„Zeit für einen Wandel in der Pflege“ – Interview mit Mag. Dr. Matthias Strolz (NEOS)

(C) Katrin Schützenauer

Wer ist Matthias Strolz?

Ich bin ein Bergbauernbub, Vorarlberger, Wiener und Europäer. Ich bin Familienvater, Unternehmer und Chef der NEOS. Ich liebe Politik. Das hat mich schon als Bub fasziniert – wie wir Menschen miteinander tun, wie wir uns als Gemeinschaft organisieren. Und es hat mir immer schon getaugt, selbst mit anzupacken. Ob als Organisator eines Ministrantenlagers, Schulsprecher, Landesschulsprecher, ÖH-Vorsitzender, in meinen vielen anderen ehrenamtlichen Engagements (z.B. beim Europäischen Forum Alpbach) oder nun als Abgeordneter und NEOS-Klubobmann – ich möchte Gutes mit in die Welt bringen.

Sie haben sich entschieden für diese Wahl zu kandidieren. Mit welchen Kernthemen wollen sie den Wahlkampf führen?

Wir wollen die Blockade und Verschwendung des aktuellen Machtsystems beenden und unser Land zu einer Heimat großer Chancen machen. Mehr Chancen für alle, statt Privilegien für wenige. In den letzten Wochen haben wir die sogenannten „Chancenpläne“ präsentiert.  Dabei geht es uns darum, Pläne für die großen Herausforderungen unserer Zeit zu erarbeiten, mit ganz konkreten Vorschlägen, wie wir unser Land vom Parteien-Staat zur Bürger_innen-Republik machen. Diese Chancenpläne werden auch im Wahlkampf eine entscheidende Rolle einnehmen: „Athletischer Staat“ mit Viktoria Kickinger, „Nachhaltiger Aufschwung“ mit Karl Sevelda, „Gelingende Integration“ mit Ferdinand Maier und Stefan Unterberger, „Faire Digitalisierung“ mit Max Schrems sowie „Engagiertes Europa“ unter der Leitung von Heinrich Neisser und Verena Ringler. Darüber hinaus werden unsere Kernthemen wie Bildung, Wirtschaft, Demokratieinnovation und enkelfitte Sozialsysteme eine zentrale Rolle spielen.

Sie holen sich derzeit viele neue Personen ins Team, die eine bunte Bandbreite an Interessen abdeckt. Haben Sie hierfür auch für das Gesundheitswesen neue Player vor aufzunehmen?

Wir sind im Gesundheitsbereich mit Gerald Loacker im Parlament sehr gut aufgestellt. Natürlich haben wir auch auf den Bundesländer-Listen und in den Landesteams Leute aus dem Gesundheitssystem – von Ärztinnen und Ärzten über Altenpflegerinnen bin hin zu Psychologinnen. Gerald Loacker ist breit vernetzt und kann auf eine Vielzahl von Expertinnen und Experten zurückgreifen – auch aus den unterschiedlichen Bereichen der Pflege. Und wir wachsen weiter und freuen uns dabei aber über jedes neue Gesicht, das sich bei NEOS für bestimmte Themen engagieren möchte.

Welche Stärken prädestinieren Sie für einen Posten als „Bundeskanzler“?

Ich bin in die Politik gegangen, um mich für die Bürgerinnen und Bürger und ihre Chancen einzusetzen. Dafür bringe ich Idealismus, sachliche Leidenschaft, langen Atem und meine Erfahrung als Mensch, Vater und Unternehmer ein.  Jedes Regierungsamt ist eine dienende Funktion für die Menschen, nicht für einen persönlich – um etwas Sinnvolles und Gutes in der Gesellschaft zu bewegen. Das ist mein Verständnis von Macht.

Was bringt einen Matthias Strolz „auf die Palme“?

Unehrlichkeit. Doppelbödigkeit. Arrogante Ignoranz.

Was ist Ihnen als Person wirklich wichtig?

Ich muss mich jeden Tag im Spiegel anschauen können und zwei Fragen positiv beantworten können: Ist es richtig. Und ist es wichtig, was ich derzeit mache.

Was würden Sie als erstes bewegen wollen, wenn Sie die Funktion „Bundeskanzler“ besetzen würden?

Ich bin der Überzeugung, dass wir mit guter, ganzheitlicher Bildung unserer Kinder und Jugendlichen einen riesigen Hebel in der Hand haben, um die großen Herausforderungen unserer Zeit positiv, konstruktiv und kreativ in Angriff zu nehmen. Also – eine echte, umfassende Bildungsreform. Eine Bildungswende, die von unten wächst – mit beherzten und passionierten Pädagoginnen und Pädagogen. Die Kinder mit ihren Talenten, Potenzialen und Bedürfnissen in den Mittelpunkt – das ist mein Anspruch.

Wir steuern auf eine Überalterung der Gesellschaft zu. Wie wollen Sie dieser Herausforderung entgegentreten?

Der demographische Wandel ist eine der größten Herausforderungen für unser Sozialsystem. Wesentlich für den Erhalt und die Sicherstellung der besten Versorgung der Bevölkerung ist in diesem Zusammenhang, dass genügend zum Erhalt des Systems beitragen können. Wir müssen es also schaffen, dass Menschen durch eine Erwerbstätigkeit länger im System etwas beitragen können und Menschen erst so spät wie möglich Leistungen in Anspruch nehmen müssen. Dazu gehört insbesondere eine präventive Gesundheitspolitik, die frühzeitige Erkrankungen verhindert und es ermöglicht, dass Menschen länger am Arbeitsmarkt aktiv bleiben können. Neben dieser grundsätzlichen Frage sind auch in spezifischen Bereichen Potenziale zu nutzen, um das gesamte Sozialsystem besser für die kommenden Jahrzehnte zu wappnen, denn immer mehr Menschen werden eine Pension beziehen und auch die Zahl der Pflegebedürftigen wird stark ansteigen. Deshalb braucht es auch eine Pensionsreform, die klare Anreize für eine längere Erwerbstätigkeit setzt und eine nachhaltige Verbesserung für Pflegebedürftige durch einen Ausbau und einen klaren Fokus auf mobile Pflege.

Wie würden Sie unser Gesundheitswesen verbessern wollen?

Das österreichische Gesundheitssystem ist geprägt von Ineffizienz und zu vielen sich konkurrierender Interessen, die vielerorts einer besseren gesundheitlichen Versorgung der Menschen oder einer strikt wirkungsorientierten Mittelverwendung entgegenstehen. Statt bei diesem unübersichtlichen, teils überbürokratisierten System zu sparen, wird bei den Patientinnen und Partienten gespart. Das wollen wir beenden und damit auch mehr Gerechtigkeit in das Gesundheitswesen bringen. Die Zahl der Krankenkassen und Sonderversicherungsträger ist viel zu hoch und führt vor allem zu Ungerechtigkeiten in der Versorgung der Versicherten. Wir brauchen keine Krankenkassen mit Wertpapiervermögen in dreistelliger Millionenhöhe, während die Leistungsverknappung ihren Lauf nimmt und immer mehr Menschen in den Privatzahler- bzw. Wahlarztbereich gedrängt werden, weil das Kassenarztsystem überlastet ist. Dieses Vermögen muss wieder den Versicherten zu Gute kommen und nicht Funktionären in den Sozialversicherungen.

 Wie wollen Sie unser Sozialsystem verbessern?

Ein erfolgreiches Sozialsystem baut auf Solidarität und Leistungsbereitschaft auf. Beides kommt aus unserer Sicht in Österreich zu kurz. Die Solidarität zwischen den Generationen wird durch eines der teuersten Pensionssysteme der Welt auf die Probe gestellt und bringt die finanzielle Leistungsfähigkeit des Sozialsystems langfristig in Gefahr. Gleichzeitig führen verschiedene Mechanismen im Sozialsystem dazu, dass Menschen statt eine Arbeit aufzunehmen in die Langzeitarbeitslosigkeit abrutschen. Es muss deshalb klar sein, dass sich Leistung immer lohnen muss. Nur mit einer entsprechenden Leistungsbereitschaft kann die Solidarität des Sozialsystems auch weitergeführt werden. Dazu bedarf es einiger Reformen:

In der Mindestsicherung müssen mehr Arbeitsanreize gesetzt werden. Damit kommen Menschen schneller in Beschäftigung und können für sich selber sorgen und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Arbeitssuchenden Menschen ist am besten geholfen, wenn sie entsprechende Anreize haben, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Dadurch können sie wieder auf eigenen Beinen stehen und bekommen einen Teil ihrer Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zurück. Damit Menschen überhaupt einen Beitrag leisten können, brauchen sie nicht nur einen Job, sondern müssen überhaupt auch gesundheitlich dazu im Stande sein. In Österreich wird dahingehend zu wenig gemacht, Menschen präventiv vor Arbeitsunfähigkeit zu schützen. Gleichzeitig wird auch zu wenig gemacht, damit Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen nochmal eine Chance am Arbeitsmarkt bekommen. Wir möchten deshalb des präventiven Fokus im Gesundheitssystem vorantreiben, aber auch Rahmenbedingungen schaffen, damit auch bei gesundheitlichen Einschränkungen ein eigenständiges Leben und Einkommen möglich ist. Wesentlich hierfür ist z.B. die Ermöglichung einer „Teilarbeitsfähigkeit“, als Äquivalent zu einer Teilpension.

Frage zum Fallbeispiel 1: Welche Maßnahmen halten Sie für wichtig, sinnvoll und umsetzbar um zu gewährleisten, dass pflegebedürftigen Kindern- und Jugendlichen, therapieunterstützende und für die Bewältigung des Alltages sowie der sozialen Integration notwendige Heilbehelfe und Therapiematerialien genehmigt werden? (Fallbeispiele siehe Print)

Die Verknappungspolitik macht auch vor der Pflege nicht halt. Der Föderalismus, eine zersplitterte Finanzierung und zu viel Konzentration auf das teure System der stationären Pflege lassen dabei viele finanzielle Mittel verloren gehen. Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass eine Grundversorgung gesichert ist. Es besteht Einsparpotential, und das sollte auch genutzt werden, um an anderer Stelle eine ausreichende Versorgung mit Heilbehelfen und Hilfsmitteln und pflegerischen Leistungen zu gewährleisten.

Eltern mit chronisch kranken oder schwerkranken Kindern müssen sich mehreren Herausforderungen stellen. Sie stehen täglich – egal ob sie berufstätig sind oder nicht „in Alarmbereitschaft“ und brauchen ein verlässliches Unterstützungsnetzwerk aus einer Hand. Um die optimale Unterstützung bei der Betreuung von Angehörigen zu Hause zu gewährleisten, möchten wir ein bundesweit einheitliches Verständnis von Case Management und landesweite Standards für einen geregelten Case Management Prozess etablieren. Unterschiedliche Professionen, Netzwerke und Sektoren sollen hier besser als bisher zusammenarbeiten. Wenn wir das schaffen, dann wird auf die Bedürfnisse von Yannik und seiner Familie fallbezogen, treffsicherer und empathischer eingegangen. Auch der finanzielle Mitteleinsatz der öffentlichen Hand findet dann angemessen und treffsicher statt. Das Beispiel mit dem nicht bewilligten Therapiestuhl und den Sitzschalen, die mittelfristig mehr Kosten verursachen, sollte es dann nicht mehr geben.

Für einen echten Systemwandel in der Pflege haben wir folgende Pläne:

Eine Diskussion zur Zukunft der Pflege darf nicht – so wie zuletzt gesehen – bei Diskussionen rund um Finanzierung und Regress beginnen. Sie muss bei den Menschen, die pflegebedürftig sind, und ihren Familien ansetzen. Das Pflegesystem in der aktuellen Ausprägung gehört umfassend reformiert. Es gleicht einem Fleckerlteppich mit sehr unterschiedlichen Qualitätsstandards, Regelungen und Kostenbeteiligungen. In einem guten System sind die Leute möglichst lange in Betreuung, aber nur kurz bzw. wenig in Pflege. In großen Pflegeheimen ist die Betreuung oft aufgrund von Personalknappheit nicht ausreichend und bleibt aufgrund des hohen Pflegebedarfs auf der Strecke. Wir NEOS fordern daher:

  • Ein klares Bekenntnis zu mobiler Pflege. Wir wollen keine neuen Bettenburgen bauen, sondern den vollen Fokus auf dezentrale Lösungen setzen.
  • Pflegedienste dezentral organisieren: Die Verantwortung für die Erbringung der persönlichen und praktischen Unterstützung sowie entsprechender Räumlichkeiten liegt bei den Gemeindeverwaltungen.
  • Bundesweite Vereinheitlichung der Qualitätsstandards und Personalverteilung.

Frage zu Fallbeispiel 2: Was raten Sie Frau Claudia S. und ihrer Familie, die unter diesem Zustand sehr leidet? (Fallbeispiele siehe Print)

Das österreichische System kennt nur krank oder gesund. Oft sind Menschen aber teilweise arbeitsfähig, aber eben nicht voll. Bisher gibt es nur eine Wiedereingliederungsteilzeit, die sehr unflexibel ist und nur für jene, die schon in Beschäftigung sind und nach längerer Krankheit teilweise wieder zurück in den Arbeitsmarkt kommen wollen. Für Claudia S. wäre aber unser Vorschlag besser: eine Teilarbeitsfähigkeit, die es ihr ermöglicht, teilweise zu arbeiten und teil-berufsunfähig zu sein. Das könnte ein Rahmen für Claudia S. sein, in dem sie einerseits persönlich und beruflich wieder besser Tritt fassen kann und gleichzeitig ihre groben gesundheitlichen Beeinträchtigungen respektiert.

Über Markus Golla 1304 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Lehrer und Vortragender im Bereich Gesundheit- und Krankenpflege - Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (Universität Wien)

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