Gipfel Erfahrungen in Afghanistan

9. Mai 2021 | Erleben | 0 Kommentare

Sind Sie je auf einem hohen Gipfel gestanden?

Den Erfahrenen ist das Erlebnis bestimmt als gleichermassen atemberaubend als beflügelnd in Erinnerung geblieben. Besonders beim Ankommen nach einem langen und ermüdenden Aufstieg überwältigt einem ein ganz besonderes Gefühl bereits während man noch verschnauft. Auf dem Gipfel mag man in dichten Nebel gehüllt sein, aber der Geist transzendiert alles um einen herum. Man wird sich bewusst, dass man nur ein winziges Teilchen im Universum ist, aber man existiert und hat es geschafft!

Den Gipfel zu erreichen ist eine Schwellenerfahrung, die weltliche und transzendente Aspekte beinhaltet. Nach der Ankunft auf dem Gipfel findet zuerst ein Fotoshooting statt, damit man Beweise des Erreichten nachhause bringen kann. Aber anlässlich eines solch unwahrscheinlichen Erlebnisses wird man auch von etwas wie einer absoluten Freude, Erfüllung und von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Und man vergisst die Beschwerden und Entbehrungen des Aufstiegs.

In Afghanistan bestieg ich keine Berge, obwohl der Hindukush ebenso attraktiv ist wie die Schweizer Alpen. Ein glücklicher Zufall rief mich 2012 ins Land. Ich war gerade pensioniert worden als Pflegewissenschaftlerin und betrachtete mich als gut vorbereitet auf was ich dachte, würde mich in Afghanistan erwarten. Aber während meiner achtjährigen Reise auf dieser wenig begangenen Strasse mit dem Flüchtlingsdienst der Jesuiten (Jesuit Refugee Service, JRS) wurde ich mit vergleichbaren Erfahrungen belohnt. So, ganz besonders während meiner Tätigkeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern eines Lagers für ‘Internally Displaced Persons’ (IDPs), die unter schwierigsten Umständen versuchten, mit ihrem Leben zurecht zu kommen. Besonders deshalb mögen sich die Lesenden fragen, was für eine Beziehung wohl bestehen kann zwischen dem Arbeiten in einem solchen Lager und einer Gipfelerfahrung.

JRS arbeitet seit 2005 in Afghanistan

Der Jesuit Refugee Service ist im Bildungsbereich, auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Fachbereichen tätig, je nachdem den Bedürfnissen der Bevölkerung und den vorhandenen Ressourcen. Ich war einerseits in der Ausbildung von Medizinstudenten und -studentinnen und Dozenten an verschiedenen medizinischen Fakultäten im Land tätig. Anderseits arbeitete ich mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Siedlungen für Rückkehrende aus dem Iran und aus Pakistan bei Herat und in einem Lager für Vertriebene in Kabul. In diesen informellen Siedlungen unterrichtete ich Gesundheitspflege, praktische klinische Aktivitäten, Erste Hilfe, und Malen und Handwerken. Die Hunderten von Grossfamilien, die an diesen Orten Fuss zu fassen versuchten, lebten gleichermassen verachtet von der afghanischen Regierung und der öffentlichen Verwaltung wie diskriminiert und marginalisiert durch die niedergelassene Bevölkerung als ob sie eine Ware wären, und mit wenig Hoffnung an ihre Ursprungsorte zurück zu kehren oder an einem neuen Ort heimisch zu werden. Die meisten Bewohner waren nicht nur im wörtlichen Sinn des Begriffs Analphabeten, sondern auch In Bezug auf andere Fähigkeiten, die das tägliche Leben erleichtern. Die meisten Männer waren arbeitslos oder Taglöhner, die Jungen arbeiteten auf Strassenmärken, die kleinen Knaben bettelten in den Strassen, und die Mädchen und Frauen waren beschäftigt mit Hausarbeiten und Kinderhüten.

JRS Programme in Chaman-e Babrak Lager

JRS begann 2015 in improvisierten Klassenzimmern im Lager von Chaman-e Babrak tätig zu werden mit Englisch- und Mathematikunterricht für je 50 Knaben und Mädchen. Als ich im selben Jahr in Kabul zu arbeiten begann, riet man mir, dieses Lager aus Sicherheitsgründen zu meiden. Ein Jahr später gab ich jedoch dem Bitten der dort arbeitenden drei afghanischen Lehrenden nach.

Meine ersten Begegnungen im Lager bestätigten, was die Medien aus verschiedenen kriegsversehrten Ländern berichten: Elend bestehend aus Dreck, Gestank, Gewalt, Horden streunender Kinder mit verfilzten Haaren und Erwachsene in zerrissenen Kleidern, die Besuchende wie mich mit Argwohn prüften. Entlang des staubigen Hauptpfades durch das Lager sah ich Männer deren Zigaretten aus ihren Mundwinkeln hingen, an den brüchigen Wänden ihrer Lehmhütten lehnen. Der unverwechselbare Duft von Drogen durchdrang die Luft. In manchen Ecken kauerten junge Männer die mir Wörter nach riefen, die ich nicht verstand, die aber meine Begleiterin peinlich berührten. Sie befürchtete, das raue Benehmen der Männer könnte mich davon abhalten, mich diesem Lager zu verpflichten. Sie versuchte ihr Bestes, mich davon zu überzeugen, dass die Menschen, die ich hoffentlich in Zukunft unterrichten würde, nicht so vulgär sind.

Ich beschloss, Mitglied des Lehrerteams zu werden. Aufgrund der Besorgnis der Lehrenden über die psycho-soziale Situation der 100 SchülerInnen führten wir diesbezüglich in einem ersten Schritt eine explorative Studie durch, die beunruhigende Ergebnisse zutage förderte. Diese rechtfertigten, dass JRS jede erdenkliche Anstrengung unternahm, das Leiden der Kinder und ihrer Eltern an den Konsequenzen der Langzeitvertreibung zu reduzieren und Schlimmerem vorzubeugen.

Nebst Bildung bestand ein dringendes Bedürfnis nach Verbesserung der Nahrungssicherheit der Familien unserer SchülerInnen. Ihre detaillierten Berichte zeigten, dass ihre tägliche Nahrung aus und Pittabrot, Öl, Bohnen, Zwiebeln, Reis, und ab und zu einem Ei bestand; jene, die im Markt arbeiteten, durften am Abend nicht verkauftes Obst und Gemüse nach Hause nehmen. Deshalb begann JRS 2017 mit einem Nahrungsmittel-Ergänzungsprogramm. Anfangs beinhaltete es eine tägliche Verteilung von Biskuits und eines nahrhaften Getränks für alle SchülerInnen, was diese am Ende des Unterrichts sofort und hungrig verschlangen, denn kaum eine/einer ass Frühstück oder Mittagessen, bevor sie zur Schule kamen. Später wurde dieses Programm in Form von monatlichen Nahrungsmittelrationen für die Familien der SchülerInnen weitergeführt.

Ebenfalls abgestützt auf die Studienergebnisse begann ich für ungefähr 20 Frauen, zumeist Mütter unserer SchülerInnen, Hygiene, Gesundheitspflege und Erste Hilfe zu unterrichten. Währenddem sie am Anfang wohl die Neugier motivierte, nahmen die Meisten am ganzen Kurs teil, weil sie rasch fühlten, dass das Gelernte relevant war für sie. Die Frauen mussten paarweise üben, vermeintlich gebrochene Glieder, Körper und Schädel zu fixieren, angenommene Wunden zu verbinden und Injektionen zu verabreichen. Die Idee des barmherzigen Samaritans gefiel ihnen sehr, aber da sie in Stammeskulturen lebten und verzweifelt versuchten, diese in den multi-ethnischen Nachbarschaften zu erhalten, fiel es ihnen schwer, die praktischen Implikationen dieser Idee zu akzeptieren. Das Begleiten der Übungen gab mir Gelegenheit, Narben und Deformationen an ihrem Körper festzustellen und ihre raue und zerschundene Haut an Händen und Füssen zu fühlen. Ich konnte ihre physische Beweglichkeit, ihr Verständnis für das zu Lernende und die Art und Weise, wie sie auf einander zugingen und miteinander interagierten beobachten. Umgekehrt gab es den Frauen Gelegenheit, ihre Neugier zu befriedigen und zu sehen, ob es grundlegende Unterschiede gab zwischen ihnen und mir. Die Meisten von ihnen hatten noch nie eine Europäerin aus der Nähe gesehen. Während der Unterricht voran schritt, erzählten die Frauen von Unfällen, die ihren Familienmitgliedern zugestossen waren. Offensichtlich waren viele Kinder und Jugendliche, JRS Schülerinnen, Opfer von falsch oder unbehandelten Verletzungen. Dieser Unterricht war eine einzigartige Gelegenheit für uns alle, ein Gefühl dafür zu entwickeln wer wir waren und um gegenseitige Beziehungen und Vertrauen zu etablieren. Er ermöglichte mir, Bräuche und Traditionen kennen zu lernen und immer weitere Bedürfnisse der Frauen fest zu stellen. Dieser Unterrichtsansatz wurde paradigmatisch für zukünftige Initiativen.

Mit fortschreitender Zeit erhöhte sich die Zahl der SchülerInnen und der Schulfächer und demzufolge der Lehrenden. Friedensbildende und versöhnende Verhaltensweisen wurden als Teil des komplementären Bildungsangebots zunehmend wichtiger. Die Leistungen der Schulkinder erfüllte ihre Eltern mit Stolz und viele von ihnen, die eigene Bildungsmöglichkeiten verpasst hatten wegen multipler Vertreibungen und Umsiedlungen, ergriffen nun die Gelegenheit, nachzuholen was sie verpasst hatten. Alphabetisierungsklassen für Männer und Frauen wurden eingerichtet. Da es jedoch für Mütter unmöglich war, in Anwesenheit von einem oder zwei ruhelosen Kleinkindern zu lernen, eröffneten wir eine Krippe. Eine junge Frau, ehemalige JRS Schülerin, die im Lager lebte, wurde als Betreuerin angestellt. Beeindruckt durch die Wirkung der Erste Hilfe Ausbildung der Frauen, verlangten die Männer denselben Unterricht.

Im Jahr 2017 liess JRS in Zusammenarbeit mit einer Deutschen NGO einen Ziehbrunnen bohren in diesem Lager, das seit seinem Ursprung vor 15 Jahren kein fliessendes Wasser hatte. Dies bedeutete nicht nur, dass die Bewohner weniger Geld für Trinkwasser ausgeben mussten, sondern – vielleicht noch wichtiger – dass Frauen und Mädchen in einem gewissen Mass davon befreit wurden, jeden Tag stundenlang auf den Tankwagen zu warten und anschliessend die schweren Container durchs Lager zu ihren Hütten schleppen zu müssen. Weniger existenzielle Sorgen zu haben bedeutete, mehr Energie für die Bildung zu Verfügung zu haben

Zwei Jahre nachdem JRS begonnen hatte, im Lager von Chaman-e Babrak komplementäre Bildung anzubieten und trotz anfänglichem Misstrauen und Widerstand von Seiten der konservativsten Ältesten und Bewohner, wuchs der Bildungsbedarf ständig. Aber ihn zu befriedigen wurde aus zwei Gründen zur Herausforderung. Einerseits brauchten wir zusätzliche Klassenzimmer im Lager (die Frauen und Mädchen durften das Lager aus traditionellen Gründen nicht verlassen), und anderseits nahmen die Beschränkungen zu, welche die afghanische Regierung internationalen Organisationen auferlegte. An diesem Punkt, 2017, wurde die Beziehung zwischen JRS und der Lager Gemeinschaft auf die Probe gestellt. Die Verhandlungen für passende Unterrichtsräume machten klar, dass JRS für die Fortführung seiner Projekte von der Unterstützung der Führer im Lager ebenso abhängig war, wie umgekehrt. Da dem JRS offiziell nicht erlaubt wurde, Klassenzimmer zu bauen, mussten die Führer der verschiedenen ethnischen Gruppe eine Lösung finden, was ihnen schliesslich auch gelang. Ebenso in 2020, als die Lagerbevölkerung infolge der sich ständig verschlechternden Sicherheitslage des Landes von ca. 600 in 2015 auf 830 Familien mit durchschnittlich sieben Mitgliedern heranwuchs, konnte der Unterrichtsraum mit ihrer Hilfe nochmals erweitert werden. Das wachsende Niveau und der Umfang der Bildung die den nun 350 Schülerinnen mittlerweile von acht JRS Lehrenden offeriert wurden, so wie auch die Dynamik in den wachsenden Lagergemeinschaften schafften ständig neue Bedürfnisse: Malen und Marionetten kreieren wurde eingeführt. Skilling Cirlces gab Frauen die Gelegenheit ihre Schneider- und Stickerei Fertigkeiten zu verbessern, und junge Männer konnten lernen, Mobiltelefone kostenpflichtig zu reparieren. JRS gab 300 Familien Obstbäume und, wie leitete sie an, diese zu pflegen. Und die Idee, JRS Lehrende als psycho-soziale Barfuss-Beratende auszubilden, woran man ursprünglich 2016 gedacht hatte, konnte mit der Hilfe von JRS Ressource Personen und einer internationalen psycho-sozialen Organisation (IPSO) realisiert werden.

Gleichzeitig erinnerten gelegentliche Beschädigungen der JRS Klassenzimmer durch Leute, die nicht einverstanden waren mit den laufenden Bildungsinitiativen daran, wo wir waren und an die Zerbrechlichkeit des Fortschrittes.

Gipfelerfahrungen auf dem Weg zum Gipfel

Was haben diese von JRS initiierten Schritte im Bildungsbereich zu tun mit Gipfel- oder Schwellenerfahrungen? Der Zweck der Verwendung einer Metapher ist, Schlüsselaspekte einer komplexen Erfahrung, die sonst schwierig mit gleicher Klarheit und Intensität zu vermitteln wäre, zu akzentuieren. Die beiden Komponenten, die Metapher als allgemeines Bild und die persönliche Erfahrung, verstärken deren Bedeutung gegenseitig.

Das Leben der Vertriebenen die in Chaman-e Babrak bereits Jahre verbracht hatten, war charakterisiert durch Verluste und existenzielle Ungewissheiten, die jegliche Anstrengungen, Erniedrigung und Stigmatisierung zu bekämpfen sowie Initiativen, das Leben neu aufzubauen, unterminierten und neue Horizonte verschwimmen liessen. Die Bewohner des Lagers lebten in einem permanenten Status von Energie verschleissender Transition. Viele Erwachsene hatten ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich selbst aufgegeben und projizierten sie auf ihre Kinder.

Die wichtigsten von JRS im Lager eingeführten Bildungsinitiativen zeugten von der ständigen Konsolidierung des Heilung, Hoffnung und Leben versprechenden Bündnisses zwischen der Lagergemeinschaft und JRS. Ihre Bedeutung wurde während der COVID-19 Pandemie und dem Lockdown im Jahr 2020 besonders deutlich. In dieser Zeit suchten die Lagerführer Nothilfe bei JRS und nicht bei der öffentlichen Verwaltung der Stadt Kabul, die dafür verantwortlich gewesen wäre.

Im Rückblick ist der Umfang des von JRS Erreichten überwältigend für Alle, die an dieser Entwicklung beteiligt waren. Aber persönlich fühle und fühlte ich mich immer gleichermassen tief berührt von vielen unscheinbaren, unmittelbareren Momenten, die für einzelne Personen bedeutender waren als für die Gemeinschaft als Ganzes. Für mich haben Gipfelerfahrungen im eigentlichen Sinn des Wortes wenig zu tun mit der Höhe eines Gipfels oder der Grossartigkeit eines Unternehmens.

Die höchsten Gipfel sind nicht notwendigerweise die berauschendsten.

Ich erlebe Gipfel nicht als ausserordentlich, weil ich sie erreicht habe, sondern weil ich einem Traum folgend, meine Komfortzone verlassen habe und zu ihnen aufgebrochen bin. Die riesige Freude, die mich auf manchen Gipfeln erfüllt, ist nicht hauptsächlich der Leistung zu verdanken, sondern ebenso den Herausforderungen und Rückschlägen, die ich auf dem Weg erfahren und den Risiken, die ich gemeistert habe und die sich schliesslich in Gewinne verkehren. Auch die tiefe Erfüllung die ich manchmal aus der Arbeit mit den Bewohnern des Lagers erlebte, hingen stärker ab von der Bedeutung unserer gemeinsamen Unternehmungen als von ihrem Umfang. Was ich fühlte, wenn wieder ein Projekt gelungen war, hatte zu tun mit dem Unterschied, den es im Leben der SchülerInnen und in meinem eigenen Leben bewirkte. Im Folgenden möchte ich dies an einigen Beispielen erläutern.

Ein charakteristisches Merkmal der Biografien aller Frauen in Chaman-e Babrak ist, dass sie sich bemühen, innerhalb der physischen und kulturellen Grenzen des Lagers gemäss ihren Stammesregeln zu funktionieren, obwohl dies in dieser Umgebung kaum möglich war. Nachdem sie die Härten oft mehrerer Vertreibungen und Neuansiedlungen durchgestanden hatten fühlten, sie sich reduziert darauf, ihren Ehemann zu befriedigen und überwältigt von Schuldgefühlen, weil ihnen die Mittel fehlten, auch nur die grundlegendsten Bedürfnisse ihrer zahlreichen Kinder zu stillen. Kaum eines von ihnen hatte genügend zu essen oder Schuhe für den harten Winter in Kabul. Mit zu erleben, wie sie sich still dieser bedauerlichen Situation unterordneten, und gleichzeitig ihre Entschlossenheit zu fühlen, ihr Schicksal treu und geduldig zu ertragen, inspirierte mich dazu, ihnen in regelmässigen Malstunden einige Momente von Gelassenheit zu vermitteln. Von Anfang an war es Herz erwärmend zuzuschauen, wie sich ihre verborgenen Talente entfalteten während dem sie zunehmend geschickter mit Pinsel und Farben umgingen und phantasievolle Bilder kreierten. Noch erfüllender war es, zu erleben wie sich die Frauen selbst daran freuten, ihre Kreativität zu entdecken – oder herzhaft über deren Fehlen zu lachen. Diese Erlebnisse schienen das Eis zu brechen, mit dem sie ihre Seele zum Schutz vor der nie enden wollenden Ungemach des Lebens schützten. Zudem verliehen ihnen ihre Kunstwerke eine neue Dimension ihrer Identität, sodass sie Schritt für Schritt aus ihrer Anonymität heraus zu treten schienen. Wenn sie ihre Werke kommentierten, enthüllten sie Aspekte ihres Lebens, die bisher verborgen waren, wie etwa die Lebensumstände an ihrem Herkunftsort, zum Beispiel dass sie Bergbauern waren und sich jetzt mit einer erbärmlichen Hütte, ohne sinnvolle Beschäftigung der giftig verpesteten Luft Kabuls ausgesetzt fanden. Ihre liebenswürdigen, humorvollen oder sarkastischen Karikaturen verwiesen auf ihre persönliche Wahrnehmung ihrer gegenwärtigen Situation. Durch die Entdeckung ihres kreativen Potenzials spürten manche Frauen eine Art Ruf zu etwas mehr als sie bisher getan hatten und einen Drang solchen Träumen zu folgen. Gemeinsame schöpferische Aktivitäten und Reflektionen förderten zu einem gewissen Grad Freundschaften über ethnische Grenzen hinweg. Manche Frauen schienen einen Sinn von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft über ihre Familie hinaus zu entwickeln. Dies schloss das Akzeptieren von zwei älteren Witwen ein, die nicht, weil sie an den Aktivitäten teilnehmen wollten, regelmässig in der Malklasse sassen, sondern um der Energie verschleissenden Einsamkeit ihrer vier Wände zu entkommen und die Gesellschaft der Gruppe zu erleben.

Ich war gleichermassen begeistert, zu sehen, wie die Frauen nach Beginn der Alphabetisierungsklasse mit jedem Wort, das sie zu schreiben und zu lesen lernten, allmählich ihre begrenzte Wahrnehmung erweiterten, um in die Welt der Gebildeten einzutreten. Solche Klassen veränderten die Härte des Alltags dieser Frauen nicht wesentlich, aber das Leben mancher begann sich in Richtung eines erfüllteren Frauseins zu entwickeln. Als JRS eine ehemalige Schülerin zur bezahlten Betreuerin der Kinder in der neuen Krippe ernannte, erhöhte dies das Selbstvertrauen und die Würde der ganzen Familie.

Gesellschaftliches ausgeschlossen Sein, ohne Arbeitsstelle zu leben in höchst unwürdigen Bedingungen und unfähig zu sein, selbst für seine Familie zu sorgen, führt leicht zu Aggression, Resignation und Drogenabhängigkeit. Dem Leben der vielen männlichen Jugendlichen und Männer die ihre Grossfamilien versorgen mussten, gab die Möglichkeit, nebst der täglichen gefährlichen und unrentablen Schufterei, zur Schule zu gehen, Richtung und Zweck. Ihre grosse Verantwortung erlaubte ihnen keinerlei Zeitverschwendung mit unproduktiven Aktivitäten. Trotzdem entschieden sie sich eines Tages, wie die Mädchen und Frauen, an einem Kurs zur Herstellung von Marionetten teilzunehmen. Nachdem sie ihre anfängliche Geringschätzung einer solchen Tätigkeit überwunden hatten, freuten sie sich, ihre Emotionen zu übertragen auf das Aussehen und den Gesichtsausdruck der Figuren, die sie erschufen: politische Figuren, Verwandte, einander gegenseitig … Ich war entzückt zu entdecken, wie ihre Ambitionen, wirklich erschaffen zu können, was sie anstrebten, ihren Eifer antrieb, das Arbeiten mit Papiermaché gründlich zu erlernen. Nachdem sie das dieser Fertigkeit innewohnende Potenzial entdeckt hatten, hielt sie nichts mehr davon ab, Charaktere zu produzieren oder zu karikieren, die in ihrem Leben eine besondere Rolle spielten – Lehrer, der Meister, Angehörige, Politiker – und nach anfänglichen Zweifeln erfüllte sich die Luft im Klassenzimmer bald mit spitzbübischem Gelächter.

Zu erleben wie hilflos sich Väter und Mütter fühlten, wenn sie mit Aufgaben konfrontiert waren, die Lesen und Schreiben erforderten, und wie sie sich über ihre diesbezügliche Unfähigkeit schämten, tat mir weh. So war es schliesslich gut mit zu erleben, dass viele Eltern die Gelegenheit ergriffen, sich an den JRS Alphabetisierungsklassen zu beteiligen und wie dies die Familiendynamik veränderte. Nach Abschluss der Klassen, schämten sich die Väter nicht mehr, von ihren Kindern abhängig zu sein. Stolz berichteten sie, wie sie zum Beispiel eine Klinik in der Innenstadt von Kabul selbständig identifizieren konnten. Gleichermassen glücklich waren die Mütter, die nun ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen konnten. Dank dieser Unterstützungsmöglichkeit schienen ihre Träume, dass ihre Kinder Ärzte, Anwälte, Piloten oder Lastwagenfahrer werden würden, eher wahr zu werden. Als die Bilder der ersten JRS Malklassen in der Kunstfakultät der Universität Kabul ausgestellt wurden, nahmen manche Väter teil an der Vernissage der Ausstellung, um zu sehen, wo ihre Kinder möglicherweise eines Tages studieren werden. Darüber hinaus veränderte sich die Dynamik in vielen Familien in Richtung mehr freundschaftliche und weniger gewalttätige Beziehungen. Die Alphabetisierung reduzierte einen Schlüsselaspekt der Verletzlichkeit der Erwachsenen im Lager. Sie gab ihnen eine Stimme und verschaffte ihnen Zugang zu einer Welt, die sie zurückgelassen hatte. Sie fühlten, dass ihr Leben an Würde gewann.

So wie sich das Familienleben dank dem grösseren Selbstvertrauen der Mitglieder positiv veränderte, so entwickelten sich auch die Freundschaften unter den Schülern die, obwohl sie eng aufeinander wohnten, vorher kaum etwas miteinander zu tun gehabt hatten. Eines nachmittags, als ich die Wandtafel reinigte am Ende einer Malstunde mit einer Gruppe männlicher Jugendlicher, versammelte sich eine Handvoll von ihnen am anderen Ende des Klassenzimmers und flüsterten zusammen. Danach umrundeten sie mich. Aus Furcht, undankbar zu erscheinen ein wenig gehemmt, informierte mich ihr Sprecher, dass die Klasse während des laufenden Monats auf ihre täglichen Nahrungsrationen verzichten wollte. Sie möchten das dafür vorgesehene Geld sparen, um damit Stiefel für den Winter zu kaufen. Ich war begeistert, weil dies nicht nur das erste Mal war, dass sie sich als Gruppe vereinigten, um eine Initiative zu ergreifen, sondern es war auch neu, dass sie sich überlegten, wie sie vorhandene Ressourcen besser nutzen konnten, statt einfach um zusätzliche Mittel zu bitten. Sie traten aus der passiven Rolle der Almosenempfänger und aus dem damit verbundenen Stigma heraus.

Das Alltagsleben im Lager war bekannt dafür, mit Gewalttätigkeit gegen Frauen und Kinder durchsetzt zu sein infolge der überfüllten Haushalte, der miserablen Unterkünfte und der Väter, die sich selbst verachteten, weil es ihnen nicht gelang, für die Sicherheit und das Wohlbefinden ihrer Familie zu sorgen. Viele Mütter fühlten sich erschöpft nach zahlreichen, kurz aufeinanderfolgenden Schwangerschaften unter Bedingungen extremer Armut. Weil diese Situation bekanntlich zu problematischen Mutter-Kind Bindungen führen und solche Bindungen ein Hauptgrund von Gewaltanwendung sein kann, wollte ich herausfinden, in welcher Weise die Mütter im Lager ihre vielen Kinder kennen. Ich interviewte deshalb eine Anzahl von ihnen. Ich war zutiefst berührt davon, wie sie alle die speziellen Züge und ausserordentlichen Talente jedes Kindes, einschliesslich ihrer Neugeborenen zärtlich und in vielen Einzelheiten beschrieben. Für alle hegten sie Hoffnungen und Träume. Ich war darüber sehr erleichtert und getröstet, denn nur tiefe Mutterliebe kann solche Beobachtungen hervorbringen. Die Schilderungen der Mütter zeigten, dass es die verzweifelten Umstände waren und nicht Gleichgültigkeit oder Grausamkeit, die ihr gelegentlich gewalttätiges Verhalten verursachten. Die Mütter ihrerseits waren sehr glücklich über mein Interesse an der intimen Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern. Meine Wertschätzung schien die Bedeutung von Kinderreichtum ungeachtet der Lebensumstände zu erhöhen. Meine Gipfelerfahrung schien den Müttern eine solche zu bescheren.

An einem gewissen Punkt realisiert ich, dass das Bildungsangebot im Lager und das dadurch veränderte Wissen und Bewusstsein der Menschen, sowie die Werte und Fertigkeiten die daraus resultierten, sich im veränderten Alltagsleben in Chaman-e Babrak zu widerspiegeln begannen. Zur Schule zu gehen bedeutete für die Schülerinnen und Schüler jeglichen Alters und Geschlechts, dass sie pünktlich, regelmässig, sauber und höflich sein mussten, was für viele von ihnen ein grosser Schritt weg von ihrem vorherigen Verhaltensmuster war. Ihre Tage wurden mehr strukturiert, mehr zweckorientiert und sinnvoller. Weil die Klassen ethnisch gemischt waren, konnten Erwachsene und Kinder einander nicht länger ignorieren und erhielten Gelegenheit, allmählich ihre Vorurteile zu berichtigen. Pashtunische und tajikische Frauen lernten, dass ungleich ihrer eigenen Bräuche jene des Jugi Stammes den Frauen erlaubten, sich unbegleitet ausserhalb des Haushaltes zu bewegen, und dass sie deshalb nicht als unmoralisch beschuldigt werden sollten. Die Zusammenarbeit über ethnische Grenzen hinweg, die anfänglich charakterisiert war durch Verdächtigungen und Voreingenommenheit, entwickelte sich langsam zu vorsichtiger Versöhnung von Unterschieden. Einige Konfliktlösungsmethoden veränderten sich bei der Jugend von Gewaltanwendung zur Anwendung von Verhandlungsstrategien. Während trotz dem regelmässigen Unterricht in friedensbildenden Verhaltensweisen solches Verhalten weiter anhielt, hörte ich gelegentlich jemanden sagen «es tut mir leid», wenn sie etwas falsch eingeschätzt oder sich unangemessen benommen hatten. Dies zeigte eine sich verändernde Kultur an. Solche Zeichen konnte ich auch bei den Führern der verschiedenen ethnischen Gemeinschaften im Lager beobachten. Die sich ständig erweiternden JRS Programme verlangten von ihnen, dass sie Probleme auf eine Art verhandelten, die für alle akzeptabel waren, wie z.B. die Zerstörung einer alten, baufälligen Moschee zugunsten neuer Klassenzimmer. Statt einfach für oder gegen einen Vorschlag zu sein, begannen sie zunehmend, verschiedene Ansichten zu äussern. Und noch wichtiger war, dass sie – zusätzlich zu lediglich reagieren auf JRS Vorschläge – begannen selbst die Initiative zu ergreifen. Mit zunehmender Selbstbestimmung wurde ihr Leben vorhersagbarer. Physisch wurde das Lager allmählich sauberer und viele Lehmhütten wandelten sich zu Häusern.

Den Gipfel erreichen

Was verwandelte solch erhebende Momente in meiner Tätigkeit mit den Bewohnern von Chaman-e Babrak in Gipfel- Schwellenerfahrungen, obwohl der Weg mit ihnen eher einer Wanderung durch die afghanischen Ebenen als einer Überquerung des Hindukush glich? Der weltliche Aspekt meiner Erfahrungen bestand in meine Freunde über den Fortschritt meiner Schülerinnen und Schüler in den Fertigkeiten, die sie erlernten. Was sie zu Gipfelerfahrungen erhob, war, dass ich Zeugin werden durfte ihrer persönlichen Transformation, d.h. dass ich die Wirkung und Bedeutung den ihr Fortschritt für die Betroffenen hatte, erleben durfte. So wie sie lernten, sich auf dem manchmal herausfordernden Pfad zu bewegen und ihr Gleichgewicht zu halten, so transzendierten sie sich selbst, indem sie sich an vergangene Zeiten erinnerten, sich neuen Entdeckungen öffneten oder unerwartete Horizonte zu erreichen versuchten. So wie Grenzen in den Herzen und im Geist der Bewohner durchlässiger wurden, schienen auch die Mauern um das Lager herum zu bröckeln. Mit dem Abnehmen der Unterschiede zwischen den Menschen im Lager und der sesshaften Bevölkerung darum herum nahm auch die stigmatisierende Verletzlichkeit der Lagergemeinschaft ab. Im Kontext der JRS Bildungsprogramme als Ganzem, vermittelten besonders jene Momente, in denen ich mich einer einzelnen Schülerin oder einem einzelnen Schüler widmete, dass sie menschliche Wesen sind, die es wert sind, dass man ihnen Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Liebe entgegenbringt. Diese Gesten förderten Heilung, nährten Hoffnung und weckten ein neues Lebensgefühl. Solche Momente beflügelten beide Seiten dazu, mehr und besseres leisten zu wollen.

Während meiner Reise auf dem wenig begangenen Pfad durch Chaman-e Babrak wie beim Klettern in den Alpen entfaltete sich der Segen von Gipfelerfahrungen als Ergebnis des Unterschieds, welcher dieser Weg in mir bewirkte. Er ist nicht planbar. Eine andere Lektion die es zu lernen gibt ist, dass es bei beiden Gelegenheiten nicht darum geht zu beweisen, dass man fähig ist, das Ziel zu erreichen, sondern in tiefer Dankbarkeit zu anerkennen, dass man dazu gerufen und befähigt wurde. Und für besonders herausfordernde Pfade wie jene durch das Lager Chaman-e Babrak ist ein kluger, erfahrener und vertrauenswürdiger Führer der Schlüssel, denn sorgfältige Erkundigung des Territoriums einschliesslich des viel versprechendsten Aufstiegs ist entscheidend für das Gelingen.

Silvia Kaeppeli, Januar 2021

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