Wissenszirkulation

oder: wie könnte man effektiv innovativ werden

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In  der Vergangenheit wurde immer dann von Wissenstransfer gesprochen, wenn es darum ging, aktuelles Wissen in die Praxis zu transferieren. TheoretikerInnen sollten der Praxis innovatives Wissen zur Verfügung stellen. Laut Implementierungswissenschaft gelingt dieser Prozess nicht, da einerseits keine Problemanalyse durchgeführt wird und andererseits das Praxiswissen nicht mit einbezogen wird. Eine der zentralen Bedingungen zum Gelingen von Problemlösungsprojekten ist Anerkennung und Anwendung von Wissen der im Prozess beteiligten. Sprich: Wissenszirkulation.

Einführung
Es gibt in der Literatur Hinweise, dass (international und in allen Bereichen) Innovationen durchaus nicht gelingen. Die Schätzungen liegen bei 40% – 90% an misslungenen Projekten weltweit. Dies birgt eine Kostensteigerung und bringt nicht die Optimierung die davon erhofft wurde. Auch in der Pflege ist dies nicht anders: Wer kennt nicht die Aussage, dass ein Projekt läuft so lange der Projektleiter noch da ist… Oder: dort oben haben sie sich wieder was einfallen lassen…

Das Ziel eines Projektes bleibt den Pflegenden oft verborgen. Meistens wird nach Beendigung des Projektplans dem Personal ein Training oder eine Einführung über die Projektinhalte angeboten mit der Erwartung, einer sofortigen und problemfreien Umsetzung der neuen Projektinhalte in der Praxis durch die MitarbeiterInnen. In meiner langjährigen Erfahrung habe ich gesehen, dass die Zielsetzung des Projektes verbunden wird mit der Ausbildung eines Kollegen („wieder einer der wegen einer Weiterbildung was machen muss“), wegen externen Anforderungen (das muss im Rahmen eines Gesetzes gemacht werden, oder wegen der MDK oder vergleichbaren Gremien), oder „weil die Ärzte das wollen“. Und schon in meiner Anfangszeit als Pflegekundige in den Niederlanden (in den frühen Jahren 70, mit damals einem Personalschlüssel von dem man heute nur träumen kann) wurde immer gesagt: „Dafür haben wir doch keine Zeit.“

Mein Schwerpunkt ist und war immer die Praxis-Theorie- Vernetzung, und dort ist mir sehr deutlich geworden dass ‚Praxis‘ ein Ding war, dass gelenkt werden musste, ein Feld wo es nur traditionelles Wissen gab und das schnell auf evidenzbasiertes Intervenieren umgestellt werden sollte. In der Linguistik spiegelt sich dieses wieder: Ausdrücke wie „die Kluft zwischen Theorie und Praxis“, „Wissensverbreiterung“, „Forschungsgeleitete Praxis“ spiegeln diese Sicht.  Das Wort, dass dazu gehörte war: Wissenstransfer. 1997 wurde dies prägnant dargestellt in einem Themenfeld des Pflegemanagements zu diesem Thema (Abb. 1).

Abb. 1: Pflegemanagement 1-97

Allgemein wurde Wissenstransfer als ein Vorgang verstanden, bei dem theoretisches Wissen wie über einen Trichter in die Praxis „transferiert“ (eigentlich „gegossen“) wurde. Die Praxis hatte keine Möglichkeit, außer diesen über sich ergehen zu lassen. Das ist bis heute leider oftmals noch so. Und es funktioniert meistens nicht. Dieser Artikel soll andere Möglichkeiten des Vorgehens aufzeigen.

Problemanalyse
Wenn im Pflegebereich ein Problem festgestellt wird ist die Reaktion meistens sofort auf Lösungen orientiert: Wir wollen sofort was tun, damit das Problem aufgehoben wird. Das ist übrigens nicht nur im Pflegebereich so, sondern eine ziemlich allgemeine Reaktion. Oftmals wird allerdings nur ein Teilgebiet des Problems aufgegriffen (warum soll hier nicht näher beleuchtet werden, ist nicht Thema des Artikels). Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Einer meiner holländischen Studentinnen im Masterstudiengang Advanced Nursing Practice hat sich als Thema ihrer Abschlussarbeit ein Praxisproblem ausgesucht, und nahm schon im Vorfeld an, die Ursache (Lösung) zu kennen: Mangelndes Wissen der Pflegekundigen auf der Station. Die Lösung lag auf der Hand: Sie wollte der Pflegekundigen einen Kurs anbieten. Das machte ihrer Meinung nach die Aufgabe eine Problemanalyse durchzuführen unnötig. Laut Studienordnung musste sie aber eine systematische Problemanalyse als  Hausaufgabe (zur Beurteilung)einreichen. Weil die Problemanalyse benotet werden sollte, habe ich sie aufgefordert mit allen Beteiligten auf der Station zu reden, zu analysieren was diese zum Problem sagten- und das als Arbeit einzureichen. Aus ihrer Beschreibung wurde deutlich, dass die Pflegekundigen dieser Station nie die Chance bekamen ihr Wissen in der Praxis umzusetzen, weil die Stationsleitung dies nie erlaubte bzw. ermöglichte. In den Daten war auch sichtbar, dass die Pflegekundigen ihrer Station ausreichend Wissen hatten und sehr frustriert waren damit nichts anfangen zu können. Dies war gegensätzlich zu der vorherigen Annahme der Studentin, dass die Pflegekundigen kein ausreichendes Wissen hätten, sowie zu dem Lösungsvorschlag (einen Kurs anzubieten). Es ist also gut vorstellbar, dass die Teammitglieder keine Motivation für einen Kurs aufbringen werden, wenn einerseits das Wissen schon vorhanden ist und andererseits die Möglichkeit zur Anwendung des neuen Wissens dadurch auch nicht gewährleistet wird. Leider wusste die Studentin keinen Weg die Stationsleitung in ihrem Handeln zu verändern.

Jede Innovation muss sich also mit der Frage der Problemanalyse beschäftigen. Dazu befragt / beobachtet man alle Beteiligten, vor allem auch die PatientInnen und Angehörigen die beim Problem involviert sind. Grundsätzlich sollte dieses Vorgehen logisch sein, aber in der Realität denken wir in der Praxis eher aus der Perspektive der  Professionellen darüber, was unsere PatientInnen brauchen, bevor wir nachfragen was PatientInnen (und Angehörige) sich eigentlich wünschen bzw. brauchen. Ein Schlüsselergebnis dazu war für mich eine Doktorarbeit eines Holländischen Pflegewissenschaftlers, Aart Pool, in der 90er Jahren. Er untersuchte Erfahrungen von PatientInnen in der häuslichen Pflege und interviewte eine alte Dame mit Rheuma. Der Forscher stellte im Interview fest, dass Ärzte und Pflegende ihr das Stricken und Häkeln verboten hatten, weil die Bewegung die rheumatischen Beschwerden nur verschlimmern würden. Sie sagte dazu: Meine Kinder und Enkelkinder haben immer selbstgestrickte Pullover und anderes Gewand getragen und es ist mir wichtig, dass das so bleibt. Egal ob es weh tut. Der Pflegewissenschaftler analysierte das als Gesundheitsperspektive gegenüber Lebensperspektive. Erst in den letzten Jahren wird die Patientenperspektive (zumindest auf Papier) als Teil der Entscheidungsfindung über gute Pflegeangebote herangezogen.

Wer Innovativ vorgehen möchte, sollte bei der Problemanalyse ständig auch die Patientenperspektive (was empfindet die/der Betroffene als Problem), deren Wünsche und Wissen erheben, bzw. ausreichend Beratung anbieten um ein aktives mitentscheiden über Pflege und Betreuung zu ermöglichen.

Auf Basis der Ergebnisse der Problemanalyse kann das Problem genau benannt werden. Dies kann auf der Ebene von Pflegeinterventionen sein (Maßnahmen die dem Patient angeboten werden) oder auf Organisationsebene (was trägt in der Organisation dazu bei, dass wir das Problem haben).  Erst dann können passende Lösungen in der (wissenschaftlichen) Literatur und im Praxisfeld recherchiert werden und die am Besten passenden Lösungen implementiert. Dabei ist es durchaus denkbar, dass Lösungen welche im Praxisfeld generiert werden individuell besser passen als in der Literatur ausführlich beschriebene. Denn wirklich innovative Ideen entstehen oftmals in der Praxis, basierend auf Praxiswissen.

Praxiswissen als Betriebskapital
Schon in der 90er Jahren stellten Organisationswissenschafter fest, dass man nicht unbedingt Wissen der TheoretikerInnen braucht zur Entwicklung innovativer Ideen: Man hat nachgewiesen, dass, wenn man Leute aus der Praxis zusammen reflektieren ließ über Herausforderungen dieser Praxis, innovative Ideen entstanden, gerade weil man so das Praxiswissen zusammenführte. Das ist ein Umdenken: Wenn man ein Praxisproblem identifiziert, ruft man nicht sofort Theoretiker an, sondern hakt nach welche Möglichkeiten die Mitarbeiter zum Lösung des Problems sehen. Als Methode dazu wird vorgeschlagen, Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen in ein entspanntem Umfeld zum Gedankenaustausch zusammen zu bringen. Die Erfahrung zeigt, dass  ein offener Praxis-Diskurs über die Umsetzung von Ideen zu Lösungsmöglichkeiten führen kann.

Dieses Wissen, welches in der Praxis Vorort vorhanden ist, nennt man das Betriebskapital einer Firma. Manager sollten versuchen dieses Wissen auf zu heben, sichtbar zu machen und zu benützen im Sinne von Wissensmanagement.

Theoretisches Wissen
Wie Abb. 1 zeigt, war und ist die Auffassung durchaus, dass die (Pflege)Wissenschaft Wissen generiert, und dieses in die Praxis einfließen lassen soll im Sinne von  Wissenstransfer. Wissenschaftler versuchen Phänomene zu erklären und die Wirksamkeit von Interventionen nachzuweisen. Jenes Wissen, welches daraus entsteht ist mehr oder weniger generell, es sagt nichts über die/den einzelnen Betroffenen aus, sondern schlussfolgert, das die Maßnahme XX bei 80% der inkludierten PatientInnen wirksam war. Das hilft Pflegenden in der Praxis in der Entscheidungsfindung,  denn es bietet einen Leitfaden zur Entscheidung über passende Angebote. Man kann sich als PraktikerIn die Frage stellen, wer dann zu den 20 % gehört. Jede/r Pflegende muss beim individuellen Patient überprüfen, ob ob diese/r eher zu den 80% als zu den 20% gehört und sich anschließend entscheiden ob Maßnahme XX, oder eine adaptierte Maßnahme durchzuführen ist.

In den vergangenen Jahren wurde oftmals leider Forschungswissen in Form von „festgeschriebenen Standards“ (vergleichbar mit Gesetzen) missinterpretiert. PatientInnen wurden und werden als Folge nach Standards gepflegt. Dies ist leider oftmals ein Missverständnis von Forschungswissen, da es Unterschiede in der Interpretation des Forschungswissens geben sollte. Am Beispiel der Handhygiene soll dies verdeutlicht werden: Die Forschung hat nachgewiesen, dass eine schlechte Händehygiene eine Patientengefährdung hinsichtlich Infektionen darstellt . Dies ist ein Fakt, und ist für alle Situationen gültig. Schlechte Handhygiene ist ein Patientensicherheitsthema, und wer dort Fehler macht ist für die Konsequenzen bei der Patientin / dem Patienten (Infektion) verantwortlich. Solche Forschungsergebnisse sind  Präskriptiv, d.H.: Es muss in der Praxis gemacht werden. Das Beispiel von 80-20% liefert ein Deskriptiv, d.H.: Es kann in der Praxis gemacht werden. Auch deskriptive Ergebnisse können in Standards beschrieben werden, aber nur als Teil der Entscheidungsfindung. Nicht als ‚Gesetz‘, dies wird oft nicht so umgesetzt.

Zwei Denkwelten zusammenbringen
Es gibt also einerseits Wissen in der Praxis und andererseits Wissen in der Theorie, mit eigenen Merkmalen. Pflege ist eine Praxisdisziplin. Das bedeutet, dass die wissenschaftliche Betrachtung von Pflegemaßnahmen dazu dient, in der Praxis zu einer besser fundierten Entscheidung über konkrete Pflegemaßnahmen kommen zu können, damit der Patient profitiert.

Deutlich ist, dass PraktikerInnen und TheoretikerInnen oft nicht die gleiche Sprache sprechen, was zu Missverständnissen führen kann. Der Alltag von PraktikerInnen und TheoretikerInnen ist komplett anders. TheoretikerInnen widmen sich zum Beispiel in einer über Jahre laufenden Studie einem bestimmten Thema, PraktikerInnen haben vermutlich nur 1 oder 2 PatientInnen wo dieses Thema aktuell ist, neben vielen anderen PatientInnen. Dies sind Wirklichkeiten.

Ich erinnere mich an einen Pflegewissenschaftler, der sich schon seit Jahren mit dem diabetischen Fuß beschäftigte. Er führte auf einer Station  ein Art Prüfung zum Thema diabetischer Fuß durch und stellte ganz traurig fest, das alle „durchgefallen“ waren. Es stimmte, dass die Pflegenden auf seine tiefgehenden Fragen nicht genau richtig geantwortet haben  – aber die Pflege von PatientInnen mit einem Fußproblem war voll in Ordnung. Zwei Arten von Wissen stoßen hier aufeinander.

WissenschaftlerInnen aus anderen Bereichen als der Pflege haben festgestellt, dass das Zusammenbringen von unterschiedlichen Arten von Wissen dazu beitragen kann Themen offen zu betrachten und innovative Lösungen für Praxisprobleme zu generieren. Man beschreibt dazu ein Art von Spirale:  PraktikerInnen werden in der erste Phase der Spirale in der Praxis sozialisiert und lernen dort Alltags- oder Erfahrungswissen. Dieses Praxiswissen ist meistens implizit, es steckt tief in den Menschen, und es ist nicht einfach dieses Wissen zu benennen. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ich diskutierte vor Jahren mit einer pensionierten Krankenschwester über den eigentlichen Kern der Pflege und nannte Sätze aus Pflegeleitbildern. Pflegeleitbilder kamen erst nach ihrer Pensionierung, sie kannte diese nicht. Aber sie hat das Konzept sofort verstanden. Nur sagte sie: „Du, ich hätte dir das auch sagen können, aber dafür hätte ich vermutlich den ganzen Nachmittag gebraucht. Dann hätte ich dir Geschichten erzählt, die genau das Zeigen was in Pflegeleitbild so kompakt formuliert wird.“  Wenn es notwendig wird zu wissen, die das implizite Wissen aussieht entsteht Phase zwei in der Spirale: Das Verbalisieren von Wissen. Praktiker verbalisieren im Gespräch ihr Wissen – mit bestimmten Techniken – und damit wird ein Transfer / ein Visualisieren vom impliziten Wissen ins explizite Wissen möglich. Wenn das Praxiswissen expliziert ist kommt die dritte Phase der Spirale, eine Erhebung des Wissens der anderen Parteien.

Dies können die Nachbarn sein (Benchmarking) oder/ und TheoretikerInnen. Aus diesem Vergleich können sich innovative Ideen entwickeln, können neue Interventionen konstruiert werden, usw., basierend auf Wissen, dass explizit benannt werden kann. Ich finde es immer schön, dass TheoretikerInnen in diesem Model erst in der dritten Phase auftauchen. In der vierten Phase der Spirale wird die neu entwickelte Intervention / Technik usw. in der Praxis umgesetzt. Damit wird ermöglicht, dass das neue Wissen ganz langsam wieder implizit wird und Teil der ersten Phase. Neue MitarbeiterInnen werden mit diesem Wissen sozialisiert, und das Wissen ist wiederum implizit. Dies aber ist Teil des Praxisalltags und trägt somit zur Qualität der Leistung bei.

Dieses Modell zeigt deutlich, wie wichtig es ist Wissen zu teilen, im sinne der Wissenszirkulation.

Wissenszirkulation
Im Gegensatz zum Wissenstransfer, wo Theorie in der Praxis „eingegossen“ wird, geht Wissenszirkulation davon aus, dass Wissen von allen Beteiligten zum Projekt geteilt werden soll. Für die Europäische Situation hat die EU maßgeblich dazu beigetragen, dass dieses Konzept europaweit umgesetzt wird. Schon im Jahr 2000 hat die EU in Lissabon beschlossen, dass Europa statt einer Dienstleistungsgesellschaft eine Wissensgesellschaft werden möchte, um damit in der Welt wettbewerbsfähiger zu werden. Teil dieser Umwandlung war das Prinzip, dass Regierungen, Universitäten und Praxisfelder eng zusammenarbeiten sollten in der Entwicklung innovativer Ideen/ Produkte usw.  Man sieht, dass bis heute die Finanzierung europäischer Projekte (Horizon 2020) dementsprechend aufgebaut ist, jene Projekte sollen immer getragen werden durch Praxis, Lehre und Forschung.

In der Vergangenheit haben Praxis, Lehre und Forschung eher neben einander funktioniert, und sich gelegentlich ausgetauscht (siehe Abb. 2). Die EU favorisiert das Triple Helix Model, wobei sich die Parteien mit einander verbinden.

 

Abb. 2

Auch hier wieder ein Beispiel: Fachhochschulen in den Niederlanden bauen Lehre und Forschung immer auf innerhalb der Triade der Triple Helix, wobei Lehre einer der Partner ist. Kern der Wissenszirkulation ist es, eine Verbindung zwischen Praxis, Lehre und Forschung herzustellen, wobei die drei Partner sich gegenseitig inspirieren und vom geteilten Wissen profitieren. Die Praxis wird in unterschiedlichen Formen involviert in der FH. Es gibt z.B. Arbeitsfeldkommissionen, welche in der Verfeinerung von Curricula partizipieren und mit der FH  Entwicklungen im Gesundheitswesen diskutieren. Dieses kann in Folge Konsequenzen haben für den Unterricht, für der Start eventueller Forschungsprojekte usw. Aber Input aus der FH kann wiederum Konsequenzen haben für die Praxis. An meiner FH gibt es einen Lehrstuhl für praxisorientierte Forschung, der eine praxisorientierte Weise von Forschung betreibt, mit einer eigenen Forschungstechnik. Denn  praxisorientierte Forschung bietet der Praxis einen besseren Input für die Optimierung der Patientenversorgung. Forschungsprojekte werden entweder vor der Praxis oder von der FH oder in gemeinsamen Besprechungen initiiert und in der Durchführung des Projektes ist die Triade Praxis – Lehre – Forschung beteiligt. Die Tatsache, dass (staatliche) Finanzierung von Forschungsprojekten nicht stattfinden wird, wenn diese Triade nicht nachgewiesen werden kann hilft natürlich auch, dieses Prinzip von Wissenszirkulation immer wieder umzusetzen.

Wissenstransfer wird als ein überholtes Prinzip angesehen, welches die Praxis  nicht vorwärts bringen kann. Das neue Paradigma ist Wissenszirkulation geworden. Dies bedeutet, alle Beteiligten teilen sich ihr Wissen und alle Wissensarten (Forschungswissen und Praxiswissen, implizites und explizites Wissen) sind für den Prozess wichtig. Hoffentlich führt dies dazu, dass die Aussage in Diskussionen ‚ich bin nur Krankenschwester‘ sich verändert in ‚Auf Basis meines Wissens als Krankenschwester meine ich folgendes…‘. Weil Praxiswissen in diesem Austausch genauso wichtig ist, wie das Wissen der BuchhalterInnen, der WissenschaftlerInnen, der LehrerInnen oder der PolitikerInnen.

Eine enge Verbindung zwischen Praxis, Forschung und Lehre und der Akzent der Implementierung tragen dazu bei in Praxis, Forschung und Lehre innovativ vorzugehen, neues Wissen zu generieren, Praxisinitiativen zu erforschen, Forschungsergebnisse zu implementieren und Studierende auf eine patientenorientierte, wissensbasierte Praxisführung vorzubereiten.

Wissenszirkulation konkretisiert: Learning Community
Dieser Wissensaustausch kann auf unterschiedliche Arten durchgeführt werden. Ein Beispiel ist die Arbeitsfeldkommission in der FH. Eine vielversprechende Methode für die Lösung von Praxisproblemen bietet auch die sogenannte learning community (Arbeitsgruppe). Das Grundmuster einer learning community ist, dass aus der Praxis eine Anfrage an z.B. eine FH kommt bezüglich eines Praxisproblems, das gelöst werden soll. Gemeinsam wird eine Problemanalyse durchgeführt  (hier kann man sehr wohl StudentInnen aus dem Bachelor Pflege Programm involvieren). Die Ergebnisse werden diskutiert, und wenn deutlich ist wie das Praxisproblem genau aussieht, kann die Recherche (evidence based) nach Lösungsansätzen beginnen. Gemeinsam wird festgestellt welche der entdeckten Lösungsansätze am Besten in dieses bestimmte Praxisfeld passt. Dann erfolgt die gemeinsame Auswahl einer Intervention/ Lösungsansatz und Planung der Implementierung, inkl. Arbeitsfeldanalyse. Eine Arbeitsfeldanalyse bedeutet, dass man in diesem bestimmten Praxisfeld schaut ob dieses auch offen für diese Veränderung ist.Sind die Pflegepersonen motiviert, gibt es Ressourcen, besteht Wissen, wird es on der Organisation mit-getragen usw. Auf Basis der Ergebnisse dieser Arbeitsfeldanalyse werden gemeinsam Strategien für die Implementierung entwickelt, die Intervention durchgeführt und Evaluiert.

Eine Learning Community setzt sich zusammen aus einer multidisziplinären Gruppe, die wegen eines konkreten Praxisproblems initiiert wird. Sie besteht aus circa 5-15 Teilnehmern aus Praxis, Lehre und Forschung, welche ihre Erfahrungen austauschen, Wissen aus Praxis und Theorie zusammenbringen, einander zum Praxisproblem und dessen Lösung  beraten, die Lösung identifizieren bzw. entwickeln, implementieren und evaluieren. Die Teilnehmer sind Experten in ihrem Bereich (Praxis, Lehre, Forschung) sowie Studenten/ Schüler und eventuell auch PatientInnen und PatientInnenvertreter.

Erfahrungen mit learning communities sind durchaus positiv, sie helfen PraktikerInnen schneller auf Veränderungen zu reagieren. Der Austausch von implizitem Wissen resultiert in explizitem Wissen. Dies bedeutet auch, dass dieses Wissen nicht verloren geht wenn MitarbeiterInnen die Station verlassen. Beteiligte an einer learning community sind in ihrer Arbeit effektiver und bringen vermehrt Ideen, Wissen und best practices ein.  Nehmen Beteiligte ihre learning community  als positiv wahr, dann fühlen sie sich auch mehr verbunden mit KollegInnen welche auch an solchen Gruppen beteiligt waren.

Ein Nachteil einer learning community stellt die Zeitintensität dar, da dieses Prozedere viel Zeit in Anspruch nimmt. Die Planung ist auch nicht immer einfach. Aufgrund der Beteiligung von Mitgliedern unterschiedlicher Organisationen, ist es nicht immer einfach kurzfristig Termine zu vereinbaren. Mitglieder der learning community könnten aufgrund von unerwarteten Geschehnissen (verbunden mit mehr Personal- oder Arbeitsaufwand) in deren Stationsalltag oder aufgrund von Supplierungen im Unterricht bei Lehrkräften ausfallen und dann kann eine neuerliche Terminfindung zu Verschiebungen der Treffen führen. Dies stellt auch einen vermehrten Zeitaufwand in Planung und Durchführung der learning communities dar. Was mir in sämtlichen learning communities aufgefallen ist, dass die besten Lösungen letztendlich von den PraktikerInnen kommen. In Brainstormings kommen gute Ideen aus der Praxis, aber es hilft sehr wenn teilnehmende WissenschaftlerInnen diese Ideen sortieren und eingruppieren (etwas wozu WissenschaftlerInnen gut trainiert sind). In einer der learning communities zum Beispiel, haben wir 143 Themen die von PraktikerInnen genannt wurden auf vier Hauptthemen reduzieren können. Auf Basis der vier Themen entstand ein Hilfsmittel zur Benennung von Verbesserungen in der Situation der PatientInnen. Das gute Zusammenspiel von PraktikerInnen und TheoretikerInnen ist hier wichtig und entscheidend für die Findung von Lösungsansätzen und die Wissenszirkulation.

Zum Schluss
Eine Möglichkeit zur Innovation ergibt sich schon aus dem Titel des Artikels. Wichtig ist aber, dass gerade im Gesundheitswesen und vor allem auch in der Pflege Innovation ein Thema werden muss. PatientInnen haben ein Recht auf Pflege nach dem Besten Stand des Wissens (in Österreich ist dies sogar im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz verankert) und diese soll effektiv und effizient angeboten werden. Die Auffassung über die Aufgaben der Pflege (den Kern der Pflege) verschiebt sich immer deutlicher zum Wohlbefinden von PatientInnen, welches von Pflegenden extra Interventionen fordert. Gleichzeitig kommt es allerdings zu einer Personalreduktion, was bedeutet, dass wir das ganze Aufgabenspektrum der Pflege kritisch betrachten müssen hinsichtlich Qualität, Zeitinvestition, Materialinvestition usw.

Wissenszirkulation in multidisziplinärem Kontext ist dazu ein gutes Hilfsmittel. Es kostet Zeit, aber letztendlich ist die Chance der nachhaltigen Umsetzung einer angestrebten Veränderung groß.

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