Wie geht das denn – „demenzfreundlich“ werden?

„Mein Vater ist wieder einmal davongelaufen. Wir waren in heller Aufregung. Was, wenn er nicht nach Hause findet? Wenn er irgendwo auf einer Bank sitzt und nicht mehr weiß, wo er ist?“ sagt Frau M. besorgt.

Angehörige sind immer wieder in einer extrem schwierigen Situation, wenn jemand, für den sie sorgen, verschwindet. Gerade diese Belastungen sind es, die ein demenzfreundlicher Bezirk, ein Grätzel, eine Stadt, eine demenzfreundliche Nachbarschaft, verändern kann.

Um eine Umgebung und ihre Menschen für das Thema Demenz zu sensibilisieren, haben sich verschiedene Einrichtungen auf den Weg gemacht. In den sogenannten Vernetzungstreffen kommen Menschen aus den Bezirken, Gemeinden, sozialen Einrichtungen, Betrieben und pflegende Angehörige  zusammen, die sich darüber austauschen, welche Hilfs- und Unterstützungsangebote es bereits gibt, welche entwickelt werden können. Aber auch, welchen persönlichen Beitrag sie dazu leisten können.

Das Modell der demenzfreundlichen Gottesdienste der unterschiedlichsten Konfessionen ist bereits bekannt geworden. Es gibt den an Demenz leidenden Menschen eine Möglichkeit, mitten in der Gemeinde der Gläubigen, eine auf ihre Möglichkeiten angestimmte Feier zu erleben. Diese besondere Form von Gottesdiensten haben in Berlin bereits 2010 begonnen und ihr Beispiel wurde nun auch auf Wien übertragen.

Zur demenzfreundlichen Stadt und ihren demenzfreundlichen Bezirken und Nachbarschaften gehört aber auch die Sensibilisierung der Menschen, die vor allem im öffentlichen Dienst tätig sind, allen voran die SicherheitsbeamtInnen. Die modular aufgebaute Schulung schafft Sicherheit, wenn Menschen mit dementer Erkrankung „aufgefunden“ werden. Wie man mit ihnen begleitend umgeht, ihnen hilft, sich wieder zurechtzufinden, falls die Orientierung zum Problem wird, ist eine der Kernaufgaben. Auch Verkehrsbetriebe, Banken, Wirtschaftsbetriebe und viele andere sind dazu aufgerufen, sich mit dem Thema „Umgang mit von Demenz betroffenen Menschen“ auseinanderzusetzen. Ein weiteres großes Projekt wird es sein, vor allem auch das Personal in Krankenhäusern zu schulen. Gerade Krankenhausaufenthalte sind sehr oft Streßauslöser und bringen Menschen, die an Demenz leiden, rasch in eine krisenanfällige Situation. Schritt für Schritt kann es so gelingen, betroffene Menschen und ihre Angehörigen nicht aus dem öffentlichen Leben und der sozialen Gemeinschaft zu verdrängen.

Wenn der Vater von Frau M. wieder einmal abgängig sein sollte, kann eine demenzfreundliche Umgebung eine wichtige Hilfe sein, um den Betroffenen, aber auch den Angehörigen und Zugehörigen, zur Seite zu stehen und ihnen allen Sicherheit zu geben.

Über Birgit Meinhard-Schiebel 6 Artikel

Schauspielerin, Erwachsenenbildnerin, Werbekonsulentin, Sozialmanagerin, seit 2016 Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger, seit 2015 Gemeinderätin/Landtagsabgeordnete Wien

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen