt werden, mit anschließender Vertiefung in der Praxiseinarbeitung sehr hilfreich sein.

Wir setzen WBT mit sehr gutem Erfolg bei Schulungen großer Gruppen ein, für die wir Nachweise gegenüber den Ordnungsbehörden oder zertifizierenden Einrichtungen benötigen. Wir arbeiten derzeit daran, Schnittstellen zwischen unserem Lernmanagementsystem und der elektronischen Personalakte zu implementieren, sodass die erworbenen Qualifikationen auch bei einem Abteilungswechsel leicht nachgewiesen werden können.

Christoph Müller Werden die WBT akzeptiert? Oder ist das Lernen am Bildschirm eher unbeliebt?

Ludwig Thiry Das hängt wieder von der Machart, also der didaktischen Umsetzung ab. Ich kann ein WBT als Textwüste anlegen. Dann ermüden die Lernenden schnell, weil sie hauptsächlich mit Lesen von Text beschäftigt sind. Ich kann ein WBT aber auch mit einer spannenden Verknüpfung von Text und Grafik oder Video entwickeln und es gibt vielfältige Möglichkeiten sie interaktiv zu gestalten, mit Zwischenfragen das Lerninteresse zu wecken oder Zusatzinformationen anzubieten, die die Lernenden nur aufrufen, wenn sie sie tatsächlich brauchen. In die Gestaltung kann man auch sogenannte Gamification-Elemente, wie sie bei Computerspielen eingesetzt werden. einbauen. Sie erhöhen die Lernmotivation, wenn z. B. der Bearbeitungsstand angezeigt wird oder man bei Tests das eigene Ergebnis mit dem Durchschnitt aller anderen vergleichen kann.

Wir erhalten durchweg positive Rückmeldungen zu unseren WBT. Wir haben aber auch ein Rückmeldesystem, durch das wir von inhaltlichen oder technischen Fehlern erfahren und so unsere Produkte ständig weiterentwickeln können.

Christoph Müller Für das eine oder andere Fortbildungsformat ist die Präsenz der Menschen sicher sinnvoll. Wie würden Sie die Unterscheidung machen, was online stattfinden kann und in Präsenz stattfinden muss?

Ludwig Thiry Grundsätzlich wird es mit Online-Formaten schwierig, wenn Fertigkeiten erlernt werden müssen. Wenn es um eine Reanimationsfortbildung geht oder auch um eine Geräteeinweisung müssen Teilnehmende halt Hand anlegen. Ähnlich ist es bei Fortbildungen, bei denen das Lernen stark körpersprachlich geschieht. Nehmen wir ein Seminar zur Gewaltprävention, da geht es ja um Nuancen in der Körpersprache, auch um den Ausdruck des gesamten Körpers. Bei anderen Angeboten, die reflexives Lernen ermöglichen sollen, durchaus auch bei Kommunikationsseminaren, bin ich selbst überrascht wie viel da möglich ist. Sehr viel hängt dann von der Technik ab. Habe ich Gruppenräume? Ist die Übertragungsleistung gut, damit ich in der Gruppe oder in der Partnerübung eine gute optische und akustische Auflösung habe?

Was online weniger gut gelingt, ist die Netzwerkbildung zwischen den Teilnehmenden. Das informelle Geschehen in einer Seminarpause lässt sich nur unzureichend online nachbilden. Bei einer längeren Weiterbildung, die auch zu einer Vernetzung der Teilnehmenden beitragen soll, würde ich nicht auf Präsenzphasen verzichten.

Christoph Müller Herzlichen Dank für die neuen Einsichten.

 

Autor:innen

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

  • M.A. Erwachsenenbildung, examinierter Kranken-und Gesundheitspfleger, Leiter der Case Management – Weiterbildung am Universitätsklinikum Köln, ludwig.thiry@uk-koeln.de

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